Freitag, 18. Dezember 1992

"Die Präsidentinnen" in der Werkstatt des Schiller-Theaters

Frauen reden über Scheiße: Grete (Ursula Karrusseit) die lustige Naziwitwe, nennt die braune Masse gern beim Namen, Erna (Lieselotte Rau), abgehärmt durch Armut und Moral findet, man könne doch auch "Haufi" oder "Stuhl" sagen. Und Mariedl (Sabine Orléans), der optimistische Religions-Trampel wühlt gern in verstopften Klos. "Die Präsidentinnen" in der Schiller Werkstatt. Eine Komödie des Grazers Werner Schwab: Fäkalien, Verkommenheit, Totschlag. Wohltuend vordergründig inszeniert vom jungen Markus Völlenklee: Manchmal vergißt man hinzuhören, soviel Spaß macht das Zuschauen. Mit greller Jahrmarkts-Sinlichkeit agieren die Schauspielerinnen. Die Freund-Feindinnen Grete und Erna führen Kleinkriege in geschnörkelter Sprache. Schlichte Gemüter, die vornehm tun. Mariedl ist der Puffer zwischen den Fronten. Wird geschlachtet, als sie mit ihrer eigenen Version (in Trance ist der Trampel zart wie die Monroe) die Träume der anderen zerstört. Mitleid kommt nicht auf. Das Opferlamm war auch nur ein Ferkel.

Mittwoch, 16. Dezember 1992

"Letzten Sommer in Tschulimsk" in der Schaubühne

Eine Teestube. Verloren in der sibirischen Taiga irgendwo zwischen Irkutsk und Krasnojarsk. Hier läßt Alexander Wampilow (1937-1972) für sein Stück "Letzten Sommer in Tschulimsk" die toten Seelen des real existierenden Bürokratismus aufmarschieren. Das heißt: Marschiert wird hier nicht mehr.

Zwar läßt Regisseurin Andrea Breth in der Schaubühne fetzenweise das Lied "Der heilige Krieg" (geschrieben 1941) ertönen. Verblaßte Klangtapete aus heroischen Sowjetzeiten. Doch mit Parolen, Pathos und selbst mit Drohungen ködert Funktionär Metschotkin (Ulrich Matthes) niemanden mehr. Lüge, Gier und Eifersucht bewegen die Menschen. Die Verlorenen lassen auch Reste von Menschlichkeit erkennen: zärtliche Zombies.

Alle lieben die Kellnerin Valentina (Karoline Eichhorn), die sinnlos versucht, den Garten in Ordnung zu halten. Sie liebt nur Richter Schamanow (großartig: Wolfgang Michael). Der Melancholiker zerstört sich selbst und andere. Seine Dialoge mit der Apothekerin Kaschina (Swetlana Schönfeld) sind pointensicher wie bestes Boulevardtheater. Gegengift zur tonnenschweren Symbolik anderer Passagen: Andrea Breth läßt kerzentragende Kinder und Traumprozessionen wandeln wie in einem Film von Andrej Tarkowskij.

Irgendwie altmodisch. Dennoch verstörend und bezaubernd. Aber vielleicht ist das Altmodische ja auch der Zauber. Der ist auf dem Theater so selten wie bestimmte Schmetterlinge in der freien Natur. Wenn die plötzlich vor unserer Nase flattern, vermuten wir modernen Zyniker irgendeinen Bluff. Wie jetzt bei dieser sehenswerten Inszenierung.

Donnerstag, 8. Oktober 1992

"König Lear" in der Volksbühne

Wiedergesehen beim Theatertreffen: Frank Castorfs Inszenierung "König Lear" für die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Einladung war wohl eine Verbeugung vor dem Kraftakt, mit dem Castorf als Intendant sein Haus entrümpelt hat. Künstlerische Gründe hätten eher für "Rheinische Rebellen" oder "Clockwork Orange" gesprochen.

In der mäßig gefüllten Volksbühne bekamen die Zuschauer die um 40 Minuten gekürzte "short version" des "Lear zu sehen. Bei Castorfs Putzeimergeschwader geht es immer zu wie im antiautoritären Kindergarten der siebziger Jahre: Es wird gespritzt, gematscht, gekleckert, geschrien und nackt herumgesprungen.

Die Wiedergeburt der Siebziger ist von Trendsettern längst beschlossen. Deswegen ist der Althippie der Volksbühne jetzt mit seiner Bühnenfassung des Siebziger-Kultbuches "Clockwork Orange" wieder brandaktuell. Aber Vorsicht vor seinem völlig spannungslosen "Lear"!

Samstag, 20. Juni 1992

"Laßt mich den Löwen auch spielen" im Berliner Globe-Theater

Ob das Shakespeare gefallen hätte? Reinhard Würffel und Kurt Lutz haben für das neue Berliner Globe-Theater ein Stück gebastelt: "Laßt mich den Löwen auch spielen". Zusammengemixt ausschließlich aus Versen, die 36 offiziellen Shakespeare-Dramen entnommen sind. Weitere Bestandteile des Cocktails: Verwechslung, Intrige, Rache, Giftmord.  Eine Komödie natürlich: Verzerr-Effekte, die sich durch den Zitat-Zusammenprall ergeben, hätten jede Tragik zerstört. Handlung: Romeo liebt  Julia, Papa Sir John gibt den beiden seinen Segen, aber ihre intrigante Mutter Gertrud will, daß sie den bösen Richard heiratet. Ein richtig neuer Shakespeare ist es natürlich nicht geworden. Dafür fehlt dem Puzzle die Geschlossenheit der echten Stücke des Jahrtausend-Genies. "Laß mich den Löwen auch spielen" ist oft nicht mehr als ein heiteres Zitate-Raten,  aber immerhin: Wahrhaftig heiter im shakespearschen Geist. Übrigens: Alle Rollen werden von nur drei Männern (Klaus Ziller, Erdogan  Atalay,  Matthias Westphal) gespielt, auch die Frauen.  Das war zu Shakespeares Zeiten üblich

Mittwoch, 10. Juni 1992

Gruppo di Valtorta in der Bar jeder Vernunft

Ein kleines Wunder: Ein Kabarettprogramm, in dem nicht ein einziges Mal die Wörter Kohl, Stasi und Aids auftauchten. Urheber des Mirakels: die Gruppo di Valtorta. Sechs Menschen Ende zwanzig aus Ebersberg, südlich von München. Die ungewaschenen Erben von Karl Valentin. Mit der rabiaten Energie von Kleinkindern, die ihre Matchbox-Autos zerlegen, nehmen sie die Sprache auseinander: das Deutsche, das Bayerische und den Krüppel aus Silben und Grammatiktrümmern, der entsteht, wenn sich Dorftrottel in der dröhnlauten Disco anbrüllen. Aus den sterblichen  Überresten mixen sie Silbensalat: Märchen-Pidgin, Esperanto-Bayerisch, völlig sinnlos. Und doch: Wie bei Dada-Gedichten versteht man jedes Un-Wort: "Niamatzo Blamsepp!" Ach so! Höhepunkt: Der wirre Monolog eines Proletenfuzzis, der in einem Jargon aus Dichternamen stammelt. Über seine Freundin: "Wenn's mit mir ins Beckett, krieg I gleich so ein Stendhal."

Donnerstag, 28. Mai 1992

"Molly Bloom" im Deutschen Theater

Leopold Bloom liegt geplättet auf dem Bauch und sagt kein Wort. Er hat's schwer. Andere Männer sind mit einer Frau verheiratet. Er ist mit der Frau schlechthin verheiratet. Mit Molly Bloom: Urmutter und -hure, Symbol der Fruchtbarkeit. Leopold Bloom ist eine Puppe. Schweigendes Gegenüber für Molly Bloom (Christine Schorn).

50 Seiten lang schwatzt Molly am Ende des Romans "Ulysses" von James Joyce (1882-1941) ohne Punkt und Komma. Regisseur Friedo Solter hat den Monolog fürs Deutsche Theater als Ein-Personen-Stück inszeniert. Und Christine Schorn spielt, als habe ihr Joyce die Rolle auf jeden Quadratzentimeter ihres üppigen Leibes geschrieben.

Sie verwandelt das schwierige Stück in eine Boulevard-Komödie: Sie spricht, sie singt, sie jammert, sie lästert. Vom Sohn, den sie nie hatte. Von Liebhabern, die längst verflossen sind. Und von der verzwickten Liebe zu ihrem Leopold. Die Tragik dieser Dubliner Hausfrau von 1904 ist die Tragik aller Frauen.

Samstag, 25. April 1992

"Der Cassernower" im Ei des Friedrichstadtpalastes

Schwülstige Geilheit im Kaiserreich. Die Komödie "Der Cassernower" spielt im Hannover der Jahrhundertwende. Dort verzehrt sich die Damenwelt (Heide Kipp, Heike Jonca, Regina Nitzsche, Marie Gruber) nach dem Provinzcasanova August von Sümenicht (Achim Wolff). Fritz Bornemann inszenierte im Ei des Friedrichstadtpalastes.

Julie Schrader  (1881-1939), Dichterin und Lebedame hat das Stück geschrieben. Vielleicht auch ihr Großneffe Bernd W. Wessling, heute 67, der es angeblich auf dem Speicher gefunden hat.

Egal: Heute wie damals geht es allen um das eine - die Lust. Doch Gott Amor (Heinz Wiehler) ist ein rotnasiger Säufer. Mit zitternder Hand trifft  er oft die Falschen.

Vor allem die Lieder, in denen die Frauen ihre Sehnsucht besangen, kitzelten das Publikum. Selten wurde der Kitsch der Kaiserzeit unterhaltsamer parodiert.

Dienstag, 21. April 1992

"Hochzeit" im Theater unter Dach

 
"Hochzeit" - die Geschichte eines Paares. Oder aller Paare? Im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert von den beiden Schauspielern Heide Fabian und Volker Herold. Mit rhythmischen Bewegungen, Gestern und Gesichtern. Einzige "Worte": "Ja" und "Nein". Entscheidend für Sieg und Niederlage im Geschlechterkampf.

Kein Tanztheater - da fehlte der Tanz. Keine Pantomime - dafür war's nicht kleinkünstlerisch genug. Bewegungstheater. Schön das minimale Bühnenbild, der auch Regie führte, choreographierte und für das Stück verantwortlich zeichnet.

Spanisch angehauchte Musik und Flamenco-Szenen lassen vermuten, daß es Bezug zu Federico Garcia Lorcas Stück "Bluthochzeit" hat. Nur welchen? Nach einer Stunde zögerte das Premierenpublikum im Theater unterm Dach lange, bevor es spärlich applaudierte. Unsicher: War das etwa alles?