Samstag, 25. April 1992

"Der Cassernower" im Ei des Friedrichstadtpalastes

Schwülstige Geilheit im Kaiserreich. Die Komödie "Der Cassernower" spielt im Hannover der Jahrhundertwende. Dort verzehrt sich die Damenwelt (Heide Kipp, Heike Jonca, Regina Nitzsche, Marie Gruber) nach dem Provinzcasanova August von Sümenicht (Achim Wolff). Fritz Bornemann inszenierte im Ei des Friedrichstadtpalastes.

Julie Schrader  (1881-1939), Dichterin und Lebedame hat das Stück geschrieben. Vielleicht auch ihr Großneffe Bernd W. Wessling, heute 67, der es angeblich auf dem Speicher gefunden hat.

Egal: Heute wie damals geht es allen um das eine - die Lust. Doch Gott Amor (Heinz Wiehler) ist ein rotnasiger Säufer. Mit zitternder Hand trifft  er oft die Falschen.

Vor allem die Lieder, in denen die Frauen ihre Sehnsucht besangen, kitzelten das Publikum. Selten wurde der Kitsch der Kaiserzeit unterhaltsamer parodiert.

Dienstag, 21. April 1992

"Hochzeit" im Theater unter Dach

 
"Hochzeit" - die Geschichte eines Paares. Oder aller Paare? Im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert von den beiden Schauspielern Heide Fabian und Volker Herold. Mit rhythmischen Bewegungen, Gestern und Gesichtern. Einzige "Worte": "Ja" und "Nein". Entscheidend für Sieg und Niederlage im Geschlechterkampf.

Kein Tanztheater - da fehlte der Tanz. Keine Pantomime - dafür war's nicht kleinkünstlerisch genug. Bewegungstheater. Schön das minimale Bühnenbild, der auch Regie führte, choreographierte und für das Stück verantwortlich zeichnet.

Spanisch angehauchte Musik und Flamenco-Szenen lassen vermuten, daß es Bezug zu Federico Garcia Lorcas Stück "Bluthochzeit" hat. Nur welchen? Nach einer Stunde zögerte das Premierenpublikum im Theater unterm Dach lange, bevor es spärlich applaudierte. Unsicher: War das etwa alles?