Freitag, 31. Dezember 1993

"Kühnen '94. Bring mir den Kopf von Adolf Hitler" in der Volksbühne

Diesmal hat es Christoph Schlingensief wirklich geschafft: Er hat bewiesen, daß man auch das abgehärtete Publikum der Volksbühne noch schocken kann. Am Ende der endlosen 80 Minuten von "Kühnen '94. Bring mir den Kopf von Adolf Hitler", nach ungezählten Sex-Spielchen, Schrei-Exzessen, Ekel-Filmen, brunzdämlichen Kalauern, flachen Politkabarett-Nummern und manchmal erhellenden Einblicken in die spießbürgerliche Kindheit des Neonazi-Führers Kühnen, holte der Regisseur zum entscheidenden Schlag aus: Ein Amateurfilm aus den 60er Jahren zeigt die quälende Schlachtung einer Katze. Da verließen die Zuschauer reihenweise den Saal.

Und wozu das Ganze - wenn die altmodische Frage gestattet ist? Erreicht hat er, daß selbst mir, einem 32 Jahre alten gelegentlichen Konsumenten von Heavy-Metal-Platten und Splatter-Horrorfilmen schlecht geworden ist. Der privat so sanftmütige Schlingensief wird nicht müde, mir in Interviews zu erklären, warum es gut ist, wenn ich mich bei seinem Theater schlecht fühle. Er wolle "Hineinhorchen in Fehlfunktionen der Gesellschaft", "visuelle Grenzen verletzen" und "die Dinge aufeinanderprallen lassen".

Dazu stellt Schlingensief wie in einer Freak-Show die körperlichen Abnormitäten seiner Darsteller gnadenlos aus - etwa, wenn an der unglaublich fetten "Josephine" eine Abtreibung simuliert wird. Eigerahmt sind die Ekel-Partien von schlechtem Kabarett, in das jeder Tagesaktualität hineingezwängt wird - bis hin zum Russen-Hitler Schirinowski und seiner Elipton-Geheimwaffe. Und ständig sieht man, daß Schlingensief viel lieber einen Film inszeniert hätte.

Mag sein, daß die Alptraum-Dramaturgie im Film sogar funktioniert hätte: Schlingensief läßt hektisch Assoziationen aufeinanderfolgen wie in einem wirren Traum. Und wie im Traum das Unterbewußtsein die Eindrücke des Alltags bewältigt, so soll dieses Theater wohl den Irrsinn der Welt erträglich machen, indem es ihn lächerlich macht.

Das ist mißglückt. Man hatte einfach nur das Gefühl, der Beichte eines linkskatholischen Onanisten zu lauschen, der seine wildesten Phantasien gesteht. Und die Volksbühne, der offene Kanal unter Berlins Bühnen, gibt diesem Onanisten Sendezeit.Wenn's bloß dem Ruf dient, ein unberechenbares Theater zu sein ...

Dienstag, 14. Dezember 1993

"Hedda Gabler" in der Schaubühne

Eines langen Tages Reise in die Nacht: Ibsens "Hedda Gabler" in der Schaubühne. Am Anfang ist der Salon des jungen Ehepaares Tesman noch vom optimistischen Tageslicht erfüllt. Doch Hedda Tesman (Corinna Kirchhoff), die verwöhnte Tochter des Generals Gabler, wendet sich mit Grausen vor der Helligkeit. "Zieh die Vorhänge zusammen!" herrscht sie ihre Untergebenen an, zu denen der schwächlich brave Gatte (Ulrich Matthes) ebenso zählt wie das lauernde Dienstmädchen (Bärbel Bolle). Das Versprechen des Tageslichts ist falsch: Hedda ist schon auf der abschüssigen Bahn, die am Ende zu ihrem Selbstmord führen wird. Für sie ist die Welt eine Oberfläche, auf der sie mit ihren vorgeblichen Idealen von Schönheit und Freiheit herumrast wie ein kleines Kind im Spielzeugauto.

Beeindruckend perfekt wie immer die Regie von Andrea Breth. Diesmal verliert sie sich nicht im Budenzauber der Bühnentechnik wie bei "Von Morgens bis Mitternacht". Die Perfektion liegt im Kleinen, in der knackenden Türklinke nach der alle die Köpfe wenden, im Tropfen der Kerze auf das Manuskript des versoffenen Genies Lövborg (Wolfgang Michael). 

Die Breth bleibt ganz nah dran an Ibsen, bis hin zum Salon-Bühnenbild mit Teppichen und Stilmöbeln - das aber großzügige Optiken erlaubt: Als Richter Brack (Thomas Thieme) die Hedda erpreßt, sitzen die anderen ahnungslos im selben Raum über ein Panorama von gut 20 Metern verteilt.

Perfekt hoch drei auch die Figuren: der Richter, der das Unsagbare mit Sprechpausen oder mit dem bedrohlichen Klappern seines Zigarrenschneiders andeutet. Der karrierewütige Akademiker Jörgen Tesman, der so oft "Du" sagt wie irgendein Assistent aus dem Uni-Mittelbau von heute. Und eine Hedda zwischen Aussteigerträumen und dem Beharren auf einem pflichtlosen Luxusleben - heute würde sie sich als Edelmüsli in teuren Naturfasern auf Selbsterfahrungs-Workshops austoben.

Die Schaubühne ist das - in vieler Hinsicht - westlichste der großen Berliner Sprechtheater. Es lockte also der Vergleich mit dem - in jeder Hinsicht - östlichsten, der Volksbühne, wo Frank Castorf gerade seine eigene Ibsen-Deutung "Die Frau vom Meer" gezeigt hat. Ibsen aufgepeppt mit Slapstick, Spektakel, Rock und Improvisation in der Volksbühne - und Ibsen ganz ernstgenommen, mit manchmal fast erdrückender Perfektion in der Schaubühne. Zwischen diesen beiden Extremen liegt die momentan erstaunlich gesund wirkende Berliner Theaterlandschaft. Die unterschiedliche Haltung lockt unterschiedliches Publikum: In der Volksbühne regiert die Lederjacke. Und die Schaubühne ist das wohl letzte Sprechtheater Berlins, wo man noch so richtig schön seinen Pelzmantel spazieren führen kann. 

BZ Berlin

Samstag, 11. Dezember 1993

"Der Cid" im Deutschen Theater

Es lebe der Tod - mit diesem Schlachtruf stürzten sich im Spanischen Bürgerkrieg die Franco-Anhänger in den Kampf. Es lebe der Tod - nach dieser Regel funktioniert auch die Welt des "Cid", angesiedelt im mittelalterlichen Spanien, geschrieben von Corneille für den französischen Hof 1636.

Kindische Gemüter mit einem hohlen Verlangen nach Rache und Ruhm bevölkern diese Welt. Im Zaum gehalten werden sie durch eiserne gesellschaftliche Regeln. Kompromisse sind nicht zugelassen - wer die Normen verletzt, muß es mit dem Tod sühnen.

Alexander Langs Inszenierung stellt die adligen Granden als Comic-Figuren bloß. Don Diego (Kurt Böwe) und Don Gomez (Dietrich Körner) gebärden sich so aufgeplustert wie der Fischhändler Verleihnix und der Schmied Automatix, die sich bei "Asterix" ständig faule Fische um die Ohren hauen.

Die Liebenden Jörg Gudzuhn als Cid, ein Kraftmensch, der den Torrero-Dreß trägt wie eine Jogginghose, und Dagmar Manzel als schulmädchenhaft flatternde Chimène werden durch den Streit ihrer Väter in einen ausweglosen Konflikt gestürzt. Den kann am Ende nur der König lösen. Er ist der Kindergärtner, der darauf achten muß, daß sich seine Untertanen nicht gegenseitig totschlagen, bevor die Mauren das besorgen. Horst Hiemer hebt ihn durch sein kraftvoll zurückhaltendes Spiel von der Comic-Galerie rings umher ab.

Alexander Lang kehrt mit dem "Cid" im Triumph nach Berlin zurück. Mit einer böse gedachten und konsequent umgesetzten Inszenierung. Vergessen die Rolle, die er mit der "Viererbande" beim Niedergang des Schiller Theaters gespielt hat. Als Intendant gescheitert, als Regisseur, wie seine Schauspieler, minutenlang im Deutschen Theater gefeiert.

BZ Berlin

"K.".vom Teatr Kreatur

Zappelnde Glieder, wilde Gebärden, weit aufgerissene Augen, ausdrucksstark geschminkte Gesichter - die Welt des Theatermachers Andrej Woron wird bevölkert von den Geschöpfen des Stummfilms. Der Golem, Alraune, Dr. Caligari standen Modell für die Schauspieler bei Worons Inszenierung "K." nach Franz Kafkas "Der Prozeß".

Es ist die vierte Arbeit des Polen in Berlin. Wieder eine Geschichte aus der verlorenen jüdischen Welt Osteuropas. Und wie bei "Das Ende des Armenhauses", "Die Zimtläden", "Ein Stück vom Paradies" geht er auch hier frei mit der Vorlage um. Kafkas "Prozeß" ist der Roman des Jahrhunderts. Als Gleichnis taugt er sowohl für die Schrecken des Stalinismus als auch für das stille Grauen eines Lebens ohne das tröstenden Bewußtsein göttlicher Gnade.

Bei Woron ist der Prokurist K. das Urbild des Fremden. Er spricht nur Polnisch. Als eines morgens zwei Herren sein Zimmer betreten um ihm mitteilen, er sei verhaftet, versteht er nichts. Doch wir verstehen allzu gut, was es bedeutet, wenn der Nazischlager "Schwarzbraun ist die Haselnuß" dröhnt. Es bleibt glücklicherweise bei diesem einen Hauruck-Verweis auf gegenwärtige Schrecken.

 Das Theater Andrej Worons ist ein Theater der Bilder. Der Raum, das Licht, die Choreographie von Martin Stiefermann, die Plastiken von Birgit Diaz, die Musik von Janus Stoklosa, die surrealistisch anmutenden Bühnenobjekte von Woron selbst - alles wirkt zusammen einer ganz eigenen Kunst, die mit Realismus sowenig zu tun hat wie mit den abgestanden Konventionen des modernen Theaters.

Viel Raum für individuellen schauspielerischen Ausdruck bleibt da eigentlich nicht. Doch Dzidek Starczynowski als K. rührt durch alle Masken und alle Stilisierung hindurch allein mit seinem Körperspiel und dem Klang seiner Stimme. Mehr als das großartige symbolisch Schlußbild, mit dem die Hinrichtung K.s mehr angedeutet als gezeigt wird, erschüttern am Ende nach 70 Minuten drei Worte: "Wie ein Hund." Es sind die ersten drei Worte, die K. spricht. Im Angesicht des Todes hat er erfahren, was schon der Dichter Paul Celan wußte: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland." 

BZ Berlin

Freitag, 10. Dezember 1993

"Die Frau vom Meer" in der Volksbühne


Eng ist das Heim der Familie Wangel (Henry Hübchen, Kathrin Angerer, Isabella Parkinson) und die Wände sind mit freundlichen Lügen tapeziert. Irgendwo da draußen liegt das Meer. Da rauschen die Schiffe vorbei, da lockt die Ferne ,da wartet ein geheimnisvoller Seemann auf Stiefmutter Ellida (betörend: Corinna Harfouch). Doch bis zu den Wangels dringt das Wasser nur in trauriger Mickrigkeit vor: Als Inhalt eines Aquariums oder - natürlich - im Eimer.

Der gute alte Wassereimer. Auch alle anderen bekannten Bausteine seines Theaters hat Frank Castorf für Ibsens Drama "Die Frau vom Meer" wieder hervorgezaubert: Rockmusik von seinem Leibmusikus Steve Binetti. Slapstick-Einlagen, genial oder nervtötend. Rutschpartien auf der Bühnenschräge von Hartmut Meyer. Ekel-Nummern - diesmal muß Herbert Fritsch als Oberlehrer Arnholm einen rohen Fisch zerfleischen. Und natürlich gab's auch wieder Raum für Improvisation.

Den nutzte auch das Publikum, es spielte mit - witzig, frech und manchmal verletzend. Der Gipfel: Ein Zuschauer, der erst mit einer Binetti-Platte schmiß und dann Corinna Harfouch beim Schlußmonolog anpöbelte. Dennoch zum Filiale fröhlicher Aufmarsch aller Beteiligten wie bei einer Fernsehshow. Henry Hübchen begibt sich mit Mikrophon ins Publikum - und erobert es im Nahkampf.

Was Castorf, außer dem Wasser, an Ibsens Stück gereizt hat, blieb trotzdem unklar. Dieses Theater haßt man oder man liebt es. Ich habe mich für Liebe entschieden - aber glauben Sie nun um Gottes Willen nicht, ich würde Ihnen den Besuch dieser Inszenierung empfehlen! 

BZ Berlin

Samstag, 27. November 1993

"Rolling" und "Kids" in der Volksbühne

So macht man Theater-Skandal: Nicht, indem man Schweine auf der Bühne schmort, wie Johann Kresnik. Nicht, indem man Cordelia in einen Eimer urinieren läßt, wie Frank Castorf. Sondern indem man einfach gar nichts passieren läßt, wie Achim Freyer bei der Uraufführung seiner Stücke "Rolling" und "Kids" in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

"Rolling" ist eigentlich kein Stück, eher ein bewegliches Bild. Irgendwie - das ließ sich mit dem Programmheft und etwas Kombinationsgabe erraten - ging es um "Zehn kleine Negerlein" und um Rassismus.

60 Minuten schreiten zehn weißgekleidete Gestalten, die Gesichter hinter Kitsch-Masken, auf einem Lauftsteg. Drehen und winden sich wie Mannequins. Dazu erklingen Sphärenklänge, der Schlager "Mamma Mia" und poetisches Genuschel. Und zwei Digital-Bildschirme zeigen die Zeit an.

Das Publikum flippte aus. Man kommentierte, pöbelte, witzelte, schrie "Aufhören" und "Halbzeit" und floh türenschlagend. Freyer hatte es wohl vorhergesehen. Dafür sprach die Anwesenheit einer Kamera vom SFB.

So wurde der zweite Teil fast zum Anhängsel: "Kids", ein Tanztheater, bei dem knapp 50 Minuten schwarzgekleidete Skinheads zu überlautem Metallgetrommel in einer höllendunklen Gruft autistisch kreiseln, trampeln, rempeln. Die Gruft heißt "Deutschland". Denn nach jedem Ausbruch von Gewalt zücken die Skins Feuerzeuge - für die Lichterkette oder zum Asylanten-Abfackeln?

Der Abend bewies zumindest eins: Auch das durch Schock-Therapien abgehärtete Publikum der Volksbühne kann man noch erschüttern. Man muß ihm nur die gewohnten Mehlsack- und Wassereimer-Sensationen verweigern.

BZ Berlin

Sonntag, 21. November 1993

"Baal" im Berliner Ensemble

Ein Mann wie der junge Brecht, dieser Baal: Ein Genie, das mit seiner Poesie sogar die Kutscher in den Prolo-Spelunken betört. Ein Sex-Protz, dem die Frauenherzen zufliegen wie die weichen Seelen der Männerfreunde. Ein zynischer Egoist, der empfangene Liebe nur mit Quälerei, Spott und schnellen Nümmerchen vergilt.

Peter Palitzsch hat Brechts 1926 entstandene Baal-Fassung "Der Lebenslauf des Mannes Baal" im Berliner Ensemble inszeniert. Volker Spengler spielt darin den Baal nicht als Brecht - der war ja bekanntlich eher schmal und frettchenhaft. Sondern als Volker Spengler: Ein zerbrechliches Monstrum, das sich dick gefressen hat im Hunger nach der Welt und ihren Genüssen. Ein ewiges Kind, dessen Mangel an Moral kaum übermenschlich ist - vielmehr an die hartleibige Trotzköpfigkeit eines verwöhnten Fünfjährigen erinnert. Und ein hanseatischer Komiker, dessen trockener Humor seine stärkste Waffe ist.

Da macht es dann auch nichts mehr, daß er nuschelt wie der alte Minetti - im Gegenteil: Gerade dieses Verhuschte bildet im Verein mit der sexuellen Mehrdeutigkeit Spenglers einen reizvollen Kontrast zur Klarheit der BE-Stammkräfte (u.a. Hans-Peter Reinecke, Stefan Lisewski, Arno Wyzniewski).

Gegen Spengler stinken in zweieinhalb Stunden alle ab, selbst sein einziger kraftvoller männlicher Gegenpart Urs Hefti als Freund und Opfer Ekhart. Mit den zahllosen Nebenrollen-Frauen (u.a. die Beinahe-Marlene Frederike von Stechow) glücken Regisseur Palitzsch einige Miniaturen: Am schönsten, als die verführte Johanna (Stefanie Stappenbeck) sich minutenlang wieder anzukleiden versucht. Umsonst: Die Maske der Wohlanständigkeit kriegt sie nicht mehr hin. Das Matrosenkleid bleibt halb zugeknöpft, das Leibchen behält sie in der Hand.

Für seine Untaten stirbt Baal am Ende unter einem bleichen Himmel aus riesigen Neonröhren (Bühnenbild: Karl Kneidl). Bleich bleibt manchmal auch diese Inszenierung. Das Sinnliche liegt Palitzsch nicht, und wenn sein Hauptdarsteller es nicht auf die Bühne trägt, ist es dort nicht vorhanden.

Andererseits ist der magischste Ort des Abends ein halbseidenes Café, in dem Baal auftreten soll: Wenn dort die Soubrette Savettka (Maria Husmann) das "Lied von der Wolke der Nacht" singt und tanzt, kommt eine Poesie auf, die so groß ist, daß fast das Theaterdach wegfliegt. Solche Momente - und Spengler - entschädigen für alles.

BZ Berlin

Freitag, 19. November 1993

"Die Riesen vom Berge" im Maxim-Gorki-Theater

So kann sich ein talentierter Regisseur einen Bruch heben: Ausgerechnet das schwierigste aller schwierigen Stücke von Luigi Pirandello (1867-1936) brachte Rolf Winkelgrund im Maxim Gorki Theater auf die Bühne. Und der Mann, der 1992 eine mehr als achtbare "Wassa Shelesnowa" fertiggebracht hat, scheitert.

"Die Riesen vom Berge", 1936 geschrieben und unvollendet (den geplanten Schluß hat Pirandello seinem Sohn Stunden vor seinem Tode erzählt), spielt in einer Welt zwischen Märchen Traum und Realität. Der Zauberer Cotrone (Klaus Manchen) herrscht dort wie Prospero in Shakekspeares "Sturm" auf seiner Insel. Zu diesem Cotrone und seinem Gefolge, einer Sammlung von Gestalten, skurril wie eine Live-Übertragung aus dem Unterbewußtsein, gesellen sich die Gräfin (Anne-Else Paetzold) und ihre Schauspiel-Truppe.

Manchmal stehen mehr als 15 Menschen zusammen und tauschen Tiefsinnigkeiten aus. Über das Theater, über die Kunst, über Gott und die Welt. Sie erzählen, was war, und was sein wird. Doch jede Bewegung wird durch das Quetsch-Bühnenbild von Eberhard Keienburg erstickt. Äußere Handlung gibt es nur einmal im Traum.  

Auch Poesie und Magie kommen nicht auf. Klaus Manchen ist als Cotrone fehlbesetzt: Der Mann hat, bei allem Respekt vor seinen Fähigkeiten, leider überhaupt nichts Zauberhaftes. Und Daniel Minetti als Graf wird unter den Augen seines berühmten Großvaters (wie Thomas Langhoff, Christa Wolf und Jürgen Schitthelm Premierengast) zum dumpfen Hampelmann gemacht.

Lebendiges Theater wird so nicht aus Pirandellos Gedankenspiel. Die widerstrebenden Elemente - Tiefe, Tragik, Komik, Magie, Romantik - hat der Regisseur nur lose zusammengefügt. Zweieinhalb Stunden lang fallen sie ständig wieder auseinander.

BZ Berlin

Sonntag, 7. November 1993

"Geld anderer Leute" im Renaissance-Theater

Schlachtfeld Wall Street: Jerry Sterners Stück "Geld anderer Leute" im Renaissance-Theater gewinnt den komplizierten Kriegen an der New Yorker Börse eine unterhaltsame Seite ab. Bilanzen, Renditen, Verfügungen, Computeranalysen, Sperrminoritäten sind die Waffen, mit denen der Finanzhai Lawrence Garfinger (Ex-Guldenburg-Fiesling Wilfried Baasner) und die Anwältin Kate Sullivan (Susanne Uhlen) um die Aktienmehrheit der Provinzfirma "Draht & Kabel" kämpfen. In ihren Duellen lassen sie tatsächlich manchmal etwas von der Erotik des Geldes spüren. Und einmal darf Susanne Uhlen halbbekleidet die älteren Herren im Publikum verrrückt machen.

Gnadenlos verzichtet Sterner auf jeden Hauch von Happy End: Garfingers Appell an die niedrigsten Instinkte siegt. Den gefühlsduseligen Firmen-Patriarchen (Robert Freitag) erledigt er mit einem einzigen Wort: "Amen". Er besticht den Geschäftsführer (Volker Brandt) wickelt die Firma ab, gewinnt Millionen - dazu Herz und Körper seiner schönen Gegenspielerin. Am Stück hat's nicht gelegen, wenn der Abend im Mittelmaß stecken bleibt.

Dafür ist sonst alles wie gehabt: Die Schauspieler stellen ihre bekannten Gesichter aus. Aber was in einer Fernseh-Großaufnahme gut wirkt, füllt noch lange keine Bühne aus. Marion van de Kamp ist die einzige, die eine Fähigkeit zum Theaterspielen wenigstens erkennen läßt. Und Regisseurin Barbara Basel hat bescheiden alle eigenen Gedanken beseite geschoben und sorgfältig jede Interpretation vermieden.

BZ Berlin

Mittwoch, 20. Oktober 1993

"Die Bande" in der Volksbühne

Schöne Frauen, häßliche Männer, grellbunte Klamotten und sanfte Klänge - das sind die Zutaten, aus denen Robert Hunger-Bühler seine Inszenierung "Die Bande" im 3. Stock der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zusammengemixt hat. 1982, zu DDR-Zeiten, muß Einar Schleefs Text um eine Gruppe verbrecherischer Spießbürger, die im Hühnerstall Amok läuft und später auch Menschen mordet, eine ungeheure Provokation gewesen sein. Hunger-Bühler nimmt das alles nicht mehr ernst. Er witztelt das Stück, die Inszenierung und seine Schauspieler zu Tode.

Das sieht ungefähr so aus wie im Comic-Band "Asterix und der Kupferkessel" als die Gallier Unterschlupf bei einer frechen Avantgarde-Truppe finden - und Obelix einen Theater-Skandal auslöst, indem er sich, gelähmt vom Lampenfieber auf die Bühne stellt und seufzt: "Die spinnen, die Römer." Aber leider ist es nicht so komisch.

Irgendwie hat das alles mal wieder mit Vergangenheitsbewältigung zu tun. Aber nur irgendwie. Unter den Liedperlen dieser wirren Revue (u.a. Grateful Dead) findet man auch akustischen Müll aus DDR-Tagen. Dann stellen sich die Witzfiguren in ihrem grellen 70er-Fummel an die Rampe und intonieren "Vorwärts und nicht vergessen".

Die Lehre dieses allzu langen Abends: Es gibt zwei Arten von Sinnlosigkeit. Bei Castorf ist die Sinnlosigkeit manchmal elektrisch. Beim Castorfchen Hunger-Bühler ist sie nur sinnlos. Ein lautes, nervtötendes Rauschen ohne Folgen wie der Donner einer Klospülung in der Nacht.

BZ Berlin

Freitag, 15. Oktober 1993

"Der Brotladen" im Berliner Ensemble

Schon wieder ein staubiger Theater-Leichnam im Berliner Ensemble: Die Traditionsbühne muß sich mit zurecht vergessenen Petitessen von Brecht behelfen, weil die Erben des Meisters den jetzigen Intendanten die wahren Klassiker nicht gönnen. Deshalb macht man im BE aus der Not eine Untugend. Der junge Regisseur Thomas Heise inszenierte "Der Brotladen", ein unvollendetes Stück Agitationstheater, mit knirschender früh-epischer Dramaturgie.

Klar, was Heise daran gereizt hat: Gleich die ersten Szenen, in denen Washington Meyer (Thomas Wendrich) beim Zeitungsverkauf um Geld und Leben kämpft, erinnern an das Deutschland von heute mit Drückerkolonnen voller entwurzelter Sklavenarbeiter. Und auch sonst stimmt einiges, was überhaupt bei der Inszenierung dieses verlorenen Textes stimmen kann. Die rockigen Songs (Musik: H.-D. Rosalla) klingen fremdartig modern und trotzdem nach Brecht. Ironie zerstört die klassenkämpferische Weihe. Und das Ensemble (im Mittelpunkt Ruth Glöss als Witwe Queck) füllt mit seinem Spiel die Bühne, läßt vergessen, daß diese bis auf ein großes Metallgerüst leer ist.

Diese Inszenierung ist kein Meisterstreich, der dem BE den Weg ins nächste Jahrtausend weist. Aber sie hält mehr als sie versprochen hatte. Das kann man von den Vorstellungen, die die berühmten Hausherren bisher gegeben haben, nicht behaupten.

BZ Berlin

Donnerstag, 30. September 1993

"Duell Traktor Fatzer" im Berliner Ensemble

Heiner Müller liebt es karg. Nur ein riesiger schräger Tisch vor den Brandmauern des Berliner Ensembles, wo der Dichter-Regisseur seine eigenen Texte "Findling/Duell" und "Traktor" mit Brechts Fatzer-Fragment zu einem Theaterabend zusammengezurrt hat. Und geknausert wird auch bei der dramatischen Action: Alles ist Rezitationstheater. Mit starrem Gesicht zum Publikum sagen die Schauspieler ihren Text auf.

Aber in dieser statischen Aufsagerei gibt es noch gewaltige Unterschiede: Der 86 Jahre alte Erwin Geschonneck, meist sitzend und immer vom Blatt ablesend, muß gar nicht viel tun - er ist ein lebendes Denkmal des Kommunismus. Und Hermann Beyers Darstellung springt einen auch ohne viel Gewirbel und Gehoppel an. Das lebt einfach aus der Schönheit der Beyerschen Sprache und seines markanten Gesichts.

Anders Eva Mattes. Sie wird gezwungen, den dampfenden Genital-Quatsch zu leiern, den Brecht, beeinflußt von Spät-Pubertät und Spät-Expressionismus geschrieben hat. Da wird Statik zur Steifheit.

Überhaupt wird's nach der Pause langweilig mit Brechts "Fatzer", einem nie beendeten Theater-Vorhaben, mit dem er sich beim Übergang vom Anarchismus zum Marxismus quälte. Bei Müllers kühl gebändigten Texten war alles trotz Bewegungslosigkeit noch spannend. Vor allem das "Duell" zwischen dem Kommunisten-Vater (Geschonneck) und seinem hakenkreuz-schmierenden Sohn (Uwe Steinbruch) ist ein knochendeutscher Konflikt.  

Aber der "Fatzer" ... Brecht wird gewußt haben, warum er diesen Quark nicht zu Ende gerührt hat. Sicher: Müller weiß auch, warum er den Quark spielen läßt. Wegen der Moral von der Geschicht, die ungefähr lautet: Die Revolution schluckt ihre Kinder, läßt sie ein wenig gammeln und spuckt die angefaulten Kadaver dann zurück in die Einsamkeit. Aber der Abend hat noch eine andere Moral: Gespielter Quark wird breit nicht stark (Ohne Komma!).

BZ Berlin

Mittwoch, 29. September 1993

"Thomas Chatterton" im Schloßpark-Theater

Hans Henny Jahnn hat Konjunktur in Berlin. Vier Stücke des Spätexpressionisten, Orgelbauers, Hormonforschers, Sektengründers, Pferdeliebhabers (1894-1959) wurden in den letzten Monaten auf die Bühne gestellt: "Familie Sörensen" und "Armut Reichtum, Mensch und Tier" vom Studiotheater der FU und "Medea" vom Walser Ensemble. Jetzt feierte das Schloßpark-Theater mit "Thomas Chatterton" seine letzte Premiere. Eine Trauerfeier. Angestellte der Staatlichen Schauspielbühnen berichten von Briefen, auf denen außen (!) steht "Betrifft Kündigung Ihres Dienstvertrages". Oft gellt das Wort "Prozeß".

Theater gab es auch noch: Thomas Chatterton war ein genialer Poet, der Balladen im mittelalterlichen Stil erfand. Verzweifelt, angeklagt beging er 1770 mit 18 Selbstmord. Jahnns spätes Drama (geschrieben 1959) ist weniger verstiegen als seine Frühwerke. Eine Huldigung an Außenseitertum und Moral-Losigkeit des Künstlers, dampfend vor Homosexualität. Ein leibhaftiger Engel-Dämon tritt auf. Gerd David spielt den Aburiel ironisch zerstreut, abwesend - nicht wirklich anwesend in der Welt der Menschen.

Im Zentrum: Ludger Hanninger als Chatterton vibrierend vor jugendlicher Kraft und mit dem Zynismus des Genies. Ein schwierige Rolle groß gemeistert.  

Michael Gruner hat mit Gespür für die kostbare Abseitigkeit des Textes Regie geführt. Hat das Rätsel rätselhaft gelassen. Aber nicht rätselhafter gemacht. Die Nebendarsteller sind gut bis hochkarätig. Sabine Sinjen und Walter Pfeil machen ihre Auftritte zu Epizentren des dramatischen Bebens. Dieser Inszenierung ein langes Leben!

BZ Berlin

Freitag, 24. September 1993

"Shakespeare & Rock'n'Roll" im Musical Theater Berlin

Der ganz große Wurf bis ins nächste Jahrtausend ist es wohl nicht geworden, aber immerhin haben die Brüder Kurz mit ihrem "Shakespeare & Rock'n'Roll" im Musical Theater Berlin ein charmantes Raumschiff Tralala abheben lassen. Man darf annehmen, daß diese deutsche Erstaufführung des englischen Erfolgsmusicals (Regie: Dion McHugh) eine längere Flugzeit haben wird als der Marlene-Flop.

Die Story ist fast nur mit dem Programmheft nachvollziehbar. Shakespeares Drama "Der Sturm" ist kompliziert. Durch Übertragung ins Weltall und das Jahr 2024 wird die Handlung nicht überschaubarer. Und die Schauspieler, überwiegend Engländer, sprechen wie Kennedy, als er sagte "Ick bin an Balinne". Lustig, aber schwer verständlich.

Nicht zuletzt deshalb gibt es einen Erzähler: Hajo Friedrichs auf der Video-Leinwand. Todsicher, der Trick. Wer lauscht nicht gern dem "Mr. Tagesthemen"? Jubel, als er verspricht: "Jetzt wird's geil." Eine Minderheit im Publikum wand sich ob der Peinlichkeit auf den Sitzen.

Genug genörgelt. Wen interessiert bei dieser Weltraum-Revue schon die Handlung? Singen können sie, die Kurz-Engländer. Und wie! Vor allem Zalie Burrow als Miranda macht "Teenager in Love" und "Hey Mr. Spaceman" zu echten Glanznummern. Ihre Kollegen stehen ihr kaum nach. Und weil auch die Band, die Arrangements und die Choreographie gut sind, klingen die Pop-Hits der 50er und 60er meist wirklich mitreißend. Wenn dann ganz viele Leute auf der Bühne singen, spielen und tanzen, tanzen, tanzen, wenn dazu die bombastische Lasershow blitzt und funkelt - das ist so partymäßig wie die Les Humphries Singers in ihren besten Tagen. Ach, wer da mithotten könnte ...

BZ Berlin

Sonntag, 12. September 1993

"Gespenster" im Theater 89

Die Hölle ist ein niedriger, heller Raum mit Türen rechts und links für den dramatischen Durchgangsverkehr. Hier proben der Dichter Fred (Christian Pölzl) und der Denker Robert (Thomas Schumann) ihre Sauf- und Männlichkeitsrituale. Doch bald entpuppen sich die Machos als Maulhelden, Knetgummi in den Händen ihrer Ex-Frauen. Die wahren Hyänen in Wolfgang Bauers Stück "Gespenster" (geschrieben 1974) sind die Weiber (Gerda Müller, Almut Zydra) von denen sich die Schwächlinge zum Seelen-Mord an der Außenseiterin Magda (Agnes Giese) anstiften lassen.

Die Inszenierung im theater 89 ist eine Koproduktion mit dem forum stadtparktheater in Graz. Im steiermärkischen Dichter-Nest ist Autor Wolfgang Bauer (er wurde Ende der 60er Jahre mit "Magic Afternoon" und "Change" bekannt) ein Regional-Heiliger. Gespenster war dort Wochen ausverkauft.

Und hier? Die Regisseure Christian Pölzl und Ernst M. Binder haben jeden allzu österreichischen Ballast über Bord geworfen. Was bleibt ist spannender Psycho-Boulevard. Absolut Berlin-tauglich. Verbaler Nahkampf im Walzer-Takt. Hervorragende Schauspieler bohren sich Schmähworte wie Florette durch die Lücken ihrer Seelen-Panzer. Eine Vergewaltigung wird angedeutet. Busen und Unterwäsche werden entblößt. Und getrunken wird, daß man um die intakten Blasen der Schauspieler fürchtet.

"Das Stück macht a bissl geil", verspricht Autor Bauer in einem Interview. Mag sein, daß die durchtriebenen Sadomaso-Spielchen auf reizbare Pubertäre jeden Alters diese Wirkung haben. In erster Linie macht "Gespenster" durstig. Der Ansturm auf die Theaterbar war ungeheuer.

Sonntag, 4. Juli 1993

"Alkestis" in der Volksbühne

Das Siebziger-Revival geht weiter: Für seine "Alkestis" hat sich Frank Castorf von Bert Neumann eine Bühne zimmern lassen, die holzvertäfelt ist wie ein Partykeller der Schlaghosen-Dekade. Und der riesige Gummiball, der ständig hin und her gewälzt wird, erinnert an einen dieser aufblasbaren Sessel, in denen man damals saß und unter monströsen Kopfhörern "The Sweet" hörte.

Alkestis (nicht ganz so nervtötend wie sonst: Silvia Rieger) will für ihren schwächlichen Gatten Admetos (Robert Hunger-Bühler) sterben. Zum Happy End entreißt Halbgott Herakles (Gerd Preusche) sie dem Tod. Castorf hat das selten gespielte Drama des Euripides ziemlich werktreu auf die Bühne gebracht. Das Opernhafte ist schon beim Griechen angelegt. Jetzt trällert der Tod (Juan Carlos Carvajal) spanisch - besonders schön im Duett mit Opfer Alkestis (singen kann die Rieger!)

Und sonst? Nichts neues unter dem Dach der Volksbühne: Die Castorfsche Maschine läuft routiniert und überraschungslos. Lebensmittelvernichtungsaktionen (Würstchen mit Kartoffelsalat), Stammtischwitze, Geschrei, Anspielungen auf die deutsche Einheit, aufgewirbelter Staub.

Das ganze Castorf-Theater in einer Szene: Herkules kommt mit zwölf Flaschen Ostbier im Einkaufsnetz, entleert sie anödend langsam zwischen seinen Beinen in Alkestis' Sarg. Vier Frauen saufen das Gebräu, grunzen wie die Schweine und stürzen mit dem Schrei "Die Mauer muß weg" Waschbetonsteine um.

Vorhersagbar. Wie die rituellen Buhs. Die Buhrufer sind Castorfs wahre Fans. Die lassen sich noch provozieren. Diesmal klangen sie schon sehr zaghaft. Wenn sie verstummen, muß er sich Sorgen machen.

Samstag, 22. Mai 1993

"Wstawate, Lizzy, wstawate" in den DT-Kammerspielen

Ein ausgebombter Saal mit zerborstenen Säulen und Fenstern, ein Radio, ein Schirm, eine Kiste, eine Tasche und eine großartige Schauspielerin (Gudrun Ritter) - genug für einen beeindruckenden Abend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Nicht genug für einen Triumph.

"Manege frei für eine ältere Dame" oder "Wstawate, Lizzy, wstawate" heißt das Stück von Lothar Trolle. Lizzy phantasiert. Vom Zirkus, von der Operettenbühne, von Auschwitz. Von den Kindern, die das Krematorium in 20 Minuten in zwei Pfund Asche verwandelt. Und von Lizzys anderem Ich, der Lehrerin Frau Lizman, der die SS-Leute zurufen: "Wstawate! Spring!"

Der komplexe Monolog wird nicht verständlicher dadurch, daß manches kaum noch hörbar leise gesprochen wird. Regisseurin Tatjana Reese hätte mal: "Lauter!" rufen sollen.

Ansonsten ist die Ritter klar. Erbarmungslos klar. Etwas mehr Verhuschtheit hätte die Lebenskraft dieser Figur gesteigert. Trotzdem: ein großes Stück typisch ostdeutscher Schauspielkunst. Was man halt am Deutschen Theater erwartet.

Donnerstag, 20. Mai 1993

"Von morgens bis mitternachts" in der Schaubühne

Was für ein Prunk! Kostbare Schauspielerleistungen, staunenerregende Bühnentechnik, ein Budenzauber aus Licht und Geräusch - und doch: Gescheitert auf hohem Niveau. Andrea Breths Inszenierung "Von morgens bis mitternachts" fehlt der ordnende Gedanke, der den Ozean von Einfällen zu einem Ganzen ballt.

Vom frühen Abend bis vor Mitternacht, dreieinhalb Stunden lang, wird Georg Kaisers expressionistischer Schmachtfetzen mit Brethscher Überrumpelungs-Ästhetik zubereitet. Es geht zu wie auf der dämonischen Leinwand der Zwanziger Jahre: Möbel fliegen durch den Raum, in dem der Kassierer (Peter Simonischek) sich durch einen Griff in die Kasse aus der menschlichen Gemeinschaft hinauskatapultiert. Auf einem schneebedeckten Heidebaum liebkost ihn der Tod (Libgart Schwarz). Und Simonischek (kaum zu erkennen unter einem grotesken Jannings-Bart) wütet mit gezügeltem Pathos gegen die Verderbtheit dieser Welt der Helldunkel-Kontraste. Nur drei von ungezählten Glanzlichtern dieser Mammut-Inszenierung. Doch irgendwie läßt den Betrachter das alles herzlich kalt.

Kaiser (1878-1945) war zwischen 1918 und 1933 der meistgespielte deutsche Dramatiker. Bis die Nazis seinen Ruhm doppelt vernichteten: Sie belegten ihn mit Schreibverbot. Und als die braune Herrschaft vorbei war, konnte keiner mehr Kaisers pathetisches Suchen nach dem Neuen Menschen ertragen.

Daran wird sich nichts ändern. Wie aktuell erscheint doch im Berlin von heute Kaisers Geschichte vom Taumel durch die große Asphaltstadt mit ihren Schiebern und Prassern, Schlägern und Prahlern! Und wie wenig hat der Bilderrausch in der Schaubühne mit der Welt draußen zu tun!

Freitag, 30. April 1993

"Don Carlos" im Schiller-Theater

Mit der Rentnerfraktion im Publikum verscherzt es sich Leander Haußmann gleich am Anfang seines "Don Carlos": Minutenlang läßt er Rio Reisers effektvolle Theatermusik wummern. Dazwischen dröhnt das Klappen schwerer Türen, damit alle fühlen: Wir begeben uns jetzt nach Spanien. In ein Land, das ein einziger großer Kerker der Inquisition ist. Kein Problem für die Jüngeren, deren Gehörgänge in Diskotheken gestählt sind. Aber Phon-Terror für einige ältere Premierenbesucher im Schiller-Theater.

Rockmusik ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ein gern genutztes Mittel, die alte Tante Theater auf jugendlich zu schminken. Andererseits sieht alles, was zu E-Gitarren und Discobässen auf der Bühne passiert, immer nach Videoclip aus. Bei Haußmann war das Absicht: Seine Stürmer und Dränger Don Carlos (Dirk Nocker) und Marquis Posa (Martin Olbertz) wollen Love and Peace. Ständig müssen sie sich überschwenglich küssen. Und wie sie entrückt zum "Lied vom Paradies" herumtanzen - so hätten sie auch auf der Wiese von Woodstock eine gute Figur gemacht.

Auch Philipp II. (großartig: Ezard Haußmann) wagt ein Tänzchen mit dem Marquis von Posa, nachdem ihm dieser sein "Geben Sie Gedankenfreiheit" entgegengejauchzt hat. Doch anders als sein Zappelphilipp von Sohn verharrt der König beim steifen Cha-Cha-Cha. Ganz klar: Der Mann wird bei aller Sympathie für den Menschheitsbeglücker Posa immer Tyrann bleiben. Ob er will oder nicht.

Auf den Mix mit "Egmont" hat Haußmann zwei Tage vor der Premiere verzichtet. Übriggeblieben ist eine Schauspielertruppe, die als Running Gag durchs Stück irrt und Goethes Spanien-Drama aufführen möchte: Fünf Personen suchen einen Egmont. Nun hat der Jungregisseur einen werktreuen Schiller-"Carlos" gemacht. Das Pathos des Moraltrompeters wird mit voller Wucht ausgespielt. Und zugleich ironisch gezügelt, ohne daß der Holzhammer fliegt.


Damit und mit großartiger Schauspielerführung, mit einem effektvollen Bühnenbild (von Bernhard Kleber) und mit seinem belebenden Witz schafft es Haußmann, den Theater-Leichnam Schiller für die Bühne des späten 20. Jahrhunderts zuzubereiten. Das ist zwar auch schon anderen geglückt. Aber es ist eine Leistung, die immer wieder gar nicht genug bewundert werden kann.

Donnerstag, 1. April 1993

"Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben" im Schloßpark-Theater

So anmutig wütend ist auf deutschen Bühnen selten mit Schuhen geschmissen worden! Kein Wunder, daß der reiche Protz Fernando Krapp (Matthias Brenner) die bezaubernde Werferin Julia (Suzanne von Borsody) sofort seinem Besitz einverleiben will. Er kauft sie ihrem Vater, dem Schuh-Fetischisten und Bankrotteur (Thomas Kasten) ab.

Damit beginnt Tankred Dorsts Drama "Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben". Damit beginnt auch Julias Niedergang, den Bruno Klimek im Schloßpark-Theater präzise, kühl und intelligent in Szene gesetzt hat. Denn Fernando liebt sie nicht - oder kann es ihr nicht sagen. Und ihre Liaison mit dem Grafen, einem feingeistigen Hampelmann (wunderbar würdelos verkörpert von Thomas Schendel), endet erst in der Klapsmühle, dann im Tod.

Daran sind nicht nur die gockelnden Männer schuld, sondern auch Julias eigene Maßlosigkeit: Sie will die Wahrheit oder den Tod. Und begreift nicht, daß die Liebe am besten im Nebel der Lüge gedeiht.

Samstag, 13. März 1993

"Wie es euch gefällt" im Schiller-Theater

Der Wald von Ardenne ist ein Zauberwald: Hier werden Frauen zu Männern, die männlicher als die durch Liebe verweichlichten Männer sind. Ein Tyrann wird nur durch das Wort eines Einsiedlers bekehrt. Und am Ende triumphiert die Liebe über alle Hindernisse.

"Wie es euch gefällt" heißt der Waldzauber von Shakespeare. Thomas Brasch hat das Stück übersetzt und bearbeitet. Und Katharina Thalbach hat als Regisseurin (im wieder mal genialen Klapp-Bühnenbild von Ezio Toffolutti) daraus Theater gemacht, wie es uns gefällt: Eine Komödie mit philosophischem Tiefgang, eine Philosophie, die auf leichten Komödiantenfüßen dahergetanzt kommt.

Und ein Spiel mit den Geschlechtern: Im Rückgriff auf die elisabethanische Tradition hat die Thalbach alle Frauenrollen mit Männern besetzt. Michael Maertens kämpft als Rosalind mit den Problemen, die eine Frau hat, die sich als Mann verkleidet. Von einem Mädchen geliebt wird. Und dem Mann, den sie selbst liebt, es nicht zeigen darf. Da bekommt das Lustspiel eine Doppel- und Dreifach-Deutigkeit, daß man sich fragt: Wie konnte denn überhaupt je ein Regisseur so plump und gefühllos sein und diese Rolle mit einer Frau besetzen?

Maertens (er wurde wie die Thalbach zu Recht mit Bravos und Triumphgeheul gefeiert) und der ihm wenig nachstehende Stefan Merki (als beste Freundin Celia) agieren ohne jede Transvestiten-Tuntigkeit. Als sie das erste Mal in ihren Frauenkleidern auftauchen, kassieren sie noch zaghafte Verlegenheitslacher. Dann wird irgendwann alles ganz selbstverständlich - und gelacht wird nur noch, wo der Text, die überschäumende Schauspielkunst und die Fülle zauberhafter Inszenierungs-Gags es rechtfertigen.

Da macht es dann auch überhaupt nichts mehr, daß Michael Maertens einmal vom eigenen komödiantischen Schwung fortgerissen wird. Er fällt aus der Rolle, bricht in Lachen aus und steckt dann auch noch sein Gegenüber an. Normalerweise eine Theater-Todsünde - hier nahm es das Publikum mit Szenenbeifall auf: Als Zeichen, daß die da vorne auf der Bühne des Schiller-Theaters genau soviel Spaß hatten wie wir im Parkett und auf den Rängen.

Mittwoch, 10. März 1993

"Berlin Bertie" in den DT-Kammerspielen

Ein Berliner in London: "Berlin Bertie", der Stasi-Offizier mit dem Decknamen "Bertolt Brecht" (Karl Kranzkowski) streicht durch Süd-London. Der Engländer Howard Brenton schrieb sein Stück nach einem Erlebnis in Berlin: Während einer S-Bahnfahrt hörte er die Anekdote über einen MfS-Mann, der sein ehemaliges Opfer besucht.

Jetzt die deutsche Erstaufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Der reuige Stasi-Sünder trifft Rosa, die Pfarrersfrau (mitleiderregend steif: Margit Bendokat) in einer Londoner Abbruch-Wohnung. Brentons Figuren sind dicht dran an der Wirklichkeit: Ein Skin auf der Suche nach Sinn (großartig: Kay Schulze). Eine Ausreißerin mit Tripper, die dieWelt durch Pantomime beglücken möchte (Kathi Liers). Und die gescheiterte Sozialarbeiterin (eine Gossen-Lemper: Kathrin Klein), deren Ideale genauso zu Bruch gegangen sind wie die ihrer christlichen Schwester Rosa.

Das hätte grausliges Betroffenheits-Theater werden können. Brenton macht Boulevard mit Polit-Touch daraus. "Berlin Bertie" hätte eine grellere Inszenierung vertragen. Doch Regisseur Sewan Latchinian blieb leider beim braven Stil, dem Markenzeichen des DT.

Freitag, 5. März 1993

"Der Kaufmann von Venedig" vom Wiener Burgtheater im Berliner Ensemble

Früher zündelte er mit Bomben, jetzt mit prunkvollem Feuerwerk. Peter Zadek hat keine Kraft mehr, bewußtseinsveränderndes Theater zu machen. Eindruck vom Gastspiel des Wiener Burgtheaters mit Zadeks "Der Kaufmann von Venedig" (nach Shakespeare) im Berliner Ensemble. Venedigs Kaufleute sind - natürlich - moderne Yuppies. Im Herzen unter dem Anzug dumpfer Judenhaß. Am besten war's, wenn die Inszenierung komödiantisch wurde. Uwe Bohm spielte den Prolo aus Barmbek - wie immer. Bei seinen Stegreif-Scherzen tobte der Saal. Lachen über Ausländer (marokkanischer Prinz mit Gefolge) und Behinderte (Lancelots blinder Vater). Von Tragik war trotz großartiger Schauspieler (vor allem Ignaz Kirchner/Antonio und Gert Voss/Shylock) nichts zu spüren. Immerhin: Ein temporeicher Theaterabend, tolles Bühnenbild (Johannes Grützke), mehr gute Schauspieler (Eva Mattes, Therese Affolter), zweieinhalb Stunden ohne Langeweile. Nicht wenig. Vielleicht ist es unverschämt, vom Genie immer etwas Geniales zu erwarten ...

Samstag, 20. Februar 1993

"Grillparzer im Pornoladen" im Ballhaus Rixdorf

Ein edles Schuhgeschäft? Ein Pornoshop! Ein Glastisch und 34 matt schwarz-weiße Kartons. Inhalt: Analstöpsel, Vibratoren, Peitschen, Gummipuppen. Die Horror-Utensilien preist der Verkäufer (Volker Spengler) in Peter Turrinis Stück "Grillparzer im Pornoladen". Die Kundin (Irm Hermann) hat sich aus der Hölle ihrer Ehe in den Tempel des Koitus-Kommerz verirrt.

Irm Hermann ist als Frustziege, die vor Dünkel kaum gehen kann, ideal besetzt. Volker Spengler ist abgründig charmant. Zu abgründig. Sein lauernder Wahnsinn macht ihn als Spießer unglaubwürdig.

Was Spengler an Wahnsinn zuviel hat, fehlt sonst überall. Turrini schrieb eine Parabel über die vernichtende Einsamkeit des Menschen. Peter Palitzsch hat mit klinischer Präzision jedes Leben herausinszeniert. Das Stück wird die Uraufführung im Ballhaus Rixdorf (Probebühne des Berliner Ensembles) trotzdem überstehen.

"Der Weltuntergang" in der Schiller-Werkstatt

Valentin ohne Valentin - geht denn das? Regisseur Benno Iffland und sein Team beweisen in der Werkstatt des Schiller Theaters: Die Szenen und Monologe des schrägen bayerischen Logik-Zertrümmerers funktionieren auch, wenn das skurrile Klappergestell sie nicht selbst verkörpert. Wäre ja auch schrecklich, wenn das Werk Valentins (1898-1942) mit ihm gestorben wäre.

Eigentlich unvorstellbar, daß die Kopf- und Sprachverrenkungen Valentins einen ganzen Theaterabend tragen sollen. Aber Iffland dehnt seine Valentinade klug nicht über Gebühr aus: Eineinhalb Stunden in jenem grellen cabaret-artigen Stil, der langsam fast zu einem Markenzeichen der Schiller-Werkstatt geworden ist.

Kein ganz großes Theater. Kleinkunst eben - im besten Sinne des Wortes. Einer darf natürlich nicht fehlen: Der Buchbinder Wanninger, das Urbild aller Satiren über die Tücken der telefonischen Kommunikation. Walter Pfeil spielt ihn mit dem nötigen Wahnsinn.

Höhepunkt der Nummernrevue ist die Umzugsszene: Benno Iffland und Christiane Leuchtmann (herausragend, mit dem schwungvollen Klamauk einer Erzkomödiantin) als Ehepaar, das mit dem Chaos jongliert. Ein Wunder an Körperbeherrschung. Irrwitzig, wie sie einen babylonischen Turm aus Handwagen, Hausrat, Möbelstücken, Blumentöpfen und Goldfischglas voll Apfelsaft errichten.

Ein spaßiger Abend. Nicht mehr. Aber mehr wollte es schließlich auch nicht sein.

BZ Berlin

Donnerstag, 11. Februar 1993

"Wessis in Weimar" im Berliner Ensemble

Um 21. 10 Uhr schlief mein Nachbar ein. Selig schnarchend entfloh er ins Reich der Träume. Doch auf den Theatersitzen des Berliner Ensembles kann keiner länger als ein paar Minuten schlummern. Der Ärmste riß sich zusammen und ertrug weitere zwei Stunden die Premiere von "Wessis in Weimar".

Rolf Hochhuth soll vor 30 Jahren mal ein gutes Stück geschrieben haben. Seitdem lebt er von dem Ruf, ein Dramatiker zu sein. Irgend jemand findet sich immer, dem er seine Thesenpapiere als Theaterstücke verkaufen kann. Zumal der Autor garantiert: Ein medienwirksames Skandälchen wird todsicher angezettelt.

Noch nie ist Hochhuth das so gut gelungen wie diesmal. Zwei Fernsehteams und ungezählte Journalisten stürzten sich am Ende der endlosen drei Stunden auf die Besucher: "Und? Wie war's?"

Dunkel war's. Einar Schleef läßt seine Schauspieler (junge Kräfte vom BAT, plus die Stars Martin Wuttke und Margarita Broich) mindestens die Hälfte der Spielzeit in schwarzer Nacht agieren. Hochhuths Texte (aber auch Einlagen von Schiller und Brecht) skandieren sie wie ein griechischer Chor. Männlein und Weiblein sind in Militärmäntel gewandet. Manchmal trampeln sie auch nackt mit schweren Stiefeln über die Bühne.

Kleine Provokationseinlagen sollen für Pep sorgen: Ein Senatsbeamter (Martin Wuttke) spricht eine Ergebenheitsadresse an Mercedes-Chef Edzard Reuter - und onaniert dabei. Wer gerne nackte männliche Geschlechtsteile sieht, wird von dieser Aufführung gut bedient.

Am besten ist es immer dann, wenn Schleef sich über Hochhuths furztrockene Politphrasen lustig zu machen scheint: Monoton leiern die Schauspieler ihre Texte herunter. Welche Rolle sie sprechen, erkennt man an den Schildern, die auf die Militärmäntel geheftet wurden. Manchmal sprechen sie sogar die Regieanweisungen mit. Ein Chor junger Frauen und Männer ruft: "Prasselnde Feuergeräusche, Einsturzlärm, Geschrei im Hof, ein blödes Autohupen". Das ist komisch.

Zugabe war eine Huldigung an Bertolt Brecht zum 95. Geburtstag: Wagners Monolog aus Goethes "Faust", gesprochen vom Chor mit Schlafmützen. Charmant!

Aber fast alles andere war ganz furchtbar. Am furchtbarsten die Endlos-Szene, als 25 (Oder 30? Oder 100?) nackte Menschen in der Dunkelheit Kekse (Oder Hostien?) aus einer Kiste nahmen und danach in den Keller gingen. Da wäre ich auch gerne in den Keller gegangen. Nur fort aus diesem Theater!

Das einzige, was mich rettete, war der Gedanke an die armen Teufel, die am 25. Februar in Hamburg die von Hochhuth empfohlene "offizielle" Uraufführung ertragen müssen. Hochhuths "Wessis" pur! Das muß ja grauenhaft werden.

Ich habe das Buch gelesen (es wurde an Premierenbesucher verteilt). Den Künstlerwettstreit hat Hochhuth für sich entschieden. Nur einer kann noch besser langweilen als Einar Schleef. Und der heißt Rolf Hochhuth!

Freitag, 15. Januar 1993

"Don Juan kommt aus dem Krieg" in den DT-Kammerspielen

Manche Menschen haben um ihr Herz einen Panzer, der ist so dick, daß nur eine Gewehrkugel ihn ankratzen kann. So ein Panzerwesen ist Don Juan in Ödön von Horvaths "Don Juan kommt aus dem Krieg". In den Kammerspielen des Deutschen Theaters war der Frauenheld ideal besetzt mit Peter Simonischek: Groß und breit, ein Schrank, an den sich die Weiber hängen, und er spürt kaum etwas davon.

Don Juan hat dem Lotterleben abgeschworen, seitdem ihn eine Verwundung fast in die Hölle befördert hätte. Doch das Schieberdasein im Nachkrieg läßt sein Traumbild von der wahren Liebe flott verblassen. Die vermeintliche Reinigung im Stahlbad des Krieges erweist sich als Tünche.

Das Stationendrama zeigt den Niedergang des Don Juan bis zur stillen Höllenfahrt im Schnee. Für die starken Leistungen der Schauspieler (außer Simonischek u.a. Petra Hartung, Inge Keller, Gabriele Heinz, Johanna Schall, Barbara Schnitzler) gab es immer wieder Szenenapplaus. Die Inszenierung von Michael Gruner dagegen: Uninspiriert, mutlos, bestenfalls solide. Sowas kriegt man in jedem Stadttheater zu sehen. Bisher mußte man dafür nach Braunschweig oder Oldenburg fahren. Jetzt nur noch zur Schumannstraße in Berlin-Mitte.

Donnerstag, 14. Januar 1993

"Ein Stück vom Paradies" vom Teatr Kreatur

Das Paradies ist eine Stummfilmkulisse. Und die Engel sehen aus wie die Kleinen Strolche, geschminkt von Pablo Picasso. Im gefilmten Prolog zu Andrej Worons neuestem Theaterstreich "Ein Stück vom Paradies" wird gezeigt, wie der kleine Schmuel aus dem Himmel verstoßen wird und als Kind auf der Erde zur Welt kommt. Der Film ist so schön - man könnte süchtig danach werden.

Was lag näher? Der Theater des in Berlin lebenden Polen hatte schon immer viel mit Stummfilm zu tun: Expressive Bewegungen, bemalte Gesichter, weitaufgerissene Augen, Perücken, angeklebte Bärte. Und Texte wie Zwischentitel.

Der dritte Streich von Worons Teatr Kreatur (nach "Die Zimtläden" und "Das Ende des Armenhauses") stammt wieder aus der Welt der jüdischen Literatur Osteuropas. Diesmal rebellieren die Engel, die im Paradies ein ziemlich erbärmliches Leben unter der Knute ihres bekloppten Königs führen. Frei nach Itzik Mangers "Das Buch vom Paradies".

Sehr frei. Durch die Handlung steigt man auch mit Programmheft nicht durch. Macht nichts: Eineinhalb Stunden jagt ein kleines Wunder aus Bildern und Tönen das andere. Ballett, Musical, Performance, Schauspiel - in Worons Stücken ist von jedem etwas. Und zugleich auf eine faszinierende Weise nichts von allem.

Sonntag, 10. Januar 1993

"Pericles" im Berliner Ensemble

"GEMEIN: SCHEINTOTE KÖNIGIN INS MEER GEWORFEN", "SKANDAL: KÖNIG ANTIOCHUS SCHLÄFT MIT SEINER TOCHTER", "GRAUSAM: ASYLANTENKIND INS BORDELL VERKAUFT" - der Inhalt von "Pericles" in Schlagzeilen. Das Stück über die Irrfahrten des Griechenprinzen handelt von Kinderschändung, Asyl, Schiffskatastrophen - aktueller hätte Peter Palitzsch die neue Ära am Berliner Ensemble kaum einleiten können.

Der ehemalige Brecht-Schüler (Regiedebüt am BE 1951), ist heimgekehrt aus dem Westen. Trat als erster aus dem künftigen Leitungsteam an, zu beweisen, daß er es besser kann als die Brecht-Beamten (O-Ton: Heiner Müller), die hier früher das Sagen hatten.

Palitzschs Crew: Eine gute Mischung aus alten BE-Recken (u.a. Ekkehard Schall, Stefan Lisewski, Hans-Peter Reinecke und - herausragend als Pericles - Hermann Beyer), mitgebrachten Kräften (Irm Hermann und Publikumsliebling Volker Spengler) und unverbrauchten Gesichtern (z.B. Annette Daughardt, früher Freie Volksbühne).

Palitzsch ging mit dem Wechselbalg "Pericles" (einige Forscher zweifeln, ob das schwache Stück überhaupt von Shakespeare ist) ziemlich frei um: Einmal singt Pericles Beyer ein Lied des Schotten Robert Burns, geboren 150 Jahre nach Shakespeares Tod.

Die Inszenierung: Ein Spektakel in dem sich Attraktionen jagen. Minimales Bühnenbild. Gespielt wird im ganzen Theater. Da seilt sich Pericles vom dritten Rang ins Parkett ab. Oder eisenklirrende Ritter bahnen sich einen Weg durch die Zuschauer, die gedrängt auf Höckerchen saßen.

Die Tiefe des Bühnenraums wird nur genutzt, um lebende Bilder aus Personen (und zwei Dobermännern) zu arrangieren. Oder für Szenen, bei denen geschrien wird. Aus der Not (schlechte Akustik, weil der Rundhorizont rausgerissen wurde) wird eine Tugend.

Palitzschs "Pericles" ist kein ganz großer Wurf. Nichts, was die versteinerte BE-Tradition mit einem Schlag vergessen macht. Aber immerhin ein Schaustück, bei dem man zweieinhalb Stunden schmerzende Gelenke, eingeschlafene Füße und Muskelkrämpfe vergessen konnte.