Samstag, 20. Februar 1993

"Grillparzer im Pornoladen" im Ballhaus Rixdorf

Ein edles Schuhgeschäft? Ein Pornoshop! Ein Glastisch und 34 matt schwarz-weiße Kartons. Inhalt: Analstöpsel, Vibratoren, Peitschen, Gummipuppen. Die Horror-Utensilien preist der Verkäufer (Volker Spengler) in Peter Turrinis Stück "Grillparzer im Pornoladen". Die Kundin (Irm Hermann) hat sich aus der Hölle ihrer Ehe in den Tempel des Koitus-Kommerz verirrt.

Irm Hermann ist als Frustziege, die vor Dünkel kaum gehen kann, ideal besetzt. Volker Spengler ist abgründig charmant. Zu abgründig. Sein lauernder Wahnsinn macht ihn als Spießer unglaubwürdig.

Was Spengler an Wahnsinn zuviel hat, fehlt sonst überall. Turrini schrieb eine Parabel über die vernichtende Einsamkeit des Menschen. Peter Palitzsch hat mit klinischer Präzision jedes Leben herausinszeniert. Das Stück wird die Uraufführung im Ballhaus Rixdorf (Probebühne des Berliner Ensembles) trotzdem überstehen.

"Der Weltuntergang" in der Schiller-Werkstatt

Valentin ohne Valentin - geht denn das? Regisseur Benno Iffland und sein Team beweisen in der Werkstatt des Schiller Theaters: Die Szenen und Monologe des schrägen bayerischen Logik-Zertrümmerers funktionieren auch, wenn das skurrile Klappergestell sie nicht selbst verkörpert. Wäre ja auch schrecklich, wenn das Werk Valentins (1898-1942) mit ihm gestorben wäre.

Eigentlich unvorstellbar, daß die Kopf- und Sprachverrenkungen Valentins einen ganzen Theaterabend tragen sollen. Aber Iffland dehnt seine Valentinade klug nicht über Gebühr aus: Eineinhalb Stunden in jenem grellen cabaret-artigen Stil, der langsam fast zu einem Markenzeichen der Schiller-Werkstatt geworden ist.

Kein ganz großes Theater. Kleinkunst eben - im besten Sinne des Wortes. Einer darf natürlich nicht fehlen: Der Buchbinder Wanninger, das Urbild aller Satiren über die Tücken der telefonischen Kommunikation. Walter Pfeil spielt ihn mit dem nötigen Wahnsinn.

Höhepunkt der Nummernrevue ist die Umzugsszene: Benno Iffland und Christiane Leuchtmann (herausragend, mit dem schwungvollen Klamauk einer Erzkomödiantin) als Ehepaar, das mit dem Chaos jongliert. Ein Wunder an Körperbeherrschung. Irrwitzig, wie sie einen babylonischen Turm aus Handwagen, Hausrat, Möbelstücken, Blumentöpfen und Goldfischglas voll Apfelsaft errichten.

Ein spaßiger Abend. Nicht mehr. Aber mehr wollte es schließlich auch nicht sein.

BZ Berlin

Donnerstag, 11. Februar 1993

"Wessis in Weimar" im Berliner Ensemble

Um 21. 10 Uhr schlief mein Nachbar ein. Selig schnarchend entfloh er ins Reich der Träume. Doch auf den Theatersitzen des Berliner Ensembles kann keiner länger als ein paar Minuten schlummern. Der Ärmste riß sich zusammen und ertrug weitere zwei Stunden die Premiere von "Wessis in Weimar".

Rolf Hochhuth soll vor 30 Jahren mal ein gutes Stück geschrieben haben. Seitdem lebt er von dem Ruf, ein Dramatiker zu sein. Irgend jemand findet sich immer, dem er seine Thesenpapiere als Theaterstücke verkaufen kann. Zumal der Autor garantiert: Ein medienwirksames Skandälchen wird todsicher angezettelt.

Noch nie ist Hochhuth das so gut gelungen wie diesmal. Zwei Fernsehteams und ungezählte Journalisten stürzten sich am Ende der endlosen drei Stunden auf die Besucher: "Und? Wie war's?"

Dunkel war's. Einar Schleef läßt seine Schauspieler (junge Kräfte vom BAT, plus die Stars Martin Wuttke und Margarita Broich) mindestens die Hälfte der Spielzeit in schwarzer Nacht agieren. Hochhuths Texte (aber auch Einlagen von Schiller und Brecht) skandieren sie wie ein griechischer Chor. Männlein und Weiblein sind in Militärmäntel gewandet. Manchmal trampeln sie auch nackt mit schweren Stiefeln über die Bühne.

Kleine Provokationseinlagen sollen für Pep sorgen: Ein Senatsbeamter (Martin Wuttke) spricht eine Ergebenheitsadresse an Mercedes-Chef Edzard Reuter - und onaniert dabei. Wer gerne nackte männliche Geschlechtsteile sieht, wird von dieser Aufführung gut bedient.

Am besten ist es immer dann, wenn Schleef sich über Hochhuths furztrockene Politphrasen lustig zu machen scheint: Monoton leiern die Schauspieler ihre Texte herunter. Welche Rolle sie sprechen, erkennt man an den Schildern, die auf die Militärmäntel geheftet wurden. Manchmal sprechen sie sogar die Regieanweisungen mit. Ein Chor junger Frauen und Männer ruft: "Prasselnde Feuergeräusche, Einsturzlärm, Geschrei im Hof, ein blödes Autohupen". Das ist komisch.

Zugabe war eine Huldigung an Bertolt Brecht zum 95. Geburtstag: Wagners Monolog aus Goethes "Faust", gesprochen vom Chor mit Schlafmützen. Charmant!

Aber fast alles andere war ganz furchtbar. Am furchtbarsten die Endlos-Szene, als 25 (Oder 30? Oder 100?) nackte Menschen in der Dunkelheit Kekse (Oder Hostien?) aus einer Kiste nahmen und danach in den Keller gingen. Da wäre ich auch gerne in den Keller gegangen. Nur fort aus diesem Theater!

Das einzige, was mich rettete, war der Gedanke an die armen Teufel, die am 25. Februar in Hamburg die von Hochhuth empfohlene "offizielle" Uraufführung ertragen müssen. Hochhuths "Wessis" pur! Das muß ja grauenhaft werden.

Ich habe das Buch gelesen (es wurde an Premierenbesucher verteilt). Den Künstlerwettstreit hat Hochhuth für sich entschieden. Nur einer kann noch besser langweilen als Einar Schleef. Und der heißt Rolf Hochhuth!