Freitag, 30. April 1993

"Don Carlos" im Schiller-Theater

Mit der Rentnerfraktion im Publikum verscherzt es sich Leander Haußmann gleich am Anfang seines "Don Carlos": Minutenlang läßt er Rio Reisers effektvolle Theatermusik wummern. Dazwischen dröhnt das Klappen schwerer Türen, damit alle fühlen: Wir begeben uns jetzt nach Spanien. In ein Land, das ein einziger großer Kerker der Inquisition ist. Kein Problem für die Jüngeren, deren Gehörgänge in Diskotheken gestählt sind. Aber Phon-Terror für einige ältere Premierenbesucher im Schiller-Theater.

Rockmusik ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ein gern genutztes Mittel, die alte Tante Theater auf jugendlich zu schminken. Andererseits sieht alles, was zu E-Gitarren und Discobässen auf der Bühne passiert, immer nach Videoclip aus. Bei Haußmann war das Absicht: Seine Stürmer und Dränger Don Carlos (Dirk Nocker) und Marquis Posa (Martin Olbertz) wollen Love and Peace. Ständig müssen sie sich überschwenglich küssen. Und wie sie entrückt zum "Lied vom Paradies" herumtanzen - so hätten sie auch auf der Wiese von Woodstock eine gute Figur gemacht.

Auch Philipp II. (großartig: Ezard Haußmann) wagt ein Tänzchen mit dem Marquis von Posa, nachdem ihm dieser sein "Geben Sie Gedankenfreiheit" entgegengejauchzt hat. Doch anders als sein Zappelphilipp von Sohn verharrt der König beim steifen Cha-Cha-Cha. Ganz klar: Der Mann wird bei aller Sympathie für den Menschheitsbeglücker Posa immer Tyrann bleiben. Ob er will oder nicht.

Auf den Mix mit "Egmont" hat Haußmann zwei Tage vor der Premiere verzichtet. Übriggeblieben ist eine Schauspielertruppe, die als Running Gag durchs Stück irrt und Goethes Spanien-Drama aufführen möchte: Fünf Personen suchen einen Egmont. Nun hat der Jungregisseur einen werktreuen Schiller-"Carlos" gemacht. Das Pathos des Moraltrompeters wird mit voller Wucht ausgespielt. Und zugleich ironisch gezügelt, ohne daß der Holzhammer fliegt.


Damit und mit großartiger Schauspielerführung, mit einem effektvollen Bühnenbild (von Bernhard Kleber) und mit seinem belebenden Witz schafft es Haußmann, den Theater-Leichnam Schiller für die Bühne des späten 20. Jahrhunderts zuzubereiten. Das ist zwar auch schon anderen geglückt. Aber es ist eine Leistung, die immer wieder gar nicht genug bewundert werden kann.

Donnerstag, 1. April 1993

"Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben" im Schloßpark-Theater

So anmutig wütend ist auf deutschen Bühnen selten mit Schuhen geschmissen worden! Kein Wunder, daß der reiche Protz Fernando Krapp (Matthias Brenner) die bezaubernde Werferin Julia (Suzanne von Borsody) sofort seinem Besitz einverleiben will. Er kauft sie ihrem Vater, dem Schuh-Fetischisten und Bankrotteur (Thomas Kasten) ab.

Damit beginnt Tankred Dorsts Drama "Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben". Damit beginnt auch Julias Niedergang, den Bruno Klimek im Schloßpark-Theater präzise, kühl und intelligent in Szene gesetzt hat. Denn Fernando liebt sie nicht - oder kann es ihr nicht sagen. Und ihre Liaison mit dem Grafen, einem feingeistigen Hampelmann (wunderbar würdelos verkörpert von Thomas Schendel), endet erst in der Klapsmühle, dann im Tod.

Daran sind nicht nur die gockelnden Männer schuld, sondern auch Julias eigene Maßlosigkeit: Sie will die Wahrheit oder den Tod. Und begreift nicht, daß die Liebe am besten im Nebel der Lüge gedeiht.