Sonntag, 4. Juli 1993

"Alkestis" in der Volksbühne

Das Siebziger-Revival geht weiter: Für seine "Alkestis" hat sich Frank Castorf von Bert Neumann eine Bühne zimmern lassen, die holzvertäfelt ist wie ein Partykeller der Schlaghosen-Dekade. Und der riesige Gummiball, der ständig hin und her gewälzt wird, erinnert an einen dieser aufblasbaren Sessel, in denen man damals saß und unter monströsen Kopfhörern "The Sweet" hörte.

Alkestis (nicht ganz so nervtötend wie sonst: Silvia Rieger) will für ihren schwächlichen Gatten Admetos (Robert Hunger-Bühler) sterben. Zum Happy End entreißt Halbgott Herakles (Gerd Preusche) sie dem Tod. Castorf hat das selten gespielte Drama des Euripides ziemlich werktreu auf die Bühne gebracht. Das Opernhafte ist schon beim Griechen angelegt. Jetzt trällert der Tod (Juan Carlos Carvajal) spanisch - besonders schön im Duett mit Opfer Alkestis (singen kann die Rieger!)

Und sonst? Nichts neues unter dem Dach der Volksbühne: Die Castorfsche Maschine läuft routiniert und überraschungslos. Lebensmittelvernichtungsaktionen (Würstchen mit Kartoffelsalat), Stammtischwitze, Geschrei, Anspielungen auf die deutsche Einheit, aufgewirbelter Staub.

Das ganze Castorf-Theater in einer Szene: Herkules kommt mit zwölf Flaschen Ostbier im Einkaufsnetz, entleert sie anödend langsam zwischen seinen Beinen in Alkestis' Sarg. Vier Frauen saufen das Gebräu, grunzen wie die Schweine und stürzen mit dem Schrei "Die Mauer muß weg" Waschbetonsteine um.

Vorhersagbar. Wie die rituellen Buhs. Die Buhrufer sind Castorfs wahre Fans. Die lassen sich noch provozieren. Diesmal klangen sie schon sehr zaghaft. Wenn sie verstummen, muß er sich Sorgen machen.