Donnerstag, 30. September 1993

"Duell Traktor Fatzer" im Berliner Ensemble

Heiner Müller liebt es karg. Nur ein riesiger schräger Tisch vor den Brandmauern des Berliner Ensembles, wo der Dichter-Regisseur seine eigenen Texte "Findling/Duell" und "Traktor" mit Brechts Fatzer-Fragment zu einem Theaterabend zusammengezurrt hat. Und geknausert wird auch bei der dramatischen Action: Alles ist Rezitationstheater. Mit starrem Gesicht zum Publikum sagen die Schauspieler ihren Text auf.

Aber in dieser statischen Aufsagerei gibt es noch gewaltige Unterschiede: Der 86 Jahre alte Erwin Geschonneck, meist sitzend und immer vom Blatt ablesend, muß gar nicht viel tun - er ist ein lebendes Denkmal des Kommunismus. Und Hermann Beyers Darstellung springt einen auch ohne viel Gewirbel und Gehoppel an. Das lebt einfach aus der Schönheit der Beyerschen Sprache und seines markanten Gesichts.

Anders Eva Mattes. Sie wird gezwungen, den dampfenden Genital-Quatsch zu leiern, den Brecht, beeinflußt von Spät-Pubertät und Spät-Expressionismus geschrieben hat. Da wird Statik zur Steifheit.

Überhaupt wird's nach der Pause langweilig mit Brechts "Fatzer", einem nie beendeten Theater-Vorhaben, mit dem er sich beim Übergang vom Anarchismus zum Marxismus quälte. Bei Müllers kühl gebändigten Texten war alles trotz Bewegungslosigkeit noch spannend. Vor allem das "Duell" zwischen dem Kommunisten-Vater (Geschonneck) und seinem hakenkreuz-schmierenden Sohn (Uwe Steinbruch) ist ein knochendeutscher Konflikt.  

Aber der "Fatzer" ... Brecht wird gewußt haben, warum er diesen Quark nicht zu Ende gerührt hat. Sicher: Müller weiß auch, warum er den Quark spielen läßt. Wegen der Moral von der Geschicht, die ungefähr lautet: Die Revolution schluckt ihre Kinder, läßt sie ein wenig gammeln und spuckt die angefaulten Kadaver dann zurück in die Einsamkeit. Aber der Abend hat noch eine andere Moral: Gespielter Quark wird breit nicht stark (Ohne Komma!).

BZ Berlin

Mittwoch, 29. September 1993

"Thomas Chatterton" im Schloßpark-Theater

Hans Henny Jahnn hat Konjunktur in Berlin. Vier Stücke des Spätexpressionisten, Orgelbauers, Hormonforschers, Sektengründers, Pferdeliebhabers (1894-1959) wurden in den letzten Monaten auf die Bühne gestellt: "Familie Sörensen" und "Armut Reichtum, Mensch und Tier" vom Studiotheater der FU und "Medea" vom Walser Ensemble. Jetzt feierte das Schloßpark-Theater mit "Thomas Chatterton" seine letzte Premiere. Eine Trauerfeier. Angestellte der Staatlichen Schauspielbühnen berichten von Briefen, auf denen außen (!) steht "Betrifft Kündigung Ihres Dienstvertrages". Oft gellt das Wort "Prozeß".

Theater gab es auch noch: Thomas Chatterton war ein genialer Poet, der Balladen im mittelalterlichen Stil erfand. Verzweifelt, angeklagt beging er 1770 mit 18 Selbstmord. Jahnns spätes Drama (geschrieben 1959) ist weniger verstiegen als seine Frühwerke. Eine Huldigung an Außenseitertum und Moral-Losigkeit des Künstlers, dampfend vor Homosexualität. Ein leibhaftiger Engel-Dämon tritt auf. Gerd David spielt den Aburiel ironisch zerstreut, abwesend - nicht wirklich anwesend in der Welt der Menschen.

Im Zentrum: Ludger Hanninger als Chatterton vibrierend vor jugendlicher Kraft und mit dem Zynismus des Genies. Ein schwierige Rolle groß gemeistert.  

Michael Gruner hat mit Gespür für die kostbare Abseitigkeit des Textes Regie geführt. Hat das Rätsel rätselhaft gelassen. Aber nicht rätselhafter gemacht. Die Nebendarsteller sind gut bis hochkarätig. Sabine Sinjen und Walter Pfeil machen ihre Auftritte zu Epizentren des dramatischen Bebens. Dieser Inszenierung ein langes Leben!

BZ Berlin

Freitag, 24. September 1993

"Shakespeare & Rock'n'Roll" im Musical Theater Berlin

Der ganz große Wurf bis ins nächste Jahrtausend ist es wohl nicht geworden, aber immerhin haben die Brüder Kurz mit ihrem "Shakespeare & Rock'n'Roll" im Musical Theater Berlin ein charmantes Raumschiff Tralala abheben lassen. Man darf annehmen, daß diese deutsche Erstaufführung des englischen Erfolgsmusicals (Regie: Dion McHugh) eine längere Flugzeit haben wird als der Marlene-Flop.

Die Story ist fast nur mit dem Programmheft nachvollziehbar. Shakespeares Drama "Der Sturm" ist kompliziert. Durch Übertragung ins Weltall und das Jahr 2024 wird die Handlung nicht überschaubarer. Und die Schauspieler, überwiegend Engländer, sprechen wie Kennedy, als er sagte "Ick bin an Balinne". Lustig, aber schwer verständlich.

Nicht zuletzt deshalb gibt es einen Erzähler: Hajo Friedrichs auf der Video-Leinwand. Todsicher, der Trick. Wer lauscht nicht gern dem "Mr. Tagesthemen"? Jubel, als er verspricht: "Jetzt wird's geil." Eine Minderheit im Publikum wand sich ob der Peinlichkeit auf den Sitzen.

Genug genörgelt. Wen interessiert bei dieser Weltraum-Revue schon die Handlung? Singen können sie, die Kurz-Engländer. Und wie! Vor allem Zalie Burrow als Miranda macht "Teenager in Love" und "Hey Mr. Spaceman" zu echten Glanznummern. Ihre Kollegen stehen ihr kaum nach. Und weil auch die Band, die Arrangements und die Choreographie gut sind, klingen die Pop-Hits der 50er und 60er meist wirklich mitreißend. Wenn dann ganz viele Leute auf der Bühne singen, spielen und tanzen, tanzen, tanzen, wenn dazu die bombastische Lasershow blitzt und funkelt - das ist so partymäßig wie die Les Humphries Singers in ihren besten Tagen. Ach, wer da mithotten könnte ...

BZ Berlin

Sonntag, 12. September 1993

"Gespenster" im Theater 89

Die Hölle ist ein niedriger, heller Raum mit Türen rechts und links für den dramatischen Durchgangsverkehr. Hier proben der Dichter Fred (Christian Pölzl) und der Denker Robert (Thomas Schumann) ihre Sauf- und Männlichkeitsrituale. Doch bald entpuppen sich die Machos als Maulhelden, Knetgummi in den Händen ihrer Ex-Frauen. Die wahren Hyänen in Wolfgang Bauers Stück "Gespenster" (geschrieben 1974) sind die Weiber (Gerda Müller, Almut Zydra) von denen sich die Schwächlinge zum Seelen-Mord an der Außenseiterin Magda (Agnes Giese) anstiften lassen.

Die Inszenierung im theater 89 ist eine Koproduktion mit dem forum stadtparktheater in Graz. Im steiermärkischen Dichter-Nest ist Autor Wolfgang Bauer (er wurde Ende der 60er Jahre mit "Magic Afternoon" und "Change" bekannt) ein Regional-Heiliger. Gespenster war dort Wochen ausverkauft.

Und hier? Die Regisseure Christian Pölzl und Ernst M. Binder haben jeden allzu österreichischen Ballast über Bord geworfen. Was bleibt ist spannender Psycho-Boulevard. Absolut Berlin-tauglich. Verbaler Nahkampf im Walzer-Takt. Hervorragende Schauspieler bohren sich Schmähworte wie Florette durch die Lücken ihrer Seelen-Panzer. Eine Vergewaltigung wird angedeutet. Busen und Unterwäsche werden entblößt. Und getrunken wird, daß man um die intakten Blasen der Schauspieler fürchtet.

"Das Stück macht a bissl geil", verspricht Autor Bauer in einem Interview. Mag sein, daß die durchtriebenen Sadomaso-Spielchen auf reizbare Pubertäre jeden Alters diese Wirkung haben. In erster Linie macht "Gespenster" durstig. Der Ansturm auf die Theaterbar war ungeheuer.