Mittwoch, 20. Oktober 1993

"Die Bande" in der Volksbühne

Schöne Frauen, häßliche Männer, grellbunte Klamotten und sanfte Klänge - das sind die Zutaten, aus denen Robert Hunger-Bühler seine Inszenierung "Die Bande" im 3. Stock der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zusammengemixt hat. 1982, zu DDR-Zeiten, muß Einar Schleefs Text um eine Gruppe verbrecherischer Spießbürger, die im Hühnerstall Amok läuft und später auch Menschen mordet, eine ungeheure Provokation gewesen sein. Hunger-Bühler nimmt das alles nicht mehr ernst. Er witztelt das Stück, die Inszenierung und seine Schauspieler zu Tode.

Das sieht ungefähr so aus wie im Comic-Band "Asterix und der Kupferkessel" als die Gallier Unterschlupf bei einer frechen Avantgarde-Truppe finden - und Obelix einen Theater-Skandal auslöst, indem er sich, gelähmt vom Lampenfieber auf die Bühne stellt und seufzt: "Die spinnen, die Römer." Aber leider ist es nicht so komisch.

Irgendwie hat das alles mal wieder mit Vergangenheitsbewältigung zu tun. Aber nur irgendwie. Unter den Liedperlen dieser wirren Revue (u.a. Grateful Dead) findet man auch akustischen Müll aus DDR-Tagen. Dann stellen sich die Witzfiguren in ihrem grellen 70er-Fummel an die Rampe und intonieren "Vorwärts und nicht vergessen".

Die Lehre dieses allzu langen Abends: Es gibt zwei Arten von Sinnlosigkeit. Bei Castorf ist die Sinnlosigkeit manchmal elektrisch. Beim Castorfchen Hunger-Bühler ist sie nur sinnlos. Ein lautes, nervtötendes Rauschen ohne Folgen wie der Donner einer Klospülung in der Nacht.

BZ Berlin

Freitag, 15. Oktober 1993

"Der Brotladen" im Berliner Ensemble

Schon wieder ein staubiger Theater-Leichnam im Berliner Ensemble: Die Traditionsbühne muß sich mit zurecht vergessenen Petitessen von Brecht behelfen, weil die Erben des Meisters den jetzigen Intendanten die wahren Klassiker nicht gönnen. Deshalb macht man im BE aus der Not eine Untugend. Der junge Regisseur Thomas Heise inszenierte "Der Brotladen", ein unvollendetes Stück Agitationstheater, mit knirschender früh-epischer Dramaturgie.

Klar, was Heise daran gereizt hat: Gleich die ersten Szenen, in denen Washington Meyer (Thomas Wendrich) beim Zeitungsverkauf um Geld und Leben kämpft, erinnern an das Deutschland von heute mit Drückerkolonnen voller entwurzelter Sklavenarbeiter. Und auch sonst stimmt einiges, was überhaupt bei der Inszenierung dieses verlorenen Textes stimmen kann. Die rockigen Songs (Musik: H.-D. Rosalla) klingen fremdartig modern und trotzdem nach Brecht. Ironie zerstört die klassenkämpferische Weihe. Und das Ensemble (im Mittelpunkt Ruth Glöss als Witwe Queck) füllt mit seinem Spiel die Bühne, läßt vergessen, daß diese bis auf ein großes Metallgerüst leer ist.

Diese Inszenierung ist kein Meisterstreich, der dem BE den Weg ins nächste Jahrtausend weist. Aber sie hält mehr als sie versprochen hatte. Das kann man von den Vorstellungen, die die berühmten Hausherren bisher gegeben haben, nicht behaupten.

BZ Berlin