Samstag, 27. November 1993

"Rolling" und "Kids" in der Volksbühne

So macht man Theater-Skandal: Nicht, indem man Schweine auf der Bühne schmort, wie Johann Kresnik. Nicht, indem man Cordelia in einen Eimer urinieren läßt, wie Frank Castorf. Sondern indem man einfach gar nichts passieren läßt, wie Achim Freyer bei der Uraufführung seiner Stücke "Rolling" und "Kids" in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

"Rolling" ist eigentlich kein Stück, eher ein bewegliches Bild. Irgendwie - das ließ sich mit dem Programmheft und etwas Kombinationsgabe erraten - ging es um "Zehn kleine Negerlein" und um Rassismus.

60 Minuten schreiten zehn weißgekleidete Gestalten, die Gesichter hinter Kitsch-Masken, auf einem Lauftsteg. Drehen und winden sich wie Mannequins. Dazu erklingen Sphärenklänge, der Schlager "Mamma Mia" und poetisches Genuschel. Und zwei Digital-Bildschirme zeigen die Zeit an.

Das Publikum flippte aus. Man kommentierte, pöbelte, witzelte, schrie "Aufhören" und "Halbzeit" und floh türenschlagend. Freyer hatte es wohl vorhergesehen. Dafür sprach die Anwesenheit einer Kamera vom SFB.

So wurde der zweite Teil fast zum Anhängsel: "Kids", ein Tanztheater, bei dem knapp 50 Minuten schwarzgekleidete Skinheads zu überlautem Metallgetrommel in einer höllendunklen Gruft autistisch kreiseln, trampeln, rempeln. Die Gruft heißt "Deutschland". Denn nach jedem Ausbruch von Gewalt zücken die Skins Feuerzeuge - für die Lichterkette oder zum Asylanten-Abfackeln?

Der Abend bewies zumindest eins: Auch das durch Schock-Therapien abgehärtete Publikum der Volksbühne kann man noch erschüttern. Man muß ihm nur die gewohnten Mehlsack- und Wassereimer-Sensationen verweigern.

BZ Berlin

Sonntag, 21. November 1993

"Baal" im Berliner Ensemble

Ein Mann wie der junge Brecht, dieser Baal: Ein Genie, das mit seiner Poesie sogar die Kutscher in den Prolo-Spelunken betört. Ein Sex-Protz, dem die Frauenherzen zufliegen wie die weichen Seelen der Männerfreunde. Ein zynischer Egoist, der empfangene Liebe nur mit Quälerei, Spott und schnellen Nümmerchen vergilt.

Peter Palitzsch hat Brechts 1926 entstandene Baal-Fassung "Der Lebenslauf des Mannes Baal" im Berliner Ensemble inszeniert. Volker Spengler spielt darin den Baal nicht als Brecht - der war ja bekanntlich eher schmal und frettchenhaft. Sondern als Volker Spengler: Ein zerbrechliches Monstrum, das sich dick gefressen hat im Hunger nach der Welt und ihren Genüssen. Ein ewiges Kind, dessen Mangel an Moral kaum übermenschlich ist - vielmehr an die hartleibige Trotzköpfigkeit eines verwöhnten Fünfjährigen erinnert. Und ein hanseatischer Komiker, dessen trockener Humor seine stärkste Waffe ist.

Da macht es dann auch nichts mehr, daß er nuschelt wie der alte Minetti - im Gegenteil: Gerade dieses Verhuschte bildet im Verein mit der sexuellen Mehrdeutigkeit Spenglers einen reizvollen Kontrast zur Klarheit der BE-Stammkräfte (u.a. Hans-Peter Reinecke, Stefan Lisewski, Arno Wyzniewski).

Gegen Spengler stinken in zweieinhalb Stunden alle ab, selbst sein einziger kraftvoller männlicher Gegenpart Urs Hefti als Freund und Opfer Ekhart. Mit den zahllosen Nebenrollen-Frauen (u.a. die Beinahe-Marlene Frederike von Stechow) glücken Regisseur Palitzsch einige Miniaturen: Am schönsten, als die verführte Johanna (Stefanie Stappenbeck) sich minutenlang wieder anzukleiden versucht. Umsonst: Die Maske der Wohlanständigkeit kriegt sie nicht mehr hin. Das Matrosenkleid bleibt halb zugeknöpft, das Leibchen behält sie in der Hand.

Für seine Untaten stirbt Baal am Ende unter einem bleichen Himmel aus riesigen Neonröhren (Bühnenbild: Karl Kneidl). Bleich bleibt manchmal auch diese Inszenierung. Das Sinnliche liegt Palitzsch nicht, und wenn sein Hauptdarsteller es nicht auf die Bühne trägt, ist es dort nicht vorhanden.

Andererseits ist der magischste Ort des Abends ein halbseidenes Café, in dem Baal auftreten soll: Wenn dort die Soubrette Savettka (Maria Husmann) das "Lied von der Wolke der Nacht" singt und tanzt, kommt eine Poesie auf, die so groß ist, daß fast das Theaterdach wegfliegt. Solche Momente - und Spengler - entschädigen für alles.

BZ Berlin

Freitag, 19. November 1993

"Die Riesen vom Berge" im Maxim-Gorki-Theater

So kann sich ein talentierter Regisseur einen Bruch heben: Ausgerechnet das schwierigste aller schwierigen Stücke von Luigi Pirandello (1867-1936) brachte Rolf Winkelgrund im Maxim Gorki Theater auf die Bühne. Und der Mann, der 1992 eine mehr als achtbare "Wassa Shelesnowa" fertiggebracht hat, scheitert.

"Die Riesen vom Berge", 1936 geschrieben und unvollendet (den geplanten Schluß hat Pirandello seinem Sohn Stunden vor seinem Tode erzählt), spielt in einer Welt zwischen Märchen Traum und Realität. Der Zauberer Cotrone (Klaus Manchen) herrscht dort wie Prospero in Shakekspeares "Sturm" auf seiner Insel. Zu diesem Cotrone und seinem Gefolge, einer Sammlung von Gestalten, skurril wie eine Live-Übertragung aus dem Unterbewußtsein, gesellen sich die Gräfin (Anne-Else Paetzold) und ihre Schauspiel-Truppe.

Manchmal stehen mehr als 15 Menschen zusammen und tauschen Tiefsinnigkeiten aus. Über das Theater, über die Kunst, über Gott und die Welt. Sie erzählen, was war, und was sein wird. Doch jede Bewegung wird durch das Quetsch-Bühnenbild von Eberhard Keienburg erstickt. Äußere Handlung gibt es nur einmal im Traum.  

Auch Poesie und Magie kommen nicht auf. Klaus Manchen ist als Cotrone fehlbesetzt: Der Mann hat, bei allem Respekt vor seinen Fähigkeiten, leider überhaupt nichts Zauberhaftes. Und Daniel Minetti als Graf wird unter den Augen seines berühmten Großvaters (wie Thomas Langhoff, Christa Wolf und Jürgen Schitthelm Premierengast) zum dumpfen Hampelmann gemacht.

Lebendiges Theater wird so nicht aus Pirandellos Gedankenspiel. Die widerstrebenden Elemente - Tiefe, Tragik, Komik, Magie, Romantik - hat der Regisseur nur lose zusammengefügt. Zweieinhalb Stunden lang fallen sie ständig wieder auseinander.

BZ Berlin

Sonntag, 7. November 1993

"Geld anderer Leute" im Renaissance-Theater

Schlachtfeld Wall Street: Jerry Sterners Stück "Geld anderer Leute" im Renaissance-Theater gewinnt den komplizierten Kriegen an der New Yorker Börse eine unterhaltsame Seite ab. Bilanzen, Renditen, Verfügungen, Computeranalysen, Sperrminoritäten sind die Waffen, mit denen der Finanzhai Lawrence Garfinger (Ex-Guldenburg-Fiesling Wilfried Baasner) und die Anwältin Kate Sullivan (Susanne Uhlen) um die Aktienmehrheit der Provinzfirma "Draht & Kabel" kämpfen. In ihren Duellen lassen sie tatsächlich manchmal etwas von der Erotik des Geldes spüren. Und einmal darf Susanne Uhlen halbbekleidet die älteren Herren im Publikum verrrückt machen.

Gnadenlos verzichtet Sterner auf jeden Hauch von Happy End: Garfingers Appell an die niedrigsten Instinkte siegt. Den gefühlsduseligen Firmen-Patriarchen (Robert Freitag) erledigt er mit einem einzigen Wort: "Amen". Er besticht den Geschäftsführer (Volker Brandt) wickelt die Firma ab, gewinnt Millionen - dazu Herz und Körper seiner schönen Gegenspielerin. Am Stück hat's nicht gelegen, wenn der Abend im Mittelmaß stecken bleibt.

Dafür ist sonst alles wie gehabt: Die Schauspieler stellen ihre bekannten Gesichter aus. Aber was in einer Fernseh-Großaufnahme gut wirkt, füllt noch lange keine Bühne aus. Marion van de Kamp ist die einzige, die eine Fähigkeit zum Theaterspielen wenigstens erkennen läßt. Und Regisseurin Barbara Basel hat bescheiden alle eigenen Gedanken beseite geschoben und sorgfältig jede Interpretation vermieden.

BZ Berlin