Freitag, 23. Dezember 1994

"Die Sache Danton" in der Volksbühne

Der Star ist wieder zurück, seine Bandscheibe hat gehalten. Etwas zaghaft zwar noch, doch trotz Perücke und umgeschnalltem Bauch unverkennbar, turnte Henry Hübchen als Danton auf dem steilen Bühnenbild von Hartmut Meyer umher. Ein Sturz hatte ihn am 27. November für Wochen ausgeschaltet. Kurzfristig war Volksbühnen-Intendant Frank Castorf eingesprungen, um die Premiere von "Die Sache Danton" zu retten.

Jetzt endlich wieder Hübchen. Trotz kleinerer Texthänger - schließlich hatte er mehrere Wochen Proben versäumt - ein Gewinn, denn mit Herbert Fritsch (als Robespierre) und Silvia Rieger (als schöner geheimnisvoller St. Just) trägt Hübchen den Abend. Er wird noch besser werden und so auch die Inszenierung.

Deren Grundidee: Die Revolutionäre von 1789 waren Popstars. Kurt Cobain und Robespierre haben mehr gemeinsam als den finalen Mundschuß. Vier ziemlich kurzweilige Stunden ohne die Castorf-üblichen Nerv-Einlagen. Und obwohl es millionen Einwände gegen diese Arbeit gibt: Wieviel besser und mit wieviel mehr Liebe zum Theater ist das gemacht, als der übliche Routine-Mist, den man übers Jahr auf Berlins Bühnen zu sehen bekommt!

BZ Berlin

Donnerstag, 22. Dezember 1994

"Der letzte Yankee" im Renaissance-Theater

Plätschern ist nicht gleich Plätschern. Es gibt das nervtötende Plätschern eines defekten Wasserhahnes. Und es gibt das beruhigende Murmeln eines Bächleins. "Der letzte Yankee" im Renaissance-Theater plätschert auf die letztgenannte, relativ angenehme Weise - aber es plätschert.

Das neue Stück von Arthur Miller: Vier Personen, eine These. Der knarzige Erfolgsmensch Frick (Hans Teuschert) treibt seine depressive Frau (Kyra Mladek) immer tiefer in die Traurigkeit. Dagegen versucht Hamilton (Günter Lamprecht), der "letzte Yankee", seiner Patricia (Claudia Amm) mit Liebe wieder Lebensmut zu geben. Wenig Konflikt, selbst für nur zwei blasenschonende Stunden. 

Regisseur Heinz Kreidl hat nicht viel getan, um den Text aufzumischen. Er hat vier tolle Schauspieler und läßt sie einfach zu sanft spielen. "Drück auf die Tube oder auf die Tränendrüse!" hätte mal jemand rufen sollen "Aber mach bloß irgendwas! Gib Gas!" Dann wäre dieser deutschsprachiger Erstaufführung vielleicht mehr als nur wohlwollend applaudiert worden. 

BZ Berlin

Sonntag, 23. Oktober 1994

Donna Blue Lachmann mit "Frida: The Last Portrait" in der Volksbühne

Kontrastprogramm zu Kresnik: Die Amerikanerin Donna Blue Lachmann mit "Frida: The Last Portrait". Sie ist Frida Kahlo, die das Publikum als Gäste empfängt. Die Enge im 3. Stock der Volksbühne läßt alles ganz intim wirken. Frida unterhält sie mit Anekdoten, wie sie den Antisemiten Henry Ford als "Manufuckturer" triezte oder für Salvador Dalí ihr amputiertes Bein signieren wollte. Sie rührt mit der Geschichte ihrer überlebensgroßen Liebe zu Diego Rivera. Und sie schockt mit der Beschreibung des Busunfalles, bei dem sie von einer Stange durchbohrt wurde. Doch selbst beim Schocken setzt sie noch Pointen: "Ich wurde von einem Bus entjungfert." Mit solchen Zynismen bremst sie den manchmal gefährlich drohenden Kitsch.



BZ Berlin

Samstag, 22. Oktober 1994

"Schneider und Schuster" im Maxim-Gorki-Theater

Das Jahrhundert als Halluzination zweier Bühnensüchtiger: Von einem Vorsprechen bei Stanislawski bis zu einem Handy-Anruf aus Hollywood spannt sich die Geschichte eines jüdischen Schauspieler-Duos in Joshua Sobols "Schneider und Schuster". Peter Fitz hat die deutsche Erstaufführung am Maxim Gorki Theater inszeniert.

Das Stück ist ein bißchen Tabori - vor allem von Mr. Jay und Goldberg hat es einiges, ein bißchen Lubitsch und ein bißchen Woody Allen. Ein Vehikel für zwei großartige Darsteller: Albert Hetterle ist der Publikumsliebling Schneider. Und Ulrich Anschütz sein unerläßlicher gequälter Gegen-Spieler Schuster.

In einem verlassenen Theater spielen sie sich mit einer wüsten Dämonenbeschwörung durch 70 Jahre Haß und Verfolgung. Antisemitismus in Polen, die Flucht vor den Deutschen 1939, Folter-Verhöre bei Stalin - und immer die Frage: Was soll Theater angesichts all dessen?

Dabei glückt ihnen oft wirkliche Tiefe im Komischen: Wenn Schneider den Schuster zwingt, Hamlets "Sein oder Nichtsein" auf Jiddisch mit allerlei Hanswurstiaden zu rezitieren, wird das zum beklemmenden Sinnbild für Anpassung und Leiden. Um solcher Momente willen könnte sich "Schneider und Schuster" zum ersten Hit der Intendanten-Ära Wilms entwickeln. 

BZ Berlin

Dienstag, 18. Oktober 1994

"I do! I do! Das musikalische Himmelbett" in der Tribüne

Die Voraussetzungen für einen grauenhaften Theaterabend waren günstig: Das Musical "I do! I do! Das musikalische Himmelbett" vom Erfolgsduo Tom Jones und Harvey Schmidt entstand 1968, aber seine Geisteshaltung stammt eher aus den 30er oder 40er Jahren. Aus einer Zeit, als Frauen noch unberührt in die Ehe gingen und Kinder erst zur Hochzeit das Elternhaus verließen. Regisseurin Helga Wolf und Bühnenbildner Rolf Häusner haben in der Tribüne keine Anstrengungen gemacht, dem Stück die Plüschigkeit auszutreiben.

In den ersten zehn Minuten darf sich das frischgetraute Ehepaar Agnes und Michael (Mary C. Bernet, Hansgeorg Gantert) so hemmungslos peinlich anschmachten und dabei so erbarmungswürdig schlecht singen, daß man am liebsten flüchten würde - das ist schlimmer, als wenn Schock-Regisseur Johann Kresnik in der Volksbühne Schweinehälften brutzelt.

Aber dann fängt sich der Abend irgendwie doch noch knapp vor dem totalen Absturz. Die Darsteller singen sich frei, und in den weiteren Stationen dieser Ehe-Revue erleben sie die Schrecken des Alltags: Kinder, Geldsorgen, Ehekräche, versuchte Seitensprünge - halt alles, was zu einer irdischen Ehe unterhalb des Broadway Himmels gehört.

Auch in diesen Szenen bleibt Hansgeorg Gantert zwar zweifbeinig, steifgesichtig und steifstimmig, aber wenn er sich mit Mary C. Bernet fetzt ,kommt trotzdem Leben in die Bude. Die Bernet knattert zwar in den hohen Tonlagen, hat aber - wenn die Melodien sie nicht überfordern - einen hübschen Schmelz in der der Stimme, kann komisch sein, sieht gut aus und spricht "eine ganz wunnebar Deuts" mit holländischem Akzent.

So rundet sich am Ende doch noch alles zu einer unterhaltsamen Nichtigkeit. Und dafür gibt's mit Müh und Not noch ein Applaus-Bärchen.

BZ Berlin

Samstag, 24. September 1994

"Kriemhilds Rache" im Deutschen Theater

Das Deutsche Theater ist wie eine große Maschine zur Produktion ewiggleicher bühnen-realistischer Erfolgsprodukte. Am Samstag wurde das neue S-Klassenmodell enthüllt: "Kriemhilds Rache", der letzte Teil von Friedrich Hebbels Nibelungen-Trilogie. Ober-Ingenieur Thomas Langhoff hat die Herstellung geleitet, und seine herausragenden Seelen-Maschinisten Dagmar Manzel und Jörg Gudzuhn sind Motor und Hirn dieser Aufführung.

"Kriemhilds Rache" ist wie der letzte Mercedes: Alles ist gleich geblieben, nur die Karosserie ist fetter. Wer sich seit Jahren mit den vier Farben aus der Ausdruckspalette der Herrschaften Manzel und Gudzuhn bescheidet, der wird auch diesmal nicht die bunten Zwischentöne des Lebens vermissen. Die Manzel als Kriemhild: Das ist die Zickigkeit des späten Mädchens und die röhrende Rächerinnen-Wut der Witwe. Gudzuhn als Hagen Tronje: Das ist die laute Verblendung des eitlen Rammbocks und der leise Sarkasmus des beleidigten Besserwissers. Mehr ist den beiden nicht abverlangt worden.

Wie halbherzig hat Langhoff inszeniert! Er kann sich nicht zwischen Belustigung und Tragik entscheiden und verspielt so beides: Wir lachen, wenn wir erschüttert sein sollen - so am Schluß, wenn Etzel (Dietrich Körner) die Burgunder metzelt. Und wir starren erschüttert auf den Theaterboden, wenn wir lachen sollen.

Wieviele Schicksalsfäden seiner Figuren hat Langhoff achtlos liegen lassen! Kriemhild hat mit prahlerischer Geschwätzigkeit den Mord an Siegfried (Daniel Morgenroth) erst provoziert, und verdrängte Schuldgefühl sind der Treibstoff ihrer unmenschlichen Rachsucht - das hat Hebbel zwar aufgeschrieben, doch wir sehen es nicht auf der Bühne.

Bei den Wiener Festwochen hat die Inszenierung eine mittelschwere Bauchlandung erlebt. In Berlin wird sie ihr Publikum finden. Aber die Theatermaschine an der Schumannstraße hat schon lange nicht mehr so unüberhörbar gerasselt und geächzt. 

BZ Berlin

Sonntag, 18. September 1994

"Ladies im Hotel" im Maxim-Gorki-Theater

Mit Großstadtheater wollte Bernd Wilms, der neue Gorki-Intendant die Spielzeit eröffnen. Mit Boulevard im besten Sinne. Mit einem Stück von Dorothy Parker (1893-1967), der "geistreichsten Frau Amerikas", über das Thema Einsamkeit. Die "Ladies im Hotel": Eine (Adriana Altaras) säuft, eine (Monika Lennartz nimmt sich einen jüngeren Liebhaber (Daniel Minetti), andere (Annemone Haase) zehren nur noch vom abgestandenen Klatsch.

Leider scheitert das Unternehmen (Regie: Klaus Emmerich) fast an den Schauspielern. Vor allem die hier nicht genannten treffen zu selten den ruppigen komödiantischen Ton, mit dem so ein New-York-Stück für Berlin gespielt werden muß. Wenn sie Tempo wollen, pressen sie die Wort atemlos und leiern wie schlecht geölte Maschinengewehre. Hoffentlich finden sie noch ihr Timing. Sonst bleibt dies nur ein unterhaltender Gernegroßstadt-Rummel. 

BZ Berlin

Samstag, 10. September 1994

"Boris Godunow" in der Volksbühne

Der Kampf ging eindeutig aus: Gero Troike siegt über "Boris Godunow" mit einem technischen K.o. nach vier Stunden. Einen leichten Sieg über den Text erringt der Regisseur bei der ersten Saisonpremiere der Volksbühne. Aber was haben ihm Puschkins Tragödie und Mütterchen Rußland bloß getan? Warum, um alles in der Welt, findet ein Künstler Vergnügen daran, einen ganz Abend lang wenig mehr zu tun, als seine Schauspieler zu Klischees russischer Typen zu formen? Warum glaubt er, daß das Publikum darüber lachen kann? Warum behält er bei einem Teil der Zuschauer auch noch recht? Vielleicht ist das wieder irgend so ein Insiderscherz für die ostdeutschen Brüder und Schwestern. Vielleicht empfinden die es ja immer noch als befreiend, über die Russen lachen zu dürfen, auf Witzteufel komm raus.

Zugegeben: Puschkins Tragödie (geschrieben 1825) ist ein Schinken voller Pathos von Schillerschen Ausmaßen. Die Geschichte des Mönches Grigorij (Peter René Lüdicke), der sich für den ermordeten Zarensohn Dimitrij ausgibt und mit Hilfe von Polen und Litauern gegen den Thronräuber Boris Godunow (Hendrik Arnst) ins Feld zieht, ist ein farbenprächtiger Kostümfilm von epischer Breite. Halb Rußland tummelt sich auf der Bühne und Troike hat ganze Heerscharen von Statisten eingekauft, um das Gewimmel halbwegs abbilden zu können. Ein bißchen fordert solcher Historienbombast die Parodie ja geradezu heraus.

Aber wenn deutsche Klassikerzertrümmerer sich über Schiller lustig machen, hat das immer mehr oder weniger nachvollziehbare Gründe. Ein tausendfach gespielter, längst speckig vom vielen Befummeln gewordener Text soll gegen den Strich gebürstet werden. Welchen Sinn soll das bei diesem hierzulande kaum gespielten Russenschinken machen? Und wie heilig ernst wirkt die komödiantische Wut einer Castorf-Inszenierung verglichen mit diesem hingeschluderten Mist.

Der Russe als solcher: Bei Troike hüllt er sich in Kutten, geht schlurfenden Schrittes und verschwindet fast hinter einem gewaltigen Fusselbart. Den Text leiern die Schauspieler meist wie im Schülertheater, wenn pickelige Teenager sich vom fremden Pathos der Verse überdeutlich distanzieren wollen. Nach einer Stunde haben wir's kapiert. Nach zwei Stunden sind wir schon schwer genervt. Nach vier Stunden sind wir nur noch froh, das Theater endlich verlassen zu können.

BZ Berlin

Freitag, 2. September 1994

"Claustrophobia" vom St. Petersburger Maly Theater in der Volksbühne

Die Gespenster Rußlands trippeln auf Spitzenschühchen. In einem alten Theatersaal, irgendwo in St. Petersburg. Man kennt solche Säle auch aus historischen Filmen über die Oktoberrevolution. Da sitzen zarentreue Kadetten hinter den hohen Fenstern und schießen auf die Bolschewiki unten auf der Straße. Ein Ort, an dem man tanzt und mordet. Ideales Gelände, um die sowjetisch Gegenwart zu beschwören.

Zwei Stunden wirbeln die jungen Schauspieler des Maly Theaters und der St. Petersburger Theaterakademie. Szenen nach Vladimir Sorokin, Wenedikt Jerofejew, Ludmilla Ulitskaja und Mark Kharitonow. "Claustrophobia" (Regie: Lew Dodin) - ein Bilderbogen russischer Absurditäten.

Da berät ein Wissenschaftlerkommission langwierig, wie sie die Fäulnis des einbalsamierten Lenin-Leichnams stoppen kann. Und Lenin persönlich geistert als ruheloser Untoter umher, der sich nach einem normalen Begräbnis sehnt.. Die Insassen einer Irrenanstalt diskutieren über den Alkoholgehalt von Literatur: Soff Goethe selbst oder ließ er seine Figuren für sich saufen? Bettler, Soldaten, Gottesnarren, Huren treten auf und das gesamte russische Volk steht in der Schlange, der wichtigsten gesellschaftlichen Formation des Sowjetlebens.

Dies alles gelingt den jungen Darstellern mit einer schönen Leichtigkeit. Hier wirkt die Zauberkraft eines Theaters, das noch an seine ureigenen Mittel glaubt: Kein großer Aufwand an Kostümen und Bühnenbild. Nur Menschen, Musik, Mienen, Tanz, Sprache - sonst nichts, aber genug, um eine Welt zu schaffen. Und als die Nummernrevue nach zwei Stunden anfängt allmählich zu ermüden, da ist sie - schnipp! - vorbei. Genau im richtigen Augenblick.

Danach rauschte der Beifall minutenlang. Wohl auch eine Symphatiekundgebung. Die Russen gehen - das gilt hoffentlich nur für die Soldaten. Für solche Künstler gilt weiterhin: Kommet zuhauf!

BZ Berlin

Mittwoch, 31. August 1994

"Das Haus" vom St. Petersburger Maly Theater in der Schaubühne.

Einen passenderen Ort als die Schaubühne hätten die Berliner Festspiele für das Gastspiel des Petersburger Maly Theaters nicht wählen können: "Das Haus" nach Motiven von Fjodor Abramow fügt sich wunderbar zu Andrea Breths 92er-Aufführung von Wampilows "Letzten Sommer in Tschulimsk".

Wie Breth durchbricht Regisseur Lew Dodin in dieser 14 Jahre alten Inszenierung seinen psychologischen Realismus immer wieder mit symbolbeladenen Szenen. Und beide Geschichten spielen in der Sowjetunion der späten Sechziger Jahre. In den Dörfern muß die Zerrüttung schon allgegenwärtig gewesen sein, wenn der junge Wampilow im Süden und der damals gut 45jährige Abramow im äußersten Norden zu ähnlichen Bestandsaufnahmen gekommen sind.

Die Ideale der Revolution sind in "Das Haus" längst rostig geworden wie die Sensen, mit denen die Kolchosbauern von Pekaschkino in die Ernteschlacht trotten. Die Familien sind zerrüttet. Überall Trunk und Sehnsucht nach schnellem Konsum. Da wirkt einer wie Michail (Nikolai Lawrow), der sich schlaflose Nächte wegen verdorbener Böden macht, antiquiert wie das Revolutionsfossil Dunajew (Sergeik Kuryschew). Sein Starrsinn verfeindet ihn auch noch mit seiner Schwester Lisa (Tatjana Schestakowa), der zweiten Lichtgestalt in dieser Einöde der Verkommenheit..

Bis die Katastrophe - Lisas Tod - eintritt, hat der Zuschauer unter seinem Übersetzungskopfhörer Gelegenheit zu Betrachtungen über die ewigen Themen der russischen Literatur: Denn dieses melancholische Gefühl von Stillstand und Verfall kommt einem irgendwie bekannt vor.

Wenn hier einige Etiketten und Kostüme ausgetauscht würden - der korrupte Kolchos-Chef könnte auch Gutsverwalter sein - könnte "Das Haus" genauso im 19. Jahrhundert spielen. Sogar einen Epileptiker gibt es, dem die Güte nur so aus den Augen strahlt! War die Sowjetunion mit ihrem Weltveränderungs-Pathos etwa nur ein kurzer Traum im Schlaf des ewig dahindämmernden Rußlands? Fast will man es glauben. 

BZ Berlin

Mittwoch, 15. Juni 1994

"Amphitryon" im Deutschen Theater

Kein himmlisches Ambrosia, nur eine gutbürgerliche Götterspeise hat Jürgen Gosch mit seinem buchstabengetreuen "Amphitryon" im Deutschen Theater angerichtet. Und die Tragik, die Kleists 1806 entstandener Komödie innewohnt, ist ihm fast völlig abhanden gekommen.

Was bleibt, ist ein flotter Sechser im alten Griechenland: Jupiter auf der Suche nach irdischer Liebe und Merkur, der Spitzbube des Olymp, schleichen sich in der Gestalt des Amphitryon und seines Dieners Sosias bei deren Frauen ein. Doch Amphitryon (Daniel Morgenroth) scheint hier mehr vom Verlust der Herrschaft, der Frau und seines Palastes erschüttert als dadurch, daß der Gott (Götz Schubert) ihm sein Ich geraubt hat. Genauso wird seine Gattin Alkmene (Dagmar Manzel) zur Karikatur. Vom Komischen zum (Kleist völlig fremden) Lächerlichen ist es nur ein Schritt: Bei der Manzel ist es ein schuldmädchenhafter Hopser an den Hals des Göttergatten.

Wenn am Ende aus der Götterspeise kein ordinärer Wackelpudding geworden ist, dann verdankt das die Aufführung vor allem dem überragenden Ignaz Kirchner als Sosias. Er ist zum Brüllen komisch - wie erwartet. Das Publikum tobt, wenn er sich mit seinem Hausdrachen Charis fetzt (Margit Bendokat kann ihrer Herbheit hier die Sporen geben). Aber Kirchner läßt auch als einziger einen Hauch von Tragik spüren: Als sein Doppelgänger Merkur (Thomas Neumann als brutaler Unsympath) ihm krachend den Rücken bläut, zucken wir alle unter dem gnadenlosen Prügel der Götter. Und fühlen die Verzweiflung eines Menschen, dem mit roher Gewalt die Existenz gestohlen wird. 

BZ Berlin

Sonntag, 15. Mai 1994

"Goethes Faust. Wurzel aus 1 + 2" vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg beim Theatertreffen

Zum Schluß bekam das Theatertreffen endlich eine Aufführung, an der sich die Geister scheiden. Buhs kämpften mit Bravos, 100-200 Zuschauer flüchteten vor "Goethes Faust. Wurzel aus 1 + 2" vom Hamburger Schauspielhaus. Die Buhs für die Schauspieler waren unangebracht: Sie erfüllten im Schiller Theater das Regiekonzept mit bewunderswerter Präzision und dennoch bewahrte jeder seine individuelle Farbe. Aber sonst?

Marthaler geht davon aus, daß die Bildungsvoraussetzungen, vor denen sich Goethes Mammutwerk mit all seinen Anspielungen entfalten konnte, nicht mehr existieren. Bei ihm hat selbst Faust (Josef Bierbichler) seinen "Habe-nun-ach"-Monolog vergessen. Übriggeblieben sind nur die Selbstlaute: "A-U-A" stammelt Bierbichler und erst nach Minuten findet er die Sprache wieder wie das genesende Opfer eines Hirnunfalls.

Symptomatisch für den ganzen Abend. Es waren 100 mal mehr, mal weniger kluge, gespielte Fußnoten zum "Faust". Wie immer mit berückenden Liedern und einzelnen Glanznummern. Doch die Inszenierung ist wie ein wunderschönes Flugzeug, das Spitzendesigner und Konstrukteure entworfen haben. Es hat nur einen Fehler - es fliegt nicht. Es macht kleine Hopser, bleibt nie lange in der Luft und setzt prompt wieder zur nächsten Bauchlandung in der Beliebigkeit an. 

BZ Berlin

Freitag, 13. Mai 1994

"Sonnenuntergang" vom Wiener Burgtheater beim Theatertreffen

Ach, noch einmal im Schiller-Theater richtiges Theater sehen! Dieter Giesings atemberaubende Wiener Inszenierung "Sonnenuntergang". Ein kurzes, vom russischen Juden Isaak Babel 1926 in neun Tagen hingerotztes Stück.

Giesing läßt es knallen, wo es knallen muß - dann tanzt der Fuhrunternehmer Mendel Krik (Hans-Michael Rehberg) zu aufschreienden Geigen um sein Leben wie Alexis Sorbas. Dann prügelt sich der Familientyrann mit seinen Söhnen. Und als schon der kühle Benja (Ulrich Tukur) den Alten mit einem Revolverhieb in den Schwachsinn befördert hat, wimmert hinten noch Bruder Lwowka: "Er hat mir in die Eier getreten."

Daneben unendliche Zartheit. Wenn die Geliebte des Alten (Eva Herzig) schwatzend sich auszieht. Rehberg steht, raucht und guckt immer aufgelöster. Das ist nicht Geilheit, das ist die Erkenntnis, daß auch die Wärme dieses Halbkindes ihm nicht die Jugend zurückbringen wird. Und der zweite Tanz auf der Siegesfeier seiner Söhne: Als Jammerbild des Zerschlagenen schlurft Krik versteckt in der johlenden Schnorrermeute!

Eine Vatermordgeschichte in acht kinoprallen Breitwandbühnenbildern von Karl-Ernst Hermann. Die ausgerotteten Juden Osteuropas - hier leben sie wieder für einen Abend. Fuhrleute, Gauner, Rabbis, Schneider, Händler, Heiratsvermittler (eine Welt für sich: Fritz Muliar) - sie sind echt, sie sind schön. Sie machen traurig, sie machen süchtig. Und Rehberg ist diesmal wirklich groß. Hingehen!

BZ Berlin

Mittwoch, 11. Mai 1994

"Wolken Heim" vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg beim Theatertreffen

Der erste wirkliche Höhepunkt des Theatertreffens 1994. Was der 43 Jahre alte Schweizer Jossi Wieler aus Elfriede Jelineks "Wolken Heim" gemacht hat, das ließ die bisherigen Talentproben seiner Regie-Kollegen ziemlich kindisch aussehen.

Diese Inszenierung des Hamburger Schauspielhauses hat alles, was großes Theater braucht. Zunächst eine szenische Idee, die dem Text paßt wie eine Paradeuniform: Sechs Fliegerwitwen (Marion Breckwoldt, Marlen Diekhoff, Gundi Ellert, Ulrike Grote, Ilse Ritter, Anne Weber) leben im Bunker noch einmal das Dasein ihrer gefallenen Männer nach. Am Anfang plappern sie Zitate aus der Plunderkammer des deutschen Idealismus von Hegel bis Heidegger. Am Ende sind sie rohe Landsknechte, die schon vor dem Tode alles Menschliche abgelegt haben.

Wieler hat ein unglaubliches Gefühl für Timing und Rhythmus. Und er hat sechs furiose Schauspielerinnen, die er bremst, wo er bremsen muß - vor allem die diesmal großartige Ilse Ritter läuft ja immer Gefahr, von ihren Manierismen aus der Kurve getragen zu werden. Und die er antreibt, wo er sie in den kontrollierten Wahnsinn treiben muß.

Genug. Man müßte schon etwas vom hymnischen Schwung des in "Wolken Heim" verwursteten Hölderlin haben, um den Abend angemessen bejubeln zu können. Für alle, die's im Ballhaus Rixdorf verpaßt haben: Die Zugfahrt nach Hamburg dauert ab Ende Mai weniger als drei Stunden.

BZ Berlin

Dienstag, 10. Mai 1994

"S.O.S/Mayday "im Stükke-Theater

Der besser Kudamm liegt an der Hasenheide. Die Komödien "S.O.S" und "Mayday", im Stükke-Theater vom Autor Uwe Wilhelm inszeniert, haben (fast) alles, was Boulevard-Theater braucht: Frivole Sprüche im Dutzend. Gelegentlich kreist der Humor-Holzhammer und betäubt wohltuend den Verstand. Und das Ganze ist auch noch voll aus dem Leben mittelalter Menschen gegriffen.

Zuerst monologisiert Held (Silvia Rachor sieht sogar aus wie Edith Hanckes 150 Jahre jüngere Schwester) eineinhalb Stunden als scheidungswillige Ehefrau zum Thema "S.O.S Sex oder Selbstmord". Am stärksten ist sie, wenn sie an die Rampe geht und das Publikum im Nahkampf bezwingt. Sie enthüllt: "Vorgetäuschte Orgasmen sollen ja mehr Kalorien verbrauchen." Und präsentiert lächelnd ihren makellos schlanken Körper unter dem Lackmantel. Das versöhnt mit allen Schwächen.

Danach fragt sich zur Pause jeder? Man man nun wirklich noch einen zweiten Einakter dahinterspannen? Doch Herbert (;Max Herbrechter) zerstreut mit Maschinengewehr Humor wie Jerry Lewis unter Starkstrom alles Zweifel. Denn Herbert ist in "Mayday" Helgas Ehemann, dem Adolf Hitler und Theresa Orlowski im Traum erscheinen. Sein Orgasmus-Problem: "Wenn Helga endlich kommt, sitze ich schon wieder angezogen vor dem Fernseher." Am Ende greift er zum Telefon und spricht ins andere Stück hinein. Dann wird aus zwei Einpersonen-Stücken ein zeitversetztes Zweipersonen-Stück. Und die ungeduldige Frage aus der Pause: "Muß man wirklich?" ist beantwortet: Man muß! 

BZ Berlin

Montag, 9. Mai 1994

"Faust. Eine subjektive Tragödie" vom Hamburger Schauspielhaus in der Volksbühne

Kneipe oder Büro? Beides zugleich und nichts von allem. Vier Kneipentische, vier korrekte Herren, die mit Bleistiften auf winzige Blätter kritzeln. Ringsum ein ein Flaschenregal. Eine Theke. Ein Waschbecken. Sehnsüchtiges Dämmerlicht. Und eine Milchglasscheibe, hinter der melancholische Musik erklingt - das traumhafte Bühnenbild von Anna Viebrock verspricht mehr als Christoph Marthalers Inszenierung "Faust. Eine subjektive Tragödie" halten kann.

Eine Vorstudie für Größeres, mehr nicht - das ist dieser dösige Theaterabend, mit dem das Hamburger Schauspielhaus jetzt in der Volksbühne gastierte.

Bei diesem Entwurf - entstanden 1992 in Basel, 1994 nach Hamburg übernommen - fehlt alles, was den Reiz der späteren Schlaf- und Singabende Marthalers ausmachte: Plötzliche Ausbrüche von Musik, die mit Phasen dösender Langsamkeit wecheln. Und obendrein war der komplizierte lyrische Text vom Portugiesen Fernando Pessoa (1888-1935) oft einfach nicht richtig zu hören.

Trotzdem: Auch von den vier Doppelgängern Pessoas, die als Fäuste auftraten (Ueli Jäggi, Josef Ostendorf André Jung, Martin Horn) ging ein Abglanz des typischen musikalischen Marthaler-Zaubers aus. man mußte sich allerdings sehr geduldig auf den Rhythmus des Geschehens einlassen. Wer einmal im Programmheft las, war verloren!

BZ Berlin

Samstag, 7. Mai 1994

"Antonius und Cleopatra" vom Berliner Ensemble bei den Wiener Festwochen

Dies war der Abend der Eva Mattes im Theater an der Wien. Wieviel Pech hatte sie doch im letzten Jahr mit ihren Rollen! Als süßliche Animateurin, die besser in die Mini-Playback-Show gepaßt hätte ("Das Wunder von Mailand!). Als mopsige Soldatenbraut im Panzerknacker-Outfit, die den dampfeden genitalen Quatsch des spätpubertären Brecht aufsagen mußte ("Fatzer"). Als Provinz-Schönheit in einem Film, den gerade mal ein paar tausend Menschen sehen wollten ("Der Kinoerzähler").

Und nun - welch eine Rückkehr im Triumph! Als Cleopatra ist sie endlich das, was sie schon immer sein sollte: Die Frau, die mit überlegen gebändigter Weiblichkeit den dummen Männern ringsumher die Faust unter die Nase setzt. Und wenn so ein Prachtweib schon aus Liebe untergeht, denn reißt es mindesten den geliebten Kerl, den großen Feldhern Antonius (Gert Voss), und das ganze Reich mit in den Untergang.

"Antonius und Cleopatra", das ist in Peter Zadeks Wiener Festwochen-Inszenierung (ab Oktober auch im Berliner Ensemble zu sehen) die schaurige Mär von einer wilden Liebe in der eiskalten Höhenluft der Macht. Antonius geht für seine geliebte Nilschlange über Frauen, wie er früher über Soldatenleichen ging. Seine angetraute Fulvia stirbt verlassen in Rom. Und mit Octavia (Gaby Herz), der Schwester seines Gegenspielers Octavian (großartig: Veit Schubert) paart er sich nur, um sie beim nächsten Verrat ohne Sang und Klang zurückzulassen.

Ob sie nun Ägypter sind, die sich mit den Wohlgerüchen des Orients einnebeln, oder Römer, die Pulverdampf und Männerschweiß als Parfüm bevorzugen - Verrat ist ihr tägliches Brot. Die Menschen sterben nicht nur, weil sie verraten werden. Sie gehen schon unter, wenn sie sich bloß verraten glauben. In der Wüstenhitze Ägyptens sieht Antonius ständig die Fata Morgana des Verrats. Und gerade, daß er nicht bedingungslos an Cleopatras Treue glaubt, führt ihn ins Verderben.

Gert Voss als Antonius ist der Schatten des einstigen Wüstenfuchses. Je näher dem Tode, je ferner der Macht, desto mehr wird aus seiner unvergleichlich hellen Stimme das rauhe, verwaschene Organ des Verlierers. Am Ende siegt derjenige, der am glattesten verraten kann. Octavian ist der neue technokratische Typ des Verräters. Herrscher der neuen Zeit.

"Antonius und Cleopatra" ist Zadeks zweite Shakespeare-Inszenierung in jenem Alterstil, den er für den "Kaufmann von Venedig" schon entworfen hatte. Ohne die Mätzchen, die ihn früher berühmt-berüchtigt gemachten hatten, rasend schnell (trotzdem 3 Stunden 45 Minuten ohne Pause) und mit einer sehr gedämpften Theatralik, die die wenigen Gefühlsausbrüche um so erschütternder hervortreten läßt.

Dem Wiener Premieren-Publikum - ohnehin eher zum Juwelenrasseln als zum Appplaudieren gekommen - gefiel das nur zum Teil. An den Personen von Zadek, Voss und Mattes entzündeten sich die hierzulande schon rituellen Schlachten zwischen Bravo- und Buhrufern. Ihre Bewährungsprobe muß die Inszenierung erst in Berlin bestehen.

Samstag, 30. April 1994

"Frank Dell's The Temptation of St. Antony" im Theater am Halleschen Ufer

Wie wäre es gewesen, wenn der Kultkomiker Lenny Bruce (auch bei uns bekannt durch den Film "Lenny" mit Dustin Hoffman) bei laufendem Fernseher einschläft und in seinem Bewußtsein noch Stücke aus Flauberts Lesedrama "Die Versuchung des Heiligen Antonius" herumspuken? Dies ungefähr ist die Frage, die die New Yorker "Wooster Group" mit ihrem "Frank Dell's The Temptation of St. Antony" stellt.

Mit diesem Spektakel von 1987, einem Ding irgendwo aus dem dem wüsten Niemandsland zwischen Theater, Performance, Kabarett, Musical und Videospiel, ist weltberühmte New-Yorker-Experimentalbühne jetzt im Theater am Halleschen Ufer zu Gast.

Theater mit der Wooster Group ist, wie wenn man am Radio ganz schnell den Senderknopf auf und ab dreht. Und dazu auch noch Bilder sieht! Mit dieser Zapping-Ästhetik reagiert die Truppe um Regisseurin Elizabeth LeCompte auf Bilder und Töne, die aus dem Medien-Universum wie Meteoriten auf uns einprasseln.

Willem Dafoe war als rappender-plaudernder Frank Dell alias Lenny Bruce und heiliger Antionius in einer Person das Zentrum des Chaos. Auf den drei Videomonitoren, mit denen er Zwiesprache hielt, war noch Ron Vawter zu sehen, der die Hauptrolle von 1987 bis 1993 spielte. Er starb vor zwei Wochen an den Folgen von Aids. 

Fazit: Verwirrend. Manchmal schwer nachvollziehbar, weil viele Anspielungen sich wohl nur Amerikanern erschließen und auch gute englische Sprachkenntnisse nicht garantieren, daß man alles versteht. Trotzdem kurzweilig, sensationsprall. Und dort, wo es verständlich war, überaus witzig.

BZ Berlin

Mittwoch, 27. April 1994

"Die falsche Zofe" in der Volksbühne

Schade. Aus der ersten Regie des jungen Stefan Bachmann an der Volksbühne wurde nichts als eine Talentprobe. Dabei hat Bachmann mit viel Gefühl die aktuellen Bezügen im Marivaux-Stück "Die falsche Zofe" von 1724 aufgespürt. Aus den blasierten Adelsexistenzen des Rokoko-Autors macht er schicke Koksnasen wie sie die Münchner Nobeldiscos a la "P1" bevölkern. Und nebenbei bietet schönste Parodie auf Kokser-Rituale seit Woody Allen.

Da spürt man etwas vom Spaß, den alle bei den Proben hatten. Zuviel Spaß? Vielleicht hätte ein erfahrenerer Regisseur die Schauspieler noch mal in den Hintern getreten. Manchmal stehen sich Lelio (Michael Günther), die Gräfin (Susanne Wagner) und der Chevalier (Ursula Ofner) gegenüber. Und sie verfehlen sich um Nuancen. Um Hundertstel-Sekunden, Halbtöne. Sie spielen nicht miteinander. Jeder sagt seinen Text für sich.

Einzelnes gelingt glänzend, wenn Trivelin (Bruno Cathomas) und Harlequin (Isabella Parkinson) beteiligt sind. Oder die Aktzwischenspiele als die vier nutzlosen Existenzen zu Liedern aus Werbespots ihr Bacardi-Lebensgefühl tanzen. Aber dies bleibt doch die nicht zu Ende gepinselte Skizze einer wunderbaren komödiantischen Inszenierung. Schade - dabei spielte die ganze Welt mit: Als Lelio den Trivelin zu ermorden drohte, klang plötzlich von außerhalb der Volksbühne das Martinshorn eines Streifenswagens ...

BZ Berlin

Freitag, 11. März 1994

"Quartett" im Berliner Ensemble

Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Besondes seltsam, wenn eine sehr alte Frau und ein junger Mann es spielen, um die endlose Eintönigkeit eines überflüssigen Daseins aufzulockern.

In einem Salon vor der französischen Revolution oder im Bunker nach dem 3. Weltkrieg möchte Heiner Müller sein Stück "Quartett" (nach dem Roman "Gefährliche Liebschaften") angesiedelt sehen. Der Bühnenbildner Hans-Joachim Schlieker hat das mit einem dezent beleuchteten Metall-Verließ tatsächlich geschafft. Hier vegetieren höchst kultiviert die Marquise de Merteuil (Marianne Hoppe) und der Vicomte de Valmont (Martin Wuttke). Zwei eingesperrte Drohnen, ein seltsames Paar wie Winnie und Willie in Becketts "Glückliche Tage". Sie spielen das Spiel von der großen Verführung, um aus den Ruinen ihrer Gefühle noch ein paar dekadente Kicks hervorzukratzen.

Heiner Müller hat sein Stück im Berliner Ensemble nun zum zweiten Mal selbst inszeniert. Gegenüber der Aufführung 1991 im Deutschen Theater hat er es noch weiter in die Abstraktion getrieben.

Schon durch die Besetzung ist von Anfang an klar, daß die Erzählungen der beiden nichts mit der Realität zu tun haben. Ihre Erinnerungen an wilde Vergangenheiten und ihr Geplauder über gegenwärtige erotische Eroberungen - alles Lüge! Spielmaterial.

Als Mitspieler halten zwei trampelige Domestiken (Margarita Broich, Ruth Glöss) und ein blaues Fetisch-Wesen (Thorsten Heidel) her. Selbst deren "Revolution" ist Teil des Spiels. Statt die beiden zur Guillotine zu schleifen, malen sie ihnen das rote Halsband nur mit Lippenstift an.

Äußere Handlung, Action gibt es gar nicht. Müller verläßt sich ganz auf seinen Text, dessen kühle Poesie seine beiden großartigen Protagonisten zum Leuchten bringen. Die Kombination Hoppe-Wuttke ist der Glücksfall dieser Inszenierung. Die 84jährige bringt ihre ganze Zauberkraft mit. Ihre Stimme, Blicke, Gesten - das genügt. Und nie kommt Peinlichkeit auf, wenn sie in die - leicht abgemilderten - erotischen Abgründe des Textes taucht.

Und Wuttke - äußerlich ein wenig an dem Film-Valmont John Malkovitch erinnernd - setzt ihrem unerreichbaren Diven-Glanz das federnde Selbstbewußtsein eines begnadeten Jungschauspielers entgegen. Doch er kann auch geduldig abwarten, wenn die Hoppe ihre zahlreichen Textunsicherheiten überspielt. "Spielen wir weiter?" fragt die Merteuil irgendwann gen Ende des Stückes. Hoffentlich noch oft und lange! 

BZ Berlin

Mittwoch, 9. März 1994

"Splendid's" in der Schaubühne

Sieben Gangster, ein Polizist, Angstschweiß, große Klappen, Gier und der kalte Stahl von Maschinen-Pistolen. Zwei Stunden lang leben und sterben acht Kerle in einer existentialistischen Männerwirtschaft. Der Franzose Jean Genet (1910-1986) hat sie eingesperrt im Luxushotel "Splendid's". An der Schaubühne ist das Drama aus dem Nachlaß nun uraufgeführt worden. Übersetzt von Peter Handke. Inszeniert von der unberechenbaren Regie-Legende Klaus Michael Grüber.

Geschlossene Türen im 7. Stock. Die Gangster werden von der Polizei belagert. Den Weg zur Kapitulation haben sie sich durch den Mord an einer Geisel abgeschnitten. Nun stellt sich die gute alte existentialistische Grundfrage: Was ist Freiheit? Kein Wunder, daß Ober-Exi Jean-Paul Sartre begeistert war vom "Splendid's"-Manuskript (entstanden nach 1947).

Das philosophische Gewissen, das den Gangstern schlägt, wird verkörpert von einem Polizisten (Thomas Thieme), der übergelaufen ist und von der Bande fordert, sie solle sich gefälligst so souverän, so blutrünstig und so rücksichtlos benehmen wie man es von den harten Burschen doch erwarten dürfe.

Der hoffnungslose Romantiker! Die sieben suchen lieber ihren eigenen lächerlichen Weg ins Verderben. Frei nach dem alten Rocker-Spruch aus den Fünfziger Jahren: Lieber feig und Gangster sein als ein dummes Exi-Schwein. Johnny, der entmachtete Boß (Sylvester Groth) läßt sich in Frauenkleider stecken, um die Polizei zu bluffen. Sein Gegenspieler Riton (Ben Becker) entpuppt sich als ein entschlußloser Schürzenjäger. Der intellektuelle Scott (Peter Simonischek) hängt sein Fähnchen noch in den Wind, als längst keiner mehr weht. Pierrot (Ulrich Matthes) outet sich als Schwuler. Rafele (Cornelius Obonya) ist zu blöd, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen. Bravo (Wolfgang Michael) wird beim Fluchtversuch als erster erschossen. Und Bob (Sven Walser) hat nie richtig dazugehört.

Kein Wunder, daß der Polizist am Ende angewidert den Sack zumacht, die Bande der Polizei ausliefert und wieder zurück ins bürgerliche Leben überläuft.

Seltsam unfertig diese Inszenierung. Irgendwie hatte man immer das Gefühl, einer Probe zehn Tage vor der Premiere zuzusehen. Ansätze von tänzerischer Leichtigkeit, von Clownerie und Groteske erstickten im Stolpern und im allgemeinen Mangel an Perfektion. Besonders auffällig: Die ungezählten Texthänger. Die Souffleuse war noch in der achten Reihe ständig gut hörbar. Aber vielleicht war das ja auch ein Verfremdungs-Effekt, geboren in den Abgründen des Grüberschen Regie-Genies. Die Schauspieler jedenfalls wirkten fast genervt. Das Publikum dankte mit freundlichem Applaus. Aber mit weniger ist hier schon lange keine Inszenierung mehr verabschiedet worden. 

BZ Berlin

Donnerstag, 3. Februar 1994

"Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" in der Schaubühne

Der Traum jeder Kostümbildnerin! 33 Schauspieler für mehr als 300 Auftritte einkleiden! Susanne Rasching muß sich bei Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" gefühlt haben wie ein kleines Kind, das zum Wochenende im Kaufhaus zwischen Spielzeug und Süßwaren eingeschlossen wird.

100 Minuten lang begegnen sich in Luc Bondys Inszenierung an der Schaubühne Menschen auf einer Strandpromenade wie gemalt von Edward Hopper (Bühnenbild: Gilles Aillaud). Wortlos rennen sie aneinander vorbei, treffen sich, kämpfen, kriechen, flirten, sterben, lachen. Selbst gevögelt wird. Natürlich mit Stil - man ist schließlich nicht am Rosa-Luxemburg-Platz.

Eine Flugzeugcrew wird verfolgt von einem Dorftrottel mit Papierflügeln. Drei uralte Holzsammlerinnen tattern schwarzverschleiert vorüber. Mit ihren Sicheln könnten sie auch die Parzen sein, die den Menschen den Lebensfaden abschneiden. Einmal schwingt sich Tarzan an einer Liane durchs Bild. Und so fort. Sogar der Dichter dieses Bühnenwerks taucht höchstselbst auf.

Kurzweilig. Aber auch geheimnislos. Verblüffend nur durch die komische Einfallskraft von Autor, Regisseur und Schauspielern, die eine ganze Enzyklopädie der Fortbewegungsmöglichkeiten vorführen. In den schlechtesten Momenten Modenschau. In den besten der nie gedrehte Jacques-Tati-Film "Die Ferien des Monsieur Bondy".

Peter Simonischek ist das Double von Tatis berühmtem Monsieur Hulot mit Pfeife und Mütze. Und manchmal wird angedeutet, daß er hier die Drähte zieht. Regisseur oder Gott. Da kommt er mit einem Puppenhaus auf die Bühne, schließt dessen Vorhang und - husch! - wird auch die große Bühne hinter Stoff verborgen.

Als sei er seiner eigenen Leichtigkeit überdrüssig geworden, gibt Bondy uns am Ende noch eine Portion Weltuntergang zu kauen. Dunkler Himmel. Glocken tönen. Die Flaneure werden hektischer. Wehren aggressiv den Ansturm von Zuschauern ab, die sich dem Getümmel anschließen wollen. Und widerstehen dem Locken zweier rudernder afrikanischer Heilsboten.

Wer sich auf solche Tiefgründelei nicht einlassen will, kann immer noch versuchen, am Gang zu erraten, welcher Schauspieler Deutscher und welcher Franzose ist ("Die Stunde..." ist eine Koproduktion mit dem Festival d'Automne in Paris). Die Summe des Abends: drei Viertel Hopsasa, ein Viertel Halleluja. 

BZ Berlin

Samstag, 29. Januar 1994

"Der Sturm" in der Volksbühne

Ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis ist allen Figuren Chistoph Marthalers gemein. Und wo könnte die Ruhe größer sein als vor dem Sturm? In "Sturm vor Shakespeare", dem neuesten Streich des Schweizer Regisseurs, zwingt der Zauberer Prospero (Josef Bierbichler) seine Gefangenen nicht auf einer Insel zusammen, sondern in einem Salon, spießig holzvertäfelt wie der Rest der Volksbühne.

Hier hockt eine Abendgesellschaft, deren Problem man aus Luis Bunuels Film "Der Würgeengel" kennt: Eine geheimnisvolle Macht hindert sie am Verlassen des Ortes. Ist es die Hexe Sycorax? Prospero traut man soviel Macht nicht zu. Shakespeares Magier ist bei Marthaler zum Animateur einer sadistischen Gameshow heruntergekommen, der seine acht Gefangenen mit Zaubertricks quält, um die eigene Langeweile zu bekämpfen. Und Ariel ist ihm, was Martin Jente einst für Hans-Joachim Kulenkampff war: Butler und Büttel. Robert Hunger-Bühler spielt Ariel mit versteinerter Ausdruckslosigkeit.

Sehnsüchtig starrt Prospero hinter den Buffet-Wagen mit Champagner her, die von einer Kaltmamsell hin und wieder durch den Raum geschoben werden. Dort draußen muß wohl das Leben vibrieren! Hier drinnen bleiben ihm nur seine Puppen. Die begehen Fluchtversuche, wenn der Meister mal erschlafft ist und die straffen Zauber-Zügel lockert. Brabbeln Zitate aus dem "Sturm" von Shakespeare. Singen, schlafen und kreiseln endlos um sich selbst.

Aber wie schön ist dieses Kreiseln! Durch traumhafte Musik empfangen die acht Signale von außen, die sie zum Beten vor einem Schaufenster mit Filzpantoffeln zwingen. Ebenso traumhaft sind die Lieder, mit denen sie gegen ihre wunderbare Schläfrigkeit ansingen (u.a. Offenbachs "Barcarolle"). Und auch ihr Handeln ist geprägt von einem inneren musikalischen Ticken.

Kein Wunder, daß sich sogar Prospero am Ende mit einer Kammer-Arie outet: "Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar". Seine Marionetten interessiert das nicht, sie kreiseln weiter. Und auch der Magier kommt bei seiner Flucht nicht weit: Sie endet auf dem Klo, wo er statt Stürme zu entfesseln ein paar Winde abgehen läßt. Dorthin flohen am Premieren-Abend auch ein paar Zuschauer. Die meisten anderen genossen diese Zauberei wie eine gute Schallplatte - die kann man sich sogar mehrmals anhören. 

BZ Berlin

Donnerstag, 27. Januar 1994

"Gedeckte Tische" in der DT-Baracke

Es riecht nach Essen in der Baracke des Deutschen Theaters. Multikulturelle Düfte einer bunten Völkergemeinschaft, die Anna Langhoff für ihr erstes Theaterstück "Gedeckte Tische" in einem Asylbewerberheim versammelt hat. Deutsche kommen nur am Rande vor: ein Hausmeister (Horst Manz) und eine vor lauter Idealismus weltfremde Sozialarbeiterin (Käthe Reichel).

Denn die im Heim zusammengepferchten Nationen brauchen gar keine Skinheads, um sich das Leben zur Hölle zu machen. Krach, Diebstähle, Antisemitismus, Streit, Selbsthaß, Chauvinismus, aber auch Sehnsucht und plötzlich aufwallende Freundlichkeit - das Haus ist ein ziemlich detailgetreues Abbild des auseinandergefallenen Osteuropas. Der Partyauftritt der Kroatin Elena Mailovic (Cathleen Gawlich) als Madonna-Verschnitt ist ein schönes Sinnbild ihrer armseligen Hoffnungen auf die westliche Konsumwelt. Nur der vor Anpassungswilligkeit fast platzende Rußlanddeutsche Pjotr Pajewski (Horst Lebinsky) hat es auf dem Weg zum deutschen Spießer schon ziemlich weit gebracht - und wird am Ende mit der Staatsbürgerschaft belohnt.

Das hätte interessant werden können. Doch Anna Langhoffs Versuch scheitert vor allem an ihrer Unfähigkeit, die Figuren eine glaubhafte Sprache sprechen zu lassen. Das Kauderwelsch der Asylbewerber ist weder dem Leben abgelauscht, noch ins Überlebensgroße gesteigert. Sewan Latchinian kämpft mit seiner straffen Inszenierung häufig erfolgreich gegen das Rascheln des Papiers. Aber nur die Schauspieler (vor allem die Frauen Eva Weißenborn, Elsa Grube-Deister, Franziska Matthus, Kathi Liers) schaffen es manchmal, aus diesen Papiertigern echte Menschen zu machen 

BZ Berlin

Samstag, 8. Januar 1994

"Der Kaufmann von Venedig" im Berliner Ensemble

Wie macht man aus einer fünf Jahre lang in Wien erfolgreichen Inszenierung eine Berliner Fassung? Man läßt Uwe Bohm ein T-Shirt mit dem Brandenburger Tor tragen. Ansonsten hat Peter Zadek auf alle wohlfeilen Aktualisierungen verzichtet. Sein "Kaufmann von Venedig" kommt im BE so rüber wie bei der Burgtheater-Premiere 1988: Rasend schnell wie "Wall Street" oder einer dieser anderen hektisch geschnittenen Streifen, mit denen Hollywood in den 80er Jahren Glanz und Elend der Börsen-Yuppies besang.

Yuppies sind auch die Kaufleute von Venedig. Ihr Judenhaß ist eine Stilfrage. So wie man eben auch jemanden verachtet, der die falschen Anzüge trägt oder im falschen Restaurant ißt. Beinahe im Vorbeigehen, wie eine Champagner-Wette auf den Gang der Aktien-Kurse, schließen Shylock (Gert Voss) und Antonio (Ignaz Kirchner) ihren mörderischen Vertrag, bei dem Antonio ein Pfund Herz-Fleisch riskiert.

Voss und Kirchner sind das Hirn und der Motor dieser Inszenierung. Wenn sie zusammen auf der Bühne stehen, knistert es. Dann schärft das Publikum seine Sinne wie Shylock sein Messer an den teuren Schuhen wetzt - denn jeder Wink, jede Geste, jeder Blick, jeder Zigarrenstumpf, der zu Boden fällt, und jedes Schnüffeln an den Klamotten des anderen ist ein Knoten im feinen dramatischen Gespinst, das die beiden weben. Und als grotesk verkleideter Prinz von Marokko und Prinz von Aragon dürfen sie auch noch ihr komödiantisches Talent beweisen.

Diese Szenen gestaltet Zadek mit einem wundervollen Zynismus, ohne Schielen nach politischer Korrektheit. Mit nichts bremst er auch den fiesen Humor von Uwe Bohm und Urs Hefti (als Clown Gobbo und sein blinder Vater) und so zwingen die beiden gemeinsam das ganze Theater vor Lachen auf die Knie.

Seltsam doppelgesichtig: Eva Mattes als Portia. Vor der Pause hatte sie noch den süßlichen Tonfall aus "Das Wunder von Mailand" drauf. Erst danach war sie die coole Frau, die weiß, daß sie den Armani-Hampelmännern ringsumher turmhoch überlegen ist. Bei einem Fußballspieler würde man vermuten, daß der Trainer in der Pause ein paar deutliche Worte mit ihr geredet hat.

Der Trainer-Regisseur Zadek hat jedenfalls nach ein paar bitteren Heimniederlagen bewiesen, daß er noch immer bundesligatauglich ist. Wir sind gespannt auf "Antonius und Cleopatra" mit der gleichen Mannschaft.

BZ Berlin