Freitag, 11. März 1994

"Quartett" im Berliner Ensemble

Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Besondes seltsam, wenn eine sehr alte Frau und ein junger Mann es spielen, um die endlose Eintönigkeit eines überflüssigen Daseins aufzulockern.

In einem Salon vor der französischen Revolution oder im Bunker nach dem 3. Weltkrieg möchte Heiner Müller sein Stück "Quartett" (nach dem Roman "Gefährliche Liebschaften") angesiedelt sehen. Der Bühnenbildner Hans-Joachim Schlieker hat das mit einem dezent beleuchteten Metall-Verließ tatsächlich geschafft. Hier vegetieren höchst kultiviert die Marquise de Merteuil (Marianne Hoppe) und der Vicomte de Valmont (Martin Wuttke). Zwei eingesperrte Drohnen, ein seltsames Paar wie Winnie und Willie in Becketts "Glückliche Tage". Sie spielen das Spiel von der großen Verführung, um aus den Ruinen ihrer Gefühle noch ein paar dekadente Kicks hervorzukratzen.

Heiner Müller hat sein Stück im Berliner Ensemble nun zum zweiten Mal selbst inszeniert. Gegenüber der Aufführung 1991 im Deutschen Theater hat er es noch weiter in die Abstraktion getrieben.

Schon durch die Besetzung ist von Anfang an klar, daß die Erzählungen der beiden nichts mit der Realität zu tun haben. Ihre Erinnerungen an wilde Vergangenheiten und ihr Geplauder über gegenwärtige erotische Eroberungen - alles Lüge! Spielmaterial.

Als Mitspieler halten zwei trampelige Domestiken (Margarita Broich, Ruth Glöss) und ein blaues Fetisch-Wesen (Thorsten Heidel) her. Selbst deren "Revolution" ist Teil des Spiels. Statt die beiden zur Guillotine zu schleifen, malen sie ihnen das rote Halsband nur mit Lippenstift an.

Äußere Handlung, Action gibt es gar nicht. Müller verläßt sich ganz auf seinen Text, dessen kühle Poesie seine beiden großartigen Protagonisten zum Leuchten bringen. Die Kombination Hoppe-Wuttke ist der Glücksfall dieser Inszenierung. Die 84jährige bringt ihre ganze Zauberkraft mit. Ihre Stimme, Blicke, Gesten - das genügt. Und nie kommt Peinlichkeit auf, wenn sie in die - leicht abgemilderten - erotischen Abgründe des Textes taucht.

Und Wuttke - äußerlich ein wenig an dem Film-Valmont John Malkovitch erinnernd - setzt ihrem unerreichbaren Diven-Glanz das federnde Selbstbewußtsein eines begnadeten Jungschauspielers entgegen. Doch er kann auch geduldig abwarten, wenn die Hoppe ihre zahlreichen Textunsicherheiten überspielt. "Spielen wir weiter?" fragt die Merteuil irgendwann gen Ende des Stückes. Hoffentlich noch oft und lange! 

BZ Berlin

Mittwoch, 9. März 1994

"Splendid's" in der Schaubühne

Sieben Gangster, ein Polizist, Angstschweiß, große Klappen, Gier und der kalte Stahl von Maschinen-Pistolen. Zwei Stunden lang leben und sterben acht Kerle in einer existentialistischen Männerwirtschaft. Der Franzose Jean Genet (1910-1986) hat sie eingesperrt im Luxushotel "Splendid's". An der Schaubühne ist das Drama aus dem Nachlaß nun uraufgeführt worden. Übersetzt von Peter Handke. Inszeniert von der unberechenbaren Regie-Legende Klaus Michael Grüber.

Geschlossene Türen im 7. Stock. Die Gangster werden von der Polizei belagert. Den Weg zur Kapitulation haben sie sich durch den Mord an einer Geisel abgeschnitten. Nun stellt sich die gute alte existentialistische Grundfrage: Was ist Freiheit? Kein Wunder, daß Ober-Exi Jean-Paul Sartre begeistert war vom "Splendid's"-Manuskript (entstanden nach 1947).

Das philosophische Gewissen, das den Gangstern schlägt, wird verkörpert von einem Polizisten (Thomas Thieme), der übergelaufen ist und von der Bande fordert, sie solle sich gefälligst so souverän, so blutrünstig und so rücksichtlos benehmen wie man es von den harten Burschen doch erwarten dürfe.

Der hoffnungslose Romantiker! Die sieben suchen lieber ihren eigenen lächerlichen Weg ins Verderben. Frei nach dem alten Rocker-Spruch aus den Fünfziger Jahren: Lieber feig und Gangster sein als ein dummes Exi-Schwein. Johnny, der entmachtete Boß (Sylvester Groth) läßt sich in Frauenkleider stecken, um die Polizei zu bluffen. Sein Gegenspieler Riton (Ben Becker) entpuppt sich als ein entschlußloser Schürzenjäger. Der intellektuelle Scott (Peter Simonischek) hängt sein Fähnchen noch in den Wind, als längst keiner mehr weht. Pierrot (Ulrich Matthes) outet sich als Schwuler. Rafele (Cornelius Obonya) ist zu blöd, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen. Bravo (Wolfgang Michael) wird beim Fluchtversuch als erster erschossen. Und Bob (Sven Walser) hat nie richtig dazugehört.

Kein Wunder, daß der Polizist am Ende angewidert den Sack zumacht, die Bande der Polizei ausliefert und wieder zurück ins bürgerliche Leben überläuft.

Seltsam unfertig diese Inszenierung. Irgendwie hatte man immer das Gefühl, einer Probe zehn Tage vor der Premiere zuzusehen. Ansätze von tänzerischer Leichtigkeit, von Clownerie und Groteske erstickten im Stolpern und im allgemeinen Mangel an Perfektion. Besonders auffällig: Die ungezählten Texthänger. Die Souffleuse war noch in der achten Reihe ständig gut hörbar. Aber vielleicht war das ja auch ein Verfremdungs-Effekt, geboren in den Abgründen des Grüberschen Regie-Genies. Die Schauspieler jedenfalls wirkten fast genervt. Das Publikum dankte mit freundlichem Applaus. Aber mit weniger ist hier schon lange keine Inszenierung mehr verabschiedet worden. 

BZ Berlin