Samstag, 30. April 1994

"Frank Dell's The Temptation of St. Antony" im Theater am Halleschen Ufer

Wie wäre es gewesen, wenn der Kultkomiker Lenny Bruce (auch bei uns bekannt durch den Film "Lenny" mit Dustin Hoffman) bei laufendem Fernseher einschläft und in seinem Bewußtsein noch Stücke aus Flauberts Lesedrama "Die Versuchung des Heiligen Antonius" herumspuken? Dies ungefähr ist die Frage, die die New Yorker "Wooster Group" mit ihrem "Frank Dell's The Temptation of St. Antony" stellt.

Mit diesem Spektakel von 1987, einem Ding irgendwo aus dem dem wüsten Niemandsland zwischen Theater, Performance, Kabarett, Musical und Videospiel, ist weltberühmte New-Yorker-Experimentalbühne jetzt im Theater am Halleschen Ufer zu Gast.

Theater mit der Wooster Group ist, wie wenn man am Radio ganz schnell den Senderknopf auf und ab dreht. Und dazu auch noch Bilder sieht! Mit dieser Zapping-Ästhetik reagiert die Truppe um Regisseurin Elizabeth LeCompte auf Bilder und Töne, die aus dem Medien-Universum wie Meteoriten auf uns einprasseln.

Willem Dafoe war als rappender-plaudernder Frank Dell alias Lenny Bruce und heiliger Antionius in einer Person das Zentrum des Chaos. Auf den drei Videomonitoren, mit denen er Zwiesprache hielt, war noch Ron Vawter zu sehen, der die Hauptrolle von 1987 bis 1993 spielte. Er starb vor zwei Wochen an den Folgen von Aids. 

Fazit: Verwirrend. Manchmal schwer nachvollziehbar, weil viele Anspielungen sich wohl nur Amerikanern erschließen und auch gute englische Sprachkenntnisse nicht garantieren, daß man alles versteht. Trotzdem kurzweilig, sensationsprall. Und dort, wo es verständlich war, überaus witzig.

BZ Berlin

Mittwoch, 27. April 1994

"Die falsche Zofe" in der Volksbühne

Schade. Aus der ersten Regie des jungen Stefan Bachmann an der Volksbühne wurde nichts als eine Talentprobe. Dabei hat Bachmann mit viel Gefühl die aktuellen Bezügen im Marivaux-Stück "Die falsche Zofe" von 1724 aufgespürt. Aus den blasierten Adelsexistenzen des Rokoko-Autors macht er schicke Koksnasen wie sie die Münchner Nobeldiscos a la "P1" bevölkern. Und nebenbei bietet schönste Parodie auf Kokser-Rituale seit Woody Allen.

Da spürt man etwas vom Spaß, den alle bei den Proben hatten. Zuviel Spaß? Vielleicht hätte ein erfahrenerer Regisseur die Schauspieler noch mal in den Hintern getreten. Manchmal stehen sich Lelio (Michael Günther), die Gräfin (Susanne Wagner) und der Chevalier (Ursula Ofner) gegenüber. Und sie verfehlen sich um Nuancen. Um Hundertstel-Sekunden, Halbtöne. Sie spielen nicht miteinander. Jeder sagt seinen Text für sich.

Einzelnes gelingt glänzend, wenn Trivelin (Bruno Cathomas) und Harlequin (Isabella Parkinson) beteiligt sind. Oder die Aktzwischenspiele als die vier nutzlosen Existenzen zu Liedern aus Werbespots ihr Bacardi-Lebensgefühl tanzen. Aber dies bleibt doch die nicht zu Ende gepinselte Skizze einer wunderbaren komödiantischen Inszenierung. Schade - dabei spielte die ganze Welt mit: Als Lelio den Trivelin zu ermorden drohte, klang plötzlich von außerhalb der Volksbühne das Martinshorn eines Streifenswagens ...

BZ Berlin