Mittwoch, 31. August 1994

"Das Haus" vom St. Petersburger Maly Theater in der Schaubühne.

Einen passenderen Ort als die Schaubühne hätten die Berliner Festspiele für das Gastspiel des Petersburger Maly Theaters nicht wählen können: "Das Haus" nach Motiven von Fjodor Abramow fügt sich wunderbar zu Andrea Breths 92er-Aufführung von Wampilows "Letzten Sommer in Tschulimsk".

Wie Breth durchbricht Regisseur Lew Dodin in dieser 14 Jahre alten Inszenierung seinen psychologischen Realismus immer wieder mit symbolbeladenen Szenen. Und beide Geschichten spielen in der Sowjetunion der späten Sechziger Jahre. In den Dörfern muß die Zerrüttung schon allgegenwärtig gewesen sein, wenn der junge Wampilow im Süden und der damals gut 45jährige Abramow im äußersten Norden zu ähnlichen Bestandsaufnahmen gekommen sind.

Die Ideale der Revolution sind in "Das Haus" längst rostig geworden wie die Sensen, mit denen die Kolchosbauern von Pekaschkino in die Ernteschlacht trotten. Die Familien sind zerrüttet. Überall Trunk und Sehnsucht nach schnellem Konsum. Da wirkt einer wie Michail (Nikolai Lawrow), der sich schlaflose Nächte wegen verdorbener Böden macht, antiquiert wie das Revolutionsfossil Dunajew (Sergeik Kuryschew). Sein Starrsinn verfeindet ihn auch noch mit seiner Schwester Lisa (Tatjana Schestakowa), der zweiten Lichtgestalt in dieser Einöde der Verkommenheit..

Bis die Katastrophe - Lisas Tod - eintritt, hat der Zuschauer unter seinem Übersetzungskopfhörer Gelegenheit zu Betrachtungen über die ewigen Themen der russischen Literatur: Denn dieses melancholische Gefühl von Stillstand und Verfall kommt einem irgendwie bekannt vor.

Wenn hier einige Etiketten und Kostüme ausgetauscht würden - der korrupte Kolchos-Chef könnte auch Gutsverwalter sein - könnte "Das Haus" genauso im 19. Jahrhundert spielen. Sogar einen Epileptiker gibt es, dem die Güte nur so aus den Augen strahlt! War die Sowjetunion mit ihrem Weltveränderungs-Pathos etwa nur ein kurzer Traum im Schlaf des ewig dahindämmernden Rußlands? Fast will man es glauben. 

BZ Berlin