Sonntag, 23. Oktober 1994

Donna Blue Lachmann mit "Frida: The Last Portrait" in der Volksbühne

Kontrastprogramm zu Kresnik: Die Amerikanerin Donna Blue Lachmann mit "Frida: The Last Portrait". Sie ist Frida Kahlo, die das Publikum als Gäste empfängt. Die Enge im 3. Stock der Volksbühne läßt alles ganz intim wirken. Frida unterhält sie mit Anekdoten, wie sie den Antisemiten Henry Ford als "Manufuckturer" triezte oder für Salvador Dalí ihr amputiertes Bein signieren wollte. Sie rührt mit der Geschichte ihrer überlebensgroßen Liebe zu Diego Rivera. Und sie schockt mit der Beschreibung des Busunfalles, bei dem sie von einer Stange durchbohrt wurde. Doch selbst beim Schocken setzt sie noch Pointen: "Ich wurde von einem Bus entjungfert." Mit solchen Zynismen bremst sie den manchmal gefährlich drohenden Kitsch.



BZ Berlin

Samstag, 22. Oktober 1994

"Schneider und Schuster" im Maxim-Gorki-Theater

Das Jahrhundert als Halluzination zweier Bühnensüchtiger: Von einem Vorsprechen bei Stanislawski bis zu einem Handy-Anruf aus Hollywood spannt sich die Geschichte eines jüdischen Schauspieler-Duos in Joshua Sobols "Schneider und Schuster". Peter Fitz hat die deutsche Erstaufführung am Maxim Gorki Theater inszeniert.

Das Stück ist ein bißchen Tabori - vor allem von Mr. Jay und Goldberg hat es einiges, ein bißchen Lubitsch und ein bißchen Woody Allen. Ein Vehikel für zwei großartige Darsteller: Albert Hetterle ist der Publikumsliebling Schneider. Und Ulrich Anschütz sein unerläßlicher gequälter Gegen-Spieler Schuster.

In einem verlassenen Theater spielen sie sich mit einer wüsten Dämonenbeschwörung durch 70 Jahre Haß und Verfolgung. Antisemitismus in Polen, die Flucht vor den Deutschen 1939, Folter-Verhöre bei Stalin - und immer die Frage: Was soll Theater angesichts all dessen?

Dabei glückt ihnen oft wirkliche Tiefe im Komischen: Wenn Schneider den Schuster zwingt, Hamlets "Sein oder Nichtsein" auf Jiddisch mit allerlei Hanswurstiaden zu rezitieren, wird das zum beklemmenden Sinnbild für Anpassung und Leiden. Um solcher Momente willen könnte sich "Schneider und Schuster" zum ersten Hit der Intendanten-Ära Wilms entwickeln. 

BZ Berlin

Dienstag, 18. Oktober 1994

"I do! I do! Das musikalische Himmelbett" in der Tribüne

Die Voraussetzungen für einen grauenhaften Theaterabend waren günstig: Das Musical "I do! I do! Das musikalische Himmelbett" vom Erfolgsduo Tom Jones und Harvey Schmidt entstand 1968, aber seine Geisteshaltung stammt eher aus den 30er oder 40er Jahren. Aus einer Zeit, als Frauen noch unberührt in die Ehe gingen und Kinder erst zur Hochzeit das Elternhaus verließen. Regisseurin Helga Wolf und Bühnenbildner Rolf Häusner haben in der Tribüne keine Anstrengungen gemacht, dem Stück die Plüschigkeit auszutreiben.

In den ersten zehn Minuten darf sich das frischgetraute Ehepaar Agnes und Michael (Mary C. Bernet, Hansgeorg Gantert) so hemmungslos peinlich anschmachten und dabei so erbarmungswürdig schlecht singen, daß man am liebsten flüchten würde - das ist schlimmer, als wenn Schock-Regisseur Johann Kresnik in der Volksbühne Schweinehälften brutzelt.

Aber dann fängt sich der Abend irgendwie doch noch knapp vor dem totalen Absturz. Die Darsteller singen sich frei, und in den weiteren Stationen dieser Ehe-Revue erleben sie die Schrecken des Alltags: Kinder, Geldsorgen, Ehekräche, versuchte Seitensprünge - halt alles, was zu einer irdischen Ehe unterhalb des Broadway Himmels gehört.

Auch in diesen Szenen bleibt Hansgeorg Gantert zwar zweifbeinig, steifgesichtig und steifstimmig, aber wenn er sich mit Mary C. Bernet fetzt ,kommt trotzdem Leben in die Bude. Die Bernet knattert zwar in den hohen Tonlagen, hat aber - wenn die Melodien sie nicht überfordern - einen hübschen Schmelz in der der Stimme, kann komisch sein, sieht gut aus und spricht "eine ganz wunnebar Deuts" mit holländischem Akzent.

So rundet sich am Ende doch noch alles zu einer unterhaltsamen Nichtigkeit. Und dafür gibt's mit Müh und Not noch ein Applaus-Bärchen.

BZ Berlin