Dienstag, 19. Dezember 1995

"Dr. Jekyll & Mr. Hyde" in der Volksbühne

Wie schön! Endlich mal wieder ein richtig scharfes Ragout aus heftigsten Buhs und Bravos in der Volksbühne. Der Mann, der das geschafft hat, heißt Michael Simon. Für sein Berlin-Debüt hat der junge Regisseur Robert Louis Stevensons Schauermär vom braven Dr. Jekyll, der sich bei Bedarf in den bösen Mr. Hyde verwandelt, ins Ägypten des Kolonialzeitalters verlegt - jedenfalls darf man das aus den Kostümen (Anna Eiermann) schließen.

Und er bringt eine neue Spielfarbe an den Rosa-Luxemburg-Platz: Vor allem im ersten Teil sieht "Dr. Jekyll & Mr. Hyde" mit all den gedehnten Bildern, verfremdenden hypnotischen Toneffekten und puppenhaften Tanzeinlagen (Choreographie: Ron Thornhill) und der traumhaften Musik von Jörn Brandenburg aus wie Robert Wilson mit menschlichem Antlitz. Aber anderes als beim Guru des Designertheaters, ißt bei Simon die Dekoration nicht die Seele.

Die Sensation des Abends ist Sophie Rois als Hure Ivy. Ihr Gesang ("Blue Moon") ist pure elektrisierende Lolita-Erotik. Und bei ihrer Sado-Nummer mit Hyde (Herbert Fritsch) oder beim Bordellbesuch von Hydes Freund Utterson (auch ein Glanzlicht: Bernhard Schütz) fliegt sie wie eine Sturmhexe zwischen Witz und Tragik hin und her und reißt dabei seelische Abgründe auf, die so tief sind, daß man nur mit lustvollem Schwindel hineinblickt.

Herbert Fritsch läßt dem braven Dr. Jekyll schon den Wahnsinn aus den Augen leuchten. Und seine Ballette der Brutalität als Mr. Hyde sind angenehm neu und anders verglichen mit seinem bisherigen großen bösen Rollen Alex und Hagen. Doch in den letzten 10 Minuten wirkte er, als sei plötzlich sein inneres Licht ausgeknipst. Vielleicht lag es daran, daß er wie die meisten Schauspieler anscheinend noch Probleme mit dem Mikrophon hatte. Dadurch verliert vor allem die furiose Schlußszene, in der alle Beteiligten vergiftet oder erwürgt von Jekyll/Hyde niedersinken, bis die Bühne ein Leichenteppich ist.

Das Dilemma der Aufführung: Der Ex-Rockmusiker Simon hat zwar ein tolles Gefühl für Rhythmus - je mehr Hydes Charakter die Macht übernimmt, desto wilder wird das Bühnengeschehen. Aber er ist kein Dramatiker, genauso wenig wie Bettina Erasmy, von der die Texte stammen. Simon hat angekündigt, er wolle dem Film und der Oper wieder die großen Geschichten entreißen. Es bleibt vorerst beim guten Willen. Die Bühnenbilder, Effekte und Schauspielerleistungen erreichen manchmal Weltklasse, doch nichts täuscht darüber hinweg: Eine der größten Geschichten aller Zeiten gab dem Abend zwar den Namen - erzählt wird sie nicht. 

BZ Berlin

Samstag, 9. Dezember 1995

"Seid nett zu Mr. Sloane" im Maxim-Gorki-Theater

Als wär's ein Stück von ihm gewesen: 14 Hammerschläge seines eifersüchtigen Geliebten beendeten 1967 das Lebens des britischen Dramatikers Joe Orton. Drei Jahre nachdem er mit "Seid nett zu Mr. Sloane" berühmt geworden war, einem Abgrund von Mord, Sadismus, Geilheit und Komik. Unter der Regie von Mario Andersen tat sich dieser Abgrund jetzt im Maxim Gorki Theater wieder auf.

Softbeat vom Band, ein liebevoll mit zeitgemäßem Plunder ausgestattetes Wohnzimmer (sogar einen Teppichroller hat Bühnenbildnerin Sabine Böing aufgetrieben), stilecht geschmacklose Kostüme: Wir sehen ein bitteres Märchen aus den fernen Sixties. Aber wie das so geht mit den alten Märchen - manchmal haben sie einen wahren Kern, der alle Zeiten überdauert. Und manchmal hat "Der Wolf und die sieben Geislein" uns mehr zu sagen als die Schlagzeile von gestern.

Ist "Seid nett zu Mr. Sloane" auch so eine haltbare Fabel? Auf jeden Fall gibt es bei dieser Ballade von der Sexuellen Abhängigkeitt mehr zu lachen, als in den Late Shows von der Nacht zuvor. Die völlig verkommenen Londoner Kleinbürgergeschwister Kathrin und Ed verfallen einem Stricher. Als der hübsche Mr. Sloane schließlich sogar ihren Vater ermordet, nehmen sie das nur zum Anlaß, ihn zu ewiger sexueller Dienstbarkeit zu erpressen.

Harald Schrott spielt diesen Sloane als gefallsüchtige, verschlagene Nuttenseele. Ewig fuchtelnd im Blondhaar, die Parodie eines Gossenengels. Tatja Seibt als Kathrin suhlt sich in den Wonnen der Gemeinheit, mit dem unglaublichen Mut zum Häßlichen, den nur eine Frau aufbringt, die sich ihrer Attraktivität ganz sicher sein kann. Hansjürgen Hürrig ist ein verklemmt schwuler Mackie Messer. Und Hilmar Baumann ist als "Vatti" dieser Brut ist so sympathisch, so warmherzig und so komisch wie Ekel Alfred als blinder, undichter Greis.

Immer ist der Spaß fühlbar, mit dem sie auf die komödiantische Tube drücken. Und in dieser Tube ist eine Farbe, mit der hier früher nie gepinselt wurde. Dabei ist "Seid nett zu Mr. Sloane" kein großes Stück, nur eine von diesen grausam raffinierten Kleinigkeiten, die Deutsche nicht einmal schreiben könnten, wenn's möglich wäre, damit ihre Seelen vor dem Höllenfeuer zu bewahren. Bester böser Boulevard, der dem Gorki ein paar ganz neue Zuschauer bescheren dürfte.

BZ Berlin

Samstag, 25. November 1995

"Schmidt Deutschland der Rosa Riese" vom Berliner Ensemble im Stadttheater Luckenwalde

Die Mörder sind unter uns. Ist es Zufall, oder ist es der düstere November? In dieser Woche sind gleich zwei deutsche Serienkiller zu neuen Taten erweckt worden - für die Bühne und fürs Kino. Götz George kam als der große Totmacher Haarmann. Und den kleinen Totmacher Schmidt läßt das Tourneetheater des Berliner Ensembles noch einmal durch die Wälder Brandenburgs schleichen. Der "Rosa Riese" geht wieder um. Der Mann, der bis 1991 in der Gegend um Beelitz fünf Frauen und ein Baby ermordete. Anna Langhoff hat ein Stück über ihn geschrieben. Und jetzt wurde es vom BE im Stadttheater Luckenwalde uraufgeführt. Ganz in der Nähe von Beelitz.

Der "Rosa Riese" heißt hier Konrad, nicht Wolfgang. Anna Langhoff hat ihn umgetauft, so wie Büchner aus dem realen Eifersuchtsmörder Wozzeck einen Bühnen-"Woyzeck" machen. Damit deutlich wird, dies ist Theater, kein abgeschriebenes Leben. "Schmidt Deutschland der Rosa Riese" ist kein Skandalreißer. Sondern ein Stück, das erforscht: Wie hing der Ausbruch der Gewalt in einer Menschenseele mit Untergang des Staates DDR zusammen? Und wie dünn ist die Wand, die den Sadismus und Haß in jedem braven Bürger von der Mordlust einer Bestie trennt?

Anna Langhoff, die auch Regie führte, pendelt zwischen überhöhter Stilisierung und grotesk komödiantischen Szenen. Das geht manchmal völlig schief, so beim "Chor der Journalisten", einer mehr oder weniger freiwilligen Parodie auf Einar Schleef. Und manchmal verbinden sich Grauen, Rührung und Komik glückhaft. So bei der Szene, in der sich die Familie des Rosa Riesen darum streitet, wer den verunglückten Kanarienvogel (dargestellt durch ein Stück rohe Leber) ins Jenseits befördern muß.

Besonders stark ist Hauptdarsteller Christian Suhr, schon rein äußerlich mit seiner extrem hohen Stirn und den traurige Augen die Idealbesetzung. Der Schleef-Schüler bringt die gedrechselten Verse Anna Langhoffs mit anrührendem Wohlklang über die Rampe. Wenn das Riesenbaby Schmidt im mit einfachsten Mitteln dargestellten Kiefernwald der Mark auf Mord ausgeht und dabei seine Zerrissenheit, seine Angst, seinen Haß auf die neue unsichere Zeit und seinen dumpfe Wut gegen Türken, Neger und Russen artikuliert, dann lauschen wir ihm mit genau der notwendigen Mischung aus Ekel und Mitleid.

BZ Berlin

Donnerstag, 23. November 1995

"Hänsel und Gretel" in der Volksbühne

Blech ist ein vielseitiges Material. Man kann zum Beispiel Konservendosen daraus rollen oder DDR-Geld daraus stanzen. Bei "Hänsel und Gretel", der düsterer Märchenphantasie des Tanztheater-Agitators Hans Kresnik, ist das Blech Schutzschild und Schlafdecke zugleich für eine Truppe verwahrloster Heimkinder, denen die altgewordenen Geschwister aus Grimms Märchen (Harald Beutelstahl, Margaret Huggenberger, die sich mit Susanna Ibañez abwechseln wird) begegnen. Das Blech ist auch eine Waffe: Der ohrenzerfetzende Lärm, den die Kinder mit dem Metall veranstalten, erinnert an die Gefängnisrevolten in US-Filmen, wenn die Häftlinge mit ihren Blechnäpfen zum Aufstand trommeln.

Und so gnadenlos wie das finsterste Gefängnis ist diese ganze Inszenierung in der Berliner Volksbühne. Kresniks Botschaft: Verglichen mit der Welt von heute ist die Grausamkeit des altdeutschen Märchenwaldes nur noch eine romantische Erinnerung. Rapunzel, die Prinzessin und selbst die Hexe (Kresniks schönste Waffe: Liliana Saldaña mit Popstar-Ausstrahlung) sind längst irre geworden. Und man muß schon eine harmlose Spießerseele haben wie Hänsel und Gretel, um immer noch Goldstaub, Sterntaler und Tanzschuhe zu verteilen.

So eindeutig wie das klingt wird es glücklicherweise fast nie gezeigt: "Hänsel und Gretel", das mehr Traumbilder beschwört als eine Geschichte zu erzählen, ist vielleicht das am wenigsten platte Kresnik-Stück seit Jahren. Zwar kommen auch die Freunde des Ausstattungs-Theaters auf ihre Kosten - vor allem beim grandiosen Schlußbild mit dem brennenden Hexenhaus (Bühne: Penelope Wehrli). Auch für Prothesen, Beile, Brei und andere Zutaten des Kresnikschen Tanztheaters ist reichlich gesorgt. Doch je länger der Abend währt und je mehr sich das Ohr an die Musik von Livio Tragtenberg gewöhnt (klaut in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts von Schönberg bis Free Jazz), desto mehr gelingen Szenen von zurückhaltender tänzerischer Schönheit.

Nur zwei Beispiele: Ich habe schon viel zu viele überflüssige Nackte gesehen. Die Nackten sind ja ein Klischee des modernen Theaters - so wie Fernseher auf der Bühne. Aber beim Tanz der schizophrenen Märchenprinzessinnen oder bei Hänsel und Gretels behutsamer Liebesszene ganz zum Schluß ist alles anders. Selten zuvor ist je so einleuchtend gezeigt worden, was Nacktheit eigentlich bedeutet: Schutzlosigkeit, Mut, die Hinfälligkeit des Körper zu akzeptieren - aber auch Zärtlichkeit und Offenheit. 

BZ Berlin

Montag, 20. November 1995

"Philoktet" im Berliner Ensemble

Warum ziehen sich Menschen an? Warum verhüllen sie sich, statt nackt umherzuspringen wie einst im Paradies? Bisher dachten wir: Weil sie sich sonst im bitter kalten Frost die kostbaren Weichteile abfrieren. Seit "Philoktet", der neuesten Produktion des Berliner Ensembles wissen wir noch einen zweiten Grund: Menschen tragen Kleider, weil es nichts Ödereres gibt als den Anblick nackter Pimmel und Gesäße.

Über zwei Stunden quält Regisseur Josef Szeiler Zuschauer und Schauspieler. Nino Sandow (als Odysseus) und Uwe Preuß (Neoptolemos) sind nackt bis auf die Schuhe, nur der 67jährige Fritz Marquardt (als verstoßener griechischer Feldherr Philoktet) darf freundlicherweise eine Jeans anbehalten. Wie klassizistische Statuen sitzen sie starr auf der riesigen Bühne, die sich von der Brandmauer bis zur Rückwand des Zuschauerraums quer durchs BE erstreckt, und leiern den Heiner-Müller-Text. Alle paar Minuten geht das Licht aus, dann wechseln sie die Posen und leiern im Dunkeln weiter oder im Hellen - wenn kümmert's noch nach einer halben Stunde?

In meiner Sammlung der grauenhaftesten Theaterabende 1995 nimmt "Philoktet" den Rang der Blauen Mauritius ein. Noch vor solchen Orgien der Unkultur wie "Richard III." im Schloßpark-Theater, "Werwölfe" in den Kammerspielen oder "David" im Hebbel-Theater. Ein Inferno der Langeweile. 

BZ Berlin

Freitag, 17. November 1995

"Häuptling Abendwind" im Renaissance-Theater

Kannibalenhäuptlinge hetzen ihre Völker gegen Ausländer auf, feilschen wie Politiker und treiben Diplomatie - aber dann fressen sie sich gegenseitig die Ehefrauen weg und jammern über ihr Witwerdasein. Johann Nestroys "Häuptling Abendwind" (zur Musik von Jacques Offenbach) ist eine böse Posse auf den Hochmut der Zivilisation. Das "Wald4tler Hoftheater" gastierte mit diesem schrägen Operettical voller Wiener Schmäh jetzt im Renaissance-Theater. Ein bißchen wie das "Weiße Rössl" in der Bar jeder Vernunft. Oder wie das, was man aus dem Hamburger "Schmidt's Tivoli" kennt. Ein Teil des in den letzten Jahren mit Möchtegern-Burgtheater verwöhnten Publikums an der Hardenbergstraße war sichtlich irritiert. Der Rest bejubelt vor allem Hauptdarsteller Toni Slama und die tollen Gesangsleistungen aller Beteiligten. 

BZ Berlin

Donnerstag, 16. November 1995

"Das trunkene Schiff" im 3. Stock der Volksbühne

Im Herbst 1988 lag die DDR schon in den vorletzten Zügen. Die Stasi war zwar noch allgegenwärtig, aber ihre IMs berichteten aus dem 3. Stock der Berliner Volksbühne nur noch unbrauchbare Halbpoesie wie "Castorf ist mit seinen Gedanken manchmal schon so weit voraus, daß er gar nicht mehr beachtet, was er eigentlich meint." Der messerscharf observierte junge Provinzregisseur probte auf der winzigen Experimentalbühne des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz gerade seine erste Inszenierung für die Hauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates: "Das trunkene Schiff", ein Stück des Expressionisten Paul Zech über den legendären Dichter Arthur Rimbaud. Eine Art Stationendrama: Jugendjahre in der Provinz, Ankunft in Paris, Beziehung mit dem eher kleinbürgerlichen Verlaine, Mordversuch Verlaines an Rimbaud, die Kommune, Tod. Castorf sah Rimbaud als frühen Popstar: "Das Hochgespültwerden in einem Massensystem, so wie Madonna oder Michael Jackson, das hat mich interessiert." Hochgespült wurde auch Frank Castorf: Die Premiere am 9. September 1988 machte den damals 37jährigen schlagartig auch im Westen bekannt.


 Heute, sieben Jahre später, ist Castorf einer von den vielleicht fünf deutschsprachigen Regisseuren, deren Namen selbst Menschen kennen, die nie ein Theater betreten. Seit 1992 ist er der supererfolgreiche Intendant der Bühne, in der seine überregionale Karriere begann. Und hier ist jetzt jenes kleine Stück Theatergeschichte wieder zu besichtigen - die Volksbühne hat "Das trunkene Schiff" in der originalen Besetzung wieder aufgenommen. Nur Michael Lucke ist nicht dabei. Der Darsteller des Labatut reiste kurz nach der Premiere aus der DDR aus und ist nie zurückgekehrt. Seine Rolle übernahm Harald Warmbrunn.

Die knapp zweistündige Inszenierung ist immer noch erstaunlich staubfrei. Hier keimte schon Vieles, was noch heute zu den Zutaten des Castorfschen Theaters gehört: Henry Hübchen als Protagonist und Alter Ego des Regisseurs, Slapstick, schauspielerische Improvisation, Musik als Kommunikationsersatz, mindestens zwei fleischliche Geliebte des Meisters (Silvia Rieger und Cornelia Schmaus), Nahkampf mit dem Publikum, Mehlbomben und das schräg-schöne Bühnenbild von Bert Neumann. Höhepunkt ist die Szene, wo Verlaine Geburtshilfe bei einem Rimbaud-Gedicht übt: "Du mußt es von ganz tief raufholen, tiefer." Und Rimbaud brüllt und windet sich wie eine Niederkommende, bevor er plötzlich loslegt: "Des Schwarzbeerstromes unbekannte Fluten ..."

Nur wenige Gags haben ihr Verfallsdatum überschritten. Etwa wenn Hübchen als Verlaine sich über die Widerwärtigkeit von Artischocken mokiert, die in der DDR völlig unbekannt waren. Heute sieht man Henry Hübchen an, daß er mittlerweile ziemlich viele Artischocken - neben anderen westlichen Genüssen - probiert hat. Auch die restlichen Darsteller sind gereift: Das Haar der schönen Silvia Rieger, die Rimbauds pubertäre Schwester Isabella spielt, ist von silbernen Fäden durchzogen und Rimbaud selbst (Axel Wandtke) wurde vom Knaben zum Mann.

Das nostalgische Familientreffen kam übrigens zustande, weil die brasilianischen Goethe-Institute nach einer kleinen Castorf-Produktion für ein Gastspiel gefragt hatten. Im Sommer 1996 wird "Das trunkene Schiff" auf große Fahrt nach Rio, Sao Paulo, Brasilia und San Salvador gehen.

BZ Berlin

Montag, 6. November 1995

"David" im Hebbel-Theater

Die große Koalition von CDU und PDS - in der Politik ist sie noch ein vager Alptraum. Auf dem Theater ist sie in Berlin gerade vollzogen worden. Ausgerechnet Brigitte Grothum, die Schauspielerin und Diepgen-Propagandistin, die 1992 beim Tode von Marlene Dietrich der ausgewanderten Diva noch ein letztes Mal die alte Stinkbombe "vaterlandslose Gesellin" ins Grab hinterherwarf, inszenierte eine Uraufführung von - ausgerechnet - einem anderen Emigranten: Bertolt Brecht (1898-1956). Zur Verfügung gestellt hat ihr das dramatische Bruchstück, das der junge Brecht zwischen 1919 und 1921 in Augsburg schrieb, ausgerechnet Barbara Schall, die Brecht-Tochter, die von Ost-Berlin aus jahrzehntelang darüber wachte, daß keine allzu frische Bühneninterpretation die Versteinerung ihres Vaters zum Klassiker aufhielt. Und die Hauptrolle spielt ausgerechnet ihr Mann, Ekkehard Schall, der in seliger DDR-Zeit Hauptrollenspieler und stellvertretender Intendant des von Brecht gegründeten Berliner Ensembles war. 1961 sprach er sich in einer Umfrage für den Bau der Mauer aus. Heute gehört er zu denen, die ihren Karriereknick nach der Wende bewältigen, indem sie sich in linke Stammtischphrasen-Drescherei a la "die DDR ist kohlonialisiert worden" flüchten.

Es handelt sich beim Team Brecht-Schall-Grothum jedoch weniger um eine politische Verbrüderung als um eine Zweckehe: Die Serientante Grothum wollte den Ritterschlag der großen Kunst, der abgehalfterte Schall wollte mal wieder eine Hauptrolle und Frau Barbara wollte dem amtierenden Leitungsteam des Berliner Ensembles unter Heiner Müller eins auswischen. Dort habe ja niemand das Stück haben wollen, verkündete sie süffisant lächelnd vor einigen Wochen.

Die Uraufführung von "David" am Sonnabend im Berliner Hebbel-Theater war nicht dazu angetan, die Zurückhaltung Heiner Müllers als Dämlichkeit zu entlarven. So richtig begriff keiner, warum dieses drei viertelfertigen Szenen (der junge David, David und Saul, der alte David) unbedingt aufgeführt werden mußten - außer damit der Wind, der um diese vermutlich allerletzte Brecht-Uraufführung gemacht wurde, das muffige Image der Frau Grothum durchlüftet.

Der Fairneß halber sei gesagt: Grothums Regiekonzept war bei weitem nicht die größte Katastrophe des Abends. Sie hat das ganze als Illusion einer Durchlaufprobe inszeniert, wohl um die Unfertigkeit des Textes eher zu betonen als zu verschleiern. Die Regisseurin sitzt die ganze Zeit am linken Bühnenrand, greift von Zeit zu Zeit ins Geschehen ein (Achtung: V-Effekt!) und liest einige der Bibel-Stellen und Tagebuchauszüge, mit denen der Brecht-Text verbunden und auf 120 pausenlose Minuten gestreckt wird. Trüge sie einen einschüchternden Namen aus der Ehrenriege des Regietheaters, hätte man das vermutlich als eine besonders offene Form des Theaters interpretiert. Es war auf jeden Fall nicht peinlicher als das "Wunder von Mailand" oder "Der Jasager und der Neinsager", zwei der Inszenierungen, mit denen Peter Zadek in den vergangenen Jahren in Berlin seinen Ruf demontiert hat.

Vom Bluff zur Schmiere wird "David" vor allem durch Ekkehard Schall. Er spielt den alten Saul und später den altgewordenen David. Dieser Schauspieler hat Theatergeschichte geschrieben mit seinen Hauptrollen in "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" (1959) und "Coriolan" (1964). Doch heute ist der große Name nur noch Schwall und Bauch. Das erste Mal läuft es uns eiskalt den Rücken runter, als er gleich zu Beginn mit seinem brüchigen Singstimmchen "Das Lied des David" singt. Doch etwa bis zur Mitte des Abends bleibt das Gefühl verzehrender Peinlichkeit beim Publikum unterdrückt.

Doch dann brachte eine unfreiwillig komische Tanzszene die Stimmung zum Umkippen: Wie der schon etwas gewichtige Vladimir Gelvan, einst 1. Solotänzer der Deutschen Oper, die Bundeslade in choreographischen Klischees aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts umtanzte - ja, das hatte den Charme eines bärtigen Beamten, der beim Polizeiball das Funkenmariechen macht. Von da an trauten sich die Böswilligen (viele waren natürlich gekommen, um mitzuerleben, wie die "Dame von Grill" sich an Brecht einen Bruch hob) und Gequälten immer häufiger und immer lauter zu lachen. Nun war auch das schwammige Gefuchtel Schalls nur noch Anlaß für heftige Heiterkeit. Ein Abend, an dem Fernsehchargen wie Klaus Dahlen und Horst Pinnow nicht die schlechtesten Schauspieler waren - mehr muß wohl nicht gesagt werden!

Der Applaus zum erlösenden Ende blieb dünn. Die Zuschauerreihen waren ohnehin nie ganz gefüllt. Anscheinend haben diejenigen, die Brigitte Grothum und Klaus Dahlen sehen wollen, kein Interesse an Brecht-Uraufführungen. Und wer Brecht sehen will, der traut Frau Grothum nicht. Dieser merkwürdige Abend hat die Gräben eher noch vertieft.

BZ Berlin

Samstag, 4. November 1995

"Hochzeitsreise" im Prater

Unter der bröckelnden Decke des Theatersaals spendet eine tief hängende Glühbirne fast sakrales Licht und von hinten zieht's den Zuschauern zugig zwischen Jacke und Hose, obwohl sie nach allen Seiten von Pappkartons eingebaut sind. Doch die fast weihevolle Klaus-Michael-Grüber-Stimmung wird bald zerstört. Wir sind im Prater, wo Frank Castorf uns mit auf "Hochzeitsreise" nimmt.

"Ein Vaudeville" nennt der russische Autor Vladimir Sorokin seinen Reisebericht aus dem Kontinent der deutsch-russischen Macken. Der Sohn eines SS-Offiziers (Bernhard Schütz) und die Jüdin, Tochter einer blutgierigen Kommissarin (als gespaltene Persönlichkeit Carolin Mylord und Jeanette Spassowa), ächzen gemeinsam unter der Last historischer Neurosen. Die Russin ist nach-sowjetisch verkommen. Der Deutsche läßt sich gern für die Sünden der Väter peitschen. Am Ende kuriert ein Geschlechtsakt auf dem Obersalzberg alle Macken.

Logisch, daß Castorf dazu mehr eingefallen ist als zur "Stadt der Frauen". Und auch die Off-Bedingungen (nur zweieinhalb Wochen Proben, kaum Technik, winziges Räumchen, das Nahkampf mit dem Publikum ermöglicht) haben ihm offenbar gut getan: In jedem Manne steckt halt ein Kind. Und das will immer zurück zu seinen Anfängen.

BZ Berlin

Montag, 30. Oktober 1995

"Kunst" in der Schaubühne

21.40 Uhr am Lehniner Platz. Das Licht im Saal geht an, und die Suche nach dem Haar in der Suppe geht los. Deutlicher könnten die üblen Winde, die der Schaubühne im Moment entgegenwehen nicht ruchbar werden.

Dabei haben wir gerade einen Triumph erlebt. Die deutsche Erstaufführung von "Kunst". Ein Stück über drei Männer, denen die Blumen ihrer Freundschaft welk geworden sind. Als der erste ein modernes Gemälde kauft, das der zweite "weiße Scheiße" nennt, fangen alle drei an, gegenseitig in ihren Psychowunden zu bohren.

Es war ein Triumph der Leichtigkeit. Wir haben gelacht! Wir Männer haben uns wiedererkannt in den Macken und Eitelkeiten von Marc, Serge und Yvan. Wir haben gestaunt über die biegsame Leichthändigkeit, mit der Yasmina Reza das alles komponiert hat. Dafür haben wir die Französin genauso mit unserem Applaus umarmt wie die drei Schauspieler Udo Samel, Gerd Wameling, Peter Simonischek und den Regisseur Felix Prader, die Rezas Dialoge zum Klingen, zum Schwingen und - wenn nötig - auch zum Krachen brachten.

Und dann, im üblichen Schaubühnen-Ausgangsstau, melden sich die Nörgler: "Also die Übersetzung ist ja nicht so ..." - "Also mir blieb am Anfang die Beziehung der drei zu unklar ..." - "Also mir war dies und mir war das ..."

Also, mir war schon lange nicht mehr so wohl wie nach dieser Premiere. Da wollte ein Boulevardstück nicht mehr sein als ein Boulevardstück. Aber keiner der Beteiligten glaubte, daß man dafür auf dem Bauch herumkriechen muß, um sich dem vermeintlich abgrundtiefen Niveau der Leute zu nähern.

Gespielt wird "Kunst" so französisch, so leicht, so schnell und so geistreich wie es geschrieben worden ist. Darum bleibt die Schaubühne so wichtig. Sie hält das Fenster zum Mittelmeer offen, während alle anderen Theater wie besessen nach Osten starren. In einem Berlin, das durch den Mauerfall zur europäischen Metropole wurde, wirkt das auf viele altmodisch. Aber wenn diese Stadt erst ihr Gleichgewicht zwischen Ost und West wiedergefunden hat, werden wir froh sein, daß die Licht- und Luftwurzeln in die feinere und hellere Theaterkultur des Südens und Westens nicht gekappt worden sind. 

BZ Berlin

Freitag, 6. Oktober 1995

"Lila" vom Theater Affekt im Theater Zerbrochene Fenster

Als Goethe einmal Freud sein wollte ... Da schrieb er das Singspiel "Lila". Das "Theater Affekt" hat das verschollene Ding von 1777 wieder ausgegraben: Die Geschichte einer verwirrten Frau (Ursula Ofner) und ihres Arztes (Joey Zimmermann), der versucht, sie durch Theatertherapie zu heilen, ist so tot nicht wie sie schien - in diesem therapiesüchtigen Zeitalter!

Regisseur Stefan Bachmann und Dramaturg Thomas Jonigk ergänzten Goethes Text mit ironischem Respekt. Was Riechsalz und Ohnmachtsanfälle für die Schnupftuch-Society des 18. Jahrhunderts waren, das sind die Worthülsen der Psycho-Industrie für unsere Zeit: Hilflose Mittel im Kampf mit den Fallstricken des Unterbewußtseins.

Und wie amüsant Lilas adelige Familie Sternthal in diesen Stricken zappelt: Plötzlich kommen bei allen Inzest, Haß und Homosexualität zum Vorschein. Der Arzt Verazio ringt mit ihnen wie ein Jungregisseur am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Zum Glück hat Bachmann seine Truppe besser im Griff: Ob ein Kuß in einer Popel-Pantomime endet oder die Elfen kitschig singen und tanzen wie ich es seit seligen Weihnachtsmärchentagen nicht gesehen - "Lila" ist unterhaltsam, geistreich, böse, schön anzuhören, noch schöner anzuschauen. Gehet hin! 

BZ Berlin

Donnerstag, 5. Oktober 1995

"Prinz Friedrich von Homburg" im Deutschen Theater

Der Lorbeerkranz - "Wo fand er den in meinem märkschen Sand?" wundert sich der Große Kurfürst (Dieter Mann). Gute Frage. Das Brandenburg des späten 17. Jahrhunderts sieht im Deutschen Theater (Bühnenbild: Johannes Schütz) so kahl aus wie die Mark des späten 20. Jahrhunderts nur auf den ödesten Mondlandschaften des Braunkohlentagebaus.

Durch diesen düsteren Traum in preußischblauer Nacht irrt ein verlorener Teenager: Michael Maertens als "Prinz Friedrich von Homburg". Einer wie Kleist, der Dichter, der den Prinzen schuf. Hier sieht man: Der "Homburg" war für Kleist ein versteckter "Tasso". Der Prinz - ein schwankendes Gemüt, oft unerträglich für seine Mitwelt. Mal optimistisch traumbefruchtet, mal kleine Gunstbeweise seines kurfürstlichen Onkels sammelnd wie ein unsicheres Waisenkind auf der Suche nach Elternliebe. In Gespräch mit Erwachsenen, mit seinen Offizieren, mit dem Kurfürst, der Fürstin, brüllt dieser Knabenmann gerne - vor allem, wenn er im Unrecht ist.

Und im Unrecht ist er das ganze Stück über: Der ruhmgeile Friedrich hat vor lauter Verliebtheit in Natalie (Claudia Geisler) nicht richtig zugehört, als der Plan für die Schlacht bei Fehrbellin mitgeteilt wurde. In der Runde ernsthaft mitschreibender Offiziersbeamter stand er wie ein Schuljunge, der aus dem Fenster nach dem Mädchengymnasium schielt. Der Prinz verpatzt prompt seinen Einsatz. Der Sieg über die Schweden fällt nicht so groß aus wie erhofft. Ein Kriegsgericht verurteilt ihn zu Tode.

Der Kurfürst legt die Gnade in die Hand des Delinquenten: Wenn er aufrichtig findet, daß er zu Unrecht angeklagt wurde, dann wird er begnadigt. Der Prinz erkennt seine Schuld und fügt sich dem harten Urteil. Was bei Kleist die Geburt eines neuen reiferen Prinzen ist, ist hier nur eine Geste des Trotzes: Homburg empfindet auch diese Verantwortung als Zumutung. Seine Einwilligung in den Tod ist eine Selbstmorddrohung. Das letzte versteckte Betteln um Vaterliebe.

Ein Männer- und Bubendrama wie man sieht. Da bleibt selbst Jutta Wachowiak als Kurfürstin nur großartiges Beiwerk. Nur Claudia Geisler hat etwas Spiel-Raum: Ein Teenager wie der Prinz, zu früh beladen mit der Last, einen Staat zu tragen. Doch die ganz großen Auftritte blieben den Männern vorbehalten: Außer Maertens vor allem Dieter Mann als Kurfürst zwischen Liebe und Staatsräson, der den Konflikt in seiner Brust austrägt und doch sichtbar macht. Und Jürgen Holtz als Oberst Kottwitz gab diesem preußischen Typen eine Seele.

Nicht vorgesehen in der Inszenierung von Jürgen Gosch: Die Ohnmacht einer Bäuerin, die die (falsche) Nachricht vom Tode des Kurfürsten hört. Die Schauspielerin Annelene Hischer brach grippegeschwächt auf der Bühne zusammen. Es geht ihr aber schon wieder besser. 

BZ Berlin

Montag, 14. August 1995

"Sid und Nancy" im Ex & Pop


Mit 30 ist es Zeit, erwachsen zu werden. Dachte sich der Berliner Schauspieler Ben Becker. Und hat alle Träume, Sehnsüchte, Phantasien und Ängste, die ihn als Teenager bewegten, in ein Theaterstück gepackt. "Sid und Nancy" heißt es. Jetzt wurde es in der Schöneberger Szenekneipe "Ex & Pop" uraufgeführt. Regie führte der Autor, der auch als Polizist auf der Bühne stand.

"Sid und Nancy" ist ein dichtes, bezauberndes und spannendes Märchen über zwei Kinder, die nicht zur Welt der "Alten Säcke" gehören wollten - und am Ende überhaupt nicht mehr auf der Welt waren.

Die Punk-Legende Sid Vicious ist Alexander Hacke. Der Gitarrist der "Einstürzenden Neubauten" hält sich trotz einiger Amateur-Marotten gut. Und Meret Becker ist schön und rührend als Nancy - das Ereignis des Abends. In einer Nebenrolle als Zimmermädchen überzeugt Barbara Phillip.

Am schönsten ist der grandiose Filmschluß: Hinter dem Schaufenster des "Ex & Pop" wandern Sid und Nancy in die Ewigkeit. 

BZ Berlin

Montag, 3. Juli 1995

"Die lange Nacht der Nibelungen" in der Volksbühne

Es war die Nacht der platten Hintern und der blassen Gesichter: Sieben Stunden "Nibelungen" in der Volksbühne. Beide Teile von Frank Castorfs Inszenierung an einem Stück. BZ-Redakteur Matthias Heine hat auch gesessen.

Es begann mit Verspätung um 10 nach 11. Erst mal mußten sämtliche Restkarten verkauft werden. Viele, die vorbestellt hatten, waren offenbar doch kurz vorher von der Müdigkeit übermannt worden.

Die ersten eineinhalb Stunden vergehen relativ ereignislos. Ganz normales Volksbühnen-Theater mit Klamauk, ein bißchen Ekel und grandiosen Einzelszenen. Erst gegen halb eins der erste Ausfall: Hagen muß einen Zwischenrufer im Nahkampf niederringen. "Geh dir doch schon mal ein Bier holen! Ich mach' hier solange noch weiter mit meinem Stöckchen. Hat mir der Regisseur so beigebracht." Er unterstreicht jeden Satz mit einem sausenden Hieb eines Rohrstocks. Der Zwischenrufer kneift und schweigt.

Kurz nach eins die erste Pause. Ein Königreich für Kaffee und Mineralwasser! Danach die ersten Lücken im vorher restlos gefüllten Zuschauersaal. Pech für die Flüchtlinge: Jetzt beginnt der stärkste Teil des Stücks. Die Liebesszenen zwischen Brunhild (Sophie Rois) und Gunther (Gerd Preusche). Der Streit zwischen Kriemhild (Silvia Rieger) und Brunhild. Brunhilds Fluch. Großes Theater.

Zweite Pause. Die von einer Mittelohrentzündung noch geschwächte Sophie Rois und die beiden Siegfrieds (Birol Ünel/Christian Schwaan) haben Feierabend, könnten sich eigentlich hinlegen. Doch sie bleiben alle bis zum Schluß. Die Pause dauert über eine halbe Stunde. Nicht aus Mitleid mit dem Publikum, sondern weil ein einsamer Wischer erst mal die Bühne von Wasser, Theaterblut und Wein säubern muß. Es wird draußen hell, als der dritte Teil beginnt. Ich bin allein übriggeblieben, meine Frau und unsere Gäste aus Westdeutschland schlafen schon.

Ab vier Uhr häufen sich Versprecher. Nicht nur wir, auch die Schauspieler sind müde. Um mich herum viele zusammengesunkene Gestalten und geschlossene Augen. Doch zu zwei Dritteln ist der Saal noch gefüllt. Kurz nach fünf breitet sich der Duft von Rühreiern im Saal aus. Das Frühstücksbüffett wird zubereitet. Lange müssen wir alle nicht mehr durchhalten. Für manche noch zulange: Um 5 Uhr 40 brüllt ein verzweifelter Sophie-Rois-Fan "Brunhild!" Doch statt dessen kommen 20 Minuten russische Folklore und dann zerlegt eine Amazonengang das Nibelungenschloß mit Kettensägen. Die Inszenierung fasert aus. Wie einem Traum im Dämmerschlaf werden die Bilder herangespült Oder schlafen wir tatsächlich längst?

Nein. Plötzlich ist alles vorbei. Fast unerwartet nach so langer Zeit. Ohne großen Paukenschlag zum Schluß. Für den sorgen dann die Zuschauer: Fast zehn Minuten Schlußjubel. Die Schauspieler applaudieren zurück. Alle lieben sich dafür, gemeinsam diesen Härtetest bestanden zu haben. Aufgekratzte glückliche Müdigkeit wie nach einem siebenstündigen Rave durch die Samstagnacht. Am meisten lieben wir alle DJ Hagen für den gelungenen Alex-Remix. Danach raus. Das Frühstücksbüffett lasse ich liegen. Zum Chill-Out empfängt mich der Luxemburg-Platz mit Frühlingsluft und dem ewigen Geruch von DDR-Desinfektionsmittel. Pech für euch, daß ihr nicht dabei wart!

BZ Berlin

Samstag, 24. Juni 1995

"Fehler des Todes" im Prater der Volksbühne

Die Volksbühne steckt einen neuen Claim ab: Mit dem Spektakel "Fehler des Todes" wurde die zweite Spielstätte, der Prater gefeiert. 21 kurze absurde Dramen von russischen Dichtern. Gespielt im Freien, in den Sälen, auf den Dächern ... Unter den 19 Regisseuren: Frank Castorf, Andreas Kriegenburg, Lukas Langhoff, Ruedi Häusermann, Herbert Fritsch, Liliana Saldana, Penelope Wehrli, Michael Simon und Gregor Gysi.

Großes, subtiles oder bewußtseinsprengendes Theater war nicht zu erwarten. Eher ein Sommerfest (ohne Sommerwetter) mit Straßentheater. Dazu russische Musik, russisches Essen und realsozialistische Schlangen vor den Bierständen.

Mit den widrigen Bedingungen (schlechte Akustik, kein Guckkasten, abgelenktes Publikum) kam ausgerechnet Christoph Schlingensief am besten klar. Seine rote Fronleichnamsprozession "Volles Karacho-Rohr. 1. Große Sozialistische Butterfahrt auf der MS Clara Zetkin" (Sophie Rois als Clara) war durchgeknallt unterhaltsam. Vielleicht sollte Schlingensief nächstes Jahr die Karl-May-Festspiele inszenieren.

Sonst galt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Manchmal mußte man schon Glück haben, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein. Wie bei der ebenso schönen wie witzigen Nummer "Das Zusammenwirken der irdischen Gewalten", für die Regisseurin Ellen Hoffmann (eigentlich Kostümbildnerin) und die Schauspielerinnen Chris Comtesse und Ina Kallmeyer eine abgelegene Ecke des Praters als Amphitheater nutzten.

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Freitag, 23. Juni 1995

"Antigone " im Berliner Ensemble (Gastspiel)

Wer sagt denn, das Berliner Publikum sei gnadenlos? Es wärmte mit halbwegs freundlichem Applaus sogar das Gastspiel "Antigone" im Berliner Ensemble. Schröckliches Theatertheater von Regisseur Hansgünther Heyme. Ob Lachen oder Weinen - alles prunkte hier mit der Hohlheit, die "Theater" zum Schimpfwort für gefälschte Gefühle gemacht hat. Und zugleich Anti-Theater: 100 Minuten hypnotisierte die halbdunkle Einheitsbeleuchtung das Publikum in einem qualvollen Dämmerschlaf. Echte Bewußtlosigkeit wäre eine Gnade gewesen. Sie hätte einem den Anblick von Ekkehard Schall als Kreon erspart - die verschwommene Ruine eines Schauspielers. Da wurde "Antigone" zum Familienzwist in einer orientalischen Krämerfamilie. Und dafür mußten sich gleich fünf Bühnen (u.a. die Ruhrfestspiele Recklinghausen) zu einer Koproduktion aufraffen. 

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Dienstag, 20. Juni 1995

"Symposion" in der Probebühne der Schaubühne

Wer kennt sie nicht, die Melancholie, die den Mann am Morgen nach einer alkoholisierten Nacht befällt? Dem Philosophen Platon (427-347 v. Chr.) war sie jedenfalls sehr vertraut. Beweis: "Symposion", Platons große Dialog-Erzählung über die Macht der Liebe, seit jeher als geniales Beispiel für die typisch griechische Verbindung von Sinnenfreude und Lust am Denken gepriesen.

Sieben Männer, darunter der Komödiendichter Aristophanes, der Philosoph Sokrates und der schöne Feldherr Alkibiades loben bei einem Gastmahl die Herrlichkeit des Liebesgottes Eros - ein bei den Griechen beliebte Form des Gesellschaftsspiels. Regisseur Wolf Redl führt in der Probebühne der Schaubühne den "Symposion"-Text als das vor, was er eigentlich ist: das kluge, leidenschaftliche, eitle Gerede kultivierter Männer, in deren Blut reichlich Wein zirkuliert. So gewinnen Hans Diehl, Jürgen König, Hans-Werner Meyer, Wolfgang Michael, Nicholas Monu, Cornelius Obonya und Rainer Phillipi dem Text eine komödiantische Seite ab, ohne seine Poesie und Gedankenfülle zu zerstören.

Am Ende löst sich alles in Musik auf: Die Männer formieren eine Kapelle und spielen eine traurige Country-Polka wie man sie von der Band "Freiwillige Selbstkontrolle" kennt. Auch die alten Griechen hatten schon den Blues - das alles und noch viel mehr, lehrt uns dieses verzaubernde Stück Theater.

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Sonntag, 4. Juni 1995

"Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" im Berliner Ensemble

Wenn deutsche Dichter nach Amerika fahren ... Bertolt Brecht war da. Und auch sein Nachfolger Heiner Müller. Brecht im Exil. Und Müller zur Erholung nach seiner schweren Krebsoperation im Herbst 1994. Beide haben sie dort Inspiration aufgesogen. Brecht ließ sich von der Geschichte Al Capones und seiner Gangster 1941 zum Stück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" anregen. Darin erzählt er Hitlers Weg zur Macht als eine Parabel aus der Welt des organisierten Verbrechens.

Jetzt hat Müller das belehrende Schauermärchen im Berliner Ensemble neu inszeniert. Und hat es mit ein paar Versatzstücken angloamerikanischer Popkultur gewürzt. Der 66jährige, der schon ein reifer Mann war, als Elvis die Hüften schwang, peppt sein Theater mit abgestandenem Tran aus der Hitparade der Siebziger Jahre auf. Das sind die allertraurigsten Momente eines oft tieftraurigen Abends.

"The Night Chicago Died" singt die Bubblegum-Kapelle "Paper Lace" zwischen den einzelnen Bildern. Und während die Musik in unseren Ohren dröhnt, haben wir ausgiebig Gelegenheit, uns an einem Abend vor kurzem im Schloßpark-Theater zu erinnern. Da lief auch so eine Bösewicht-Ballade, wo die Szenenwechsel zu schneller Musik vollzogen wurden und das, was dazwischen lag, zu absoluter Belanglosigkeit schrumpfte. "Wer dächte da nicht an Richard III.?" fragt ein Radioansager im "Arturo Ui" sogar einmal wörtlich. Mit seinem Griff zum Pop und zur Nummernrevue wollte Müller Castorf sein - es hat aber nur zum Sasse gereicht.

Natürlich hat Müller bessere Schauspieler als Sasse: Martin Wuttke als Arturo Ui ist ein Ereignis. Der Gangster mordet, fleht, schmeichelt, verrät und schändet - alles nur aus Angst. Ein hechelnder Kampfhund unter Wölfen. Immer bereit, zuzubeißen oder sich demütig winselnd auf den Rücken zu werfen. Morden heißt für ihn: Wieder einmal jemanden überlebt haben. So liefert Wuttke nicht nur eine aufregende neue Sicht des Ui, sondern auch des Vorbildes Hitler.

Das zweite große Ereignis: Minetti. Er ist der Schauspieler, der Ui die pathetischen Gesten einbleut, die man braucht, um die Massen zu blenden. Es ist genau dieses hohle Armehochreißen und Kopfzurückwerfen, das Bernhard Minetti nie nötig hatte. Er tischt es dem Ui mit der ironischen Gelassenheit desjenigen auf, der weiß, daß diese Glasperlen der Schauspielkunst auf den Rednertribünen noch einen Marktwert haben.

Wuttke, Minetti - das war's dann schon. Der Rest bleibt zwei Schritte vor dem Abgrund stehen, über dem große Schauspieler manchmal schweben können. Allenfalls Hermann Beyer als Roma und Veit Schubert als Clark werden noch zu Figuren aus Fleisch und Bühnenblut. Der anderen rudern oft schon bedauernswert hilflos durch diese epische Operette voller Plunder aus der Klamottenkiste des Geisterhauses am Schiffbauerdamm.

"Arturo Ui" bebildert die altkommunistische These, daß Hitler nur eine Marionette der Industrie war. Warum soll man dieses Stück heute spielen? In einer Zeit, wo die weltweit operierende Wirtschaft vielleicht das festeste Bollwerk gegen die Machtübernahme neuer Nazis ist? Jedesmal, wenn hierzulande ein Asylantenheim brennt, werden in den USA weniger BMWs verkauft. Darauf gibt Müller keine Antwort. Vielleicht kannte er die Frage auch nicht. Aber welche hat er dann gestellt?
 
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Donnerstag, 1. Juni 1995

"Die Präsidentinnen" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Was für eine Gelegenheit, mal den Allwissenden zu spielen! Ich habe zum dritten Male eine Inszenierung von Werner Schwabs "Die Präsidentinnen" gesehen. Nach 1992 in der Schiller-Werkstatt und 1995 vom Wiener Burgtheater jetzt in den DT-Kammerspielen. Gerne nehmen Kritiker so etwas zum Anlaß, dem Leser eine Breitseite von Vergleichen vor den Bug zu feuern. Das ganze garniert mit einem Zitat des Kritikerklassikers Alfherberich Kerrluftering - und an der Kompetenzfront haben wir einen strahlenden Sieg errungen.

Na ja...

Ich beschränke mich also auf die schlichte Mitteilung: "Die Präsidentinnen" 1996 in den Kammerspielen sind oft ganz große Klasse und das liegt an den drei Schauspielerinnen. Aber oft ist die Inszenierung von Sewan Latchinian auch nicht ganz so klasse, wie sie es sein könnte - und auch das liegt an den Damen.

Wir sehen die Geschichte dreier einsamer alter Frauen, die die Abende vor dem Fernseher verquatschen. Ein Trio banal, das im wundervoll gedrechselten Schwab-Deutsch über Fluchten aus dem Trübsinn phantasiert. Und am Ende liegt eine mit durchgeschnittener Kehle da.

Am besten: Uschi Staack. Als lustige Nazi-Tante schwingt sie sich auf in jene einsamen Hören, denen sich das Ordinäre und das Geniale zum schmierigen Zungenkuß vereinen. Auch Margit Bendokat als metaphysische Klofrau Mariedl gibt ihrem Affen ordentlich Zucker - und bei diesen Fütterungen sehen wir ja immer gerne zu. Carla Hagen macht es sich am schwersten: Ihre Grete, die verkniffene Betschwester mit der Pelzmütze, legt sie zurückhaltend an - wobei nicht immer klar ist, ob dafür mehr künstlerische Skrupel oder ihre zahlreichen Texthänger verantwortlich waren.

Trotz allem: Vor allem im zweiten Teil lacht man sich schier schlapp. Und nur weil doch ein paar zarte Seelen fluchtartig das Theater verließen, sei hier gewarnt: Bei den "Präsidentinnen" ist ziemlich viel von menschlichen Körperausscheidungen die Rede! 

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Sonntag, 28. Mai 1995

"Die Nibelungen - Born Bad" in der Volksbühne

1. Teil , 27. Mai 1995

Das Theater als Riesenspielzeug einer amoklaufenden Künstlerphantasie: Frank Castorf ist mit dem ersten Teil der "Nibelungen" seinem Traum von einer bewußtseinszerplitternden Attacke auf alle Sinne der Zuschauer so nahe gekommen, wie es mit den altmodischen Zaubertricks der Bühne überhaupt glücken kann. Germanische Helden begegnen den Bild- und Tongewittern von Oliver Stones Film "Natural Born Killers".

Castorf ist einen Schritt weiter gegangen in die Richtung, die er mit "Die Sache Danton" eingeschlagen hatte: Relative (!) Werktreue, relativ (!) zurückhaltender Umgang mit den bekannten Zutaten (Eimer, Ekel, Eßstörungen).

Stattdessen läßt er seine grandiosen Natural Born Schauspielers von der Leine. Jeder eine selbstbewußte Verhöhnung psychologischer Darstellungsklischees. Alle überragt von Gerd Preusche (der bemitleidenswerteste und anrührendste Gunther, den man je sah) und einer Sophie Rois zwischen kindlichem Sex, Stummfilmphantasie und Rachewahnsinn.

Sonderlob für Bühnenbildner Peter Schubert. Das Burgunderschloß als Führerbunker, die feuerrote Insel im Isenland, der Mord-Wald als bemalter Prospekt - jedes Bild ein Treffer! Und das dumpfe gewaltige Dröhnen der Volksbühnentechnik klingt, als hätte ein moderner Komponist das Lied vom Tod der Nibelungen komponiert.



2. Teil, 28. Mai 1995

Es war keine gute Idee "Die Nibelungen - Born Bad" auf zwei Volksbühnen-Abende zu verteilen. Diejenigen, die seit drei Jahren allen Inszenierungen von Frank Castorf verständnislos begegnen, werden nicht weniger genervt sein, wenn er ihnen statt eines langen Abends zwei kurze stiehlt. Wir anderen bleiben nach dem ersten Teil enttäuscht zurück wie nach dem offenen Ende einer "Lindenstraßen"-Folge.

Und der zweite Abend verliert allein schon, weil die letzten eineinhalb Stunden im braunen Pappschloß Etzels (Michael Bulatov) spielen, nachdem sich vorher Bühnenbildner Peter Schubert mehr als 300 Minuten mit wunderbaren Einfällen selbst übertrumpft hatte.

Es gibt aber noch genug Glanzlichter: Wenn die Burgunder auf ihrer Donaufahrt plötzlich "Goodbye Johnny" anstimmen, sehen wir den nie gedrehten Python-Film "Monty Castorfs Das Ableben der Nibelungen". Andererseits sind gerade die allerklamaukigsten Szenen manchmal klassischen Vorbildern nachempfunden: Siegfried (Christian Schwaan/Birol Ünel) zappelt sich schier endlos zu Tode. Das war so ähnlich schon in Fritz Langs "Nibelungen"-Film zu sehen.

Am zweiten Abend hat Castorf vor allem Ratlosigkeit inszeniert. Ratlos sind die Burgunder angesichts der fremdartigen Hunnen, die ihre Gäste mit russischem Opernpathos und folkloristischen Löffeltänzen begrüßen. Und ratlos ist der Regisseur angesichts des von Hebbel geschriebenen Endes: Nachdem sämtliche Nibelungen tot sind und auch die Rächerin Kriemhild geköpft ist, soll der christliche Erlöser Dietrich von Bern das Hunnen-Reich erben.

Castorf verzichtet auf beides: Gemetzel und Happy End. Stattdessen zerfetzt eine Amazonengang das ganze Schloß mit Kettensägen. Anschließend machen sich die wilden Weiber dann auf Englisch, Spanisch und Französisch über die Inszenierung lustig.

"Die Nibelungen" zeigt also wie alle Castorf-Arbeiten ihre offenen Wunden. Wir finden uns damit ab, daß er als Regisseur ein Phänomen ist wie Fassbinder: Das seligmachende Meisterwerk wird wohl nie kommen. Aber wer seine anfechtbaren und nie fertigen Produkte einmal mit offenen Augen sieht, ist fürs alte Protz-Theater verloren.

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Montag, 22. Mai 1995

"Die Präsidentinnen" vom Akademietheater Wien beim Theatertreffen

Er konnte aus Scheiße Theatergold machen: Der österreichische Dichter Werner Schwab, der Anfang 1994 mit nur 33 Jahren starb. Auch "Die Präsidentinnen", Titelheldinnen seines besten Stückes, reden gern und oft über Stuhlgang. Peter Wittenberg hat das Fäkaldrama für den Burg-Ableger Akademietheater Wien inszeniert. Späte Ehrung des Bühnentempels für den jungen Wilden.

Wie klangvoll, wie abgründig und wie musikalisch ist dieses Gerede über Kot, Katholizismus und Kerle! Der größte Verdienst der drei großartigen Schauspielerinnen (Ortrud Beginnen, Hilke Ruthner, Ursula Höpfner): Sie machen die Musik in dieser schwabischen Ekelkomödie hörbar. Komik entsteht aus Rhythmus und aus der kunstvollen Art, in der die Motive dieses gedrechselten Gequatsches dreier alter Frauen miteinander verschlungen werden. Konsequent, daß dieser Abend im Berliner Ensemble nicht - wie von Schwab vorgesehen - mit einem Mord, sondern mit einer musikalischen Zugabe ("Der Herrgott ist ein Autobus") endete. 

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Samstag, 20. Mai 1995

"Raststätte" vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg beim Theatertreffen

Die lateinische Spruchweisheit "Nach dem Liebesakt ist jedes Lebewesen traurig" kennt auch Frank Castorf. Wenn's stimmt, ist unsere sexbesessene Gesellschaft die traurigste aller Zeiten. Genau so hat Castorf für das Hamburger Schauspielhaus "Raststätte", Elfriede Jelineks Stück über einen unflotten Vierer an der Autobahn inszeniert: Vorspiel, Orgie (urkomisch, danach kann man Sex wirklich nicht mehr ernst nehmen) und dann Tristesse. Weil Castorf das Stück nicht leiden kann, läßt er kotfarbene Heilerde regnen, macht sich über die Autorin lustig und stellt dem Jelinek-Text Zitate u.a. von Schiller gegenüber. Das alles verwirrte das Publikum beim Theatertreffen-Gastspiel in der Volksbühne spürbar.

Viele Buhs und einzelne Bravos für den Regisseur. Warmer Beifall für die Schauspieler, die alle durch Einsatz und kontrollierten Irrsinn überzeugten. Herausragend: Die famose und umwerfend komische Marion Breckwoldt. Sie war auch die einzige, die Jelineks Sätze nicht wie Fremdkörper ausspuckte, sondern sprach, als würde sie nie anders reden. 

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Montag, 15. Mai 1995

"Herr Paul" in den DT-Kammerspielen (Theatertreffen)

18 Berliner Aufführungen hat die Jury des Theatertreffens 1994/95 bewertet Für einladungswürdig wurde allein "Herr Paul" befunden. Eine zuvor etwas versteckte Perle der Kammerspiele des Deutschen Theaters. Regisseur Michael Gruner hat schon mit seinem "Thomas Chatterton" im Schloßpark-Theater 1993 bewiesen, daß er ein Talent hat für Stücke, in denen Wahn, Wunder und Wirklichkeit unentwirrbar verknotet sind.

Tankred Dorsts Drama fängt an als scheinbares Zeitstück über den Konflikt eines Hauserben (Daniel Morgenroth) mit seinem ewigen Mieter (Kurt Böwe) - und plötzlich wird es zum dezenten Gruselmärchen. Die göttliche Gleichgültigkeit des Herrn Paul macht ihn unzerstörbar, untötbar. Wie ein Zombie kehrt er nach jedem Tod zurück. Selbst wenn der verzweifelte Yuppie ihn eigenhändig zerhackt.

Die Halle, in der Paul mit Schwester Luise (Christine Schorn) residiert, ist ein schwarzes, verwunschenes Märchenschloß. Auf dem glitschigen Boden der Ex-Seifenfabrik kommt die wirtschaftliche Vernunft des Hauswirts und seines Partners (Udo Kroschwald) ins Schleudern.

Kurt Böwe ist Herr Paul, die Mitte dieses hinterhältig-spannenden Theaterabends: Ein Mann wie ein Moor. Träge und bewegungslos, trügerisch und breit liegt er da. Nur hin und wieder blubbert und brummt er gefährlich. Und jeder, der sich ihm nähert, kann in den Abgründen seines Wesen versinken.

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Sonntag, 2. April 1995

"Das letzte Band" im Maxim-Gorki-Theater

Samuel-Beckett-Revival in Berlin: Zwei Wochen nach "Endspiel" im Berliner Ensemble nun "Das letzte Band" im Maxim Gorki Theater. Mit diesem Stück feierten schon Martin Held und Bernhard Minetti Triumphe. Wie sie ist Albert Hetterle ein Schauspieler, der auf ein langes, wechselhaftes Leben zurückblicken kann. Regisseur Thomas Langhoff (erstmals seit 1991 im Gorki) leistet sich dezente Anspielungen: Für Wessi-Augen nahezu nicht erkennbar, läßt er im Gerümpel des alten Krapp (Hetterle) ein Parteibuch und einen Fetzen roten Stoff auftauchen. Und auch die Bananenfresserei hat hier einen anderen Beigeschmack...

Hetterle spielt virtuos den Schriftsteller, der an seinem 69. Geburtstag versucht, sich an seine Mannesjahre zu erinnern. Er gewinnt der bescheidenen dramatischen Situation die Unmenge von Nuancen ab, die man bei einem Schauspieler seiner Kraft und Erfahrung erwarten kann. Doch berührt sind wir nur, als er aus Verzweiflung über seine jugendliche Dummheit zusammenbricht.

Das Überraschendste ist das Tonband: Wo sonst oft ein winziges, popeliges Gerät quietschte, steht eine riesige, elegant holzverkleidete Hightech-Anlage. Sie sieht fast aus wie der Computer "HAL" aus "2001". Und wie dieser wird die Erinnerungsmaschine zum echten Gegenspieler des Menschen.

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Donnerstag, 30. März 1995

"Reiter zum Meer" im Ballhaus Rixdorf

Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft - alles dasselbe auf den irischen Insel der Aran-Gruppe in John Millington Synges Einakter "Reiter zum Meer". Die Menschen leben von dem, was sie mühsam dem Meer abringen. Sie hausen in kargen Hütten und kleiden sich in Stoffe, die grob sind wie Felle.

Gisbert Jäkel hat für die Aufführung im Ballhaus Rixdorf eine mit Schindeln bedeckte Bühnen-Insel gebaut, auf der der junge Regisseur Peter Wittenberg die Schauspieler mit den Mitteln archaischen Ritual-Theaters spielen läßt. Da wird Text fast immer mit dem Gesicht zum Publikum gesprochen, da wird Erschrecken durch einen 20 Sekunden aufgerissenen Mund angezeigt und Erschütterung durch erhobene Arme. Das wirkt für die an naturalistisches Spiel gewöhnten Zuschauer so fremd wie das japanische Nô-Theater. Aber es ist der rauhen Sage von einer Mutter, die alle ihre Söhne durch das Meer verliert, angemessen.

Hin und wieder durchbrechen vor allem Tina Engel (als Mutter) und Karoline Eichhorn (als Tochter) die gewollte Starre. Dann berühren ihre Trauer und Wut uns wahrhaftig. Aber gerade dadurch kommt auch der Eindruck stilistischer Unentschlossenheit auf. Trotzdem: Knapp 60 Minuten faszinierende Theater-Poesie im kleinen Ableger der Schaubühne.

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Sonntag, 19. März 1995

"Endspiel" im Berliner Ensemble

Das Monster ist ein großes, dickes Baby. Eingewickelt bis zum Bauch wie ein Indianersäugling hockt Hamm (Volker Spengler) in seinem Rollstuhl und scheucht die Welt. Oder das, was davon übrig ist: Seine Eltern Nell und Nagg (skurril: Christine Gloger, Michael Gerber), die ohne Unterleib in Mülltonnen vor sich hin vegetieren. Und sein Diener Clov (verhuscht: Hermann Beyer), der sich nicht mehr setzen kann. Sie alle beherrscht Hamm, weil er weiß, wie der Brotkasten aufgeht - und weil ausgerechnet er, der füllige Diktator, kein Interesse an der Nahrungsaufnahme zeigt.

"Endspiel" im Berliner Ensemble: Peter Palitzsch inszenierte Becketts absurden Klassiker. Brecht selbst hatte einst noch "Warten auf Godot" aufführen und gegen den Strich bürsten wollen. Auch "Endspiel", die poetisch-präzise Beschreibung eines Herr-Knecht-Verhältnisses hätte den Ahnvater des BE reizen können. Möglicher Titel einer Brecht-Inszenierung: "Herr Hamm und sein Knecht Clov".

Volker Spengler als Hamm: Eine komische Glanznummer. Er säuselt. Er befiehlt. Er quengelt und quasselt. Ein Selbstdarsteller ohne Publikum. Seine Eltern muß er mit Pralinen zum Zuhören bestechen. Sein Diener ist nur noch genervt von ihm. Das galt ganz und gar nicht fürs Publikum im BE an diesem Abend. Spengler heimste den Beifall fast allein ein.

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Donnerstag, 16. März 1995

"Richard III." im Schloßpark-Theater

Ein scheintotes Theater lebt wieder - das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Was dort gezeigt wird, kann außer den notorischen Fans von Heribert Sasse niemand begeistern. Der neue Hausherr des Schloßpark-Theaters eröffnet seine Herrschaft größenwahnsinnig wie gewohnt. Er spielt Shakespeares schillernden Schurken "Richard III.". Aber eigentlich spielt er das, was er schon immer gespielt hat, auch wenn das Stück "Arturo Ui" oder "Leutnant Gustl" hieß: Sasse, den Sassisimus, den Tausendsassa.

Die Inszenierung: Zapping-Theater. Fünf Minuten. Zap! Nächste Szene. Auf allen Kanälen grinst nur Sasse. Neben ihm glänzen allenfalls noch zwei schmerzlich vermißte große Damen aus dem Ensemble der Staatlichen Schauspielbühnen: Anneliese Römer und Dagmar von Thomas.

Der Rest ist Rahmenwerk für den gnadenlosen Sasse. Jungschauspieler, die den intriganten Adel des Londoner Hofes ganz blaß aussehen lassen. Wie können diese Milchgesichter an die Treueschwüre, Versprechen und Demutsgesten des Emporkömmlings glauben, dem Sasse die Bosheit und Schleimigkeit so überdeutlich ins Gesicht schreibt?

Bis zur Pause schnackelt das Sassival noch ganz flott vor sich hin. Doch je mehr das Gemetzel voranschreitet, desto weniger interessiert das blutige Bühnengeschehen. Da können auch Theatergesten von erschütternder Aufdringlichkeit nichts mehr ändern: Wenn Richard Morde befiehlt, knabbert er an Hühnerbeinchen. Und wenn er will, daß Genicke gebrochen werden, bricht er die Hühnerknochen, mehr ans Publikum gewandt als an seine Befehlsempfänger.

Ganz schlimm das Ende: Richard stirbt. Erstochen vom Bürgerkriegs-Sieger Richmond (Olaf Grund, harmlos wie ein kindlicher Dreikönigs-Singer mit angeklebtem Schnurrbart). Und als sich Sasse dann noch einmal aufbäumt, da sieht das so komisch aus, als hätte er ein paar Schauspiel-Nachhilfestunden bei Otto Waalkes genommen.

Die Sasse-Fans, von denen es in Berlin ja Zehntausende geben soll, werden es hoffentlich trotzdem lieben und massenhaft ins Schloßpark-Theater strömen. Denn jedes, wirklich jedes offene Theater ist ein gutes Theater - weil es auch immer eine Hoffnung auf Besseres ist. 

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Donnerstag, 2. März 1995

"Onkel Wanja" im Deutschen Theater

Die Gutsbesitzergesellschaft des Zarenreiches als gigantische Selbsterfahrungsgruppe: Rußland ist endlos, aber nicht so unendlich, daß diese überflüssigen Menschen es nicht mit den Strömen ihres Geschwätzes überfluten könnten. Warum wir ihnen dennoch fasziniert zuhören - das bleibt das Geheimnis der Kunst Anton Tschechows (1860-1904).

Ein falscher Ton, der sich ins Konzert der Stimmen mischt, und von der typischen Tschechow-Musik bleibt nur Gelaber. Thomas Langhoff hat seine Schauspieler für "Onkel Wanja" hervorragend gestimmt. Selbst Jörg Gudzuhn spielt den Astrow, als sei die Dampfmaschine, die in diesem Schauspieler ständig am Kochen zu sein scheint, behutsam herunterreguliert worden. Nur Christian Grashof als verzweifelt-komischer Onkel Wanja, der Jelena (Dagmar Manzel) liebt, es aber nicht fertigbringt, ihren pompösen Gatten (Dietrich Körner) zu töten, ist ein bißchen zu verzweifelt und ein bißchen zu wenig komisch.

Die Seele des Abends aber ist Ulrike Krumbiegel als Sofja. Eine verborgene Hauptrolle, mit allen Figuren gefühlsmäßig verbunden. Wie sehen hier wirklich jede Seite dieser schwärmerischen Landpomeranze: Ihr Sehnen nach der Liebe Astrows. Ihr Aufblühen, als sie sich öffnet wie eine geschwollene Knospe. Den bitteren Humor ihres vergeblichen Hoffens. Und ihr enttäuschtes Sich-wieder-schließen. Ausgerechnet ihr hat Tschechow eine bescheidene Erlösungshoffnung in den Mund gelegt. So wie die Krumbiegel sie spielt, müßt davon auch ein grausamer Gott gerührt werden. 

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Dienstag, 28. Februar 1995

"Der Illusionist" in der Schaubühne

Liebe ist ein Spiel wie Poker - wer darin erfolgreich sein will, muß die Kunst des Lügens beherrschen. Und niemand könnte mit den Taschenspielertricks des erotischen Treibens vertrauten sein, als einer, dessen beruflicher Erfolg auf Täuschung und Bluff beruht. Gert Voss ist "Der Illusionist" in der Schaubühne. Ein Varieté-Magier, dessen Künstlername Teddy Brooks so falsch ist wie seine Brille, seine Haartracht und seine Liebesschwüre. Aber wie sehr übertreffen seine Illusionen die schäbige Welt an Schönheit!

Das Tingeltangel glänzt nur in Richtung Publikum, hinter den Kulissen verbergen sich die zerbrochenen Träume von gescheiterten Künstlern (Oliver Stern als Brooks Gehilfe) und unterbezahlten Nebendarstellern (Claudia Michelsen als seine Geliebte). Und auch die Welt des Pariser Lebemannes (Peter Simonischek) ist so öde, daß er sich manisch darin verbeißt, Brooks' Tricks zu enträtseln. Kein Wunder, daß seine Freundin Jacqueline sich lieber vom Original verführen läßt. Dörte Lyssewski spielt diese unausgefüllte Luxuskokotte und verbindet dabei wahrhaft monroe-gleich Erotik und Komik. Übertroffen wird sie noch von Libgart Schwarz als wunderbar zickiges Dienstmädchen.

Doch er König der Illusionen ist Gert Voss. Wenn er von einer großen Welttournee fabuliert und dabei gestikuliert, mimt, tanzt, mit den Armen wedelt und mit dem Unterleib die harten Stöße eines Kamelrückens simuliert, dann fühlen wir den Sonnenuntergang hinter den Pyramiden, die Kirschblüte in Japan, das Schneegestöber der russischen Steppe genauso wie Jacqueline. Und so wie Brooks-Voss sie am Ende ins Schlafzimmer schweben läßt, hält uns Luc Bondys Inszenierung in einem verzauberten Zustand von Belustigung und Berührtheit.

Sacha Guitrys Stück ist ein schönes Nichts mit dem Tiefgang eines flachen Champagnerkelchs. Offen für Interpretationen, gerade weil so wenig dran ist. Die Wahrheit über Männer und Frauen, davon sind wir nach diesem Abend überzeugt, liegt an der Oberfläche. Aber das kann auch eine der schönen Illusionen sein, die die Verführungsbande Bondy, Voss & Co erzeugt hat.

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Sonntag, 5. Februar 1995

"George Dandin" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Ein Mann will nach oben. Es glückt ihm nicht. Er bleibt irgendwo im Ungefähren zwischen oben und unten stecken, wird gedemütigt, betrogen und verflucht am Ende seine Dummheit. "George Dandin", eine Komödie vom große Molière, der mehr über die menschliche Gemeinheit wußte als heute alle Briefkasten-Tanten zusammen.

Dieter Montag ist der Dandin in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Ein reich gewordener Bauer, der eine arme Adelige geheiratet hat. Die ersten zwei Akte lang drängt sich eine banale Gleichung auf: Dandin, der ehrliche, einfache Kerl, ist der Ossi. Die geschniegelten Adeligen (die Schwiegereltern Eva Weißenborn, Otto Mellies - der beste von allen, Thomas Bading) mit ihrem doppelzüngigen Gerede und ihren Golfschlägern, Lurex-Handtaschen und Dandy-Stöcken sind die Wessis. Doch nachdem Dandin seiner Frau steinherzig die Gnade verweigert hat, gönnen wir ihm seine Demütigung. Aber auch Angélique (Susanna Simon) mit ihrem kirschroten Hürchenmund taugt kaum als Heldin der Emanzipation.

Wozu also das Ganze? Für viele Lacher. Für zuviel Armwedeln, Trampeln, Rennen. Und für die schönen Ballette des Irrsinns, die Regisseur Friedo Solter manchmal aus dem Wirrwarr formt. Diese einzige Szene: Wenn die Paare (Simon/Bading und ihre Diener Thomas Neumann, Katrin Klein) sich durch totale Dunkelheit zum Rendezvous tasten, schnüffeln, schmecken. Und sich dabei kreuz und quer verwechseln und wiedererkennen. Ein Sommernachtstraum!

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Mittwoch, 25. Januar 1995

"Eyolf" (Klein Ayolf) im Berliner Ensemble

Geliebtes Grau. Am Berliner Ensemble mit seiner Altherrenriege hat diese Farbe auch immer eine symbolische Bedeutung. Für "Eyolf" hat sich Fritz Marquardt von seinem Bühnenbildner Vincent Callara ein grauschwarzes, gnadenlos ausgeleuchtetes Bühnenuniversum entwerfen lassen. Hier ist der Totentanz der Familie Allmers zu besichtigen.

Ibsens Drama als Skizze: Mann (Martin Wuttke) liebt seine reiche schöne Frau (Corinna Harfouch) nicht mehr. Hat er sie je geliebt? Das Kind Eyolf (Robert Gwisdek), das beide auch nie so recht geliebt haben, ertrinkt. Die geliebte Schwester des Mannes (Margarita Broich) entpuppt sich als Kuckucks-Kind, das gar nicht mit ihm verwandt ist. Doch statt ihrer Liebe Fleisch zu geben, geht die Schwester mit dem handfesten Straßenbauer Borgheim (Michael Kind) davon.

Fritz Marquardts Methode: Er kühlt die dramatische Lava aus, bis sie fest wird. Daraus schnitzt er Figuren. Im Inneren dieser Lava-Puppen sind die Schauspieler gefangen, denen Marquardt sogar vormacht, wie sie eine Treppe hinuntergehen müssen. Das überleben nur die Stärksten. Andere als Corinna Harfouch, Martin Wuttke und Margarita Broich wären vielleicht unter dem Panzer des Konzepts erstickt. Doch diese hier lassen ein kleines Wunder geschehen. Die erste Marquardt-Inszenierung seit Jahren, die nicht langweilt. Wenn der Altmeister sich tatsächlich von der Bühne zurückzieht, wäre es ein Abschied in Ehren.

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Freitag, 20. Januar 1995

"Eines langen Tages Reise in die Nacht" im Maxim Gorki Theater

Laß sie nur zappeln - es gibt doch kein Entkommen! Je mehr sich die Tyrones auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters der totalen Selbstzerfleischung nähern, desto mehr Bewegung kommt in die Famlienmitglieder. Als versuchten sie, sich aus einem Netz von Schuld und Haß freizustrampeln. Dabei hatte alles so schön angefangen: Ein Sommertag, der Nebel löst sich auf, ein Ehepaar sagt sich Liebesworte und die Söhne scherzen mit dem Hausmädchen. Doch die Idylle existiert nur im Auge des Zuschauers. Waffenstillstand im Familienkrieg.

Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" ist ein autobiographisches Seelendrama. O'Neills Vater war, wie James Tyrone, ein Schauspieler, ein Geizkragen, der mit einem einzigen Stück jahrzehntelang erfolgreich durch die USA tingelte. In Tyrones jüngstem Sohn, dem versoffenen Dichterling Edmund mit der schwachen Tuberkulose-Brust, hat O'Neill sich selbst porträtiert.

Der israelische Regisseur Arie Zinger hat den Schauspielern mit seiner realistischen Inszenierung eine Folie für Glanzleistungen geboten: So erschütternd, so weit weg vom nach-brechtschen Vorzeigtheater hat man die beiden Hausstars Klaus Manchen (als Patriarch James Tyrone) und Monika Lennartz (als morphiumsüchtige Mutter Mary Cavan Tyrone) lange nicht gesehen. Mit zunehmender Spieldauer können Andreas Zog und Thomas Schmidt (als Edmund und James jr.) immer besser neben ihnen bestehen. Und aus der kleinen Rolle des tumben Hausmädchens Cathleen macht Katja Kurzke eine kitzlige Fünfzehn-Minuten-Komödie in der Tragödie. 

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Mittwoch, 11. Januar 1995

Cora Frost und Tim Fischer in der Bar jeder Vernunft

Berlin und München im Lotterbett der bösen Liebeslieder: Cora Frost und Tim Fischer mit ihrem Programm "Niemand liebt dich so wie ich" in der Bar jeder Vernunft. Am Ende versinken sie fast in der Liebe des Publikums - ein Meer aus Blumen als Dank für einen Abend voller Schlager, Operettenduette, volkstümlicher Bösartigkeiten, Pop-Perlen. Zwei teufliche Verführer mit den Stimmen von Engeln. Wobei die Münchnerin Frost der Ober-Engel ist: Sie singt besser, sie bewegt sich besser, sie schielt besser. Was soll's? Fischer ist erst 22, wird noch reifen - die Herzen der älteren Damen und Herren im Publikum gehörten an diesem Abend schon ihm. Auch deshalb, weil er trotz Frack immer noch aussieht wie ein verirrter Straßenjunge.

Der "Stern" hat die beiden zu den Stars des deutschen Chansons erklärt. Werden sie das Liedgut hierzulande endlich aus der trüben Brühe der millionsten Leander- und Dietrich-Aufgüsse befreien? Das beste Lied des Abends war eine Eigenkomposition: Cora Frosts bittere Ballade von der lesbischen, zwergenhaften Krankenschwester, die betrunken und einsam im Bett verbrennt. Mehr davon und die Dietrich-Imitatoren sterben aus. 

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