Dienstag, 28. Februar 1995

"Der Illusionist" in der Schaubühne

Liebe ist ein Spiel wie Poker - wer darin erfolgreich sein will, muß die Kunst des Lügens beherrschen. Und niemand könnte mit den Taschenspielertricks des erotischen Treibens vertrauten sein, als einer, dessen beruflicher Erfolg auf Täuschung und Bluff beruht. Gert Voss ist "Der Illusionist" in der Schaubühne. Ein Varieté-Magier, dessen Künstlername Teddy Brooks so falsch ist wie seine Brille, seine Haartracht und seine Liebesschwüre. Aber wie sehr übertreffen seine Illusionen die schäbige Welt an Schönheit!

Das Tingeltangel glänzt nur in Richtung Publikum, hinter den Kulissen verbergen sich die zerbrochenen Träume von gescheiterten Künstlern (Oliver Stern als Brooks Gehilfe) und unterbezahlten Nebendarstellern (Claudia Michelsen als seine Geliebte). Und auch die Welt des Pariser Lebemannes (Peter Simonischek) ist so öde, daß er sich manisch darin verbeißt, Brooks' Tricks zu enträtseln. Kein Wunder, daß seine Freundin Jacqueline sich lieber vom Original verführen läßt. Dörte Lyssewski spielt diese unausgefüllte Luxuskokotte und verbindet dabei wahrhaft monroe-gleich Erotik und Komik. Übertroffen wird sie noch von Libgart Schwarz als wunderbar zickiges Dienstmädchen.

Doch er König der Illusionen ist Gert Voss. Wenn er von einer großen Welttournee fabuliert und dabei gestikuliert, mimt, tanzt, mit den Armen wedelt und mit dem Unterleib die harten Stöße eines Kamelrückens simuliert, dann fühlen wir den Sonnenuntergang hinter den Pyramiden, die Kirschblüte in Japan, das Schneegestöber der russischen Steppe genauso wie Jacqueline. Und so wie Brooks-Voss sie am Ende ins Schlafzimmer schweben läßt, hält uns Luc Bondys Inszenierung in einem verzauberten Zustand von Belustigung und Berührtheit.

Sacha Guitrys Stück ist ein schönes Nichts mit dem Tiefgang eines flachen Champagnerkelchs. Offen für Interpretationen, gerade weil so wenig dran ist. Die Wahrheit über Männer und Frauen, davon sind wir nach diesem Abend überzeugt, liegt an der Oberfläche. Aber das kann auch eine der schönen Illusionen sein, die die Verführungsbande Bondy, Voss & Co erzeugt hat.

BZ Berlin

Sonntag, 5. Februar 1995

"George Dandin" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Ein Mann will nach oben. Es glückt ihm nicht. Er bleibt irgendwo im Ungefähren zwischen oben und unten stecken, wird gedemütigt, betrogen und verflucht am Ende seine Dummheit. "George Dandin", eine Komödie vom große Molière, der mehr über die menschliche Gemeinheit wußte als heute alle Briefkasten-Tanten zusammen.

Dieter Montag ist der Dandin in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Ein reich gewordener Bauer, der eine arme Adelige geheiratet hat. Die ersten zwei Akte lang drängt sich eine banale Gleichung auf: Dandin, der ehrliche, einfache Kerl, ist der Ossi. Die geschniegelten Adeligen (die Schwiegereltern Eva Weißenborn, Otto Mellies - der beste von allen, Thomas Bading) mit ihrem doppelzüngigen Gerede und ihren Golfschlägern, Lurex-Handtaschen und Dandy-Stöcken sind die Wessis. Doch nachdem Dandin seiner Frau steinherzig die Gnade verweigert hat, gönnen wir ihm seine Demütigung. Aber auch Angélique (Susanna Simon) mit ihrem kirschroten Hürchenmund taugt kaum als Heldin der Emanzipation.

Wozu also das Ganze? Für viele Lacher. Für zuviel Armwedeln, Trampeln, Rennen. Und für die schönen Ballette des Irrsinns, die Regisseur Friedo Solter manchmal aus dem Wirrwarr formt. Diese einzige Szene: Wenn die Paare (Simon/Bading und ihre Diener Thomas Neumann, Katrin Klein) sich durch totale Dunkelheit zum Rendezvous tasten, schnüffeln, schmecken. Und sich dabei kreuz und quer verwechseln und wiedererkennen. Ein Sommernachtstraum!

BZ Berlin