Sonntag, 28. Mai 1995

"Die Nibelungen - Born Bad" in der Volksbühne

1. Teil , 27. Mai 1995

Das Theater als Riesenspielzeug einer amoklaufenden Künstlerphantasie: Frank Castorf ist mit dem ersten Teil der "Nibelungen" seinem Traum von einer bewußtseinszerplitternden Attacke auf alle Sinne der Zuschauer so nahe gekommen, wie es mit den altmodischen Zaubertricks der Bühne überhaupt glücken kann. Germanische Helden begegnen den Bild- und Tongewittern von Oliver Stones Film "Natural Born Killers".

Castorf ist einen Schritt weiter gegangen in die Richtung, die er mit "Die Sache Danton" eingeschlagen hatte: Relative (!) Werktreue, relativ (!) zurückhaltender Umgang mit den bekannten Zutaten (Eimer, Ekel, Eßstörungen).

Stattdessen läßt er seine grandiosen Natural Born Schauspielers von der Leine. Jeder eine selbstbewußte Verhöhnung psychologischer Darstellungsklischees. Alle überragt von Gerd Preusche (der bemitleidenswerteste und anrührendste Gunther, den man je sah) und einer Sophie Rois zwischen kindlichem Sex, Stummfilmphantasie und Rachewahnsinn.

Sonderlob für Bühnenbildner Peter Schubert. Das Burgunderschloß als Führerbunker, die feuerrote Insel im Isenland, der Mord-Wald als bemalter Prospekt - jedes Bild ein Treffer! Und das dumpfe gewaltige Dröhnen der Volksbühnentechnik klingt, als hätte ein moderner Komponist das Lied vom Tod der Nibelungen komponiert.



2. Teil, 28. Mai 1995

Es war keine gute Idee "Die Nibelungen - Born Bad" auf zwei Volksbühnen-Abende zu verteilen. Diejenigen, die seit drei Jahren allen Inszenierungen von Frank Castorf verständnislos begegnen, werden nicht weniger genervt sein, wenn er ihnen statt eines langen Abends zwei kurze stiehlt. Wir anderen bleiben nach dem ersten Teil enttäuscht zurück wie nach dem offenen Ende einer "Lindenstraßen"-Folge.

Und der zweite Abend verliert allein schon, weil die letzten eineinhalb Stunden im braunen Pappschloß Etzels (Michael Bulatov) spielen, nachdem sich vorher Bühnenbildner Peter Schubert mehr als 300 Minuten mit wunderbaren Einfällen selbst übertrumpft hatte.

Es gibt aber noch genug Glanzlichter: Wenn die Burgunder auf ihrer Donaufahrt plötzlich "Goodbye Johnny" anstimmen, sehen wir den nie gedrehten Python-Film "Monty Castorfs Das Ableben der Nibelungen". Andererseits sind gerade die allerklamaukigsten Szenen manchmal klassischen Vorbildern nachempfunden: Siegfried (Christian Schwaan/Birol Ünel) zappelt sich schier endlos zu Tode. Das war so ähnlich schon in Fritz Langs "Nibelungen"-Film zu sehen.

Am zweiten Abend hat Castorf vor allem Ratlosigkeit inszeniert. Ratlos sind die Burgunder angesichts der fremdartigen Hunnen, die ihre Gäste mit russischem Opernpathos und folkloristischen Löffeltänzen begrüßen. Und ratlos ist der Regisseur angesichts des von Hebbel geschriebenen Endes: Nachdem sämtliche Nibelungen tot sind und auch die Rächerin Kriemhild geköpft ist, soll der christliche Erlöser Dietrich von Bern das Hunnen-Reich erben.

Castorf verzichtet auf beides: Gemetzel und Happy End. Stattdessen zerfetzt eine Amazonengang das ganze Schloß mit Kettensägen. Anschließend machen sich die wilden Weiber dann auf Englisch, Spanisch und Französisch über die Inszenierung lustig.

"Die Nibelungen" zeigt also wie alle Castorf-Arbeiten ihre offenen Wunden. Wir finden uns damit ab, daß er als Regisseur ein Phänomen ist wie Fassbinder: Das seligmachende Meisterwerk wird wohl nie kommen. Aber wer seine anfechtbaren und nie fertigen Produkte einmal mit offenen Augen sieht, ist fürs alte Protz-Theater verloren.

BZ Berlin

Montag, 22. Mai 1995

"Die Präsidentinnen" vom Akademietheater Wien beim Theatertreffen

Er konnte aus Scheiße Theatergold machen: Der österreichische Dichter Werner Schwab, der Anfang 1994 mit nur 33 Jahren starb. Auch "Die Präsidentinnen", Titelheldinnen seines besten Stückes, reden gern und oft über Stuhlgang. Peter Wittenberg hat das Fäkaldrama für den Burg-Ableger Akademietheater Wien inszeniert. Späte Ehrung des Bühnentempels für den jungen Wilden.

Wie klangvoll, wie abgründig und wie musikalisch ist dieses Gerede über Kot, Katholizismus und Kerle! Der größte Verdienst der drei großartigen Schauspielerinnen (Ortrud Beginnen, Hilke Ruthner, Ursula Höpfner): Sie machen die Musik in dieser schwabischen Ekelkomödie hörbar. Komik entsteht aus Rhythmus und aus der kunstvollen Art, in der die Motive dieses gedrechselten Gequatsches dreier alter Frauen miteinander verschlungen werden. Konsequent, daß dieser Abend im Berliner Ensemble nicht - wie von Schwab vorgesehen - mit einem Mord, sondern mit einer musikalischen Zugabe ("Der Herrgott ist ein Autobus") endete. 

 BZ Berlin

Samstag, 20. Mai 1995

"Raststätte" vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg beim Theatertreffen

Die lateinische Spruchweisheit "Nach dem Liebesakt ist jedes Lebewesen traurig" kennt auch Frank Castorf. Wenn's stimmt, ist unsere sexbesessene Gesellschaft die traurigste aller Zeiten. Genau so hat Castorf für das Hamburger Schauspielhaus "Raststätte", Elfriede Jelineks Stück über einen unflotten Vierer an der Autobahn inszeniert: Vorspiel, Orgie (urkomisch, danach kann man Sex wirklich nicht mehr ernst nehmen) und dann Tristesse. Weil Castorf das Stück nicht leiden kann, läßt er kotfarbene Heilerde regnen, macht sich über die Autorin lustig und stellt dem Jelinek-Text Zitate u.a. von Schiller gegenüber. Das alles verwirrte das Publikum beim Theatertreffen-Gastspiel in der Volksbühne spürbar.

Viele Buhs und einzelne Bravos für den Regisseur. Warmer Beifall für die Schauspieler, die alle durch Einsatz und kontrollierten Irrsinn überzeugten. Herausragend: Die famose und umwerfend komische Marion Breckwoldt. Sie war auch die einzige, die Jelineks Sätze nicht wie Fremdkörper ausspuckte, sondern sprach, als würde sie nie anders reden. 

 BZ Berlin

Montag, 15. Mai 1995

"Herr Paul" in den DT-Kammerspielen (Theatertreffen)

18 Berliner Aufführungen hat die Jury des Theatertreffens 1994/95 bewertet Für einladungswürdig wurde allein "Herr Paul" befunden. Eine zuvor etwas versteckte Perle der Kammerspiele des Deutschen Theaters. Regisseur Michael Gruner hat schon mit seinem "Thomas Chatterton" im Schloßpark-Theater 1993 bewiesen, daß er ein Talent hat für Stücke, in denen Wahn, Wunder und Wirklichkeit unentwirrbar verknotet sind.

Tankred Dorsts Drama fängt an als scheinbares Zeitstück über den Konflikt eines Hauserben (Daniel Morgenroth) mit seinem ewigen Mieter (Kurt Böwe) - und plötzlich wird es zum dezenten Gruselmärchen. Die göttliche Gleichgültigkeit des Herrn Paul macht ihn unzerstörbar, untötbar. Wie ein Zombie kehrt er nach jedem Tod zurück. Selbst wenn der verzweifelte Yuppie ihn eigenhändig zerhackt.

Die Halle, in der Paul mit Schwester Luise (Christine Schorn) residiert, ist ein schwarzes, verwunschenes Märchenschloß. Auf dem glitschigen Boden der Ex-Seifenfabrik kommt die wirtschaftliche Vernunft des Hauswirts und seines Partners (Udo Kroschwald) ins Schleudern.

Kurt Böwe ist Herr Paul, die Mitte dieses hinterhältig-spannenden Theaterabends: Ein Mann wie ein Moor. Träge und bewegungslos, trügerisch und breit liegt er da. Nur hin und wieder blubbert und brummt er gefährlich. Und jeder, der sich ihm nähert, kann in den Abgründen seines Wesen versinken.

BZ Berlin