Samstag, 24. Juni 1995

"Fehler des Todes" im Prater der Volksbühne

Die Volksbühne steckt einen neuen Claim ab: Mit dem Spektakel "Fehler des Todes" wurde die zweite Spielstätte, der Prater gefeiert. 21 kurze absurde Dramen von russischen Dichtern. Gespielt im Freien, in den Sälen, auf den Dächern ... Unter den 19 Regisseuren: Frank Castorf, Andreas Kriegenburg, Lukas Langhoff, Ruedi Häusermann, Herbert Fritsch, Liliana Saldana, Penelope Wehrli, Michael Simon und Gregor Gysi.

Großes, subtiles oder bewußtseinsprengendes Theater war nicht zu erwarten. Eher ein Sommerfest (ohne Sommerwetter) mit Straßentheater. Dazu russische Musik, russisches Essen und realsozialistische Schlangen vor den Bierständen.

Mit den widrigen Bedingungen (schlechte Akustik, kein Guckkasten, abgelenktes Publikum) kam ausgerechnet Christoph Schlingensief am besten klar. Seine rote Fronleichnamsprozession "Volles Karacho-Rohr. 1. Große Sozialistische Butterfahrt auf der MS Clara Zetkin" (Sophie Rois als Clara) war durchgeknallt unterhaltsam. Vielleicht sollte Schlingensief nächstes Jahr die Karl-May-Festspiele inszenieren.

Sonst galt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Manchmal mußte man schon Glück haben, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein. Wie bei der ebenso schönen wie witzigen Nummer "Das Zusammenwirken der irdischen Gewalten", für die Regisseurin Ellen Hoffmann (eigentlich Kostümbildnerin) und die Schauspielerinnen Chris Comtesse und Ina Kallmeyer eine abgelegene Ecke des Praters als Amphitheater nutzten.

BZ Berlin

Freitag, 23. Juni 1995

"Antigone " im Berliner Ensemble (Gastspiel)

Wer sagt denn, das Berliner Publikum sei gnadenlos? Es wärmte mit halbwegs freundlichem Applaus sogar das Gastspiel "Antigone" im Berliner Ensemble. Schröckliches Theatertheater von Regisseur Hansgünther Heyme. Ob Lachen oder Weinen - alles prunkte hier mit der Hohlheit, die "Theater" zum Schimpfwort für gefälschte Gefühle gemacht hat. Und zugleich Anti-Theater: 100 Minuten hypnotisierte die halbdunkle Einheitsbeleuchtung das Publikum in einem qualvollen Dämmerschlaf. Echte Bewußtlosigkeit wäre eine Gnade gewesen. Sie hätte einem den Anblick von Ekkehard Schall als Kreon erspart - die verschwommene Ruine eines Schauspielers. Da wurde "Antigone" zum Familienzwist in einer orientalischen Krämerfamilie. Und dafür mußten sich gleich fünf Bühnen (u.a. die Ruhrfestspiele Recklinghausen) zu einer Koproduktion aufraffen. 

BZ Berlin

Dienstag, 20. Juni 1995

"Symposion" in der Probebühne der Schaubühne

Wer kennt sie nicht, die Melancholie, die den Mann am Morgen nach einer alkoholisierten Nacht befällt? Dem Philosophen Platon (427-347 v. Chr.) war sie jedenfalls sehr vertraut. Beweis: "Symposion", Platons große Dialog-Erzählung über die Macht der Liebe, seit jeher als geniales Beispiel für die typisch griechische Verbindung von Sinnenfreude und Lust am Denken gepriesen.

Sieben Männer, darunter der Komödiendichter Aristophanes, der Philosoph Sokrates und der schöne Feldherr Alkibiades loben bei einem Gastmahl die Herrlichkeit des Liebesgottes Eros - ein bei den Griechen beliebte Form des Gesellschaftsspiels. Regisseur Wolf Redl führt in der Probebühne der Schaubühne den "Symposion"-Text als das vor, was er eigentlich ist: das kluge, leidenschaftliche, eitle Gerede kultivierter Männer, in deren Blut reichlich Wein zirkuliert. So gewinnen Hans Diehl, Jürgen König, Hans-Werner Meyer, Wolfgang Michael, Nicholas Monu, Cornelius Obonya und Rainer Phillipi dem Text eine komödiantische Seite ab, ohne seine Poesie und Gedankenfülle zu zerstören.

Am Ende löst sich alles in Musik auf: Die Männer formieren eine Kapelle und spielen eine traurige Country-Polka wie man sie von der Band "Freiwillige Selbstkontrolle" kennt. Auch die alten Griechen hatten schon den Blues - das alles und noch viel mehr, lehrt uns dieses verzaubernde Stück Theater.

BZ Berlin

Sonntag, 4. Juni 1995

"Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" im Berliner Ensemble

Wenn deutsche Dichter nach Amerika fahren ... Bertolt Brecht war da. Und auch sein Nachfolger Heiner Müller. Brecht im Exil. Und Müller zur Erholung nach seiner schweren Krebsoperation im Herbst 1994. Beide haben sie dort Inspiration aufgesogen. Brecht ließ sich von der Geschichte Al Capones und seiner Gangster 1941 zum Stück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" anregen. Darin erzählt er Hitlers Weg zur Macht als eine Parabel aus der Welt des organisierten Verbrechens.

Jetzt hat Müller das belehrende Schauermärchen im Berliner Ensemble neu inszeniert. Und hat es mit ein paar Versatzstücken angloamerikanischer Popkultur gewürzt. Der 66jährige, der schon ein reifer Mann war, als Elvis die Hüften schwang, peppt sein Theater mit abgestandenem Tran aus der Hitparade der Siebziger Jahre auf. Das sind die allertraurigsten Momente eines oft tieftraurigen Abends.

"The Night Chicago Died" singt die Bubblegum-Kapelle "Paper Lace" zwischen den einzelnen Bildern. Und während die Musik in unseren Ohren dröhnt, haben wir ausgiebig Gelegenheit, uns an einem Abend vor kurzem im Schloßpark-Theater zu erinnern. Da lief auch so eine Bösewicht-Ballade, wo die Szenenwechsel zu schneller Musik vollzogen wurden und das, was dazwischen lag, zu absoluter Belanglosigkeit schrumpfte. "Wer dächte da nicht an Richard III.?" fragt ein Radioansager im "Arturo Ui" sogar einmal wörtlich. Mit seinem Griff zum Pop und zur Nummernrevue wollte Müller Castorf sein - es hat aber nur zum Sasse gereicht.

Natürlich hat Müller bessere Schauspieler als Sasse: Martin Wuttke als Arturo Ui ist ein Ereignis. Der Gangster mordet, fleht, schmeichelt, verrät und schändet - alles nur aus Angst. Ein hechelnder Kampfhund unter Wölfen. Immer bereit, zuzubeißen oder sich demütig winselnd auf den Rücken zu werfen. Morden heißt für ihn: Wieder einmal jemanden überlebt haben. So liefert Wuttke nicht nur eine aufregende neue Sicht des Ui, sondern auch des Vorbildes Hitler.

Das zweite große Ereignis: Minetti. Er ist der Schauspieler, der Ui die pathetischen Gesten einbleut, die man braucht, um die Massen zu blenden. Es ist genau dieses hohle Armehochreißen und Kopfzurückwerfen, das Bernhard Minetti nie nötig hatte. Er tischt es dem Ui mit der ironischen Gelassenheit desjenigen auf, der weiß, daß diese Glasperlen der Schauspielkunst auf den Rednertribünen noch einen Marktwert haben.

Wuttke, Minetti - das war's dann schon. Der Rest bleibt zwei Schritte vor dem Abgrund stehen, über dem große Schauspieler manchmal schweben können. Allenfalls Hermann Beyer als Roma und Veit Schubert als Clark werden noch zu Figuren aus Fleisch und Bühnenblut. Der anderen rudern oft schon bedauernswert hilflos durch diese epische Operette voller Plunder aus der Klamottenkiste des Geisterhauses am Schiffbauerdamm.

"Arturo Ui" bebildert die altkommunistische These, daß Hitler nur eine Marionette der Industrie war. Warum soll man dieses Stück heute spielen? In einer Zeit, wo die weltweit operierende Wirtschaft vielleicht das festeste Bollwerk gegen die Machtübernahme neuer Nazis ist? Jedesmal, wenn hierzulande ein Asylantenheim brennt, werden in den USA weniger BMWs verkauft. Darauf gibt Müller keine Antwort. Vielleicht kannte er die Frage auch nicht. Aber welche hat er dann gestellt?
 
BZ Berlin

Donnerstag, 1. Juni 1995

"Die Präsidentinnen" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Was für eine Gelegenheit, mal den Allwissenden zu spielen! Ich habe zum dritten Male eine Inszenierung von Werner Schwabs "Die Präsidentinnen" gesehen. Nach 1992 in der Schiller-Werkstatt und 1995 vom Wiener Burgtheater jetzt in den DT-Kammerspielen. Gerne nehmen Kritiker so etwas zum Anlaß, dem Leser eine Breitseite von Vergleichen vor den Bug zu feuern. Das ganze garniert mit einem Zitat des Kritikerklassikers Alfherberich Kerrluftering - und an der Kompetenzfront haben wir einen strahlenden Sieg errungen.

Na ja...

Ich beschränke mich also auf die schlichte Mitteilung: "Die Präsidentinnen" 1996 in den Kammerspielen sind oft ganz große Klasse und das liegt an den drei Schauspielerinnen. Aber oft ist die Inszenierung von Sewan Latchinian auch nicht ganz so klasse, wie sie es sein könnte - und auch das liegt an den Damen.

Wir sehen die Geschichte dreier einsamer alter Frauen, die die Abende vor dem Fernseher verquatschen. Ein Trio banal, das im wundervoll gedrechselten Schwab-Deutsch über Fluchten aus dem Trübsinn phantasiert. Und am Ende liegt eine mit durchgeschnittener Kehle da.

Am besten: Uschi Staack. Als lustige Nazi-Tante schwingt sie sich auf in jene einsamen Hören, denen sich das Ordinäre und das Geniale zum schmierigen Zungenkuß vereinen. Auch Margit Bendokat als metaphysische Klofrau Mariedl gibt ihrem Affen ordentlich Zucker - und bei diesen Fütterungen sehen wir ja immer gerne zu. Carla Hagen macht es sich am schwersten: Ihre Grete, die verkniffene Betschwester mit der Pelzmütze, legt sie zurückhaltend an - wobei nicht immer klar ist, ob dafür mehr künstlerische Skrupel oder ihre zahlreichen Texthänger verantwortlich waren.

Trotz allem: Vor allem im zweiten Teil lacht man sich schier schlapp. Und nur weil doch ein paar zarte Seelen fluchtartig das Theater verließen, sei hier gewarnt: Bei den "Präsidentinnen" ist ziemlich viel von menschlichen Körperausscheidungen die Rede! 

BZ Berlin