Montag, 3. Juli 1995

"Die lange Nacht der Nibelungen" in der Volksbühne

Es war die Nacht der platten Hintern und der blassen Gesichter: Sieben Stunden "Nibelungen" in der Volksbühne. Beide Teile von Frank Castorfs Inszenierung an einem Stück. BZ-Redakteur Matthias Heine hat auch gesessen.

Es begann mit Verspätung um 10 nach 11. Erst mal mußten sämtliche Restkarten verkauft werden. Viele, die vorbestellt hatten, waren offenbar doch kurz vorher von der Müdigkeit übermannt worden.

Die ersten eineinhalb Stunden vergehen relativ ereignislos. Ganz normales Volksbühnen-Theater mit Klamauk, ein bißchen Ekel und grandiosen Einzelszenen. Erst gegen halb eins der erste Ausfall: Hagen muß einen Zwischenrufer im Nahkampf niederringen. "Geh dir doch schon mal ein Bier holen! Ich mach' hier solange noch weiter mit meinem Stöckchen. Hat mir der Regisseur so beigebracht." Er unterstreicht jeden Satz mit einem sausenden Hieb eines Rohrstocks. Der Zwischenrufer kneift und schweigt.

Kurz nach eins die erste Pause. Ein Königreich für Kaffee und Mineralwasser! Danach die ersten Lücken im vorher restlos gefüllten Zuschauersaal. Pech für die Flüchtlinge: Jetzt beginnt der stärkste Teil des Stücks. Die Liebesszenen zwischen Brunhild (Sophie Rois) und Gunther (Gerd Preusche). Der Streit zwischen Kriemhild (Silvia Rieger) und Brunhild. Brunhilds Fluch. Großes Theater.

Zweite Pause. Die von einer Mittelohrentzündung noch geschwächte Sophie Rois und die beiden Siegfrieds (Birol Ünel/Christian Schwaan) haben Feierabend, könnten sich eigentlich hinlegen. Doch sie bleiben alle bis zum Schluß. Die Pause dauert über eine halbe Stunde. Nicht aus Mitleid mit dem Publikum, sondern weil ein einsamer Wischer erst mal die Bühne von Wasser, Theaterblut und Wein säubern muß. Es wird draußen hell, als der dritte Teil beginnt. Ich bin allein übriggeblieben, meine Frau und unsere Gäste aus Westdeutschland schlafen schon.

Ab vier Uhr häufen sich Versprecher. Nicht nur wir, auch die Schauspieler sind müde. Um mich herum viele zusammengesunkene Gestalten und geschlossene Augen. Doch zu zwei Dritteln ist der Saal noch gefüllt. Kurz nach fünf breitet sich der Duft von Rühreiern im Saal aus. Das Frühstücksbüffett wird zubereitet. Lange müssen wir alle nicht mehr durchhalten. Für manche noch zulange: Um 5 Uhr 40 brüllt ein verzweifelter Sophie-Rois-Fan "Brunhild!" Doch statt dessen kommen 20 Minuten russische Folklore und dann zerlegt eine Amazonengang das Nibelungenschloß mit Kettensägen. Die Inszenierung fasert aus. Wie einem Traum im Dämmerschlaf werden die Bilder herangespült Oder schlafen wir tatsächlich längst?

Nein. Plötzlich ist alles vorbei. Fast unerwartet nach so langer Zeit. Ohne großen Paukenschlag zum Schluß. Für den sorgen dann die Zuschauer: Fast zehn Minuten Schlußjubel. Die Schauspieler applaudieren zurück. Alle lieben sich dafür, gemeinsam diesen Härtetest bestanden zu haben. Aufgekratzte glückliche Müdigkeit wie nach einem siebenstündigen Rave durch die Samstagnacht. Am meisten lieben wir alle DJ Hagen für den gelungenen Alex-Remix. Danach raus. Das Frühstücksbüffett lasse ich liegen. Zum Chill-Out empfängt mich der Luxemburg-Platz mit Frühlingsluft und dem ewigen Geruch von DDR-Desinfektionsmittel. Pech für euch, daß ihr nicht dabei wart!

BZ Berlin