Montag, 30. Oktober 1995

"Kunst" in der Schaubühne

21.40 Uhr am Lehniner Platz. Das Licht im Saal geht an, und die Suche nach dem Haar in der Suppe geht los. Deutlicher könnten die üblen Winde, die der Schaubühne im Moment entgegenwehen nicht ruchbar werden.

Dabei haben wir gerade einen Triumph erlebt. Die deutsche Erstaufführung von "Kunst". Ein Stück über drei Männer, denen die Blumen ihrer Freundschaft welk geworden sind. Als der erste ein modernes Gemälde kauft, das der zweite "weiße Scheiße" nennt, fangen alle drei an, gegenseitig in ihren Psychowunden zu bohren.

Es war ein Triumph der Leichtigkeit. Wir haben gelacht! Wir Männer haben uns wiedererkannt in den Macken und Eitelkeiten von Marc, Serge und Yvan. Wir haben gestaunt über die biegsame Leichthändigkeit, mit der Yasmina Reza das alles komponiert hat. Dafür haben wir die Französin genauso mit unserem Applaus umarmt wie die drei Schauspieler Udo Samel, Gerd Wameling, Peter Simonischek und den Regisseur Felix Prader, die Rezas Dialoge zum Klingen, zum Schwingen und - wenn nötig - auch zum Krachen brachten.

Und dann, im üblichen Schaubühnen-Ausgangsstau, melden sich die Nörgler: "Also die Übersetzung ist ja nicht so ..." - "Also mir blieb am Anfang die Beziehung der drei zu unklar ..." - "Also mir war dies und mir war das ..."

Also, mir war schon lange nicht mehr so wohl wie nach dieser Premiere. Da wollte ein Boulevardstück nicht mehr sein als ein Boulevardstück. Aber keiner der Beteiligten glaubte, daß man dafür auf dem Bauch herumkriechen muß, um sich dem vermeintlich abgrundtiefen Niveau der Leute zu nähern.

Gespielt wird "Kunst" so französisch, so leicht, so schnell und so geistreich wie es geschrieben worden ist. Darum bleibt die Schaubühne so wichtig. Sie hält das Fenster zum Mittelmeer offen, während alle anderen Theater wie besessen nach Osten starren. In einem Berlin, das durch den Mauerfall zur europäischen Metropole wurde, wirkt das auf viele altmodisch. Aber wenn diese Stadt erst ihr Gleichgewicht zwischen Ost und West wiedergefunden hat, werden wir froh sein, daß die Licht- und Luftwurzeln in die feinere und hellere Theaterkultur des Südens und Westens nicht gekappt worden sind. 

BZ Berlin

Freitag, 6. Oktober 1995

"Lila" vom Theater Affekt im Theater Zerbrochene Fenster

Als Goethe einmal Freud sein wollte ... Da schrieb er das Singspiel "Lila". Das "Theater Affekt" hat das verschollene Ding von 1777 wieder ausgegraben: Die Geschichte einer verwirrten Frau (Ursula Ofner) und ihres Arztes (Joey Zimmermann), der versucht, sie durch Theatertherapie zu heilen, ist so tot nicht wie sie schien - in diesem therapiesüchtigen Zeitalter!

Regisseur Stefan Bachmann und Dramaturg Thomas Jonigk ergänzten Goethes Text mit ironischem Respekt. Was Riechsalz und Ohnmachtsanfälle für die Schnupftuch-Society des 18. Jahrhunderts waren, das sind die Worthülsen der Psycho-Industrie für unsere Zeit: Hilflose Mittel im Kampf mit den Fallstricken des Unterbewußtseins.

Und wie amüsant Lilas adelige Familie Sternthal in diesen Stricken zappelt: Plötzlich kommen bei allen Inzest, Haß und Homosexualität zum Vorschein. Der Arzt Verazio ringt mit ihnen wie ein Jungregisseur am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Zum Glück hat Bachmann seine Truppe besser im Griff: Ob ein Kuß in einer Popel-Pantomime endet oder die Elfen kitschig singen und tanzen wie ich es seit seligen Weihnachtsmärchentagen nicht gesehen - "Lila" ist unterhaltsam, geistreich, böse, schön anzuhören, noch schöner anzuschauen. Gehet hin! 

BZ Berlin

Donnerstag, 5. Oktober 1995

"Prinz Friedrich von Homburg" im Deutschen Theater

Der Lorbeerkranz - "Wo fand er den in meinem märkschen Sand?" wundert sich der Große Kurfürst (Dieter Mann). Gute Frage. Das Brandenburg des späten 17. Jahrhunderts sieht im Deutschen Theater (Bühnenbild: Johannes Schütz) so kahl aus wie die Mark des späten 20. Jahrhunderts nur auf den ödesten Mondlandschaften des Braunkohlentagebaus.

Durch diesen düsteren Traum in preußischblauer Nacht irrt ein verlorener Teenager: Michael Maertens als "Prinz Friedrich von Homburg". Einer wie Kleist, der Dichter, der den Prinzen schuf. Hier sieht man: Der "Homburg" war für Kleist ein versteckter "Tasso". Der Prinz - ein schwankendes Gemüt, oft unerträglich für seine Mitwelt. Mal optimistisch traumbefruchtet, mal kleine Gunstbeweise seines kurfürstlichen Onkels sammelnd wie ein unsicheres Waisenkind auf der Suche nach Elternliebe. In Gespräch mit Erwachsenen, mit seinen Offizieren, mit dem Kurfürst, der Fürstin, brüllt dieser Knabenmann gerne - vor allem, wenn er im Unrecht ist.

Und im Unrecht ist er das ganze Stück über: Der ruhmgeile Friedrich hat vor lauter Verliebtheit in Natalie (Claudia Geisler) nicht richtig zugehört, als der Plan für die Schlacht bei Fehrbellin mitgeteilt wurde. In der Runde ernsthaft mitschreibender Offiziersbeamter stand er wie ein Schuljunge, der aus dem Fenster nach dem Mädchengymnasium schielt. Der Prinz verpatzt prompt seinen Einsatz. Der Sieg über die Schweden fällt nicht so groß aus wie erhofft. Ein Kriegsgericht verurteilt ihn zu Tode.

Der Kurfürst legt die Gnade in die Hand des Delinquenten: Wenn er aufrichtig findet, daß er zu Unrecht angeklagt wurde, dann wird er begnadigt. Der Prinz erkennt seine Schuld und fügt sich dem harten Urteil. Was bei Kleist die Geburt eines neuen reiferen Prinzen ist, ist hier nur eine Geste des Trotzes: Homburg empfindet auch diese Verantwortung als Zumutung. Seine Einwilligung in den Tod ist eine Selbstmorddrohung. Das letzte versteckte Betteln um Vaterliebe.

Ein Männer- und Bubendrama wie man sieht. Da bleibt selbst Jutta Wachowiak als Kurfürstin nur großartiges Beiwerk. Nur Claudia Geisler hat etwas Spiel-Raum: Ein Teenager wie der Prinz, zu früh beladen mit der Last, einen Staat zu tragen. Doch die ganz großen Auftritte blieben den Männern vorbehalten: Außer Maertens vor allem Dieter Mann als Kurfürst zwischen Liebe und Staatsräson, der den Konflikt in seiner Brust austrägt und doch sichtbar macht. Und Jürgen Holtz als Oberst Kottwitz gab diesem preußischen Typen eine Seele.

Nicht vorgesehen in der Inszenierung von Jürgen Gosch: Die Ohnmacht einer Bäuerin, die die (falsche) Nachricht vom Tode des Kurfürsten hört. Die Schauspielerin Annelene Hischer brach grippegeschwächt auf der Bühne zusammen. Es geht ihr aber schon wieder besser. 

BZ Berlin