Samstag, 25. November 1995

"Schmidt Deutschland der Rosa Riese" vom Berliner Ensemble im Stadttheater Luckenwalde

Die Mörder sind unter uns. Ist es Zufall, oder ist es der düstere November? In dieser Woche sind gleich zwei deutsche Serienkiller zu neuen Taten erweckt worden - für die Bühne und fürs Kino. Götz George kam als der große Totmacher Haarmann. Und den kleinen Totmacher Schmidt läßt das Tourneetheater des Berliner Ensembles noch einmal durch die Wälder Brandenburgs schleichen. Der "Rosa Riese" geht wieder um. Der Mann, der bis 1991 in der Gegend um Beelitz fünf Frauen und ein Baby ermordete. Anna Langhoff hat ein Stück über ihn geschrieben. Und jetzt wurde es vom BE im Stadttheater Luckenwalde uraufgeführt. Ganz in der Nähe von Beelitz.

Der "Rosa Riese" heißt hier Konrad, nicht Wolfgang. Anna Langhoff hat ihn umgetauft, so wie Büchner aus dem realen Eifersuchtsmörder Wozzeck einen Bühnen-"Woyzeck" machen. Damit deutlich wird, dies ist Theater, kein abgeschriebenes Leben. "Schmidt Deutschland der Rosa Riese" ist kein Skandalreißer. Sondern ein Stück, das erforscht: Wie hing der Ausbruch der Gewalt in einer Menschenseele mit Untergang des Staates DDR zusammen? Und wie dünn ist die Wand, die den Sadismus und Haß in jedem braven Bürger von der Mordlust einer Bestie trennt?

Anna Langhoff, die auch Regie führte, pendelt zwischen überhöhter Stilisierung und grotesk komödiantischen Szenen. Das geht manchmal völlig schief, so beim "Chor der Journalisten", einer mehr oder weniger freiwilligen Parodie auf Einar Schleef. Und manchmal verbinden sich Grauen, Rührung und Komik glückhaft. So bei der Szene, in der sich die Familie des Rosa Riesen darum streitet, wer den verunglückten Kanarienvogel (dargestellt durch ein Stück rohe Leber) ins Jenseits befördern muß.

Besonders stark ist Hauptdarsteller Christian Suhr, schon rein äußerlich mit seiner extrem hohen Stirn und den traurige Augen die Idealbesetzung. Der Schleef-Schüler bringt die gedrechselten Verse Anna Langhoffs mit anrührendem Wohlklang über die Rampe. Wenn das Riesenbaby Schmidt im mit einfachsten Mitteln dargestellten Kiefernwald der Mark auf Mord ausgeht und dabei seine Zerrissenheit, seine Angst, seinen Haß auf die neue unsichere Zeit und seinen dumpfe Wut gegen Türken, Neger und Russen artikuliert, dann lauschen wir ihm mit genau der notwendigen Mischung aus Ekel und Mitleid.

BZ Berlin

Donnerstag, 23. November 1995

"Hänsel und Gretel" in der Volksbühne

Blech ist ein vielseitiges Material. Man kann zum Beispiel Konservendosen daraus rollen oder DDR-Geld daraus stanzen. Bei "Hänsel und Gretel", der düsterer Märchenphantasie des Tanztheater-Agitators Hans Kresnik, ist das Blech Schutzschild und Schlafdecke zugleich für eine Truppe verwahrloster Heimkinder, denen die altgewordenen Geschwister aus Grimms Märchen (Harald Beutelstahl, Margaret Huggenberger, die sich mit Susanna Ibañez abwechseln wird) begegnen. Das Blech ist auch eine Waffe: Der ohrenzerfetzende Lärm, den die Kinder mit dem Metall veranstalten, erinnert an die Gefängnisrevolten in US-Filmen, wenn die Häftlinge mit ihren Blechnäpfen zum Aufstand trommeln.

Und so gnadenlos wie das finsterste Gefängnis ist diese ganze Inszenierung in der Berliner Volksbühne. Kresniks Botschaft: Verglichen mit der Welt von heute ist die Grausamkeit des altdeutschen Märchenwaldes nur noch eine romantische Erinnerung. Rapunzel, die Prinzessin und selbst die Hexe (Kresniks schönste Waffe: Liliana Saldaña mit Popstar-Ausstrahlung) sind längst irre geworden. Und man muß schon eine harmlose Spießerseele haben wie Hänsel und Gretel, um immer noch Goldstaub, Sterntaler und Tanzschuhe zu verteilen.

So eindeutig wie das klingt wird es glücklicherweise fast nie gezeigt: "Hänsel und Gretel", das mehr Traumbilder beschwört als eine Geschichte zu erzählen, ist vielleicht das am wenigsten platte Kresnik-Stück seit Jahren. Zwar kommen auch die Freunde des Ausstattungs-Theaters auf ihre Kosten - vor allem beim grandiosen Schlußbild mit dem brennenden Hexenhaus (Bühne: Penelope Wehrli). Auch für Prothesen, Beile, Brei und andere Zutaten des Kresnikschen Tanztheaters ist reichlich gesorgt. Doch je länger der Abend währt und je mehr sich das Ohr an die Musik von Livio Tragtenberg gewöhnt (klaut in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts von Schönberg bis Free Jazz), desto mehr gelingen Szenen von zurückhaltender tänzerischer Schönheit.

Nur zwei Beispiele: Ich habe schon viel zu viele überflüssige Nackte gesehen. Die Nackten sind ja ein Klischee des modernen Theaters - so wie Fernseher auf der Bühne. Aber beim Tanz der schizophrenen Märchenprinzessinnen oder bei Hänsel und Gretels behutsamer Liebesszene ganz zum Schluß ist alles anders. Selten zuvor ist je so einleuchtend gezeigt worden, was Nacktheit eigentlich bedeutet: Schutzlosigkeit, Mut, die Hinfälligkeit des Körper zu akzeptieren - aber auch Zärtlichkeit und Offenheit. 

BZ Berlin

Montag, 20. November 1995

"Philoktet" im Berliner Ensemble

Warum ziehen sich Menschen an? Warum verhüllen sie sich, statt nackt umherzuspringen wie einst im Paradies? Bisher dachten wir: Weil sie sich sonst im bitter kalten Frost die kostbaren Weichteile abfrieren. Seit "Philoktet", der neuesten Produktion des Berliner Ensembles wissen wir noch einen zweiten Grund: Menschen tragen Kleider, weil es nichts Ödereres gibt als den Anblick nackter Pimmel und Gesäße.

Über zwei Stunden quält Regisseur Josef Szeiler Zuschauer und Schauspieler. Nino Sandow (als Odysseus) und Uwe Preuß (Neoptolemos) sind nackt bis auf die Schuhe, nur der 67jährige Fritz Marquardt (als verstoßener griechischer Feldherr Philoktet) darf freundlicherweise eine Jeans anbehalten. Wie klassizistische Statuen sitzen sie starr auf der riesigen Bühne, die sich von der Brandmauer bis zur Rückwand des Zuschauerraums quer durchs BE erstreckt, und leiern den Heiner-Müller-Text. Alle paar Minuten geht das Licht aus, dann wechseln sie die Posen und leiern im Dunkeln weiter oder im Hellen - wenn kümmert's noch nach einer halben Stunde?

In meiner Sammlung der grauenhaftesten Theaterabende 1995 nimmt "Philoktet" den Rang der Blauen Mauritius ein. Noch vor solchen Orgien der Unkultur wie "Richard III." im Schloßpark-Theater, "Werwölfe" in den Kammerspielen oder "David" im Hebbel-Theater. Ein Inferno der Langeweile. 

BZ Berlin

Freitag, 17. November 1995

"Häuptling Abendwind" im Renaissance-Theater

Kannibalenhäuptlinge hetzen ihre Völker gegen Ausländer auf, feilschen wie Politiker und treiben Diplomatie - aber dann fressen sie sich gegenseitig die Ehefrauen weg und jammern über ihr Witwerdasein. Johann Nestroys "Häuptling Abendwind" (zur Musik von Jacques Offenbach) ist eine böse Posse auf den Hochmut der Zivilisation. Das "Wald4tler Hoftheater" gastierte mit diesem schrägen Operettical voller Wiener Schmäh jetzt im Renaissance-Theater. Ein bißchen wie das "Weiße Rössl" in der Bar jeder Vernunft. Oder wie das, was man aus dem Hamburger "Schmidt's Tivoli" kennt. Ein Teil des in den letzten Jahren mit Möchtegern-Burgtheater verwöhnten Publikums an der Hardenbergstraße war sichtlich irritiert. Der Rest bejubelt vor allem Hauptdarsteller Toni Slama und die tollen Gesangsleistungen aller Beteiligten. 

BZ Berlin

Donnerstag, 16. November 1995

"Das trunkene Schiff" im 3. Stock der Volksbühne

Im Herbst 1988 lag die DDR schon in den vorletzten Zügen. Die Stasi war zwar noch allgegenwärtig, aber ihre IMs berichteten aus dem 3. Stock der Berliner Volksbühne nur noch unbrauchbare Halbpoesie wie "Castorf ist mit seinen Gedanken manchmal schon so weit voraus, daß er gar nicht mehr beachtet, was er eigentlich meint." Der messerscharf observierte junge Provinzregisseur probte auf der winzigen Experimentalbühne des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz gerade seine erste Inszenierung für die Hauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates: "Das trunkene Schiff", ein Stück des Expressionisten Paul Zech über den legendären Dichter Arthur Rimbaud. Eine Art Stationendrama: Jugendjahre in der Provinz, Ankunft in Paris, Beziehung mit dem eher kleinbürgerlichen Verlaine, Mordversuch Verlaines an Rimbaud, die Kommune, Tod. Castorf sah Rimbaud als frühen Popstar: "Das Hochgespültwerden in einem Massensystem, so wie Madonna oder Michael Jackson, das hat mich interessiert." Hochgespült wurde auch Frank Castorf: Die Premiere am 9. September 1988 machte den damals 37jährigen schlagartig auch im Westen bekannt.


 Heute, sieben Jahre später, ist Castorf einer von den vielleicht fünf deutschsprachigen Regisseuren, deren Namen selbst Menschen kennen, die nie ein Theater betreten. Seit 1992 ist er der supererfolgreiche Intendant der Bühne, in der seine überregionale Karriere begann. Und hier ist jetzt jenes kleine Stück Theatergeschichte wieder zu besichtigen - die Volksbühne hat "Das trunkene Schiff" in der originalen Besetzung wieder aufgenommen. Nur Michael Lucke ist nicht dabei. Der Darsteller des Labatut reiste kurz nach der Premiere aus der DDR aus und ist nie zurückgekehrt. Seine Rolle übernahm Harald Warmbrunn.

Die knapp zweistündige Inszenierung ist immer noch erstaunlich staubfrei. Hier keimte schon Vieles, was noch heute zu den Zutaten des Castorfschen Theaters gehört: Henry Hübchen als Protagonist und Alter Ego des Regisseurs, Slapstick, schauspielerische Improvisation, Musik als Kommunikationsersatz, mindestens zwei fleischliche Geliebte des Meisters (Silvia Rieger und Cornelia Schmaus), Nahkampf mit dem Publikum, Mehlbomben und das schräg-schöne Bühnenbild von Bert Neumann. Höhepunkt ist die Szene, wo Verlaine Geburtshilfe bei einem Rimbaud-Gedicht übt: "Du mußt es von ganz tief raufholen, tiefer." Und Rimbaud brüllt und windet sich wie eine Niederkommende, bevor er plötzlich loslegt: "Des Schwarzbeerstromes unbekannte Fluten ..."

Nur wenige Gags haben ihr Verfallsdatum überschritten. Etwa wenn Hübchen als Verlaine sich über die Widerwärtigkeit von Artischocken mokiert, die in der DDR völlig unbekannt waren. Heute sieht man Henry Hübchen an, daß er mittlerweile ziemlich viele Artischocken - neben anderen westlichen Genüssen - probiert hat. Auch die restlichen Darsteller sind gereift: Das Haar der schönen Silvia Rieger, die Rimbauds pubertäre Schwester Isabella spielt, ist von silbernen Fäden durchzogen und Rimbaud selbst (Axel Wandtke) wurde vom Knaben zum Mann.

Das nostalgische Familientreffen kam übrigens zustande, weil die brasilianischen Goethe-Institute nach einer kleinen Castorf-Produktion für ein Gastspiel gefragt hatten. Im Sommer 1996 wird "Das trunkene Schiff" auf große Fahrt nach Rio, Sao Paulo, Brasilia und San Salvador gehen.

BZ Berlin

Montag, 6. November 1995

"David" im Hebbel-Theater

Die große Koalition von CDU und PDS - in der Politik ist sie noch ein vager Alptraum. Auf dem Theater ist sie in Berlin gerade vollzogen worden. Ausgerechnet Brigitte Grothum, die Schauspielerin und Diepgen-Propagandistin, die 1992 beim Tode von Marlene Dietrich der ausgewanderten Diva noch ein letztes Mal die alte Stinkbombe "vaterlandslose Gesellin" ins Grab hinterherwarf, inszenierte eine Uraufführung von - ausgerechnet - einem anderen Emigranten: Bertolt Brecht (1898-1956). Zur Verfügung gestellt hat ihr das dramatische Bruchstück, das der junge Brecht zwischen 1919 und 1921 in Augsburg schrieb, ausgerechnet Barbara Schall, die Brecht-Tochter, die von Ost-Berlin aus jahrzehntelang darüber wachte, daß keine allzu frische Bühneninterpretation die Versteinerung ihres Vaters zum Klassiker aufhielt. Und die Hauptrolle spielt ausgerechnet ihr Mann, Ekkehard Schall, der in seliger DDR-Zeit Hauptrollenspieler und stellvertretender Intendant des von Brecht gegründeten Berliner Ensembles war. 1961 sprach er sich in einer Umfrage für den Bau der Mauer aus. Heute gehört er zu denen, die ihren Karriereknick nach der Wende bewältigen, indem sie sich in linke Stammtischphrasen-Drescherei a la "die DDR ist kohlonialisiert worden" flüchten.

Es handelt sich beim Team Brecht-Schall-Grothum jedoch weniger um eine politische Verbrüderung als um eine Zweckehe: Die Serientante Grothum wollte den Ritterschlag der großen Kunst, der abgehalfterte Schall wollte mal wieder eine Hauptrolle und Frau Barbara wollte dem amtierenden Leitungsteam des Berliner Ensembles unter Heiner Müller eins auswischen. Dort habe ja niemand das Stück haben wollen, verkündete sie süffisant lächelnd vor einigen Wochen.

Die Uraufführung von "David" am Sonnabend im Berliner Hebbel-Theater war nicht dazu angetan, die Zurückhaltung Heiner Müllers als Dämlichkeit zu entlarven. So richtig begriff keiner, warum dieses drei viertelfertigen Szenen (der junge David, David und Saul, der alte David) unbedingt aufgeführt werden mußten - außer damit der Wind, der um diese vermutlich allerletzte Brecht-Uraufführung gemacht wurde, das muffige Image der Frau Grothum durchlüftet.

Der Fairneß halber sei gesagt: Grothums Regiekonzept war bei weitem nicht die größte Katastrophe des Abends. Sie hat das ganze als Illusion einer Durchlaufprobe inszeniert, wohl um die Unfertigkeit des Textes eher zu betonen als zu verschleiern. Die Regisseurin sitzt die ganze Zeit am linken Bühnenrand, greift von Zeit zu Zeit ins Geschehen ein (Achtung: V-Effekt!) und liest einige der Bibel-Stellen und Tagebuchauszüge, mit denen der Brecht-Text verbunden und auf 120 pausenlose Minuten gestreckt wird. Trüge sie einen einschüchternden Namen aus der Ehrenriege des Regietheaters, hätte man das vermutlich als eine besonders offene Form des Theaters interpretiert. Es war auf jeden Fall nicht peinlicher als das "Wunder von Mailand" oder "Der Jasager und der Neinsager", zwei der Inszenierungen, mit denen Peter Zadek in den vergangenen Jahren in Berlin seinen Ruf demontiert hat.

Vom Bluff zur Schmiere wird "David" vor allem durch Ekkehard Schall. Er spielt den alten Saul und später den altgewordenen David. Dieser Schauspieler hat Theatergeschichte geschrieben mit seinen Hauptrollen in "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" (1959) und "Coriolan" (1964). Doch heute ist der große Name nur noch Schwall und Bauch. Das erste Mal läuft es uns eiskalt den Rücken runter, als er gleich zu Beginn mit seinem brüchigen Singstimmchen "Das Lied des David" singt. Doch etwa bis zur Mitte des Abends bleibt das Gefühl verzehrender Peinlichkeit beim Publikum unterdrückt.

Doch dann brachte eine unfreiwillig komische Tanzszene die Stimmung zum Umkippen: Wie der schon etwas gewichtige Vladimir Gelvan, einst 1. Solotänzer der Deutschen Oper, die Bundeslade in choreographischen Klischees aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts umtanzte - ja, das hatte den Charme eines bärtigen Beamten, der beim Polizeiball das Funkenmariechen macht. Von da an trauten sich die Böswilligen (viele waren natürlich gekommen, um mitzuerleben, wie die "Dame von Grill" sich an Brecht einen Bruch hob) und Gequälten immer häufiger und immer lauter zu lachen. Nun war auch das schwammige Gefuchtel Schalls nur noch Anlaß für heftige Heiterkeit. Ein Abend, an dem Fernsehchargen wie Klaus Dahlen und Horst Pinnow nicht die schlechtesten Schauspieler waren - mehr muß wohl nicht gesagt werden!

Der Applaus zum erlösenden Ende blieb dünn. Die Zuschauerreihen waren ohnehin nie ganz gefüllt. Anscheinend haben diejenigen, die Brigitte Grothum und Klaus Dahlen sehen wollen, kein Interesse an Brecht-Uraufführungen. Und wer Brecht sehen will, der traut Frau Grothum nicht. Dieser merkwürdige Abend hat die Gräben eher noch vertieft.

BZ Berlin

Samstag, 4. November 1995

"Hochzeitsreise" im Prater

Unter der bröckelnden Decke des Theatersaals spendet eine tief hängende Glühbirne fast sakrales Licht und von hinten zieht's den Zuschauern zugig zwischen Jacke und Hose, obwohl sie nach allen Seiten von Pappkartons eingebaut sind. Doch die fast weihevolle Klaus-Michael-Grüber-Stimmung wird bald zerstört. Wir sind im Prater, wo Frank Castorf uns mit auf "Hochzeitsreise" nimmt.

"Ein Vaudeville" nennt der russische Autor Vladimir Sorokin seinen Reisebericht aus dem Kontinent der deutsch-russischen Macken. Der Sohn eines SS-Offiziers (Bernhard Schütz) und die Jüdin, Tochter einer blutgierigen Kommissarin (als gespaltene Persönlichkeit Carolin Mylord und Jeanette Spassowa), ächzen gemeinsam unter der Last historischer Neurosen. Die Russin ist nach-sowjetisch verkommen. Der Deutsche läßt sich gern für die Sünden der Väter peitschen. Am Ende kuriert ein Geschlechtsakt auf dem Obersalzberg alle Macken.

Logisch, daß Castorf dazu mehr eingefallen ist als zur "Stadt der Frauen". Und auch die Off-Bedingungen (nur zweieinhalb Wochen Proben, kaum Technik, winziges Räumchen, das Nahkampf mit dem Publikum ermöglicht) haben ihm offenbar gut getan: In jedem Manne steckt halt ein Kind. Und das will immer zurück zu seinen Anfängen.

BZ Berlin