Dienstag, 19. Dezember 1995

"Dr. Jekyll & Mr. Hyde" in der Volksbühne

Wie schön! Endlich mal wieder ein richtig scharfes Ragout aus heftigsten Buhs und Bravos in der Volksbühne. Der Mann, der das geschafft hat, heißt Michael Simon. Für sein Berlin-Debüt hat der junge Regisseur Robert Louis Stevensons Schauermär vom braven Dr. Jekyll, der sich bei Bedarf in den bösen Mr. Hyde verwandelt, ins Ägypten des Kolonialzeitalters verlegt - jedenfalls darf man das aus den Kostümen (Anna Eiermann) schließen.

Und er bringt eine neue Spielfarbe an den Rosa-Luxemburg-Platz: Vor allem im ersten Teil sieht "Dr. Jekyll & Mr. Hyde" mit all den gedehnten Bildern, verfremdenden hypnotischen Toneffekten und puppenhaften Tanzeinlagen (Choreographie: Ron Thornhill) und der traumhaften Musik von Jörn Brandenburg aus wie Robert Wilson mit menschlichem Antlitz. Aber anderes als beim Guru des Designertheaters, ißt bei Simon die Dekoration nicht die Seele.

Die Sensation des Abends ist Sophie Rois als Hure Ivy. Ihr Gesang ("Blue Moon") ist pure elektrisierende Lolita-Erotik. Und bei ihrer Sado-Nummer mit Hyde (Herbert Fritsch) oder beim Bordellbesuch von Hydes Freund Utterson (auch ein Glanzlicht: Bernhard Schütz) fliegt sie wie eine Sturmhexe zwischen Witz und Tragik hin und her und reißt dabei seelische Abgründe auf, die so tief sind, daß man nur mit lustvollem Schwindel hineinblickt.

Herbert Fritsch läßt dem braven Dr. Jekyll schon den Wahnsinn aus den Augen leuchten. Und seine Ballette der Brutalität als Mr. Hyde sind angenehm neu und anders verglichen mit seinem bisherigen großen bösen Rollen Alex und Hagen. Doch in den letzten 10 Minuten wirkte er, als sei plötzlich sein inneres Licht ausgeknipst. Vielleicht lag es daran, daß er wie die meisten Schauspieler anscheinend noch Probleme mit dem Mikrophon hatte. Dadurch verliert vor allem die furiose Schlußszene, in der alle Beteiligten vergiftet oder erwürgt von Jekyll/Hyde niedersinken, bis die Bühne ein Leichenteppich ist.

Das Dilemma der Aufführung: Der Ex-Rockmusiker Simon hat zwar ein tolles Gefühl für Rhythmus - je mehr Hydes Charakter die Macht übernimmt, desto wilder wird das Bühnengeschehen. Aber er ist kein Dramatiker, genauso wenig wie Bettina Erasmy, von der die Texte stammen. Simon hat angekündigt, er wolle dem Film und der Oper wieder die großen Geschichten entreißen. Es bleibt vorerst beim guten Willen. Die Bühnenbilder, Effekte und Schauspielerleistungen erreichen manchmal Weltklasse, doch nichts täuscht darüber hinweg: Eine der größten Geschichten aller Zeiten gab dem Abend zwar den Namen - erzählt wird sie nicht. 

BZ Berlin

Samstag, 9. Dezember 1995

"Seid nett zu Mr. Sloane" im Maxim-Gorki-Theater

Als wär's ein Stück von ihm gewesen: 14 Hammerschläge seines eifersüchtigen Geliebten beendeten 1967 das Lebens des britischen Dramatikers Joe Orton. Drei Jahre nachdem er mit "Seid nett zu Mr. Sloane" berühmt geworden war, einem Abgrund von Mord, Sadismus, Geilheit und Komik. Unter der Regie von Mario Andersen tat sich dieser Abgrund jetzt im Maxim Gorki Theater wieder auf.

Softbeat vom Band, ein liebevoll mit zeitgemäßem Plunder ausgestattetes Wohnzimmer (sogar einen Teppichroller hat Bühnenbildnerin Sabine Böing aufgetrieben), stilecht geschmacklose Kostüme: Wir sehen ein bitteres Märchen aus den fernen Sixties. Aber wie das so geht mit den alten Märchen - manchmal haben sie einen wahren Kern, der alle Zeiten überdauert. Und manchmal hat "Der Wolf und die sieben Geislein" uns mehr zu sagen als die Schlagzeile von gestern.

Ist "Seid nett zu Mr. Sloane" auch so eine haltbare Fabel? Auf jeden Fall gibt es bei dieser Ballade von der Sexuellen Abhängigkeitt mehr zu lachen, als in den Late Shows von der Nacht zuvor. Die völlig verkommenen Londoner Kleinbürgergeschwister Kathrin und Ed verfallen einem Stricher. Als der hübsche Mr. Sloane schließlich sogar ihren Vater ermordet, nehmen sie das nur zum Anlaß, ihn zu ewiger sexueller Dienstbarkeit zu erpressen.

Harald Schrott spielt diesen Sloane als gefallsüchtige, verschlagene Nuttenseele. Ewig fuchtelnd im Blondhaar, die Parodie eines Gossenengels. Tatja Seibt als Kathrin suhlt sich in den Wonnen der Gemeinheit, mit dem unglaublichen Mut zum Häßlichen, den nur eine Frau aufbringt, die sich ihrer Attraktivität ganz sicher sein kann. Hansjürgen Hürrig ist ein verklemmt schwuler Mackie Messer. Und Hilmar Baumann ist als "Vatti" dieser Brut ist so sympathisch, so warmherzig und so komisch wie Ekel Alfred als blinder, undichter Greis.

Immer ist der Spaß fühlbar, mit dem sie auf die komödiantische Tube drücken. Und in dieser Tube ist eine Farbe, mit der hier früher nie gepinselt wurde. Dabei ist "Seid nett zu Mr. Sloane" kein großes Stück, nur eine von diesen grausam raffinierten Kleinigkeiten, die Deutsche nicht einmal schreiben könnten, wenn's möglich wäre, damit ihre Seelen vor dem Höllenfeuer zu bewahren. Bester böser Boulevard, der dem Gorki ein paar ganz neue Zuschauer bescheren dürfte.

BZ Berlin