Donnerstag, 21. März 1996

"Hamlet" im Hebbel-Theater

Wenn Robert Wilson gut ist, hat sein Theater die Kraft, ein Fenster zur Seele eines Autisten zu öffnen. Ist er schlecht, wirkt es wie ein buntes Schaufenster, das von Eisblumen beschlagen ist: leer, formal, kalt. Selbst seine virtuose Sprache ist dann nur Ornament.

Wie schön hätte sein "Hamlet" im Hebbel-Theater werden können, wennWilson nicht selbst gespielt hätte.

Doch an diesem Abend ist Wilson alles: Regisseur, Bühnen- und Lichtdesigner. Und einziger Darsteller - Hamlet, Ophelia und Mutter Gertrud. Der Dänenprinz liegt im Sterben und erinnert sich an alle, die er getötet hat. Von Rosenkranz und Güldenstern bleiben zwei Prunkgewänder. Von Polonius ein Schuh. Von Ophelia ein Kleid.

Die Bilder und die Musik (kongenial: Hans Peter Kuhn) haben die Wahrheit und den weisen Humor des altklugen Kindes Wilson. Doch auch das Dekorative, das sein Theater oft so furchtbar kunsthandwerklich wirken läßt.

Wilsons Bewegungen aber erzählen nicht nur das Drama von Shakespeare. Sie verraten auch das Drama des eitlen Künstlers. Der sich bis zur Lächerlichkeit entblößt. Hamlet mit abgespreiztem kleinen Finger. Hamlet als tanzender und springender Narr. Hamlet als prunkliebender Geck (Kostüme: Frida Parmeggiani). Erträglich wird das durch Schönheit und Witz. Und durch Wahrheit. Zwar sind Wilsons Bewegungen unpräzise, zäh und ungelenk. Wie bei einem 54 Jahre alten Mann, der Schwierigkeiten hat, sich zu bewegen.

Doch natürlich weiß Wilson das. Er setzt seinen Dilettantismus genauso ein, wie er sein Können einsetzt. Und während man zuerst peinlich belustigt ist, überfällt einem immer stärkere Sympathie und Rührung. Die Unbeholfenheit sprengt die tödliche Starre, in der Wilsons Theater in den letzten Jahren versteinert war. Und gerade deshalb ist "Hamlet" so berückend.

Wie schrecklich hätte "Hamlet" werden können, wenn Robert Wilson nicht selbst gespielt hätte!

BZ Berlin

Donnerstag, 7. März 1996

"Heiße Rhythmen. Heiße Kienberger, freut mich!" im Prater

Intendant Frank Castorf hat eine unglückliche Liebe: Den Prater im Prenzlauer Berg. Die zweite Spielstätte läuft noch längst nicht so gut wie das große Volksbühnen-Haus. Der Panzerkreuzer am Rosa-Luxemburg-Platz ist für viele unverzichtbarer Teil des "Events" Volksbühne. Die Schönheit des Prater hat sich noch nicht herumgesprochen.

Nun hat der Schweizer Jürg Kienberger für den Prater einen Liederabend maßgeschneidert. "Heiße Rhythmen. Heiße Kienberger, freut mich!" ist der Name dieser hübschen Kleinigkeit. Sie wärmt das Herz, freut die Ohren, beflügelt den Fuß - nicht mehr.

Im bescheidenen 50er-Jahre-Bühnenbild (mit Salzstangen auf den Clubtischchen) und den Kostümen von Barbara Steiner beweisen neun Volksbühnen-Schauspieler mit Melodien von Mozart über Hermann van Veen bis zum Kuba-Sound, daß sie ganz wunderbar singen können.

Daß Kienberger musikalisch multitalentiert ist, ist keine Überraschung. Daß Hendrik Arnst so faszinierend gucken kann wie keiner, ist auch keine. Daß Bernhard Schütz toll Posaune spielen kann, ist eine echte Überraschung. Daß der Abend nur eine gute Stunde währt, ist die einzige unangenehme Überraschung.

Das fand offenbar auch mein Unterbewußtsein: Noch im Schlummer summend träumte ich, ich hätte beim Händewaschen belauscht, wie sich Joachim Tomaschewsky beschwerte, wegen eines falsch gegebenen Stichworts seien drei Lieder ausgefallen! 

BZ Berlin

Montag, 4. März 1996

"Moffenblues" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Wieviel Handlung braucht ein großer Theaterabend? Es geht auch fast ohne - das bewies Gerardjan Rijnders mit "Moffenblues" in den Kammerspielen. Schon lange nicht mehr ist in Berlin auf eine so unterhaltsame, sensible und musikalische Weise keine Geschichte erzählt worden. Oder ein ganzes Meer von Geschichten - was auf das gleiche hinausläuft.

Der holländische Regisseur und Autor schickte Anne Frank, die ewig weiterleben muß wie der Fliegende Holländer, auf eine Reise in die seltsame Seelenwelt der "Moffen" (Schimpfwort für Deutsche) im Berlin von heute. Aus Gedanken, Gesprächen, Erinnerungen und Wirklichkeitsschnipseln setzt sich ein vielschichtiges Bild des Neurosenwunderlandes Deutschland zusammen.

Da erklärt die unsterbliche Anne Frank, daß sie nicht nach Amsterdam zurückkonnte, weil sich die holländische Tourismusindustrie von diesem Schlag nie erholt hätte. Und ein junger Mann erregt sich über Deutsche, die überall jüdische Gedenkstätten besuchen und mit einem "Holocaust-Lächeln" auf dem Gesicht feststellen: "Was hier alles passiert ist!"

Rijnders hat den ironischen Blick von außen. Und er sieht: Ob Ost, ob West - typisch für die Deutschen ist die Hartnäckigkeit, mit der sie sich in ihren diversen unbewältigten Vergangenheiten festbeißen. Erlösung finden sie nur kurz im Kitsch: Zum niederländischen Schlager "Zusammensein" choreographiert Rijnders eine musicalhafte Erlösungsszene, die aber rasch wieder im alltäglichen Chaos-Ballett endet.

Hollands Peter Stein hat man Rijnders genannt. Diese plumpe Plakette enthält ein Stück Wahrheit: Mit leichter Hand hat er die Schauspieler (besonders auffällig: Gabriele Heinz und die Holländerin Chun Mei Tan) aus den im DT üblichen küchenrealistischen Spielweisen befreit.

Ein Teil des Publikums reagiert mit Unwillen. Motto: "Der 'Kessel Buntes' und Professor Flimmrich sind verschwunden, und jetzt will man uns auch noch die sauber von A bis Z erzählten Geschichten wegnehmen!"

Die Buhrufer können beruhigt sein. Ein Dauerbrenner wird "Moffenblues" nicht werden. Es sei denn, es spricht sich bis zum pogressiveren Teil des Schaubühnenpublikums oder zu denjenigen, die auch einer leisen Marthaler-Inszenierung etwas abgewinnen können, herum, daß es hier in den Kammerspielen das Belangvollste seit Jahren zu sehen gibt.

BZ Berlin

Samstag, 2. März 1996

"Stella oder der letzte Tag der Miss Sara Sampson" in der Studiobühne des Maxim-Gorki-Theaters

Die Dreiecksgeschichte als Grundfigur des bürgerlichen Liebeslebens? Davon gehen die jungen Regisseure Tom Kühnel und Robert Schuster aus, die im Gorki-Studio Goethes "Stella" und Lessings "Miss Sara Sampson" zu einem Mega-Stück über die Verwirrung der Gefühle zusammenoperierten.

Verwirrt von glücklichen Gefühlen sieht man dem Treiben auf der Bühne zu. Rasend schnell und präzise funktioniert das komplizierte Zwitterwesen "Stella oder der letzte Tag der Miss Sara Sampson". Das Bühnenbild ist dreieckig wie das Liebesleben: Zwei Türen und ein Diwan, auf dem die Gefühlsergießungen stattfinden.

Die größten Lacher erzielen die jungen Schauspieler mit Blicken, Gesten oder Pausen im richtigen Moment. Oder mit dem Zusammenprall der beiden Stück-Welten: Der Konfusion der Herzen entspricht die Konfusion der Bühnenfiguren.

Der Wirtsbursche Karl (Christian Weise) muß sowohl den Sampsons als auch Stella & Co als Knecht dienen. Mögen die Liebeshändel der Herrschaften mit dem Tod enden wie bei "Miss Sara Sampson" oder mit Stellas Ehe zu dritt - für den, der die Koffer schleppen und das Blut wegwischen muß, ändert sich nie etwas. 

BZ Berlin