Sonntag, 19. Mai 1996

"Herr Puntila und sein Knecht Matti" vom Hamburger Schauspielhaus beim Theatertreffen

Er kann also auch anders. Beim Auswärtsspiel in Hamburg hat sich Frank Castorf eine ungewohnte Dezenz und stille Kraft gestattet. Seine Inszenierung von Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" ist trotz aller lärmenden Ausbrüche, clownesken Späße und unglaublich guten Musiknummern (Sonderlob für "Attaché" Josef Ostendorf und Pianist Franz Wittenbrink) reine heitere Melancholie - und gerade die ruhigsten Momente sind die stärksten. Zum Beispiel die Szene, in der ein Paar Frauenbein auf Stöckelschuhen schon genügen, um Puntila (große Klasse: Michael Wittenborn) minutenschnell in ein lallendes Wrack zu verwandeln.


Castorf macht sich nie billig über Brecht lustig. Unter aller Ironie waltet die Trauer dessen, der irgendwann erkennen mußte, daß die vergötterte Vaterfigur auch nur ein Mensch voller Irrtümer und Peinlichkeiten war. Die schlimmsten Momente sind immer O-Töne vom armen BB. Wie eines jener unsäglichen "erotischen" Brecht-Gedichte, das Castorf in die Badehüttenszene zwischen Matti und Eva einschaltet (und als perfekte Acapella-Perle singen läßt). Was Brecht sich mit diesem Quark angetan hat, würde der Stückezertrümmerer Castorf in seinen brutalsten Momenten nicht wagen.

BZ Berlin


Freitag, 17. Mai 1996

"Wahlverwandtschaften" vom Zürcher Theater am Neumarkt beim Theatertreffen

Im deutschen Theater ist es wie früher im Politbüro der UdSSR. Als Gorbatschow mit 54 an die Macht kam, erschraken seine Genossen: "Jetzt lassen sie schon die Kinder ran!" Und hier und heute sagt Altmeister Peter Zadek (70) ohne jede Ironie über Frank Castorf (44): "Für mich der begabteste unter den jungen Regisseuren."

Stefan Bachmann, dessen Zürcher "Wahlverwandtschaften nach Goethe" jetzt beim Theatertreffen gefeiert wurden, ist in diesem Klima eine Art Mega-Gorbatschow: Er ist 29 und sieht keinen Tag älter aus. Er hat keine Glatze, keine Brille und trägt keine schwarze Kleidung - die üblichen Markenzeichen des Nachwuchsregisseurs von knapp 40.

Aber welche frühreife Meisterschaft läßt er schon jetzt erkennen. Wie cool und geschickt die Inszenierung zwischen Tempo und Ruhe, zwischen lärmender Modernität und gebändigter Biedermeier-Stille changiert! Und wie er seine Schauspieler dazu brachte Triumphe sowohl mit Slapstick (da wird der Putzlappen zum erotischen Utensil) als auch mit ganz dezenten Mitteln zu erringen!

Bachmann ist auch keiner, der alles gleich inszeniert. "Wahlverwandtschaften" - jenes Stück um zwei großbürgerliche Paare, die darum ringen, Harmonie und sexuelle Erfüllung zu verbinden - ist maßgeschneidert für die Schweiz, bis hin zum Auftritt eines schwyzerdützschen Penners. Das ist auch der einzige Grund, warum es hier nur einen Applaus-Bären gibt: Bachmanns Berliner Goethe-Streich "Lila" mit seinen sexuellen und sonstigen Identitätskrisen sprach die Stadtneurotiker-Seele einfach noch direkter an als es die nicht minder geglückten "Wahlverwandtschaften" tun.

BZ Berlin

Montag, 13. Mai 1996

"Der große Knall" vom Schauspiel Bonn beim Theatertreffen

Die Publikumswirksamkeit eines Gastspiels beim Theatertreffen kann man ablesen an der Zahl derjenigen Menschen, die am Premierenabend noch auf eine Karte lauern. Bei "Der große Knall" aus Bonn wurde man vom U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz bis zum Schiller-Theater sanft belagert. "Suche Karte" hieß die Botschaft auf zweckentfremdeten "Theater-heute"-Prospekten. Das hatte nicht allein künstlerische Ursachen: Die Zahl der Plätze war begrenzt, weil auf der Hinterbühne gespielt wurde und vielleicht 400 Zuschauer dort Platz fanden.

Diese künstliche Angebotsverknappung paßt gut zu Arthur Millers Stück über die große Wirtschaftskrise von 1929. Regisseur David Mouchtar-Samorai hat auch Millers sentimentaler Szenenfolge eine unterhaltsame Kapitalismus-Revue gemacht. Manchmal immer noch triefend, aber meist leichtfüßig, komisch und erhellend. Für ihre Rollenwechsel bedienen sich die Schauspieler (darunter Ex-Schiller-Star Joachim Bliese) in Kleiderständern rechts und links auf der Bühne. Und auch sonst betont das Bühnenbild, das fast nur auch Schnüren, Tischen, Stühlen und Puppen besteht, die Künstlichkeit des Geschehens. Umso peinlicher wirken Ausbrüche realistischen Schauspieler-Amoks mit Heulkrämpfen und Schreianfällen. Dennoch: Bestes Stadttheater, wie man es sich vom Theatertreffen im zweitbesten Falle immer erhofft.

BZ Berlin

Mittwoch, 8. Mai 1996

"Baumeister Solness" vom Nationaltheater Mannheim beim Theatertreffen

Der Bauplan war zu erkennen beim "Baumeister Solness" aus Mannheim. Und die Akteure setzten die Reißbrettphantasien von Regisseur Gerhard Willert präzise um. Dennoch stürzte die Inszenierung so gnadenlos ab wie Titelfigur am Ende von Ibsens Drama. Das Theatertreffen hat seinen ersten Totalflop.

Was Willert wohl wollte: Comictheater - grell, grotesk und antipsychologisch. Zu schon absurden Klängen (Musik: Christoph Coburger) bewegten sich die Schauspieler wie Ausdruckstänzer aus einem Bart-Simpson-Trickfilm.

Das klappt am besten bei den Frauen (besonders gut: Sylvana Krappatsch als Hilde und Alberta Schatz als Aline), am wenigsten bei Solness selbst (Ronald Funke - eher ein "Baumeister Schultheiss", im banalen Berliner Sinne).

Nach einer Viertelstunde (von drei Stunden) haben wir's kapiert. In der zweiten Pause ging ein Drittel des Publikums. Sie verpaßten ein schönes Bühnenbild von Martin Kraemer. Und eine weitere Stunde erfolgloser Bemühungen der Schauspieler, die Willertschen Regie-Bauklötzchen noch zu einem tragfähigen Theatergebäude zusammenzusetzen. 

BZ Berlin