Samstag, 28. September 1996

"Der Pol" in der Schaubühne

Ewig wollen wir im Theater, denjenigen mißtrauen, die allezeit, schon fünf Sekunden nachdem das Saallicht wieder angeschaltet wurde, den ganzen Abend in einer wohlfeilen "Also-ich-fand's-irgendwie..."-Formulierung zusammenknüllen können. Selten war diese Maulflottheit so wenig angebracht wie nach der Nabokov-Uraufführung "Der Pol" in der Berliner Schaubühne. Denn Klaus Michael Grübers Inszenierung schillert vieldeutig wie eine Eisfläche im Sonnenlicht. Und wer weiß, ob nicht die schnellen Schwätzer und vereinzelten Buhrufer noch feststellen werden, daß sie darauf ins Schleudern geraten sind?

Was da schillert, sind die komplementärenTheaterfarben, die Grüber auf seiner Palette hat. Das junge Genie Vladimir Nabokov schrieb sein eisige Drama 14 Jahre nach dem spektakulären Scheitern der britischen Südpolexpedition unter Scott von 1912. Die Fassung, die Botho Strauß für die Schaubühne geschaffen hat, braucht kaum mehr als eine Stunde Spielzeit. Eine Stunde dramatischer Stillstand - zu Beginn sind die vier Expeditionsmitglieder schon im Warten auf den Tod angekommen. Ohne die eingeschobene Musik von György Kurtág wären es wohl sogar nur etwa 45 Minuten gewesen.

Durch die Musik - so sanft, elegisch und fremdartig sie ist -, durch die Auftritte der Musiker, die die Kostümbildnerin Dagmar Niefind zum Teil in pinguinartige Glitzerfräcke gesteckt hat, und vor allem durch das Bühnenbild von Gilles Aillaud, das eine Eismauer sein könnte, aber auch eine Metalljalousie aus einen Designerladen, kommt etwas Erlesenes, etwas sehr Französisches in die Veranstaltung. Ziemlich typisch für die Schaubühne, den West-Pol der Berliner Theaterlandschaft. Und obwohl kaum beabsichtigt, ist dieses Erlesenheit genauso zielgruppengerecht fürs Charlottenburger Stammpublikum, wie es die Rotzigkeit am Ost-Pol der Hauptstadttheater, der Volksbühne, für deren jugendliche Prenzelberger Wunschklientel ist.

Kostbar funkeln auch die Namen der Schauspieler, die gemeinsam mit Grüber und Strauß ein eigentlich unwiderstehliches Dream-Team bilden. Allen voran Iffland-Ringträger Bruno Ganz als Captain Scott. Ihm zur Seite der Franzose André Wilms, dem deutschen Publikum vertraut aus diversen Kaurismäki-Filmen (u.a. "Das Leben der Bohème"). Dazu der gebürtige Schweizer und langjährige Castorf- und Marthaler-Protagonist Robert Hunger-Bühler sowie Sven Walser.

Sie sind es, die "Der Pol" vor dem Kunsthandwerk retten. Nie unterstellen sie dem Text mehr Tiefsinn als tatsächlich darin ist. Im Gegenteil: Je länger der kurze Abend währt, desto mehr feinen Humor schmuggeln sie ein. Ganz legt seinen Scott ein bißchen kauzig an, zwischen militärischer Pedanterie und Sentimentalität. Zum vitalen Fleming, der von allen am längsten dem Eis trotzt, paßt Wilms' brüchiges, männliches Franzosentum. Wenn Buster Keaton hätte reden wollen, dann wäre er vielleicht so wie Hunger-Bühler als Kingsley gewesen. Und auch der Aufbruch von Sven Walser in den Tod nach knapp einer Stunde ist erfreulich lakonisch.

Dieser Art von unaufdringlichem Witz ist das Berliner Publikum ebenso entwöhnt wie der zarten, zum Verschwinden tendierenden Inszenierungskunst Grübers. Wer hören wollte, der konnte das leise Brechen des Eises hören. Wer sich die Ohren zuhielt, schwatzte oder hustete, der konnte allerdings auch selbstsicher darüber hinwegtrampeln.

BZ Berlin

Donnerstag, 12. September 1996

"Der Zimmerspringbrunnen" im Gorki-Studio

Ein Lehrbeispiel dafür, wie man einen Theaterabend in die Mittelprächtigkeit vergeigt: "Der Zimmerspringbrunnen" in der Studiobühne des Maxim-Gorki-Theaters. Aus dem leidlich lustigen Roman des Berliner Schriftstellers Jens Sparschuh ist ein weitaus weniger lustiges Stück geworden: Im Buch erzählt der zuvor arbeitslose Ost-Berliner Hinrich Lobek von seinem Aufstieg zum "Vertriebsleiter Ost" einer Firma für Zimmerspringbrunnen.

Viel mehr, als seinen Darsteller Ulrich Anschütz erzählen zu lassen, ist Regisseur Oliver Reese (der den Text auch fürs Theater eingerichtet hat) auch nicht eingefallen. Anschütz ist gut, aber um den "Zimmerspringbrunnen" vorm Vertrocknen zu bewahren, müßte er ein Titan sein.

Die Schwächen des Buches werden aufgeblasen. Und sein Charme geht verloren, weil dem kleinen Lobek hier aufgebürdet wird, die ganze Last der Vereinigung als exemplarischer "heimatvertriebener DDR-Bürger" zu tragen. Ostdeutsches Schlagergut als Pausenmusik und Dias DDR-typischer Wohneinheiten runden den Heimatabend ab.

"'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit'", sollte Pflichtlektüre für alle DDR-Bürger werden," heißt sagt Lobek einmal. Auch im Gorki kann man jetzt prima Zeit verplätschern.

BZ Berlin

Freitag, 6. September 1996

"Gloucester Time/Materiau Shakespeare/Richard III" bei den Berliner Festspielen

Zynismus gilt gemeinhin als Alterskrankheit. Aber was ist der bittere Zynismus, derjenigen, die mit einem Bein im Grab stehen, verglichen mit dem metallisch-harten Zynismus der Jungen, die noch glauben, sie lebten ewig?

Shakespeare war 29, als er "Richard III." schrieb. Ein Quentin Tarantino der Spätrenaissance. Jede Menge Morde und dazwischen brillante Dialoge. Eilfertig ist die Jugend mit dem Wort. Und mit dem Mord. Von der jugendlichen Unbekümmertheit Shakespeares und dem Schwung seines Ensembles aus lauter unter 30jährigen hat sich Matthias Langhoff zu seiner Inszenierung "Gloucester Time/Materiau Shakespeare/Richard III" befeuern lassen: Vier Stunden pralles Theater auf einer hölzernen Bühnenmaschine, die sich durch kleine Umbauten und hin und her gezogene Brecht-Gardinen sekundenschnell vom Tower zum Schlachtfeld zum Schiff und wieder zurück wandelt. Faszinierend, auch wenn man kein Wort Französisch kann.

Gezeigt wird der Aufstieg eines Gang-Leaders in Zeiten des Chaos. Gemordet wird beiläufig und massenhaft. Verhöhnt werden die Opfer auch noch charmant-provokant vom bösartig glänzenden Richard (Marcial Di Fonzo Bo). Und auch das Happy End bleibt fragwürdig: Die Guten sind nur die Bösen mit dem besseren Image. Die Ähnlichkeit mit den Warlords und Massenmord-Hypnotiseuren von heute wäre auch ohne die Anspielungen Langhoffs auf den Golfkrieg unübersehbar. 


BZ Berlin

Donnerstag, 5. September 1996

"Zement" in der Volksbühne

Drei Stunden kann man in der Volksbühne Menschen zusehen, wie sie den verlorenen Schlüssel zum Werk Heiner Müllers suchen. Doch der scheint - nicht mal neun Monate nach dem Tode des spätsozialistischen Klassikers - auf Nimmerwiedersehen in einem tiefen Brunnenschacht versunken zu sein. Was soll uns auch heute "Zement", diese Geschichte aus dem Jahre 1924, die schon angegammelt war, als Müller 1972 sein Drama draus machte? Der Bürgerkriegskämpfer Gleb Tschumalow (Roland Koch) kehrt heim zu einer erkalteten Ehefrau (Cornelia Schmaus) und einem verrotteten Zementwerk.

Regisseur Andreas Kriegenburg weiß, daß die Suche nach verlorenen Gegenständen zu den Ur-Situationen klassischer Slapstick-Komödien gehört. Und so läßt er seine Schauspieler nicht nur Duette von Laurel und Hardy singen - sie dürfen auch selbst komisch sein. Da strampelt Gerd Preusche als Funktionär Badjin wie ein Hamster auf dem Rad, um einen roten Stern zu erleuchten. Und Justus Carrière als Kleist ist die Karikatur eines verrückten Stummfilm-Wissenschaftlers.

Zuwenig Komik, um den allgegenwärtigen Blues zu lindern. Die Figuren haben den Blues, weil der Sozialismus im Zement-Eimer ist. Die Musik hat den Blues, weil sie von Tom Waits und Ry Cooder ist. Und wir haben den Blues, weil wir schon wieder (zwei Monate nach "Germania 3" im BE) mit ansehen müssen , wie eine Berliner Theatertruppe (trotz grandioser Szenen und Kriegenburgs feinem Gefühl für Rhythmus) fast erstickt, beim Versuch, Heiner Müller aus dem Dornröschenschlaf zu küssen.

BZ Berlin