Mittwoch, 13. November 1996

"Lina Böglis Reise" im Prater der Volksbühne

Die Schweiz ist der größte - und sicherste - Keuschheitsgürtel der Welt. Die Lehrerin Lina Bögli reiste 1892-1902 um die ganze Welt. Und doch auch auf Samoa oder Hawaii immer ganz Schweizerin. Praktisch, vernünftig, voller Widerwillen gegen Schmutz und Trunksucht und gut gepanzert gegen alle Lockungen tropischer Sinnlichkeit.

Nur konsequent also, daß Lina in Christoph Marthalers Inszenierung "Lina Böglis Reise" niemals die Enge eines kleinen Bahnhofscafés verläßt. Nach der Uraufführung beim Festival "Welt in Basel" ist das Stück jetzt im Prater der Volksbühne zu sehen.

Marthaler verzichtet auf allen Tropenkokolores - die Reise spielt sich hier ganz in der Phantasie ab. Die Komik von Graham F. Valentine und Albi Klieber, die berückende Musikalität des Pianisten Clemens Sienknecht und des Sängers Michael von der Heide - das alles wird noch überstrahlt von Catriona Guggenbühl als Lina Bögli. Ihr strenger Habitus lost sich immer mehr auf, ihre Augen zeigen, daß Wärme und Schönheit der Südsee doch kleine Löcher in den Jungfrauenpanzer gerissen haben. Und wenn sie am Ende ganz leise von der unerfüllten einzigen Liebe ihres Lebens berichtet, muß jeder gerührt sein, der nicht einen stählernen Keuschheitsgürtel um sein Herz trägt.

BZ Berlin

Dienstag, 12. November 1996

"Der König stirbt" im Berliner Ensemble

Unsterblichkeit ist der Glaube der Jugend und die letzte Hoffnung des Alters - vielleicht ist es ja das, was Greise immer wieder zu ganz jungen Frauen zieht. Auch Behringer I., der Monarch in Eugene Ionescos Drama "Der König stirbt", hat sich hinfällig, aber lebensgierig an der Pforte des Todes neu verheiratet. Mit der kindlichen Königin (Mira Partecke) feiert er endlos.

Das Leben ein Fest, doch das Fest ist aus. "Du wirst am Ende dieser Aufführung sterben," verkündet die verschmähte alte Königin (Lore Brunner) ihrem Gatten. Und dann reden sie und der Arzt (Veit Schubert) den Monarchen hartnäckig in den Tod. Zuletzt ist man nicht sicher, ob er durch ihre Überzeugungsarbeit oder tatsächlich durch Krankheit siech geworden ist.

Manfred Karge ist jederzeit bemüht, das allmähliche Vergehen des Königs aus der Macht und ins Jenseits voller Brüche und Zwischentöne darzustellen. Aber auf der Bühne zählt nicht das Wollen, sondern das Ergebnis. Und das war so, daß man ihm am Ende bei längeren Elogen einfach nicht mehr zuhörte.

Sterben und Reden sind eben ziemlich undramatische Vorgänge, daran schwächelt Ionescos Stück. Die junge Regisseurin Karin Henkel hat Bewegung, Lautstärke und Musik hineingebracht, wo es möglich war. Doch sie hat auch erkannt, daß die Möglichkeiten, den Text aufzumotzen, begrenzt sind. Lieber orchestriert sie die Bewegungslosigkeit mit Gespür für Psychologie und Rhythmus. Und so riecht dieses absurde Stück, das eine verborgene Brecht-Wahrheit hat (der Tod ist kein Privateigentum) manchmal auch nach "Eau de Breth" oder "Flimm No. 5". Neue Parfüms, die dem BE ganz gut stehen. 

BZ Berlin

Sonntag, 10. November 1996

"Caligula" im Deutschen Theater

Am schönsten war doch der Wirbel der weißen Punkte ... Als zwischen den ersten Akten eine Art Lichtballett durch zerkratzte Filmstreifen auf den Bühnenvorhang projiziert wurde und dazu Schostakowitschs "Jazz Suite", die novemberkalte Seele wärmte - das war nett, aber kurz.
Lang war dagegen "Caligula" von Albert Camus ("Sartres weinerlicher kleiner Bruder" nannte ihn der Pop-Philosoph Diedrich Diederichsen). Zweieinhalb Stunden konnte man jetzt im Deutschen Theater bestaunen, wie die Spinnweben, die sich seit 1938 über dieses Drama gelegt haben, allem Gefuchtel mit dem Staubwedel des Regietheaters trotzten.
Der römische Kaiser Caligula (Martin Reinke) erkennt beim Tode seiner geliebten Schwester, daß alle Menschen sterblich sind und folgert daraus: Wirklich frei ist der, der töten kann, wie es ihm paßt.

Thesentheater mit Mord und Vergewaltigungsornamenten also. Regisseur Uwe Eric Laufenberg hat ein bißchen Genet-Soße aus Fassbinders "Querelle"-Flasche drübergegossen. Die Gefahr, sich am Papier zu schneiden, ist dennoch größer als alle drohend gereckten Cäsarendolche und Penisse.
Am Bemühen, den Leichnam "Caligula" zu erwecken, fehlt es nicht. Allein: Es mangelt am Vermögen - trotz aller Märsche durch den Zuschauerraum, aller Transvestitentänzchen, aller Spiegelgefechte mit dem Bühnenbild. Besonders heftig scheitert das Paar im Zentrum: Caligula-Reinke ist ein bemitleidenswertes Dieter Männchen. Gemeinsam mit Katrin Klein als Mätresse Caesonia wirkt er bis zur Pause noch - na ja - irritierend, danach schwingen sie sich zu einsamen Höhen der Peinlichkeit auf. Als im Cäsarenwahn nur noch geschrieen und auf Klaviere eingehämmert wurde, hätte ich, die Augen mit dem Programmheft bedeckt, noch ewig ganz fasziniert wegsehen können.

BZ Berlin

Mittwoch, 6. November 1996

"Don Juan oder Der Steinerne Gast" im Maxim-Gorki-Theater

Spaniens Gitarren erklingen, schwarzgekleidete Señoritas schmachten, dann wird zum Stampfen des Flamencos gefächert, was die Bühnenluft hergibt - die Regisseurin Katharina Thalbach beschwört mit Macht eine schwül-ironische Atmosphäre südländischer Sinnlichkeit herauf. In diesem Treibhaus soll Molières "Don Juan" gedeihen - der größte Verführer der Theatergeschichte, die "sexuelle Großmacht" (Brecht), der Inbegriff adeliger Genußsucht, der Mann, der so leicht entflammt, daß der Händedruck eines toten genügt, um ihn im Höllenfeuer verglühen zu lassen.
 
Michael Maertens ist Don Juan. Dieser Schauspieler ist hier schon oft gepriesen worden. Aber diesmal werden ihm nicht viel mehr als virtuose komödiantische Mätzchen abverlangt. Auch Till Weinheimer als sein Diener Scagnarell entlockt dem Herr-Knecht-Verhältnis nicht mehr humoristische Möglichkeiten als vermutlich schon Molière selbst bei der Uraufführung 1665 zur Verfügung standen.

Das alles ist höchst unterhaltsam und bunt, hat Tempo wie immer bei Katharina Thalbach. Die Direktheit, die nie den kurzen Weg zum schnellen Gag und zur schlichten Erkenntnis scheut, ist ihre Stärke. Aber in ihrem Vorwärtsdrang trampelt Thalbach diesmal über alle Untiefen des Stückes hinweg. Sie kann nicht stillhalten, die Figuren mal zehn Sekunden in Ruhe lassen. Nur ein, zweimal darf Maertens etwas von der Tragik des Don fühlbar machen: Etwa, wenn Don Juan einen Bettler mit Geld zur Gotteslästerung verleiten will oder wenn er, selbst mit einem Bein in der Hölle, sich noch an seinen Stolz klammert.

So erleben wir im Bühnenbild von Momme Röhrbein, das aussieht wie ein puffiges Schlafzimmergemälde über einer verschmuddelten Flokati-Couch, einen hochamüsanten Untergang: Herr Juan und sein Knecht Sganarell haben ja auch etwas tief brechtisches. Dem Knecht muß das ganze Leben Lüge werden. Stolz kann sich nur der Herr leisten, und das macht seinen erotischen Glanz aus. Im Brimborium der Inszenierung verschwindet dieses Körnchen Wahrheit wie zwischen den Flusen eines Teppichs.


BZ Berlin