Dienstag, 7. Oktober 1997

"Hauptmanns Weber" in der Volksbühne

"Ne deutsche Uniform sieht man doch immer gern," stellte Frank Castorf letztes Jahr vor der Premiere von "Des Teufels General" fest. Ne prollige Turnhose oder ein Leopardenkleid, wie sie die Schauspieler diesmal tragen, sieht man dagegen nicht so gern. Das ist das Problem von "Hauptmanns Weber". Castorf entdeckte in Gerhart Hauptmanns Stück, das 1844 spielt, Parallelen zur heutigen Zeit: Der riesige Webstuhl auf der Bühne ist so veraltet wie der Maschinenpark eines Textilkombinats und Fabrikant Dreißiger (Henry Hübchen) so hilflos wie ein mittelständischer Unternehmer aus Brandenburg, der noch vor acht Jahren SED-Funktionär war.

Aber Castorfs Weber haben die revolutionäre Geschichte, die ihnen bei Hauptmann noch bevorstand, bereits wieder vergessen. Hunger muß heute durch Reklame erzeugt werden - wie eine McDonalds-Werbung an der Autobahn sieht Bert Neumanns geniales Bühnenbild aus. Gewalt findet vor allem auf dem Videobildschirm statt. Und die Armen von heute haben Angst, sich keine Urlaubsreise zum Ballermann mehr leisten zu können.

Anstrengend ist, daß die meiste Zeit im schlesischen Dialekt aus Hauptmanns Originalfassung gesprochen wird. Wenn man nichts versteht, müssen die Darsteller um so besser sein. Und hier waren meist nur die Frauen (Sophie Rois, Kathrin Angerer, Silvia Rieger, Astrid Meyerfeldt) gut genug - kein Wunder, daß Castorf ihren Figuren noch am ehesten revolutionäre Wallungen zutraut.

Gedanklich ist die Inszenierung wieder mal ein wahres Füllhorn: Man lernt u.a., daß Ziegen die Kampfhunde des 19. Jahrhunderts waren. Der Fluch der Armen ist es, daß sie immer mit stinkenden Tieren zusammenleben müssen - 1844 waren es Ziegen, heute sind es Pitbulls. Und wenn dem Gewerkschafter (Gerd Preusche) plötzlich "Deutschland den Deutschen" rausrutscht, schämt er sich so verzweifelt, daß wir innig gerührt sind: "Mensch, ick bin doch rot seit 1881."

Vor allem wegen solcher schönen Szenen klappte es nicht mit Castorfs Hauptanliegen: Früher gab's für jede seiner Premieren massenhaft Buhs. Auch zum fünften Jahrestag seines Amtsantrittes wollte er mal wieder richtig gehaßt werden. Ein bißchen tragisch, daß daraus nix geworden ist.

BZ Berlin

Freitag, 3. Oktober 1997

"Alte Meister" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Theater leisten sich manchmal lächerliche Wettläufe: Zwölf Jahre kam keine deutsche Bühne auf die Idee, Thomas Bernhards Roman „Alte Meister“ zu dramatisieren. Und dann erlebt das Stück nach dem 1985 erschienenen Buch zwei deutsche Erstaufführungen gleichzeitig - eine im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses, eine in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin.

In Berlin zumindest wurden alle diese Haarspaltereien über bühnenrechtliche Prioritäten machtvoll durch das eigentliche theatrale Geschehen beiseite gefegt. Was zu erleben war, war der späte Triumph eines genialen Schauspielers. Und der frühe Triumph des Dichters Thomas Bernhard über seine Mitbewerber. Acht Jahre ist Thomas Bernhard nun tot. Aber schon jetzt ist klar, daß er Recht behalten hat mit der Prophezeiung, seine Kunst werde haltbarer sein als die der Kollegen Botho Strauß und Peter Handke.

In Berlin wirkten Handke und vor allem Strauß, vergoldet vom Glanz der großen Schaubühnen-Inszenierungen, immer größer als sie tatsächlich waren. Auf dem flachen Land, wo nur die Texte zählen, sah man klarer. An Braunschweiger Gymnasien und Universitäten war Thomas Bernhard in den 80er Jahren der Größte. Selbst, wer sich nicht fürs Theater interessierte, blickte nach Bochum und Wien, wo der treue Claus Peymann die Uraufführungsschlachten für den Dichter schlug. Der musikalisch komponierte Haß der Bernhard-Tiraden schien etwas mit Punk zu tun zu haben, deshalb liebten ihn die Schüler und Studenten, nur die Lehrer und Professoren fühlten sich vom Bildungsprunk Handkes und Strauß‘ angezogen.

Doch wer würde heute auf die Idee kommen, aus Romanen wie „Der junge Mann“ oder „Die Wiederholung“ Theaterstücke zu machen? Vermutlich keiner von den versprengten, die sie überhaupt noch lesen. In Berlin ist dagegen aus „Alte Meister“ große lebensfrische Bühnenkunst geworden. „Unser Zeitalter ist als Ganzes ja schon lange Zeit nicht mehr auszuhalten“ - dieser Bernhard-Satz ist heute schließlich noch wahrer als 1985.

Regisseur Friedo Solter, der auch eine Nebenrolle spielt und mit Hans Nadolny die Textfassung erarbeitete, inszenierte „Alte Meister“ als Symphonie für drei Stimmen mit einigen überflüssigen Zutaten. Die „Alten Meister“ - das sind hier nicht nur die Gemälde im Wiener Kunsthistorischen Museum, zwischen denen der Musikphilosoph Reger Zuflucht sucht. „Alte Meister“ sind auch die drei Hauptdarsteller, deren Durchschnittsalter deutlich über 60 liegt.

Im ersten Teil lacht man über die typischen Bernhard-Tiraden gegen Österreicher, Deutsche, Bruckner, Stifter, Heidegger, Politiker und unsaubere Toiletten wie über champagnertrockene Boulevard-Pointen. Im zweiten Teil kommt eine stille Eindringlichkeit dazu. Walter Schmidinger als Musikphilosoph Reger redet über den Tod. Und ausgerechnet Reger, der nur durch und gegen die Kunst zu leben scheint, erkennt, daß auch sie keinen Trost über den Verlust eines geliebten Menschen bereithält. Klaus Piontek und Dietrich Körner als Regers Eckermänner Atzbacher und Irrsigler sind gut. Vor allem Körner erhebt sich manchmal ganz unerwartet und irritierend über das große Ost-Berliner Deutsches-Theater-Handwerk.

Doch nur Schmidinger, der Österreicher und immer psychisch gefährdete Nervenschauspieler, erreicht die einsamen Höhen des Genialen. Die anderen bleiben Schauspieler. Schmidinger hat die faszinierend fremdartige Aura eines Aliens, das sich direkt aus dem Bernhard-Universum auf die Bühne gebeamt hat. Er erschüttert und hebt zugleich die Erschütterung auf. Wer ihn hört, ahnt, daß es vielleicht doch einen Trost in der Kunst geben könnte. Für die Künstler. Und für diejenigen, die ihnen zuhören. 

BZ Berlin