Donnerstag, 13. November 1997

"Märchen von Einem der auszog das Fürchten zu lernen“ in der Schaubühne

Michael Simon ist der Hofnarr in einem Gespensterschloß. Vor zwei Jahren kam er als Hausregisseur in die Schaubühne am Lehniner Platz. Einst war dies das beste Theater der Welt gewesen. Doch mittlerweile erschreckte der Geist Peter Steins jeden Neuling zu Tode. Die Intendantin Andrea Breth war im Schatten ihrer großen Vorgänger längst schwermütig geworden. Und auch Simon wurde von den bösen Mächten der Vergangenheit erstmal eine Hirnlähmung angehext. Dabei sollte der heute 39jährige, zuvor am Frankfurter TAT und an der Berliner Volksbühne tätig, eigentlich die dringend nötige Blutauffrischung bringen. Doch das einzige frische und neue an Simon war die hemmungslose dekorative Flachpfeifigkeit seiner Inszenierungen. So etwas hatte es am Lehniner Platz in der Tat noch nicht gegeben. Aber ob dies das Wundermittel gegen die Krankheit des Renommiertheaters ist, durfte mit Recht bezweifelt werden.

Diese Zweifel räumt auch Simons dritte Schaubühnen-Arbeit nicht aus. Denn kindisch ist auch das „Märchen von Einem der auszog das Fürchten zu lernen“. Doch die Hirnlosigkeit ist wenigstens unterhaltsam, und sie hat meistens auch Charme. Vielleicht kann Simon nach dem Abschied der strengen Tante Andrea Breth, die vor zwei Monaten als Intendantin zurücktrat, einfach befreiter durchatmen. Vielleicht ist das Märchen der Brüder Grimm, das diesmal als Vorlage seines theatralischen Bilderreigens herhalten mußte, für kindliche Phantasien aber auch einfach angemessener als dermaßen pompöse Gegenstände wie das Leben des Malers Goya oder Büchners großes existentialistisches Drama „Woyzeck“, die Simon sich bei seinen früheren Inszenierungen vorgenommen hatte.

Simon beamt seinen Helden aus dem Grimmschen Märchenland in die Horrorwelt der Metropole Berlin. Er kommt in die Schaubühne des Jahres 2000, deren Intendant der Kudamm-Playboy Rolf Eden ist. Ein öliger Rummelplatz-Ansager verkauft hier brüllend die Sensationen der großstädtischen Billigunterhaltung. Dann steigt der Held hinab in die dunklen Paradiese der harten Homos. Er mordet schließlich, er foltert, er quält Tiere. Doch nichts kann ihn erregen. Immer wiederholt er völlig unbeteiligt den Satz: „Ach, wenn mir‘s nur gruselte.“

Robert Hunger-Bühler, einer der besten Schauspieler Berlins, spielt diesen Helden mit einer sensationell ausdrucksvollen Ausdruckslosigkeit. Er ist ein moderner Buster Keaton, der dem Wahnsinn mit göttlicher Ruhe gegenüber steht. Aber seine Ruhe hat auch etwas von der zynischen Kälte und eisigen Distanz eines Marquis de Sade.

Michael Simons Inszenierung funktioniert wie eine Geisterbahn. Bild reiht sich an Bild. Mal ist es Techno-Theater, zu dem der neue Shooting-Star der Berliner Szene, Stefan Pucher, eine schöne Geräuschkulisse liefert. Mal wird mit Kameras und Videoleinwänden hantiert, als müßten die Ideen der Avantgarde von Vorgestern von jeder neuen Generation nochmal aufgewärmt werden. Mal erzählt der großartige Sven Walser als Moderator mit Rüschenhemd und Glitzeranzug geschmacklose Witze wie in einem Spektakel von Christoph Schlingensief. Mal tanzt ein tuntiger Chor in roten Bademänteln ein Hochzeitsballett als sei dies eine Liveschaltung in die kitschigen Träume von Einar Schleef.

Langjährige Schaubühnen-Freunde, die noch immer von der psychologischen Feinarbeit eines Peter Stein oder den tiefsinnigen Wanderungen eines Klaus-Michael Grüber träumen, wird diese Inszenierung sicher das Fürchten lehren. Ob das erwünschte junge Publikum Gefallen daran findet, muß sich noch zeigen. Ein deutliches Signal dafür, daß hier etwas ganz Neues passiert hat Simon gesetzt: Die Aufführungen beginnen immer um 23 Uhr und dauern bis ein Uhr. Für erprobte Club-Gänger ist das sicher kein Problem. Aber ohne Guarana oder Kaffee besteht auch bei ihnen die Gefahr, daß das „Märchen von Einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ die Wirkung einer Gute-Nacht-Geschichte hat, bei der man einfach sanft wegschlummert. 

BZ Berlin