Sonntag, 21. Dezember 1997

"Die Judith von Shimoda“ im Berliner Ensemble

Das Bertolt-Brecht-Jahr 1998 hat noch nicht einmal angefangen und schon wünscht man sich, daß es bloß schon vorbei wäre. Denn wir ahnen: Jeder Einkaufszettel, auf dessen Rückseite der Dichter, der am 10. Februar 1998 100 Jahre alt geworden wäre, ein paar Skizzen geschmiert hat, wird in den nächsten zwölf Monaten auf die Bühne gebracht, um als „Uraufführung“ deklariert werden zu können. Und jeder drittklassige Regisseur wird sich als Rummelboxer auf dem BB-Jahrmarkt versuchen und hoffen, auf diese Weise etwas mehr Aufmerksamkeit zu erheischen.

Einen Vorgeschmack auf kommende Katastrophen gibt „Die Judith von Shimoda“ im Berliner Ensemble, inszeniert von Judith Kuckart und Jörg Aufenanger, die sonst das Tanztheater „Skoronel“ leiteten. Brecht schrieb das Stück 1940, etwa zur gleichen Zeit, als er auch an „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ arbeitete. Er wird gewußt haben, warum er nicht weitergemacht hat.

Kuckart und Aufenanger erhellen jedenfalls nicht, warum man das liegengebliebene Fragment 57 Jahre später auf die Bühne bringen mußte. Die Judith in der Bibel kroch zu dem feindlichen Feldherrn Holofernes ins Bett und hackte ihm den Kopf ab, um ihre Heimatstadt zu retten. So eine Judith ist in Brechts Stück die Geisha Okichi aus dem Japan des 19. Jahrhunderts. Sie schläft mit dem amerikanischen Konsul und hält ihn so davon ab, ihre Heimatstadt Shimoda von US-Schlachtschiffen bombardieren zu lassen. Brecht orientiert sich eng an dem Drama „Die Geschichte der Ausländerhure Okichi“ des Japaners Yuzo Yamamoto.

Was das alles heute noch bedeuten könnte, erahnt der Zuschauer so wenig wie die beiden Regisseure. Zwar lassen sie auf der bis auf ein paar Gerüste leeren Bühne mit Handys hantieren und bauen Anspielungen auf den Film „Ein unmoralisches Angebot“ sowie auf japanischen Schulmädchensex ein. Aber auch dadurch bringen die Darsteller, die mal tanzen, mal spielen, mal einfach nur vorlesen, die Figuren niemandem näher. Wahrscheinlich war dies alles von der Interimsleitung des komatösen einstigen Brecht-Theaters als Experiment gedacht, daß man sich leisten wollte, bevor 1999 Claus Peymann kommt. Doch der Versuch ist sang- und klanglos gescheitert.

Denn gesprochen wird auf dem Niveau von Schüler-Theater, getanzt wird wie im Jazzdance-Kurs der Volkshochschule. Und wenn man seine Darsteller Deutsch, Englisch und Italienisch deklamieren läßt, dann sollten sie diese Sprachen wenigstens beherrschen. „I need ships“ will eine Schauspielerin einmal sagen - ein Satz, der einem amerikanischen Admiral zusteht. So wie sie es aussprach, glaubte das Publikum allerdings, sie hätte plötzlich Heißhunger auf Kartoffelchips bekommen. Der unerwünschte Lacher, war der einzige Höhepunkt dieses mit italienischen Theatern aufwendig koproduzierten Debakels.

BZ Berlin

Donnerstag, 18. Dezember 1997

"The Unseen Hand" in der Volksbühne

1968 - das Jahr, in dem die Dreharbeiten zu „Butch Cassidy und Sundance Kid“ begannen und „2001: Odyssee im Weltraum“ ins Kino kam. Das Jahr, in dem die Hippies von der Prärie und von fernen Galaxien träumten. Die Revolutionen in Berlin, Berkeley und Paris waren verloren, Eskapismus machte sich breit. 1968 schrieb Sam Shepard „The Unseen Hand“ und ließ drei Cowboys von den Toten bzw. Scheintoten auferstehen, um eine unterdrückte Rasse auf einem fernen Planeten zu erlösen. Es war, als hätten „Blade Runner“-Autor Philip K. Dick und der Westernschriftsteller Zane Grey gemeinsam einen LSD-Trip geworfen.

Jürgen Kruse hat „The Unseen Hand“ jetzt in der Berliner Volksbühne inszeniert. Zehn Jahre nach seiner Regie bei der deutschen Erstaufführung 1987 in der Schaubühne. Diesmal als Parabel über das Ende des Jahrhunderts, an dem die einst weltbestimmenden Gegensätze von Amerikanismus und Kommunismus vergessen sind wie die Antagonisten, die sich auf den staubigen Straßen von Tombstone oder Abilene zum Showdown trafen. Der Bote der Außerirdischen landet mit dem Trabbi und irgendwann befreit er sich ganz einfach selbst.

Kruse, sonst Hausregisseur am Schauspielhaus Bochum, ist ein Magier der Düsternis und der Langsamkeit. Er arbeitet mit Lichtstimmungen, Wortassoziationen, schönem Kitsch und einem feinen Gespinst von Rock-Zitaten. Für Musikfans: Es ist ein bißchen wie Triphop fürs Theater. Doch magische Ruhe stellt sich trotz zum Teil hervorragender Schauspieler (vor allem der mittlerweile vielgefragte Volksbühnen-Star Herbert Fritsch als Blue Morphan) nur selten ein. Und wenn, dann fühlt sich das durchs Mitmachtheater von Christoph Schlingensief verdorbene Publikum aufgefordert, dazwischen zu quatschen.

Vom geisterhaften Schrottplatz in der Wüste, den ihm sein Bühnenbildner Stefan Mayer gebaut hat, wollte Kruse ins Traumland der Spacecowboys reiten. Dorthin würde ihm wohl jedes fühlende Herz bedingungslos folgen. Doch leider sind seine Mustangs auf halbem Wege in der dürren Steppe des Theateralltags verdurstet. 

BZ Berlin