Mittwoch, 28. Januar 1998

„Der Ozeanflug“ im Berliner Ensemble

Wenn der Schneesturm anfängt zu reden, wenn der Schlaf in poetischen Metaphern spricht und der Nebel mit brüchiger Stimme flüstert - dann er-wartet man solche Weltbeseeltheit wohl eher bei den deutschen Romantikern oder bei Dylan Thomas, aber garantiert nicht mitten im Großstadtzynismus des jungen Brecht. Aber vielleicht war es gerade das untypische an „Der Ozeanflug“, das Robert Wilson verlockt hat, ausgerechnet diese dichterische Verklärung der ersten Atlantiküberquerung durch Charles Lindbergh 1927 für seine erste Brecht-Regie auszuwählen. Hier redet die Natur zum Beherrscher der Maschine. Nicht einmal in seinen stalinistischsten Lehrstücken war Brecht so weit entfernt von jeder „Psychologie“. Und ebendies dürfte den furiosen Antipsychologen Wilson angezogen haben.

Die Situation, in der die Dinge plötzlich zu sprechen beginnen, muß den Nachfolgern Brechts im Berliner Ensemble sehr vertraut vorkommen. In diesem Geisterhaus flüstern jeder Springbrunnen, jede Holzvertäfelung, und erst recht der Intendantenstuhl oder das Denkmal vor dem Haus ihnen stetig zu „Gib‘s auf!“ Als Festgabe zum 100. Geburtstag des Theatergründers wird das Ergebnis von Wilsons Bemühungen jetzt dennoch ausgestellt.

Wilsons Theater hat seit je die Tendenz, zum bloßen Schmuckstück zu versteinern. Was der Juwelier Fabergé einst für die Zaren war, ist der Texaner für die Klientel der letzten Luxus-Theater zwischen Mailand und Paris, Brüssel und Berlin, Hamburg und Houston: Ein zuverlässiger Lieferant standesgemäßer ästhetischer Genüsse. Und „Der Ozeanflug“ ist tatsächlich kalt und schön wie ein riesiges Fabergé-Ei. Die Darsteller agieren wie geheimnislose mechanische Puppen. Die Lichtstimmungen funkeln wie Edelsteine. Und ein Kind wandelt im versunkenen Zwiegespräch mit Funkgeräten und anderen elektronischen Spielzeugen über die Bühne. Erträglich wird das alles nur durch den Humor, den Wilson auch hat: Die ängstliche Stimme des „Schlafes“ kommt aus einer Hase-Cäsar-Handpuppe.

Als Ozeanflieger holte Wilson sich seinen langjährigen Hauptrollenspieler Stefan Kurt vom Hamburger Thalia-Theater. Die Investition hat sich gelohnt: Kurt funktioniert im Gegensatz zu einigen BE-Stammkräften wie am Schnürchen. Aber noch in seinen strengsten Ritualen ist eine Begeisterung und Kraft spürbar, die ihn vor der dekorativen Erstarrung schützt. Kurt siegt über die frostige Ästhetik wie Lindbergh über Schneesturm und Nebel gesiegt hat.

Der „Nebel“ ist Bernhard Minetti in seiner ersten neuen Rolle seit zweieinhalb Jahren. Mit der unverwechselbaren brüchigen Minetti-Stimme läßt er die Naturgewalt sprechen. Die meiste Zeit kommt der Text des mittlerweile 93jährigen vom Band. Mit einer Mischung aus echter künstlerischer Faszination und voyeuristischem Mitleid lauscht man in das Dunkel der Bühnenbilder hinein, bis Minetti dann tatsächlich einmal zwei Minuten auf der Bühne zu sehen ist.

Weil der eigentliche „Ozeanflug“ nach einer knappen Dreiviertelstunde vorbei ist, wird der Abend noch durch Heiner Müllers „Landschaft mit Argonauten“ gestreckt. Ein lebendes Bild mit sieben Frauen vor einer Wilson-Variation von Böcklins „Toteninsel“. Dessen statische Schönheit kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß Müllers Text schon mehr Patina angesetzt hat als das wesentlich ältere Brecht-Werk. Zu guter Letzt muß dann noch eine Fassung von Dostojewskis „Aus einem toten Winkel“ durchlitten werden. Die pompöse Programmheft-Ankündigung und die besonders uninspirierte Regie dieses Teils nähren den Verdacht, daß Wilson sich dazu von irgendwelchen Dramaturgen beschwatzen lassen hat.

Mitleid ist aber unangebracht. Zu dreist recycled Wilson den ganzen Abend lang eigene Ideen und Bilder. „Der Ozeanflug“ wirkt, als hätte man eine Inszenierung von vor 20 Jahren tiefgefroren, dann aber nicht rechtzeitig wieder aufgetaut. So muß das geplante Festmahl zum Brecht-Geburtstag leider halbgar serviert werden. 

BZ Berlin

Samstag, 17. Januar 1998

"Shoppen & Ficken" in der DT-Baracke

Die sexuelle Revolution durchbohrt ihre Kinder: Am Ende von "Shoppen & Ficken" wird der Strichjunge Gary (André Szymanski) von seinem Lover Mark (Thomas Bading) quälend realistisch erstochen. Gary hat sich das gewünscht - vielleicht, weil diese mörderische Erotik die einzige ist, die nicht billig auf dem Markt gehandelt wird.

Mark Ravenhills Erfolgsstück begleitet vier junge Verlierer in London. "Shoppen & Ficken" statt Love & Peace. In den 90ern ist sogar der Körper nur ein McJob, eine Gelegenheit, schnelles, trostloses Geld zu verdienen. Die Farce ist kaum mehr als eine Reihe realistischer Beobachtungen aus dem Kasperletheater der Liebe und der grausamen Seifenoper der Metropolen. Aber was für ein Spielanlaß für Regisseur Thomas Ostermeier und seine Schauspieler-Crew!

Bernd Stempel als bürokratischer Großdealer Brian - ein Vertreter jener Elterngeneration, die die Welt zum Alptraum gemacht hat, aber die Nachkommenden auch noch mit weisen Sprüchen nervt. Sein kapitalistischer Zauberspruch "Geld ist Zivilisation" verwandelt die drei Überlebenden in Zombies.

Zuvor ist Jule Böwe als Lulu nicht nur rührend authentisch, sie singt auch noch drei tolle TripHop-Songs von Jörg Gollasch mit herzbrechend dünnem Stimmchen. André Szymanskis Gary zeigt eine coole Maske mit Rissen. Bruno Cathomas' Robbie ist ein verzweifelter Clown. Und Thomas Bading (Mark) ist schon wieder ein Schauspieler, der auf großen Bühnen immer blaß blieb und der nun bei Ostermeier endlich durchbricht.

Etwas weniger Slapstick hätte die Aufführung nicht schlechter gemacht. Aber wer wird denn so pervers sein, ein Unternehmen wegen seines Reichtums an Ideen und Spielfreude zu kritisieren?

BZ Berlin