Freitag, 13. März 1998

"Chance 2000 - Wahlkampfzirkus ‘98" im Prater

Die Zeichen stehen auf Sieg: „Wenn Martin Wuttke es schafft, über dieses Seil zu gehen, dann überspringen wir die Fünf-Prozent-Hürde,“ orakelte Christoph Schlingensief. Wuttke schaffte es, und nun darf sich die Partei „Chance 2000“ Hoffnungen für den Bundestagswahlkampf im Herbst machen.

So chaotisch wie bei der Parteigründung am Freitag im Prater der Volksbühne geht es vermutlich immer zu, wenn Geschichte geschrieben wird: Ein überfülltes Zirkuszelt, hunderte von Interessenten, die draußen im Regen blieben. Zum Warmmachen vollführten Ziegen, Ponys und die Mitglieder der Zirkus-Familie Sperlich Kunststücke. Die Schauspieler Martin Wuttke, Astrid Meyerfeldt und Bernhard Schütz geben sich als rastlose Artisten in der Zirkuskuppel. Die behinderten Schlingensief-Stars Werner Brecht, Achim Paczensky und Mario Garzaner haben vielbejubelte Comedy-Einlagen. Garzaners Mutter Ilse tritt als „Zeit“-Feuilletonchefin Sigrid Löffler auf. Und Schlingensief doziert über die Möglichkeiten „System 1“, den festgefahrenen Parteienstaat, aus den Angeln zu heben.

Die eigentliche Parteigründung ist dann vom Schlingensief-Spezi und Oberstaatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt juristisch wasserdicht geregelt. Am Ende haben sich schon 312 Gründungsmitglieder eingetragen. Nur 400 müssen es sein. Für den 22. März um 17 Uhr lädt „Chance 2000“ zum ersten Parteitag ein.

„Chance 2000“ will Ausgegrenzte ermutigen, sich selbst als Direktkandidaten aufzustellen. Schlingensief: „Allein in Prenzlauer Berg werden es 30 - das gibt den längsten Wahlzettel aller Zeiten.“ Am Ende jubilieren alle minutenlang verzückt die Hymne: „Denn der Blick in das Gesicht eines Menschen, dem geholfen ist, ist der Blick in eine schöne Gegend. Freund, Freund, Freund.“

Es war ein Erweckungsgottesdienst, aus dem jeder Anwesende ein bißchen Kraft mitnahm. Und lächerlicher als die Selbstzerfleischung der Berliner FDP oder das Kandidatentheater der PDS um Elmar Schmähling war es auf keinen Fall. 

BZ Berlin

Mittwoch, 11. März 1998

"Schmutzige Hände" in der Volksbühne

Affig ging es nur vor der Premiere zu. Sechs Tage verspätet konnte Frank Castorf seine Version von "Schmutzige Hände" zeigen, weil ein Rhesusäffchen Hauptdarstellerin Kathrin Angerer bei den Proben in die Hand gebissen hatte. Dafür war das Ergebnis der Proben so weit entfernt von jedwedem Affentheater wie selten zuvor eine Castorf-Inszenierung. Ganz entspannt und ohne den üblichen Ehrgeiz, ein Stück vollständig auseinanderzunehmen, um sein Innenleben zu verstehen, läßt der Volksbühnen-Intendant Jean-Paul Sartres Text über weite Strecken fast vom Blatt spielen.

Soweit das eben noch als "vom Blatt" gespielt durchgeht, wenn der junge Revolutionär Hugo (Matthias Matschke) in einen riesigen Dampfkochtopf klettert, um seine Reise in die Erinnerung anzutreten. Oder wenn Hugo und die beiden erfreulich Pat-und-Patachon-haften Leibwächter (Milan Peschel, Pavel Straka) des Parteiführers Hoederer (Henry Hübchen) jedesmal, wenn sie sich streiten, zu serbischer Popmusik relaxte
eitstänze aufführen. Gewiß Geschmackssache - aber ich könnte bei diesen Castorfschen Tanzeinlagen immer stundenlang zusehen. Zumal, wenn ein Schauspieler sich so bewegt wie Matthias Matschke. "Ich kann auch tanzen", schreit er. Yeah!

Sartres Stück um einen Mord im Milieu kommunistischer Untergrundkämpfer spielt 1945 in einem Balkanstaat. Castorf läßt alle Psychologie, alle Vater-Sohn-Konflikte zwischen Hoederer und Hugo, alle Eifersuchtsdramen wischen Hugos Ehefrau (Kathrin Angerer) und der Genossin Olga (Silvia Rieger) sowie alles moralische Pathos relativ ungebrochen. Doch er schlägt die Brücke vom alten Balkan zum modernen Serbien und seinem Schwanken zwischen Größen- und Verfolgungswahn. Wenn dann Olga oder Hugo die Greuel-Berichte bosnischer Opfer rezitieren, ist das ein Seiltanz zwischen Anklage, Kitsch und Komik - das Pathos der Wirklichkeit läßt sich eben nicht so leicht bändigen.


 BZ Berlin