Donnerstag, 28. Mai 1998

"Der Kirschgarten" von Mozgó Ház

Was geschah, nachdem der Kirschgarten in Tschechows gleichnamigen Stück abgeholzt und verkauft war? Bei der Theatergruppe „Mozgó Ház“ aus Budapest und ihrem Regisseur Lazló Hudi erinnern sich die Zeitzeugen Jahre später an den Untergang. Auf drei Videoschirmen sieht man zunächst nur „sprechende Köpfe“ wie in einer TV-Dokumentation. Dann beginnt auf der Bühne das wirkliche Theater. Die Schauspieler kleiden sich deutlich sichtbar für den Zuschauer um, treten ganz unverhüllt von der Seite auf, oder durch Klappen von unten. Theater, das kein Versteckspiel nötig hat.

Dies ist kein „Kirschgarten“ vom Blatt, sondern Tschechow-Material. Stummfilmähnliche Zaubereien über die Leitmotive der Tschechowschen Symphonie des Untergangs. Ästhetisch eine Mischung aus Andrej Woron und Ariane Mnouchkine. Nicht ganz so großartig, aber lebendiger.

Die jungen Ungarn zerschlagen in den Sophiensälern das morsche Holz des Kirschgartens in 1000 Stücke. Und ein Wunder geschieht: Mit ihrer atemberaubenden szenischen Phantasie bringen sie die toten Splitter zum Blühen.

BZ Berlin

Montag, 25. Mai 1998

"Die Berliner Ermittlung" im Hebbel-Theater


Der Schrecken von Auschwitz kann mit den Methoden des guten alten Mitmach-Theaters nicht bewältigt werden - auch wenn es sich heutzutage als "interaktives Theater" verkauft. Esther und Jochen Gerz scheitern im Hebbel-Theater mit dem großen Anspruch ihres Projektes "Die Berliner Ermittlung". Eine Stunde lang lesen Zuschauer und Schauspieler, viele davon Laien, den Text des Auschwitz-Oratoriums "Die Ermittlung" von Peter Weiss. Dazwischen werden Zuschauer auf die Bühne gebeten, wo sie in Fotoalben aus Dachau blättern dürfen.

Die knappen Momentaufnahmen des Grauens von Peter Weiss klangen so heruntergeleiert nur unerträglich banal. Die Art und Weise, wie die Zuschauer nach Männern und Frauen sortiert wurden, sollte wohl an die Selektion in Auschwitz erinnern. Doch die einzigen, die dieses Projekt wirklich ernst nahmen, waren diejenigen, die sich benutzt fühlten und dagegen protestierten. Zuviel der Ehre. Es war nur ein Spiel. Es gab keine Gewinner und keine Verlierer. Außer vielleicht denjenigen, die sich hinterher fragten, was das Ganze eigentlich sollte.

BZ Berlin

Sonntag, 24. Mai 1998

"Die Katze auf dem heißen Blechdach" im Maxim-Gorki-Theater

Das Blechdach ist nicht heiß, nur lauwarm. Es ist nicht mal aus Blech, nur aus Pappe. Allein die Katze ist wirklich eine Katze, und sie zeigt scharfe Krallen - Jacqueline Macaulay in der Titelrolle war der größte Lichtblick in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ im Maxim-Gorki-Theater. Der Neuzugang im Ensemble verfügt über die nötige erotische Power - man begreift, daß ihr Gatte Brick ziemlich neurotisch sein muß, wenn er sie nicht mehr anrührt.

Regisseur Johannes Lepper ist klug genug, gar nicht erst mit dem Realismus des Films mit Elizabeth Taylor konkurrieren zu wollen. Der Zuschauer blickt auf eine Landschaft aus Kisten (Bühnenbild: Momme Röhrbein). Vermutlich bewahren die Figuren darin ihre verlorenen Illusionen auf. Hinter einem Schleier swingt der Pianist Reggie Moore. Maggies Schluß-Triumph gefriert zur verlogenen Idylle fürs Familienalbum.

Vorher arbeitet Rainer Wöss als Brick seine Rolle ab wie einen Gutschein fürs Fitness-Studio. Beim ihm ist alles Schweiß und Atemlosigkeit. Klaus Manchen ist schon vom Typ her eher ein Mecklenburgischer Landschlachter als der Plantagenbesitzer Big Daddy.

Pluspunkte machen die Frauen: Ursula Werner als Big Mama gelingt das Kunststück einer tragischen Klamotte. Und Ruth Reinecke als habgieriges Muttertier Mae ist eine Frau, die man liebt zu hassen.

BZ Berlin

Samstag, 16. Mai 1998

"Fin de partie" vom Burgtheater Wien

Die große Kunst erwies sich als haltbar - sogar im Angesicht des Irrsinns: Als mitten in der Stille plötzlich ein Irrer bei der Nachmittagsvorstellung vom Burgtheater-Gastspiel "Fin de Partie" die Bühne stürmte, hielten Gert Voss und Ignaz Kirchner stand und schafften es, nicht einmal aus der Rolle zu fallen. Voss fragt Kirchner nur: "Hast du den bestellt?" Worauf der Irre glücklicherweise wieder abzischte. Es handelte sich um den Mann, der Berlin seit Wochen mit der Behauptung nervt, er sei ein unehelicher Sohn von Bertolt Brecht.

Ein bißchen leichter fiel Voss und Kirchner die lockere Reaktion wohl, weil George Taboris Inszenierung von Samuel Becketts Stück sowieso mit der Illusion spielt, wir würden nur einer Probe zuschauen. Das Traum-Duo des deutschsprachigen Theaters kommt auf die riesige leere Bühne der Freien Volksbühne. Man diskutiert über den Text, pflaumt sich an und pflegt Eitelkeiten. Das ist gleichzeitig eine Parodie auf Schauspielerallüren, ein Nachdenken über Beckett-Spielweisen und die Summe einer Jahrzehnte währenden Freundschaft.

Irgendwann beginnt fast unmerklich das tatsächliche Beckett-Stück. Und das wird zum konzentrierten Schauspielerfest, bei dem Voss und Kirchner virtuos die Schwebe zwischen tastender Proben-Spielerei und echter Versenkung hielten. Das Publikum feierte gern mit und spendete am Ende fast 10 Minuten stehend Applaus für Tabori und seine beiden Stars. 

BZ Berlin

Montag, 11. Mai 1998

"Stecken, Stab und Stangl" vom Schauspiel Leipzig beim Theatertreffen

Eine Elfriede-Jelinek-Aufführung, die sogar unterhält, ohne jemals die Poesie und die Wut des geschriebenen Wortes zu verraten - diese kleine Sensation gelang Kazuko Watanabe mit ihrer Inszenierung „Stecken, Stab und Stangl“ für das Leipziger Schauspielhaus, die jetzt beim Theatertreffen gastiert.

Die Österreicherin Elfriede Jelinek ist dafür berüchtigt, eigentlich unspielbare Stücke zu schreiben. „Stecken, Stab und Stangl“ ist ihre wütende Reaktion auf ein Nazi-Bombenattentat im Burgenland, bei dem 1995 vier Roma getötet wurden. Es ist ein Text-Teppich. Eine Collage aus Zeitungskommentaren, Leserbriefen, Fernsehgelaber. Aber auch aus Gedichten, beispielsweise von Paul Celan.

Die in Japan geborene Regisseurin entscheidet sich für die Form einer absurden TV-Show. Die vier famosen Darsteller Martina Eitner-Acheampong, Karin Pfammatter, Friedhelm Eberle und Jürgen Maurer lassen mal als Moderatoren, mal als Studiogäste ihr meist unsäglich verharmlosendes Geschwätz vom Stapel. Zwischendurch singen sie auch. Und ständig hantieren sie mit Strickzeug und Häkelgarn. Am Schluß stehen sie in gehäkelten Tierkostümen da. Im wahrsten Sinne des Wortes verstrickt in ihr Gerede. Und entlarvt als banale Bestien. Es darf gelacht werden. Aber der zirkushafte Witz trägt immer dazu bei, den schwierigen Text zu erhellen. 

BZ Berlin

Freitag, 8. Mai 1998

"30 60 90 ° - durchgehend geöffnet" im Theater des Westens

Armes Bielefeld! An diesem Wochenende sind sie aus der Bundesliga abgestiegen. Und in Berlin, bei der Uraufführung des Musicals „30 60 90° durchgehend geöffnet“ (Regie: TdW-Hausherr Helmut Baumann), mußte die Dr.-Oetker-Stadt einmal mehr als Inbegriff der West-Provinz herhalten. Von dort kommt die Jurastudentin Petra (Anna Bolk), die in einem Waschsalon in Prenzlauer Berg das Abenteuer und die Liebe findet. Wie wär's mal mit Augsburg, Kassel oder Braunschweig?

Auch sonst verraten die Namen viel über den verstaubten Humor, der hier versucht, das Lebensgefühl der 90er Jahre zu erhaschen. Mag sein, daß es irgendwo noch Jugendliche gibt, die „Hotte“ und „Pit“ heißen. Aber wenn Theaterfiguren diese schönen Namen tragen, dann riecht das nach der fernen Adenauer-Ulbricht-Ära, in der die Autoren Heinz Kahlau und Felix Huby sichtbar ihre späte Jugend verbracht haben.

Und als dann ein Mädchen namens „Girlie“ auftaucht, ist klar, wohin die Reise geht: In ein Klischee-Berlin, das von gutherzigen Waschfrauen (Lichtblick 1: Dagmar Biener), schwulen Modedesignern, obdachlosen Zeitungsverkäufern, Maklern, Müslis und netten Nutten (Lichtblick 2: Silvia Wintergrün), bevölkert wird. Die Klischees werden nicht besser dadurch, daß sie auf der Straße liegen.

Ausgangssituation, Nebenfiguren und einige Handlungsstränge kommen uns obendrein aus Volker Ludwigs letzten Grips-Musical „Café Mitte“ ziemlich bekannt vor. Aber dort gaben die Schauspieler den Klischees wenigstens einen Anstrich von Echtheit. Hier sind nur die Kostüme (Marianne Schmidt/Brabara Kremer) wahrhaftig.

Ein paar Ohrwürmer hätten den Abend retten können. Doch schon die Ouvertüre ist eine Orchester-Soße, die Max Greger vor 30 Jahren in der „Starparade“ besser dirigiert hätte, als Robert Edward im Theaters des Westens. Dem entsprechen die hausbackenen Fernsehballett-Choreographien von Melissa King. Wenn vertrocknete Nußecken tanzen könnten, dann so. Nur ein Couplet der Waschfrau Minchen über die idealen Lebensalter einer Frau ist geglückt. Und die Rap-Einlagen (Songtexte: Thomas Pigor) der rechten Schlägertruppe um den bösen Hotte (Detlef Leistenschneider) und die noch bösere Girlie (Mona Graw) funktionieren nicht schlechter als der übliche deutsche Radio-Rap.

Leerstellen im Zentrum des Nichts sind die Hauptdarsteller: Ole Solomon Junge als schwarzer Jazzer Pit hat Muskeln, die nicht nur die Tunten auf der Bühne erwärmten, und er kann Trompete spielen. Aber Gesang ist ihm nur in Maßen gegeben. Und Anna Bolks Stimme klingt angenehm wie ein VW-Käfer mit Auspuffschaden, der eine Kette Blechdosen hinterherschleift.

BZ Berlin

Samstag, 2. Mai 1998

"Der Fall Furtwängler" im Schlosspark-Theater

Nichts ist gefährlicher als ein Ignorant mit einer Mission: So einer wie der amerikanische Major Steve Arnold (Marcello de Nardo), der in „Der Fall Furtwängler“ den berühmten Dirigenten der Berliner Philharmoniker für den Entnazifizierungsausschuß verhören muß. Das Verhör fand 1946 tatsächlich genauso statt - gegenüber dem Steglitzer Schloßpark-Theater. Dort hat Intendant Heribert Sasse Harwoods Stück inszeniert.

Ein vermeintlicher Vorteil wird zum Handicap: Dank der Bemühungen des Maskenbildners sieht Hauptdarsteller Erich Schleyer Furtwängler so ähnlich, daß es schon an Lächerlichkeit grenzt. Und gegen die drohende Komik schützt er sich durch ein besonders gravitätisch weihevolles Spiel.

Furtwängler ist bei Harwood ein Hohepriester der Kunst, der mit Politik nie etwas zu tun gehabt haben will. Noch ein Ignorant mit einer Mission. Denn natürlich war er kulturelles Aushängeschild Hitlers. Doch endlich muß sogar der in aufrichtigem Nazi-Haß entbrannte Major Arnold vor der Tatsache kapitulieren, daß es zwischen Schuld und Unschuld eine weite Grauzone gibt.

Doch trotz einiger Seitenhiebe auf das doppelte NSDAP-Mitglied Karajan und Künstler, die mit den Kommunisten paktieren, bleibt „Der Fall Furtwängler“ braver Theater-Schulfunk. Regisseur Sasses Küchen-Realismus mit US-Fahnen, Cola-Paletten, Vogelgezwitscher und aufgeklebten Glatzen läßt der Phantasie des Zuschauers keinen Raum. 

BZ Berlin