Sonntag, 7. Juni 1998

"Pariser Leben" in der Volksbühne

Paris im 19. Jahrhundert – das muß eine endlose Party gewesen sein, eine  ewige Parade d'Amour in den Salons und Boudoirs, wo man sich zum Souper  statt zum Rave traf und Champagner statt Ecstasy konsumierte. Ein Magnet  nicht nur für Eisenbahn-Mogule aus Brasilien und skandinavische Adelige  auf der Suche nach Amüsement, sondern auch für kleine und große  Schwindler, die ständig bereit waren, mit haarsträubenden Lügen  erotische und finanzielle Vorteile zu ergaunern.    

Jacques Offenbach hat dieser Boom-Town der Illusionen mit seiner  Operette „Pariser Leben“ ein böses Denkmal gesetzt. Und Christoph  Marthaler muß bei seiner Inszenierung für die Volksbühne die Parallelen  zum heutigen Berlin nicht besonders dick herausarbeiten – sie liegen auf  der Hand. Da genügt es, verstaubte NVA-Uniformen auftauchen zu lassen,  wenn sich Diener als Soldaten verkleiden.   

Bei Offenbach kommen ein schwedischer Baron und seine Frau (Walter  Raffeiner, Susanne Düllmann) in das „moderne Babylon“. Aber sie gelangen  bloß zu den Gaunern und Papagalli am Bahnhof St. Lazare. Es ist ein  bißchen wie in „Pension Schöller“, wo ja auch die Großstädter dem Onkel  vom Lande das wüste Metropolenleben nur vorgaukeln.   

Bis zur Pause nach knapp drei Stunden ist hier alles Rausch. Marthalers Phantasie und die Partitur, die der Dirigent Sylvain Cambreling völlig  neu bearbeitete, machen vieles möglich: Da klingt das 19köpfige  „Klangforum Wien“ abwechslungsreicher als jedes große Orchester. Da paßt  die rauchige Stimme von Volksbühnen-Diva Sophie Rois als Metella zu  Tenören wie Walter Raffeiner und Christoph Homberger, die wie die  Sopranistin Catherine Swanson hier die unglaublichsten körperlichen und  komödiantischen Leistungen vollbringen, wie man sie von Opern-Vokalisten  noch weniger erhofft als von Schauspielern. Und da tanzen die  Kresnik-Tänzer Can Can und fungieren auch noch als Chor.  

 Nach der Pause folgen die große Müdigkeit und Ernüchterung. Alle singen  uns noch einige melancholische Schlaflieder. Die Fete ist vorbei, keiner  hat bekommen, was er wollte. Außer uns Zuschauern. Eine Aufführung, die  sogar das WM-Fieber vorübergehend dämpft. Und für die, die es dennoch  wissen wollten, sang Matthias Matschke als Lebemann Bobinet in der  Premiere sogar den Zwischenstand der Partie Österreich-Kamerun: „Es  steht 0:0.“  

BZ Berlin

Samstag, 6. Juni 1998

"Die Ähnlichen" im Theater an der Josefstadt Wien

Von den Stränden des mythischen Griechenlands ("Ithaka") und von den Dichterpriestern Amerikas ("Jeffers-Akt I & II") ist Botho Strauß heimgekehrt in die Gegenwart. Sein neues Stück "Die Ähnlichen" handelt die Welt ab, in der Begriffe wie "Tourismusmesse" verstanden werden oder in der man sich Informationen aus dem "Netz downloaden" kann. Mag die Heimkehr auch in der Kunst geglückt sein, im wirklichen Leben scheint sie ferner denn je: Strauß-Uraufführungen finden schon lange nicht mehr in der Berliner Schaubühne, dem einstigen Stammhaus des Poeten und Dramaturgen, statt.


Nach Jahren des Exils in Salzburg hat das ehemalige Schaubühnen-Personal jetzt Obdach in Wien gefunden. Ausgerechnet im "Theater in der Josefstadt", sonst eher 2. Liga, inszenierte Peter Stein "Die Ähnlichen" mit einer Kernmannschaft aus Berlin. Wie die Aristokraten des Ancien Regimes, die es nach der Französischen Revolution an deutsche Provinzfürstenhöfe verschlug, wo sie sich zelebrierten, als wären sie immer noch in Versailles. Jutta Lampe und Dörte Lyssewski spielten Hauptrollen, Moidele Bickel schuf die Kostüme und Botho Strauß selbst stritt sich auf den Proben produktiv mit Peter Stein.


Das hat der Aufführung nicht nur gut getan. Die nach wie vor staunenswerte Perfektion des Regisseurs und das skrupulöse Beharren des Dichters auf seinem Text führten dazu, daß vieles an diesem dreieinhalbstündigen Abend überdeutlich und mal zu breit, mal zu fein ausgepinselt wurde. So wenn sich die Brüder Christoph Seegast/Ost (Daniel Friedrich) und Christian Seegast/West (August Zirner) ums Erbe und um eine Nutte streiten. Da stehen sie sich wie zu einer Art Distanzboxkampf gegenüber. Wenn dann Dörte Lyssewski auch noch gekleidet ist, wie sich die älteren Herrschaften vom Kurfürstendamm eine junge Hure vorstellen, dann bewahrt selbst große Schauspielkunst das Ganze nicht vorm Abgleiten in unangenehme kabarettistische Eindeutigkeit.


"Die Ähnlichen" ist eine Folge von Szenen aus dem Leben einer Mittelschicht mit "technischer Geistigkeit", der Strauß schon in seinem letzten Prosaband "Die Fehler des Kopisten" unterstellte, daß sie nur noch "menschenähnlich" sei. In der Wiener Fassung wurde das ergänzt um eine Szene aus dem ebenfalls neuen Stück "Der Kuß des Vergessens" und eine zusätzliche Szene: "Wrongful Life". Aber auch wenn hier die 90er Jahre mit dem klassischen deutschen Sagenpersonal (eine betrogene Hexe reißt einem Mann das Herz heraus, der Teufel tritt auf) zusammenprallen: Es sind immer noch die vertrauten Botho-Strauß-Menschen wie in "Kalldewey, Farce" oder "Groß und Klein". Und nicht nur weil die Szenenwechsel von einem schicken jungen Saxophonspieler wie aus der Haargel-Reklame überbrückt werden, fühlt man sich wie in den Vorwende-80ern, deren Sorgen wir heute manchmal gerne wieder hätten.


Getrübt wurde das Glück von den recht unterschiedlichen schauspielerischen Leistungen. Weil kein "Spannungsbogen" auch das Mittelmaß über die 210 Minuten trägt, wird's vor allem wenn das solide Stammpersonal des josefstädtischen Theaters, die Bühne beherrscht, eher "fad" - um mal im Wiener Jargon zu bleiben. Dörte Lyssewski, die noch den prätentiösesten Mumpitz erfrischend zerspielt, kann nicht alles retten. Wirklich großartig sind Jutta Lampe und Robert Hunger-Bühler, die in der Szene "Halbentschlossenheit" ein still-komisches dekadentes Duo des vergeblichen erotischen Begehrens aufführen. Jutta Lampe nach so vielen Ausflügen ins theatralische Ikebana ("Madame de Sade", "Der Hausbesuch" in der Schaubühne) mal wieder in einer angemessenen Veranstaltung - allein dafür lohnt schon die Reise nach Wien.


BZ Berlin