Montag, 1. März 1999

"Bruch" im Düsseldorfer Schauspielhaus

Der Ruhm Christoph Heins als Dramatiker hat den Untergang der DDR nur beschädigt überstanden. Sein größter Erfolg war 1989 "Die Ritter der Tafelrunde", ein Stück, bei dem man in jenen unruhigen Zeiten soviel zwischen den Zeilen lesen konnte, daß niemand darauf achtete, ob denn in den Zeilen selbst etwas von Belang stünde.

Als die Wende vorüber war, erkannte man die "Ritter", ihrer Rüstung aus zeitbedingter Aufgeregtheit entkleidet, als verhältnismäßig schwaches Stück. Dadurch wurde das Andenken früherer Schöpfungen wie "Cromwell" oder "Passage" überschattet. "Randow", 1994 uraufgeführt, hat dagegen wenig ausgerichtet.

Nun also "Bruch". Die Titelfigur der im Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführten Tragikomödie hat mit dem legendären Chirurgen Ernst Ferdinand Sauerbruch mehr als nur eine Silbe gemein. Ende der vierziger Jahre lebt Bruch in einer Berliner Villa, geplagt von seniler Demenz, doch in den wachen Momenten noch immer charismatisch und klarsehend.

Mit letzter Kraft und Visionsfähigkeit verdrängt er, daß seine Zeit als Gott in Weiß vorbei ist. Die Villa ist ungeheizt und ihre Speisekammer leer, weil Bruch sich weigert, eine Pension zu beantragen - das wäre die sichtbare Kapitulation.

Beachtliche Fähigkeiten, die Realität nicht anzuerkennen, sind allen eigen: Dr. Sperling (Ernst Alisch), den die Nachkriegswirren seine Professur gekostet haben, setzt in die Klinikbaupläne des "Geschäftsmannes" Manitlowski (Marcus Kiepe) Hoffnungen, die so windig sind wie seine Frisur. Solche verzweifelten Donqichottes wie Sperling hat Hein in der Nachwendezeit genauso beobachten können wie den Typus Manitlowski: Ein jugendlich großspuriger Projektemacher, mit der grenzenlosen Fähigkeit, sich unbeschädigt demütigen zu lassen. Doch er erkennt nicht, daß der Kapitalmarkt kurz nach dem Krieg schon wieder geschlossen ist und der Geldadel mit Parvenüs nichts zu tun haben will. Diese Figur gerät in Düsseldorf zum allzu schwachen Abklatsch schlechter Erfahrungen mit heutigen Maklern. Nach drei Sätzen ist sie vollständig erklärt.

Bereits erstorben sind die Hoffnungen, die Bruchs Haushälterin (Anke Hartwig) unter ihrem mütterlichen Busen trägt: Alltags eine handfeste Matrone, gesteht sie sich nur in von Regisseurin Anna Badora konstruierten traumartigen Sequenzen ein, daß ihre sparbuchschmälernde Treue wider besseres Wissen etwas mit der Erinnerung an libidinöse Ambitionen auf den "Chef" zu tun hat. Wolfgang Hinze macht in der Gestalt des gebrechlichen Alten tatsächlich noch die widersprüchliche Erotik des Chirurgen sichtbar. Er ist der Mann, der sich selbstverständlich den Frauenkörpern nähert und Macht über ihre Fasern ausübt. Seiner Ex-Geliebten (Marianne Hoika) lüftet er geschäftsmäßig das Kleid, um deren verbliebene sexuelle Ausstrahlung zu diagnostizieren. Und wenn eine junge Frau (Myriam Schröder) ihn zu einer letzten Operation überredet, ist dies gegenseitige Verführung. Bruch geleitet sie am Kavaliersarm in sein Cabinet. Doch das Techtelmechtel endet auf der OP-Liege, nicht im Bett. Es stirbt nicht der Greis an Liebe, sondern die Frau am Kunstfehler.

In solche Abgründe schaut die Inszenierung bei allem zurückhaltenden Realismus eher als der Text: "Bruch" ist nicht mehr und nicht weniger als eines dieser Well-made Plays, die man immer nur Briten oder Amerikanern zutraut. Wie bei Ronald Harwoods "Furtwängler", dem es in Personal, Zeit und Ort ähnelt, verhandelt es Schuld und Sühne, Größe und Menschlichkeit im psychologischen Konversationston. Manchmal wird aus Konversation Geschwätzigkeit - darin unterscheidet sich "Bruch" von der anglophonen Konkurrenzware. Einige Striche, die nach der Uraufführung möglich sind, könnten ihm dennoch eine lange Stadttheaterkarriere bescheren.

Die Welt