Freitag, 17. November 2000

"Ausweitung der Kampfzone" im Schauspiel Hannover

Ein Regisseur, der einen Roman dramatisiert, ist wie ein Koch, der ein unbekanntes Tier zubereiten soll. Es gibt Stümper, und es gibt die Konquistadoren der Kochkunst, die mit genialer Hand aus dem Wildbret genau die Portion herausschneiden, in der die Seele des Geschmacks wohnt. Und es gibt Handwerker, die sich ans Bewährte halten. Zu denen gehört Regisseur Christian Pade. Er hat in Hannover ein Theaterstück nach Michel Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone" uraufgeführt; hat sich zurückhaltend und erfolgreich in den Dienst der dramatischen Vermittlung dieses Erstlingsromans des genial scharlatanischen Liberalismuskritikers gestellt. Allerdings hat Pade der Aufführung auch keine Würze eigener Originalität hinzugefügt. Dass wird nächstens vielleicht Frank Castorf besorgen, wenn er in Berlin Houellebecqs "Elementarteilchen" dramatisiert.

Der Franzose, der die gedankliche Brücke zwischen Globalisierung und erotischer Verzweiflung schlug, ist momentan der Abgott deutscher Theatermacher: Nach zahllosen von ihm inspirierten und ihn zitierenden Aufführungen werden jetzt die Originale angerichtet. Hannovers "Kampfzonen"-Fassung schuf die Dramaturgin Regina Guhl. Pades exquisiteste Zutaten sind die drei Schauspieler im Zentrum.

Da ist Wilhelm Schlotterer als Tisserand, der tragische Kämpfer um Liebe. Verflucht mit dem Aussehen einer Büffelkröte unterliegt er im sexuellen Daseinskampf - Houellebecqs Märtyrer und Blutzeuge gegen die Grausamkeit des erotischen Neoliberalismus. Der gibt den schönen Gewinnern alles und gönnt den Verlierern noch nicht einmal beim Onanieren eine kurze Illusion von Ekstase: Emotionsloser als Wolfgang Michalek einmal den Akt der Selbstbefriedigung - dezent unter der Bettdecke - mimt, hätte auch Buster Keaton nicht Hand an sich legen können. Mit der keatonsch versteinerten Miene übersetzt Michalek die kühle Berichtssprache des houellebecqschen Ich-Erzählers ins Theatrale. 


Wichtiger noch als alle Schauspieler ist für Pade der Spielort: das Foyer des Staatstheaters, gewissermaßen der Beton in der Suppe. So kalt, so gläsern, so geheimnisvoll tuend haben wir uns beim Lesen die Softwarefirma und das Landwirtschaftsministerium immer vorgestellt. Aus der Auseinandersetzung mit dem Raum entwickeln Pade und Bühnenbildner Alexander Lintl auch ihre originärsten Ideen: Etwa wenn Michalek beim Onanieren an der Betonschräge klebt wie bald darauf sein Taschentuch. Oder wenn Fabian Gerhardt (die zweite Aufspaltung des Erzähler-Ichs) sehnsüchtig durch die Fensterfront zu einem jungen Paar herübersieht, dass sich - Überraschung! - im Bürohaus gegenüber liebt. Da ruft das Publikum einmal "Ah!" und "Oh!" Mehr zu verlangen wäre vielleicht ungerecht. Auf die schöne Überrumpelung durch ästhetische Kulinarik ist schließlich auch Houellebecq nicht aus.