Dienstag, 12. Dezember 2000

"Elementarteilchen" im Dresdner Theater in der Fabrik


Eine Gummizelle als Kamera, die die qualvolle, überwundene Vergangenheit zeigt. Klinisches Licht, antiseptisches Krankenhausgrün, das durch seine bloße Hässlichkeit jeden Keim tötet. Dies ist der Erinnerungsraum, in dem zwei geklonte Zukunftsfrauen noch einmal ihre evolutionäre Vorstufe heraufbeschwören: Den Mann des 20. Jahrhunderts, diesen Hampelmann, der an den Fäden der Sexualökonomie zappelte.

Die Regisseurin Friederike Heller hat im Dresdner Theater in der Fabrik die beiden Halbbrüder Bruno und Michel aus Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen" im Schauspieler Stefan Düe zu einer Bühnengestalt vereinigt. Der manische Onanist und der autistische Physiker galten immer schon als figürliche Aufspaltungen der einen großen Depression, die Houellebecq dem Westen unterstellt. Erst recht müssen einer schmerz- und sexfrei geklonten künftigen Menschenspezies die individuellen Symptome jener Welten umspannenden Gemütskrankheit höchst ununterscheidbar erscheinen.

Die Zukunft ist hier weiblich. Der Mann mit seinen Muskeln, seinen Haaren, seinem testosterongetriebenen Jägergetue ist schließlich schon heute überflüssig wie der Faustkeil. - Marianna Linden und Vivien Mahler repräsentieren einerseits die Erzählerebene des Buches, andererseits alle Gestalten, die dem letzten Mann im Verlaufe des kleinen Bildungsromans begegnen, zu dem Heller gemeinsam mit Marcel Luxinger die ausschweifenden "Elementarteilchen" abgespeckt hat. In dieser Education brutale sind sie mal die Internatsschläger, die den Jungen demütigen, mal die Frauen, mit denen der Mann seine Begehrenskatastrophen erlebt, mal verführt Vivien Mahler als teuflischer Adonis Marianna Linden. So wird der Sexismus Houellebecqs erträglich, bei dem die Frauen ja alle mit Selbstmord und Krebs dafür bestraft werden, dass sie sich Bruno und Michel verweigert haben. Außerdem sieht man ja immer wieder gern, wenn Frauen sich über männliche Muster lustig machen.

Noch lieber sieht man die szenische Fantasie, mit der die Regisseurin erfolgreich davon ablenkt, dass sie den Text brav chronologisch herunterbuchstabiert. Vor allem schwarze Luftballons ermöglichen dabei die verblüffendsten Tricks. Denn Ballons haben mit den menschlichen Geschlechtsteilen, diesen wahren Elementarteilchen, nicht nur gemein, dass sie bei entsprechender Behandlung anschwellen oder erschlaffen. Darüber hinaus kann man mit ihnen sogar Musik erzeugen, was mit Sexualorganen natürlich nur Spezialisten gelingt.

Die Welt

Samstag, 2. Dezember 2000

"Elementarteilchen" in der Volksbühne

Ohne Atem kann man nicht lügen. Deshalb überredet Frank Castorf seine Schauspieler bei Monologen immer zu körperlichen Anstrengungen. Durch Erschöpfung sollen sie zur Wahrhaftigkeit gelangen. Wenn Herbert Fritsch in der Berliner Volksbühne Sätze aus Michel Houellebecqs "Elementarteilchen" sauerstoffschnappend hinauspumpt wie man Luft aus einem zu prallen Ballon lässt, dann macht er eine Wahrheit elementar sichtbar: Der Zynismus solcher Tiraden gegen die 68er ist die Maskerade eines pubertären Romantikers. Houellebecq schreibt Trost- und Hassbücher für Erwachsene in der endlosen Adoleszenzkrise, deren Symptome die Überschätzung des Sexus und das gleichzeitige Unbehagen daran sind.

Houellebecqs Rezepte gegen diese Missstimmung sind die Vision vom schmerzfrei geklonten Menschen und die nostalgische Beschwörung der Kleinfamilie. Im Abgrund zwischen Zukunft und Vergangenheit erleben die ungleichen Halbbrüder Bruno und Michel wie sich die französische Gesellschaft nach 1968 in ein Schlachtfeld des sexuellen Neoliberalismus verwandelt.

Das Kleinbürgerschicksal Brunos und Michels hat Frank Castorf mehr interessiert als die Sciencefiction. Denn jene Kaste, die nach jeder Revolution unbefreit auf dem Sofa sitzt und übelnimmt, ist sein ewiges Sujet. Im Bühnenbild von Bert Neumann liegen die Kleinbürger auf großen Sitzsäcken. Houellebecqs Swingerclubs, satanistische Orgien- tempel und Nudistencamps werden übersetzt ins Bild eines vollabwaschbaren Krabbelstübchens mit Kletterwänden und Gummibällen aller Farben und Formen. Diese Bälle wirken mal phallisch, mal sind sie Schwangerschaftsbäuche, mal erinnern sie an Organe, die der Krebs - die Nemesis sexuell verirrter Frauen - gebläht hat.

In diesem Spiel- und Lernzentrum macht Castorf das Experiment, die Romansprache von "Elementarteilchen" zu behandeln als wäre es dramatische Dialogware. Die auktoriale Allwissenheit, die den Figuren so zuwächst, wird gebrochen, indem sie aus der Rolle fallen. Man redet sich schon mal mit dem echten Vornamen an ("Ach, Astrid!"), Kate Strong und Sir Henry diskutieren über Shakespeare ("He's better in German"), und wenn Castorf wieder seine berüchtigten "acht Schlüsse" anbietet, kommentiert Brigitte Cuvelier sich selbst als kleines Mädchen auf privten Super-8-Filmen. So öffnet sie eine magische Pforte in die französische Provinz vor 1968.

Das Privatisieren ist ein Grundverfahren Castorfs. Er wendet diesmal alle seine Methoden zugleich an, als ginge es ihm darum, klinisch zu beweisen, dass "Elementarteilchen" immer ein bühnenferner Text bleiben wird. Neben dem Privatisieren und dem Erschöpfungstheater gehört dazu noch das Materialtheater, das erprobt, was passiert, wenn man Schauspieler exzessiv mit bestimmten Stoffen umgehen lässt. Hier sind es Kunststoff, Klettverschlüsse und der Seifenschaum, mit dem die Bühne überschwemmt wird.

Noch so ein Castorf-Trick ist die Montage, das kommentierende Zusammenschneiden von Szenen. Da predigt Annabelle (Susanne Düllmann), Brunos verlorene Liebe: "Ich hätte, inmitten der in meinem Bett geborenen Kinder, mein Leben für andere hingeben können." Dann wird diese rückwartsgewandte Uterus-Utopie dadurch demontiert, dass zwei raubtierfauchende Schwangere auftreten, die drohen: "Wir sterben nicht!"

Die Mutter aller Methoden ist das Schauspieler-Theater: Im Zentrum stehen Herbert Fritsch und Martin Wuttke als Bruno und Michel, die hier Nummer 1 und 2 heißen - der Held als binärer Code. Fritsch ist der melancholerische Onanist, der das Wort "Tittenfick!" so tragisch sprechen kann, als wäre es das "Ach!" von Kleists Alkmene. Wuttke hat die uninteressantere Figur abbekommen. Schon im Roman ist der Physiker, der den Schlüssel zur Klonung einer neuen Menschenrasse findet, eher Ideenträger als Gestalt. Wuttke wendet die Schwäche in eine Stärke und wäscht all seine Manierismen ab.

Andere große Momente im oft schleppenden Gang der Aufführung schaffen vor allem die Älteren: Joachim Tomaschewsky etwa, an dessen Noblesse die Anfechtungen des Sexuellen abprallen. Die Banalität des Eros materialisiert sich im Gekläff seiner Mitspielerinnen, die - vielleicht Resultat eines missglückten Klonens - in Hunde verwandelt wurden. Oder Susanne Düllmann als Hippieschlampe und Rabenmutter: Wenn ihre schwarzgekleidete und sonnenbebrillte Leiche sich von der Sitzsackbahre erhebt und mit fremder Stimme ihr Schicksalsfazit rezitiert, ist das ein berückender surrealer Moment. Auch Astrid Meyerfeldt und Fritsch machen Blüte und Welken ihres Liebesglücks traumhaft anschaulich: Vom missglückten Koitus zur Rückenmarksnekrose der Frau bis zu ihrem Ende im Rollstuhl brauchen sie nur drei Spielzüge.

Doch trotz solcher Szenen, aus denen minderbegabte Regisseure jeweils einen ganzen Theaterabend gestaltet hätten, scheitern Castorf und sein Dramaturg Carl Hegemann mit ihrer Fassung allenfalls interessant. Zwei Wochen nachdem "Ausweitung der Kampfzone" in Hannover brav aufgesagt wurde, widersetzt sich Houellebecq in Berlin auch radikalerem Zugriff. Die Begeisterung deutscher Bühnen für den Franzosen scheint bloß ein kollektiver Rausch. Hysterieresistente Theatermacher kann man demnächst gentechnisch herstellen. Aber wer wünscht sich eine Zukunft voller nüchterner Künstler, die nüchterne Kunst für ein nüchternes Publikum machen?