Samstag, 28. April 2001

"Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia" in der Arena Berlin

Wenn man in Berlin-Kreuzberg zur Hintertür hinausspaziert, landet man im Vorgarten des östlichen Nachbarbezirks Treptow. Dort rostet am Ufer der Spree die Arena, eine Mehrzweckhalle, die Peter Stein ein Jahr lang mit seinem "Faust"-Ensemble okkupiert hat. Manchmal scheint es jetzt, als wäre die Bühne rückwärts weit aufgeklappt worden und als hätten sich die Kreuzberger Straßenverrückten hier hineinverirrt: die Sozialhilfe-Raskolnikoffs und die Kohleofen-Kassandras mit den leeren Katzenkörben, die schwulen Hofnarren aus der offenen Psychiatrie, zu kurz geratene Möchtegernmodels, Maklervisagen, die sich erotische Abenteuer mit Bettlerinnen imaginieren, oder Sozialversicherungsbeamte, die im Restaurant ihr Zeitungswissen tyrannisch hinaustrompeten.

Das sind die erhellendsten Momente in Peter Steins Inszenierung des neuen Botho-Strauß-Stückes "Der Narr und seine Frau heute Abend in Pancomedia": Wenn die Ausgeburten des Dichterhirnes durch die Alltäglichkeit der Berliner Provinzlagen zu wandeln scheinen und die Poesie geerdet wird, indem sie zwischen Hundehaufen auf kaugummifleckigem Pflaster tanzt.

Doch die Straußsche Weltkomödie ist ja eigentlich kein Drama der Niedrigkeiten, sondern angesiedelt in einem Luxushotel namens "Confidence", mit Räumen für Fotomodellcastings, Dichterlesungen, Vertreterschulungen, Tagungen der Görres-Gesellschaft, lieblos aufgegabelte Rucolasalate und lustvoll hinausgeschriene Quickies in der Nachtportierloge. Das teure temporäre Obdach mag Metapher sein für jenes peinliche Inferno des Daseins, in dem wir uns genauso wie der dauerbankrotte Kleinverleger Zarachias Werner (Christian Nickel) ewig abstrampeln.

Die Erwartungen einer gewissen Eleganz, die sich an die Vorstellung eines Nobelhotels knüpfen, sind bei der "Pancomedia"-Uraufführung vor gut drei Wochen in Bochum mehr befriedigt worden. In Berlin gleitet nicht viel. Es schleppt sich. Die körperliche Mühsal, die beim Hin- und Herrollen der Bühnenbilder sichtbar wird, entspricht der unüberfühlbaren Anstrengung, mit der hier der Text herunteraddiert wird wie Zahlenkolonnen in der Wilmersdorfer Bundesversicherungsanstalt für Angestellte. Gegenüber der Bochumer Leichtigkeit zieht Berlin eindeutig die kürzere Currywurst.

Es wäre allzu billig, das nur auf die armseligen Produktionsbedingungen des "Faust"-Ensembles (Deuschlands größter freier Gruppe, wie Stein immer wieder betont) zu schieben. Nicht allein der Behelfscharakter der Bühnenbilder, der Computerprojektionen und der Knalleffekte ermüden in den gut viereinhalb Stunden. Selten sind die Schauspieler mehr als schwer mit Text beladene Karawanenkamele, denen nur wenige barmherzige Striche etwas von ihrer Bürde abgenommen haben.

Sie tragen die Last mit Würde, aber gerade weil sie weder genial noch peinlich, sondern nur achtbar sind, wird die Geschwätzigkeit und Redundanz vieler Szenen so offensichtlich: etwa der Symbolquatsch rund um die Königin Agrypnia (Petra Tauscher) und die Dichterin Phyntis (Elke Petri), die sich auf lemurenhafte Greise stützen. Oder die Dialoge der Clowns Alfredo und Vittorio (Christian Habicht, Rainer Philippi), mit denen Strauß allein beweist, wie virtuos er aus einem einzigen Antagonismus endlose existenzielle Sprachfechtereien zu konstruieren vermag. Man wartet weiter auf eine Strichfassung, die das Straußsche Märchengold, das Satiresilber und die diamanten schillernden Aphorismen vom Geschwätzschlamm trennt.

Wie billig wäre es, den beiden Protagonisten das Versagen des Abends anzukreiden: Nickel und Dorothee Hartinger, als die von ihm umworbene Schriftstellerin Silvia Kessel, scheinen niemals miteinander zu spielen, sondern immer für eine Instanz außerhalb des Bühnengeschehens. Faustel und Gretel, verirrt im dunklen Textwald, rufen um Hilfe, aber werden nicht erhört. Stein, der einst weitaus untalentiertere Schauspieler auf jedes benötigte Niveau heben konnte, vermag ihnen nicht mehr zu helfen.

Denn das ist das eigentliche gar nicht so geheime Drama, das in Berlin zu sehen war: Die Tragödie eines Mannes, der lange der größte Regisseur der Welt war. Seine Entgleisungen sind auch Ausdruck bitteren Schreckens über das Nachlassen der Kraft. Weil die notwendige Reklame dem einstigen Titan mehr Öffentlichkeit abverlangt, als ihm gut tut, erleben wir die Dekonstruktion des deutschen Geniebegriffs live mit. Denn Genie, das schien doch immer etwas zu sein, das überzeitlich und jenseits aller Bedingtheiten lag. Dass es vielleicht nur vorübergehend und bedingt sein könnte - das wollen wir Romantiker eigentlich gar nicht wissen.

Die Welt

Montag, 9. April 2001

"Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia" im Schauspiel Bochum

Botho Strauß ist erst 56 und hat schon seinen "Faust II" geschrieben. Welttheater ist ja manchmal nur die Ausrede dafür, dass ein Dramatiker die Tinte nicht halten kann. In Pancomedia, der zentralen Szene, klagt ein Greis namens "Onkel Bernd": "Ich tropfe seit einiger Zeit wie ein rostiger Wasserhahn. Aber ich soll immer noch meinen Mann stehen."

Während der vierstündigen Bochumer Uraufführung von "Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia" denkt man manchmal, dass Onkel Bernd möglicherweise das Problem des Dramatikers Onkel Botho artikuliert. Aber das sind nur letzte Augenblicke der Gegenwehr angesichts von so viel entwaffnender Größe, so viel Bildungsdonnerwetter, so viel Kunstwollen, so viel Können und auch so viel sentenzenblitzendem, schwertscharfen Humor.

Der Witz bei Botho Strauß hat allerdings etwas Herablassendes. Wir stellen uns den Dichter seit dem "Bocksgesang" ja als fluchenden Propheten im brandenburgischen Exil vor. Bei Strauß-Stücken hat man immer das Gefühl, noch einmal in der Deutsch-Abiturprüfung zu kauern. Sein Humor wirkt deshalb oft wie ein Rührt-euch!-Kommando. Nun lacht mal schön, und dann: Weiter im Text!

Erzählt wird hier die Geschichte eines windigen Kleinverlegers und einer Dichterin. Er becirct sie, gewinnt sie, vögelt für sie und ihre Bücher sogar mit anderen Frauen, verkauft seine Seele dem Großkapital, und am Ende kann er immer noch keine 3000 Mark für eine Lesereise vorschießen. Vordergründig also eine Satire auf den Literaturbetrieb.

Aber damit gäbe sich Strauß nicht zufrieden. Er romantisiert kräftig. Der literarische Kleindealer mit dem Cannabis-Anstecker am Revers ist natürlich mindestens auch Merkur, Mephisto und Han Solo. Und die Dichterin ist natürlich mindestens auch Sappho, das Orakel von Delphi und nicht zuletzt auch das Orakel von der Uckermark, Botho Strauß selbst.

Ein ganz großer Wurf: 143 Seiten Druckseiten. Noch nicht deutscher Rekord, aber persönliche Bestleistung. Deutlich mehr als beispielsweise "Kalldewey, Farce" (66 Seiten), "Groß und Klein" (100 Seiten), "Besucher" (68 Seiten). Höchstens ein paar klitzekleine Striche hat sich der Regisseur Matthias Hartmann erlaubt.

Es muss also nicht in 200 Jahren ein Peter Stein kommen, der dann erstmals die ungekürzte "Pancomedia" aufführt. Das tut Stein ohnehin schon bald in Berlin. Da Stein ein noch strengerer Deutschlehrer ist als Strauß, darf man davon ausgehen, dass sich die Berliner und die Bochumer Aufführung unterscheiden werden wie ein Examen in Bayern und an einer Bremer Gesamtschule.

Denn Matthias Hartmann will es uns Prüflingen leicht machen. So leicht, wie es nur geht, ohne den gesamten Stoff einfach auszuplappern. Er hat die großen Ströme der Straußschen Geistesfluten kanalisiert und die Fließgeschwindigkeit so reguliert, dass der Zuschauer einigermaßen entspannt nach den vorbeitreibenden Aphorismen und Meisterszenen angeln kann. Staunenswerte Technik, Eleganz, glänzendes Handwerk, das den schweren Text weder durch regieliche Unzulänglichkeiten noch durch überambitionierte Interpretation erschwert - etwas Besseres konnte dem Stück gar nicht passieren. Insofern waren auch die beiden bei allem Können recht alltäglichen Hauptdarsteller Dörte Lyssewski und Tobias Moretti eine gute Wahl: Schauspieler, die ständig geheimnisvoll gucken, hätten alles unerträglich gemacht.

Sie runzeln nicht die Stirn, und sie kraftmeiern auch nicht. Man sieht weder den Schweiß der Darsteller, noch den der Bühnentechniker aufs prunkend rote Bühnenbild von Erich Wonder tropfen. Rot ist seit "Der Kuss des Vergessens", das den Untertitel "Herbarium Rot" trug, die Farbe, in der Strauß seine Höllen malt.

Wonder ist der oberste Schleusenbaumeister der Hartmannschen Strauß-Kanalisation. Wie sonst nur noch Karl-Ernst Hermann hat er in den guten alten luxuriösen Zeiten des westdeutschen Theaters seine Fähigkeit perfektioniert, Bühnenbilder zu bauen, die fast filmisch überrumpeln. Die Reise mit dem Sonderzug nach Pancomedia beginnt und endet im "Hotel Confidence". Dieses universale Inferno, durch das Strauß den Narren und seine Frau wandeln lässt, ist ein Ort des Transits. Weichen, Tore und Schleusen ermöglichen Durchlässigkeit zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Mythos und Realität, Tag und Traum.

Die Mythische mischt Strauß wie immer virtuos mit der Alltagskultur: Jeder Liftboy ist hier ein Charon. Doch die Namen seiner Fahrgäste löscht er am Computerprojektor. Königinnen und Dichterinnen mit Namen vom Spickzettel fürs Kleine Graecum tauchen auf, aber Agrypnia und Phintys (Veronika Bayer, Margit Carstensen) machen sich ihre allegorischen Gedanken über Probleme der deutschen Gegenwart: Zu viele Alte, die nicht von der Macht lassen wollen. Eine "Saaltochter", die Monster an der nackten Brust nährt, kredenzt Drogen aus dem Labor des E.T.A. Hoffmann, deren Trips aber schlimmstenfalls nur zum Fest der Apothekerinnung führen.

Im Time Tunnel des Hotel Confidence wimmelt es von Wiedergängern: Zwei Musiker-Schwestern beten Skriabin als den lebendigen Gott an, Onkel Bernd fühlt sich, "als wären wir alle miteinander von Aristophanes erfunden". Zu den sich zerfleischenden Varieté-Künstlern Alfredo und Vittorio (Fritz Schediwy und Ernst Stötzner) darf man auch Bouvard und Pécuchet, Wladimir und Estragon oder Pat und Patachon sagen. Und Zacharias Werner hieß einst ein Schiller-Epigone.

Übergreifend geht es irgendwie darum, dass Geld Religion ist und später dann Geld zu Sex wurde. Mehr will man in den vier Stunden manchmal gar nicht verstehen. Dann hat man einfach keine Lust mehr, in das umfangreiche Materialbuch zu schauen, das einem die Bochumer Dramaturgie wie einst "Königs Erläuterungen" unter der Schulbank zuschiebt.

Schließlich aber denkt man wieder: Gut, dass sich einer noch so etwas traut, in solchen Zeiten des allgegenwärtigen Küchendrama-Kleinmuts. Und erleichtert erinnert man sich, dass im Theater die Schüler den Lehrer durchfallen lassen könnten. Wenn sie nur wollten. Die jubelnden Bochumer wollten nicht.

Die Welt