Mittwoch, 27. November 2002

"Maria Stuart" im Schauspiel Leipzig

Die Renaissance war die Epoche, in der die Macht ihre Lust am Theaterspielen entdeckte: Bei Friedrich Schillers "Maria Stuart", in Leipzig von Karin Henkel inszeniert, geht es im Kampf der Königinnen irgendwie vor allem darum, wer die bessere Staatstheaterdarstellerin ist. Protestantismus gegen Katholizismus: Das ist ja schließlich ein bisschen wie armes Theater im leeren Raum gegen großen opernhaften Klassikerpomp. 

Deshalb weigert sich Elisabeth (Constanze Becker), der Rivalin ins Auge zu schauen, wie eine Diva, die den Anblick der anderen nicht erträgt. Deshalb ist Maria (Liv-Juliane Barine) hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrt und so aller Wirkung im großartig erotischen westwoodesken Schottenfummel beraubt (Bühne und Kostüme: Henrike Engel). Deshalb kommt es für sie am schlimmsten, wenn ihr auch noch die Videokamera abgeknipst wird. Und deshalb wirkt der verliebte Verschwörer Mortimer (Stefan Kaminsky) wie ein hochtalentierter Jungdarsteller, der nach Erfolgen in kleinen Rollen am großen Klassiker "Hochverrat" scheitert. 

Zu guter Letzt übt Maria unter der Fuchtel ihres privaten Schauspieltrainers Kennedy (Marco Albrecht) für den Gang zum Schafott wie für einen großen Auftritt auf dem Catwalk.

Die Welt

Dienstag, 19. November 2002

"Adam Komma Eva" im Staatstheater Braunschweig

Die Namen Adam und Eva mögen zwar noch als Chiffre fürs biologische Geschlecht taugen, doch sind die Verhältnisse komplizierter geworden, seit Gott den Mietvertrag im Paradies gekündigt hat. Mann und Frau in Kristo Sagors „Adam Komma Eva“, das am Staatstheater Braunschweig uraufgeführt wurde, sind folgerichtig nicht mehr durch ein „und“ verbunden, sondern durch ein reihendes Satzzeichen.

 Korinna (Kathrin Reinhardt) und Simon (Ben Bela Böhm) scheinen monologisierend von einer Annäherun g zu berichten, die in Liebe enden wird – doch rasch bemerkt der Zuschauer, dass ihre Wege sie nur in eine Wohngemeinschaft führen. Denn Simon liebt Männer und Korinnas „Kleiner“ lebt in „Nordrhein-Westfalen“ – allein für die betrübten Nuancen, die die beiden diesem Bundesland abgewinnen, liebt man sie.

In der Regie von Dirk Engler wird der Kühlschrank (Bühne: Barbara Kaesbohrer), in dem verführerisch der Joghurt lockt, zum Baum der Erkenntnis. Über Streit und Freundschaft, führt der Pfad zurück ins Paradies, in dem sogar eine Art Liebe möglich ist. Auf Erden brachte Sagors leuchtend ironischer Text immerhin den korrekten älteren Herren neben uns dazu, über kompliziert-komische schwule Fern-Sex-Varianten zu lachen.

Die Welt

Montag, 10. Juni 2002

"Der Kandidat/Sie leben" beim Festival Theaterformen

Im Bahnhof von Hamburg-Altona soll bald ein Lichtkunstwerk die Junkies vertreiben wie es am Hauptbahnhof laute klassische Musik längst tut. Helmut Kohl liebt Vivaldi. Hannelore Kohl hatte eine Lichtallergie. Karen Carpenter trug Sonnenbrillen. Licht ist eine Waffe, nicht nur, wenn in "Star Wars" die Jedi mit Laserschwertern fechten. Kunst ist ein Unterdrückungsinstrument, und deswegen misstrauen die Ausgepowerten der Bohème zu recht. Um all das geht es in René Polleschs neuem hysterischen Konversationsdrama "Der Kandidat (1980). Sie leben!", das der Autor beim Festival "Theaterformen" in Braunschweig uraufführte.

Die makellos saubere Easy-Listening-Sängerin Karen Carpenter starb 1983 an Magersucht. Dieser Tod hat dazu geführt, dass sie zur Ikone der von ihr abgelehnten Gegenkultur wurde: Sie schien das Symbol der Widersprüche zu sein, die in jedem wüten, der sich willig den Anforderungen des "Systems" unterwirft. Die Rockband Sonic Youth widmete ihr einen Song. Und bei Pollesch ist sie die Urmutter aller derjenigen, die glauben, sie könnten durch schöpferische Anpassung vom Postfordismus profitieren und die dann mehr oder weder sichtbar daran zu Grunde gehen.

John Carpenter ist ein Regisseur, der 1988 "Sie leben!" gedreht hat. Über diesen Film wird in dem Stück viel mehr geredet als über die Anti-Franz-Josef-Strauß-Dokumentation "Der Kandidat" von 1980, deren verschwommene Videobilder ständig im Bühnenbild von Jana Audick flimmern.

Bei Carpenter verwandeln Außerirdische die Menschen per Fernhypnose in Konsumidioten, die nicht sehen können, dass sie in einer Scheinwelt leben - eine frühe Version der Matrix-Theorie. Erst als der Hauptdarsteller eine geheimnisvolle Kiste mit Sonnenbrillen findet, kann er durch deren Gläser erkennen wie die Welt wirklich ist. Bei Pollesch ist das Erschrecken besonders groß, als er entdeckt: "Die Fassade des Palasts der Republik sieht aus wie eine Schloss-Fassade."

Karen Carpenter und John Carpenter sind nicht miteinander verwandt, aber Polleschs fantastische Assoziationsmaschine webt sie in ein poetisches Netz. Die Sonnenbrille der Diva und die Enthüllungsbrille des Verschwörungstheoretikers werden eins. Pollesch bringt immer wieder das Kunststück fertig, die drögesten kritischen Theorien so zu literarisieren, dass sie im Munde seiner Bühnenfiguren perlen wie Sentenzen eines neurotischen Großstadtboulevards.

Im Discokugel-Zwielicht des Pollesch-Universums lacht man über linke Kopfgeburten - aber man lacht darüber wie über die coolen Paradoxien Oscar Wildes: "Dieser Staat ist unmöglich, weil er ständig jemanden draußen halten will, aber gar nicht weiß, was das ist, drinnen oder draußen." Gelächter. "Das ist ein Bahnhof und kein faschistisches Furtwängler-Dingsbums." Gelächter.

René Pollesch ist dadurch zum Star geworden. Junge Menschen, die mit dem Spießertum der Generation Golf nichts gemein haben wollen, pilgern in seine aufklärerischen Lounges. Postgolfismus im Postfordismus. Die kleinen Bühnenräume, in denen man als Zuschauer selbst Platz nimmt, sind vollgestopft mit hippem Gerümpel und erzeugen verschwörerische Intimität. Nur Claus Peymann will dreimal ums Haus rennen, wenn er solchen vermeintlichen Dilettantismus sieht.

In "Der Kandidat (1980). Sie leben!" wird die Rolle des Künstlers fast verzweifelt intensiv reflektiert. Diesmal nimmt Pollesch den Künstler und damit sich selbst ins Visier: Alle sollen ja jetzt so etwas wie Künstler werden. Der selbständige Kreative ist das Modell des bindungslosen Ich-Unternehmens, welches die Politik derzeit als Ideal eines neuen Arbeitnehmertums propagiert. Der Glanz einer vermeintlich frei sich verwirklichenden Könnerschaft ist eine sedierende Droge für diejenigen, die den neoliberalen Verlockungen glauben sollen.

Aber was ist mit den Millionen, die kein neuer Pollesch werden können? "Ermutige mich nicht!" schreien die drei Theater-Guerilleros Catrin Striebeck, Caroline Peters und Bernd Moss in Braunschweig. Kreativität ist der erste Schritt zur Selbsthypnose.

"Der Kandidat (1980). Sie leben!" ist aber auch ein Wutschrei. Als Volker Schlöndorff, Alexander Kluge und Stefan Aust 1980 ihren Film drehten, konnte man auf die Bedrohung noch mit der Kamera zoomen. Jetzt verlangen Stoiber, Schröder, Westerwelle, Blair und du im Grunde dasselbe: Hinter deiner individuellen Schlossfassade lebt etwas, das immerzu shoppen will, und es will sich dabei von Junkies genauso wenig stören lassen wie vom Kapitalismus und seinen Zwängen zum Erlebniseinkauf.

Die Wut hat Pollesch diesmal so konkret werden lassen wie nie. In einem wundervoll poetischen Kinderspiel sind die Zwillingstürme des World Trade Centers zwei Twix-Riegel. Die Darsteller kommen angeflogen wie Racheengel und beißen ihnen den Kopf ab.

Es werden Sätze über die angebliche Homosexualität des Hamburger ersten Bürgermeisters gesagt, die ein Skandal wären, wenn sie nicht eine Figur in einem Theaterstück sprechen würde. Dieser Furor wäre ohne den Witz nicht zu ertragen. Doch er war noch nie so als Galgenhumor erkennbar wie hier, wo Pollesch die Rettung ausgerechnet von Crash seiner zwei Feindbilder erhofft: "Vielleicht ist Stoiber ja allergisch gegen Peymann."


Freitag, 24. Mai 2002

"9 MM" im Maxim-Gork-Theater

Der Supermarkt als Metapher für den Kapitalismus war um 1970 herum in Mode. Seit ein paar Jahren ist auch dieses Accessoire aus dem Schlaghosen-Jahrzehnt wieder künstlerisch tragbar: In „9 MM“ des jungen Franzosen Lionel Spycher, hierzulande bekannt durch „Pit-Bull (deutsch zuerst 1997 in der Baracke), wird zwischen Schnapsflaschen und Kühlregalen ein Klassenkampf ausgetragen.

Im Zeitalter von Arbeitsimmigration und McJobs wird das Kaufhaus weniger als Ort des Konsumterrors betrachtet, sondern v ielmehr als der Platz, an dem scheinbare Gewinner und Verlierer der Dienstleistungswirtschaft aufeinandertreffen. Die Bühnenbildnerin Franziska Rast schickt die Darsteller im Studio des Maxim-Gorki-Theaters auf einen glatten Laufsteg, der mit schreienden Werbeschriften tapeziert ist. Man betritt ihn durch zwei schwingende Saloon-Türen, und am Ende liegen tatsächlich wie auf der Hauptstraße von Tombstone zwei Tote im Staub. 

Man darf auch an Brechts „Im Dickicht der Städte“ denken. Im Dickicht der Dosen bekämpfen sich der Geschäftsführer (Siegfried Terpoorten), sein Sicherheitsmann (Frank Streffling) und dessen kleinkrimineller Kumpel (Norman Schenk). Die Frauen sind Beute (Bettina Hoppe) oder Mutter (Ruth Reinecke). Der Chef betont ständig, aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein wie die beiden anderen – er ist ein psychopathischer Aufsteiger, der sich seiner Stellung vollkommen unsicher ist. 

Unter der Regie von Isabel Osthues finden die überwiegend jungen Schauspieler schöne sozialmechanische Haltungen für ihre Figuren. Die tragisch zerrissenste unter ihnen ist der Wachmann Allamodio (Einwanderer wie alle Unterschichtler hier), der am Ende seine Vergangenheit und seine Zukunft erschießt.

Die Welt