Freitag, 24. Mai 2002

"9 MM" im Maxim-Gork-Theater

Der Supermarkt als Metapher für den Kapitalismus war um 1970 herum in Mode. Seit ein paar Jahren ist auch dieses Accessoire aus dem Schlaghosen-Jahrzehnt wieder künstlerisch tragbar: In „9 MM“ des jungen Franzosen Lionel Spycher, hierzulande bekannt durch „Pit-Bull (deutsch zuerst 1997 in der Baracke), wird zwischen Schnapsflaschen und Kühlregalen ein Klassenkampf ausgetragen.

Im Zeitalter von Arbeitsimmigration und McJobs wird das Kaufhaus weniger als Ort des Konsumterrors betrachtet, sondern v ielmehr als der Platz, an dem scheinbare Gewinner und Verlierer der Dienstleistungswirtschaft aufeinandertreffen. Die Bühnenbildnerin Franziska Rast schickt die Darsteller im Studio des Maxim-Gorki-Theaters auf einen glatten Laufsteg, der mit schreienden Werbeschriften tapeziert ist. Man betritt ihn durch zwei schwingende Saloon-Türen, und am Ende liegen tatsächlich wie auf der Hauptstraße von Tombstone zwei Tote im Staub. 

Man darf auch an Brechts „Im Dickicht der Städte“ denken. Im Dickicht der Dosen bekämpfen sich der Geschäftsführer (Siegfried Terpoorten), sein Sicherheitsmann (Frank Streffling) und dessen kleinkrimineller Kumpel (Norman Schenk). Die Frauen sind Beute (Bettina Hoppe) oder Mutter (Ruth Reinecke). Der Chef betont ständig, aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein wie die beiden anderen – er ist ein psychopathischer Aufsteiger, der sich seiner Stellung vollkommen unsicher ist. 

Unter der Regie von Isabel Osthues finden die überwiegend jungen Schauspieler schöne sozialmechanische Haltungen für ihre Figuren. Die tragisch zerrissenste unter ihnen ist der Wachmann Allamodio (Einwanderer wie alle Unterschichtler hier), der am Ende seine Vergangenheit und seine Zukunft erschießt.

Die Welt