Montag, 10. Juni 2002

"Der Kandidat/Sie leben" beim Festival Theaterformen

Im Bahnhof von Hamburg-Altona soll bald ein Lichtkunstwerk die Junkies vertreiben wie es am Hauptbahnhof laute klassische Musik längst tut. Helmut Kohl liebt Vivaldi. Hannelore Kohl hatte eine Lichtallergie. Karen Carpenter trug Sonnenbrillen. Licht ist eine Waffe, nicht nur, wenn in "Star Wars" die Jedi mit Laserschwertern fechten. Kunst ist ein Unterdrückungsinstrument, und deswegen misstrauen die Ausgepowerten der Bohème zu recht. Um all das geht es in René Polleschs neuem hysterischen Konversationsdrama "Der Kandidat (1980). Sie leben!", das der Autor beim Festival "Theaterformen" in Braunschweig uraufführte.

Die makellos saubere Easy-Listening-Sängerin Karen Carpenter starb 1983 an Magersucht. Dieser Tod hat dazu geführt, dass sie zur Ikone der von ihr abgelehnten Gegenkultur wurde: Sie schien das Symbol der Widersprüche zu sein, die in jedem wüten, der sich willig den Anforderungen des "Systems" unterwirft. Die Rockband Sonic Youth widmete ihr einen Song. Und bei Pollesch ist sie die Urmutter aller derjenigen, die glauben, sie könnten durch schöpferische Anpassung vom Postfordismus profitieren und die dann mehr oder weder sichtbar daran zu Grunde gehen.

John Carpenter ist ein Regisseur, der 1988 "Sie leben!" gedreht hat. Über diesen Film wird in dem Stück viel mehr geredet als über die Anti-Franz-Josef-Strauß-Dokumentation "Der Kandidat" von 1980, deren verschwommene Videobilder ständig im Bühnenbild von Jana Audick flimmern.

Bei Carpenter verwandeln Außerirdische die Menschen per Fernhypnose in Konsumidioten, die nicht sehen können, dass sie in einer Scheinwelt leben - eine frühe Version der Matrix-Theorie. Erst als der Hauptdarsteller eine geheimnisvolle Kiste mit Sonnenbrillen findet, kann er durch deren Gläser erkennen wie die Welt wirklich ist. Bei Pollesch ist das Erschrecken besonders groß, als er entdeckt: "Die Fassade des Palasts der Republik sieht aus wie eine Schloss-Fassade."

Karen Carpenter und John Carpenter sind nicht miteinander verwandt, aber Polleschs fantastische Assoziationsmaschine webt sie in ein poetisches Netz. Die Sonnenbrille der Diva und die Enthüllungsbrille des Verschwörungstheoretikers werden eins. Pollesch bringt immer wieder das Kunststück fertig, die drögesten kritischen Theorien so zu literarisieren, dass sie im Munde seiner Bühnenfiguren perlen wie Sentenzen eines neurotischen Großstadtboulevards.

Im Discokugel-Zwielicht des Pollesch-Universums lacht man über linke Kopfgeburten - aber man lacht darüber wie über die coolen Paradoxien Oscar Wildes: "Dieser Staat ist unmöglich, weil er ständig jemanden draußen halten will, aber gar nicht weiß, was das ist, drinnen oder draußen." Gelächter. "Das ist ein Bahnhof und kein faschistisches Furtwängler-Dingsbums." Gelächter.

René Pollesch ist dadurch zum Star geworden. Junge Menschen, die mit dem Spießertum der Generation Golf nichts gemein haben wollen, pilgern in seine aufklärerischen Lounges. Postgolfismus im Postfordismus. Die kleinen Bühnenräume, in denen man als Zuschauer selbst Platz nimmt, sind vollgestopft mit hippem Gerümpel und erzeugen verschwörerische Intimität. Nur Claus Peymann will dreimal ums Haus rennen, wenn er solchen vermeintlichen Dilettantismus sieht.

In "Der Kandidat (1980). Sie leben!" wird die Rolle des Künstlers fast verzweifelt intensiv reflektiert. Diesmal nimmt Pollesch den Künstler und damit sich selbst ins Visier: Alle sollen ja jetzt so etwas wie Künstler werden. Der selbständige Kreative ist das Modell des bindungslosen Ich-Unternehmens, welches die Politik derzeit als Ideal eines neuen Arbeitnehmertums propagiert. Der Glanz einer vermeintlich frei sich verwirklichenden Könnerschaft ist eine sedierende Droge für diejenigen, die den neoliberalen Verlockungen glauben sollen.

Aber was ist mit den Millionen, die kein neuer Pollesch werden können? "Ermutige mich nicht!" schreien die drei Theater-Guerilleros Catrin Striebeck, Caroline Peters und Bernd Moss in Braunschweig. Kreativität ist der erste Schritt zur Selbsthypnose.

"Der Kandidat (1980). Sie leben!" ist aber auch ein Wutschrei. Als Volker Schlöndorff, Alexander Kluge und Stefan Aust 1980 ihren Film drehten, konnte man auf die Bedrohung noch mit der Kamera zoomen. Jetzt verlangen Stoiber, Schröder, Westerwelle, Blair und du im Grunde dasselbe: Hinter deiner individuellen Schlossfassade lebt etwas, das immerzu shoppen will, und es will sich dabei von Junkies genauso wenig stören lassen wie vom Kapitalismus und seinen Zwängen zum Erlebniseinkauf.

Die Wut hat Pollesch diesmal so konkret werden lassen wie nie. In einem wundervoll poetischen Kinderspiel sind die Zwillingstürme des World Trade Centers zwei Twix-Riegel. Die Darsteller kommen angeflogen wie Racheengel und beißen ihnen den Kopf ab.

Es werden Sätze über die angebliche Homosexualität des Hamburger ersten Bürgermeisters gesagt, die ein Skandal wären, wenn sie nicht eine Figur in einem Theaterstück sprechen würde. Dieser Furor wäre ohne den Witz nicht zu ertragen. Doch er war noch nie so als Galgenhumor erkennbar wie hier, wo Pollesch die Rettung ausgerechnet von Crash seiner zwei Feindbilder erhofft: "Vielleicht ist Stoiber ja allergisch gegen Peymann."