Mittwoch, 14. Februar 2007

"Der Besuch der alten Dame" im Düsseldorfer Schauspielhaus

Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame", das in Düsseldorf kurz nach dem Tod von Anna Nicole Smith Premiere hatte, kann man durchaus als ein Requiem auf das früh verstorbene Busenmodell lesen: Genau wie Claire Zachanassian war auch die tote Blondine eine Frau, die ihre Heimat nach einer Jugend im Unterschichtmilieu verließ und zunächst als Prostituierte arbeiten musste. Sie bahnte sich aber ihren Weg in die Glamourwelt und heiratete einen schwerreichen Mann. Sogar ein Kind starb beiden Frauen. Nur eine alte Dame ist das Modell nie geworden.

Der Vergleich drängt sich umso mehr auf, weil Regisseur Volker Lösch das Stück ganz im Hier und Jetzt der Zeitungsschlagzeilen und Prominenten angesiedelt hat. Die Bürger von Güllen sind als Düsseldorfer Typen angelegt, das Bühnenbild besteht im Wesentlichen aus einer gestrandeten Luxus-Yacht. Ihre neuen Texte haben die Schauspieler selbst verfasst. Besonders leicht wieder erkennbar sind der Kunstprofessor Günter (Hans-Jochen Wagner), ein dauergeiler und maulradikaler Lüpertz-Klon mit Gehstock und Silberschmuck und der Bürgermeister Siegfried (Matthias Leja), der eine Liste von wahnsinnigen Projekten und Phrasen runterbetet, die noch länger ist als die des realen Stadtoberhaupts Joachim Erwin.

Es ist die Methode des Regisseurs Volker Lösch, Stücke derart in der Realität zu verankern. Berüchtigt wurde seine "Weber"-Inszenierung in Dresden, bei der ein Arbeitslosenchor Todesdrohungen gegen Sabine Christiansen ausstieß. Doch was in Dresden und auch in Stuttgart, wo Lösch Hausregisseur ist, zu aufregenden Ergebnissen führte, bleibt in Düsseldorf im Kabarett stecken. Selbst wenn die Darsteller später leiser werden, klingen sie immer noch, als würden sie Büttenreden brüllen. Von den innigen Momenten weiß die Aufführung nichts: Wenn sich die Milliardärin mit Alfred Ill (Rainer Galke) an ihre Jugend erinnert, bleibt das Gefühl reine Textbehauptung. Deswegen hat es auch kaum etwas Entsetzliches, wenn die alte Dame nun den Tod des Mannes kaufen will, den sie einmal geliebt hat. Susanne Tremper muss in ihrem schwarzen Kleid so unbeteiligt durch die Aufführung gehen wie ein Kleiderständer der Rache.

In Erwartung des Blutgeldes leisten sich die Güllener alle Schönheitsoperationen auf Pump. Je größer ihre Busen, je voller ihr Haar und je dicker ihre Lippen werden, desto deutlicher spürt Alfred die Nähe des Endes. Als die Bürger ihn schließlich schlachten, schreit Galke so herzergreifend, als ginge es wirklich um sein Leben. Doch über diese erschütternden Sekunden rollt sofort wieder die Kabarettwalze hinweg. Zum wiederholten Male wird aufs Düsseldorfs Bühne aus der Regierungserklärung von Angela Merkel zitiert. Das soll politisches Theater sein. Es bleibt aber bloß - ortstypisch - Karneval. Nur weil ein Regisseur das Licht im Saal brennen lässt, ist er kein neuer Brecht.

Die Welt