Sonntag, 1. April 2007

"Die Gottlosen" im Maxim-Gorki-Theater

Man soll (und kann) sich Michael Simons pfaffenschwarze Einheitsbühne im Berliner Maxim-Gorki-Theater als Zisterzienserabtei vorstellen, die von den französische Revolutionären verwüstet ist. Ganz zu Beginn richtet dort Sygne de Coûfontaine (Anja Schneider) ein altes Kruzifix wieder auf, dessen Stücke sie von den Schutthaufen der Geschichte zusammengesucht hat. Etwas Ähnliches strebte wohl auch Paul Claudel mit seinem Stückzyklus "Die Geisel", "Das harte Brot" und "Der erniedrigte Vater" an, den er in den Jahren vor und während des 1. Weltkriegs schrieb und der im Gorki jetzt unter dem neuen Gesamttitel "Die Gottlosen" gezeigt wird. Nach einem 19. Jahrhundert, in dem an die Stelle der höchsten Liebe das Geld als alleiniger Klebstoff aller menschlichen Beziehungen getreten war, wollte Claudel als katholischer "Rebell" den Glauben mit künstlerischen Gewaltakten wieder ins Recht putschen – man kann seine Dramen, in denen sogar, ganz mittelalterlich, die Namen sprechen, durchaus als reaktionäre Kunstguerilla-Taten verstehen. André Gide sagte über Claudel, er handhabe das Kreuz wie einen Totschläger. Heute wissen wir, dass es nichts genützt hat.

Das 20. Jahrhundert ist seinem Vorgängersäkulum galoppierend auf dem Weg des Gottesverlusts gefolgt. Der Wert von Claudels Stücken erweist sich heute nicht in ihrer Botschaft, sondern allenfalls in ihrer dramatischen und poetischen Kraft. Die erprobt nun zum zweiten Mal der Regisseur Stefan Bachmann. 2003 hatte er bereits in Basel Claudels bekanntestes Stück "Der seidene Schuh" als großes Welttheater inszeniert. Nun bringt er die Trilogie um die Familie Coûfontaine-Turelure auf die kleine Bühne des Maxim-Gorki-Theaters. Wieder ist die Textgrundlage eine neue Übersetzung von Herbert Meier.

Die Geschichte, die als Stoff aus dem deutschen Gegenwartsdrama völlig verbannt ist, produziert hier weitaus farbigere Konflikte als die Glaubensfragen von Kaliberchen "Apple oder Microsoft", die unsere Zeit spalten. Oh Gott, ist hier was los! Wenn etwa der Revolutionsgewinnler Toussaint Turelure (Peter Kurth) ausgerechnet die ebenso heilige wie schöne Sygne umgarnt, deren Eltern er selbst unters Schafott gebracht hat, dann hat das was von der einmaligen Dreistigkeit Richards III., der die Königswitwe Anna umgarnt. Und wenn Sygne sich dann tatsächlich für die katholische Parteiräson opfert, so ist Claudels Umbarmherzigkeit zurecht mit der von Brecht in seiner ultra-leninistischen "Maßnahme" verglichen worden. Einmal spricht Jesus aus dem Munde eines Dorfpriesters, später wird das Kruzifix zum Materialwert an den Juden Ali Habenichts (der Spitzname ist auch im Original deutsch) verkauft – Kapitalismuskritik und Antisemitismus gehen bei Claudel manchmal zusammen wie in der modernen "Heuschrecken"-Rhetorik. Und zuletzt wird einem Mädchen 1870 der Kopf des Geliebten vom deutsch-französischen Schlachtfeld mitgebracht (warum nicht das Herz, wie es im Stück steht, bleibt rätselhaft).

Vor allem die Frauen opfern sich quasi am Fließband: Mal wollen sie den Papst retten (erfolgreich), mal Polen (erfolglos), mal die Ehre eines Toten und seines unehelich empfangenen Kindes (bleibt offen). Man muss ihre katholische Ideologie durchaus nicht teilen, um angesichts der abgrundtief klaffenden Konflikte wohlig zu schaudern. Trotzdem tut eine Figur wie der opportunistische lebenssaftige Turelure inmitten all dieser Edelmenschen wohl. Noch als alter halbtoter Sack, der seinem Sohn mit Geld die Braut ausspannen will, ist dieser sich an die Materie klammernde Bonvivant uns näher als diese ganzen Ideale in Menschengestalt um ihn herum. Peter Kurth macht aus ihm eine Art siegreichen Falstaff, der über das Königliche triumphiert. Ein Triumph auch für den Schauspieler.

Doch der war auch leicht errungen im Vergleich mit der schweren Aufgabe, solchen uns ganz fremden Gestalten wie der sanften Sygne, dem royalistischen Guerilla Georges oder der blinden, einen Priesterkandidaten liebenden Halbjüdin Pensée Leben zu verleihen. Anja Schneider, Sebastian Blomberg und Melanie Kretschmann schaffen das in verschiedenen Rollen glanzvoll. Im dritten Teil, "Der erniedrigte Vater", spielen Kretschmann als Pensée und Blomberg als Orso eine lange Szene, bei der ihre Liebe vergeblich Ausflüchte in Spitzfindigkeiten sucht, trotz räumlicher Distanz so innig, das man sehen kann wie ihre Seelen, den Worten zu Trotz , schon aufeinander zueilen. In diesem letzten Drittel setzt Regisseur Bachmann mit Hilfe der Musik von Felix Huber und mit Schattenspielen auf dem Vorhang ganz auf Atmosphäre. Der zweite stand im Zeichen der Burleske, während der erste revolutionär altmodisches Kostümsprechtheater war. Bezeichnenderweise schwächelt der Mittelteil am ehesten: Burleske ist auf Berlins Bühnen langweiliger Alltag.

Doch insgesamt ist diese keineswegs bahnbrechende, aber handwerklich perfekte Aufführung ist so stark, dass sie sogar ein grundlegendes Manko verkraften kann: Die älteren Schauspieler haben überhaupt keine Antenne fürs Religiöse. Selbst Peter Kurth, der kurz zuvor sogar eine Frau überzeugend dargestellt hatte, ist als Papst Pius IX. profan. Und wenn Andreas Leupold als Beichtvater Sygnes plötzlich mit der Stimme des Christus spricht, dann klingt es leider so unheilig wie ein Berliner Busfahrer, der sagt: "Bis Kudamm könnse auch Kurzstrecke fahren."

Wer übrigens trotz zweier wohltuend nach jeweils eineinhalb Stunden plazierter Pausen den überraschend kurzweiligen Abend dennoch als sitzfleischbedrückend empfindet, kann sich damit trösten, noch einmal davon gekommen zu sein: Ursprünglich wolle Claudel sogar ein viertes Stück schreiben, dass die Familiensaga über die Coûfontaines beenden sollte.