Montag, 21. Mai 2007

"Wallenstein" in Neukölln

Draußen läuft RTL II und drinnen Arte: Peter Stein hat für seine "Wallenstein"-Inszenierung eine Hochkulturschanze tief im Berliner Problembezirk Neukölln bauen lassen. Wie das Feldlager einer fremden Macht liegt der weiße Zeltbau da - mit eigenen Bockwurst-Marketendern und Sanitäranlagen. Doch die zivilisierten Besatzer prahlen nicht mit Mord und Raub, sondern nur mit Bildung. Bemessen wird sie hier nach Schiller-Kenntnissen. Menschen mit dem Dramentext auf den Knien kontrollieren, wie vollständig dieser "Wallenstein" wirklich ist.

"Bildung" - das Wort wurde im Vorfeld dieses Theaterereignisses zum Brechmittel. Peter Stein drosch in Interviews mit dem schweren Säbel auf die jüngeren Regisseure ein, die alle nicht mehr gebildet seien und nur noch inszenierten, was sie "unter der Vorhaut juckt". Und Journalisten, die ihm an Juckreiz-Diagnostik und Bildung nicht nachstehen wollten, beteten es nach. Selten ist den Jüngeren so deutlich klar gemacht worden, dass Bildung nichts sei, was ihnen freundlich zur Teilhabe offen stünde, sondern dass es sich dabei um ein Machtmittel handelt, mit dem etablierte alte Knacker ihre Pfründe einhegen.

So gebildet, dass sie ihre Handys ausgeschaltet hätten, waren viele Bildungsbürger dennoch nicht. Eine Frau entblödete sich nicht mal, während der Vorstellung ranzugehen wie eine 14-jährige Prolette, über die die Dame sich gewiss meilenweit erhaben fühlt.

Für die Kostüme hat Moidele Bickel historische Studien getrieben, aber am Ende sehen die Wämser, Koller und rauschenden Kleider dann so aus, als stammten sie aus dem Fundus einer Gründgens-Inszenierung. Doch warum nicht nach 50 Jahren "Wallenstein" in moderner Uniform mal wieder einen im Brustpanzer?

Obwohl - so ganz verschwunden war dieser historisierende Schiller-Stil ja nie. Er überlebte auf provinziellen Freiluftfestivals, wo im Sommer Wallensteins Soldateska gern vor Schlossruinen schwerterklirrend marschiert. Etwas von dieser Biedernis weht auch im ersten Teil der Berliner Aufführung: Die Uniformen der 80 Statisten in "Wallensteins Lager" sind so sauber wie der Federschnee auf dem Bühnenboden. Von Blut, Angstschweiß und Dreck des Krieges kein Hauch. Hier regiert die alte bürgerliche Maxime: "Lange Haare, aber gepflegt müssen sie sein!" Es sieht aus wie eine historische Dokumentation im Kulturfernsehen. Oder wie Schiller. Denn der war ja kein Tarantino. Nicht mal Realist. Die Klassik gestattete der Wirklichkeit den Zutritt zur Bühne allenfalls über den wohlgedämpften Umweg einer Sprache in Versen, die auch wildeste Gräuel fern von der Seele des Zuschauers hält.

Die Geschichte des dreiteiligen Dramas für die nicht ganz so Gebildeten: Zur Halbzeit des Dreißigjährigen Krieges spielt der kaiserlich-katholische Feldherr Wallenstein mit der Idee, zu den protestantischen Schweden überzulaufen. Als seine Pläne verraten sind, wird aus dem Gedankenspiel Notwendigkeit. Doch General Octavio Piccolomini (Peter Fitz als prinzipienfester Intrigant) hemmt Wallensteins Verrrat. Der Generalissimus wird von seinem schein-treuen Offizier Buttler (knarzig dauerbeleidigt: Jürgen Holtz) ermordet.

Weil Schiller im ersten Teil nur die Truppen vielstimmig sprechen lässt und dann im zweiten Teil viel Zeit braucht, um Vater und Sohn (Alexander Fehling) Piccolomini vorzustellen (letzterer verliebt sich auch in Wallensteins Tochter Thekla, Friederike Becht), dauert es lange, bis das Berliner Publikum endlich den Titelrollenspieler Klaus Maria Brandauer zu Gesicht bekommt.

Brandauer ist besser, als es viele Verächter dieses häufig übereitlen Grimassenmimen befürchteten. Zwar verwechselt er gelegentlich Lautstärke mit Kraft, doch das sprunghaft Nervöse der Figur zeigt er ebenso gut wie ihren Charme. Sein Wallenstein sieht mit grauen Zotteln und Bart aus, als sei er beim Peter-Stein-Doppelgänger-Wettbewerb gecastet worden. Der mittlerweile wieder rasierte Regisseur hatte um 2000 - im größten Stress seiner "Faust"-Inszenierung - mal eine Phase, in der er genauso rumlief. Parallelen zwischen Stein und Wallenstein sind: Beide haben sich historische Größe erworben, doch beide macht es aggressiv, dass eine neue Zeit sie nicht mehr für so unentbehrlich hält wie sie sich selbst.

Das Bühnenbild von Ferdinand Wögerbauer besteht aus Stellwänden, die zu immer neuen Kombinationen verschoben werden. In den kurzen Umbaupausen ertönt ein Lied über die Zerstörung Magdeburgs 1631. Es klingt, als wär's von Brecht und Dessau. Doch der Text stammt von Goethe, und vertont hat ihn Ernst Krenek 1927.

Die riesige Bühne in einer ehemaligen Brauereihalle ist praktisch, wenn es gilt, 80 Leute darauf zu Massentableaus zu arrangieren. Aber bei intimeren Szenen rennen alle herum wie auf Wallensteins Hühnerhof. Vor allem der Beginn des zweiten Teils "Die Piccolomini" und die Szenen, in denen Wallensteins engste Mitverschwörer Terzky (Daniel Friedrich) und Illo (Rainer Philippi) aus Nebenzimmern herbeistürzen, sind ganz Gerenne. Und auch Gefuchtel: Die Darsteller greifen mit den Händen so oft in die Lüfte, als wollten sie das Altbackene ihres Spiels wieder frisch kneten. Es gibt viel unfreiwillige Komik, wenn die Schillerschen Sinnsprüche so brav gesprochen werden, dass es die Grenze zur Parodie streift. 

Neben Brandauer ist Elisabeth Rath als Gräfin Terzky herauszuheben. Die Romantiker haben Schiller verleumdet, er habe ein biederes Frauenbild. Dabei hat er einige der größten Frauenrollen der Literatur geschrieben. Dazu gehört diese Schwägerin Wallensteins, die ihn an Zielstrebigkeit zumindest im Drama übertrifft.

Nach zehn Stunden fühlt man sich trotz der vier Pausen doch erschöpft wie ein Fußsoldat nach einem Marsch. Nicht jeder der Schillerschen Verse ist ein Wachmacher. Erst recht nicht, wenn er aus dem Munde mittelmäßiger Schauspieler erklingt. Die gibt es auch.

Und trotzdem überwiegt das Gefühl des Glücks. Glück darüber, in einem reichen Land geboren zu sein, das sich solche Kunstanstrengungen leistet. Man muss aber nicht der Propaganda von Stein und seinen Aftersassen glauben, es sei unbedingt notwendig, sich zwischen dem "Regietheater" und solchen textfrommen Klassikergottesdiensten zu entscheiden. Der Reichtum von Deutschlands Bühnenlandschaft besteht darin, dass man beides haben kann: den jugendlich respektlosen Zugriff auf große Literatur und derartige Schiller-Messen. Allerdings würde Peter Stein einem entschieden weniger auf den Wecker gehen, wenn er sich nicht immer so gebärden würde, als ob sein Theater das einzig wahre und echte wäre.

Die Welt