Samstag, 20. September 2008

"Matthäuspassion" im Centraltheater Leipzig

Sollte sich irgendjemand in Leipzig noch Illusionen über den neuen Intendanten des städtischen Theaters gemacht haben, dürften diese spätestens nach der Eröffnungspremiere "Matthäuspassion" zerstoben sein: Fünf Stunden nahm Sebastian Hartmann das Publikum mit auf einen Leidensweg durch die Welt der Gottsucher, Gotteskämpfer und des Gottessohns. Er martert die Zuschauer zur Strafe für ihre DDR-bedingte religiöse Schwerhörigkeit mit sämtlichen Folterinstrumenten, deren Bedienung er in der Castorf-Schule gelernt hat, und er geht dabei so hartnäckig vor wie die Büttel des Pontius Pilatus. Am Ende wird zwar nicht Jesus gekreuzigt, aber viele Besucher fühlten sich, als hätten sie selbst am Kreuz gehangen. Dem Erlöser wurden damals allerdings nur drei Stunden zugemutet. "Gott ist so hart nicht wie mein Sohn", klagt die sterbende Pastoren-Mutter in Henrik Ibsens "Brand". Gott ist auch nicht so hart wie Hartmann.

Das Ibsen-Stück bildet den Mittelteil jenes "Triptychons", mit dem der 40 Jahre alte Regisseur das Leipziger Haus neu weiht. Es beginnt mit "Die Abendmahlsgäste" von Ingmar Bergman. Und es endet mit einer Matthäuspassion, die zwar gewiss auch als Verneigung vor dem genius loci gemeint ist (in Leipzig war Johann Sebastian Bach Kantor der Thomaskirche), die aber schließlich doch nur wenig Bach enthält, dafür viel Klaus Kinski. Der legendäre Schauspieler hat ja mit seiner "Jesus Christus Erlöser"-Show einst einem ähnlich areligiösen Publikum (damals stumpfe 68er-Studenten) predigen wollen, wie es Hartmann hier in Leipzig tut.

Kinski hat viel Unglück über die Welt gebracht. Seit ihm glaubt jeder halbgeniale Viertelfaust, Lautstärke sei Leidenschaft, Augenrollen sei Expressionismus und das Publikum anschreien sei Wahrhaftigkeit. Auf besonders furchtbar unfruchtbaren Boden ist diese Irrlehre bei Thomas Lawinky gefallen, der in "Brand" die Titelrolle spielt. Als fanatischer Pastor brüllt er knapp zwei Stunden nur, und weil alle anderen ebenfalls immer lauter mitschreien, man aber von Ibsens Reimen (deutsch von Christian Morgenstern) trotzdem kein Wort versteht, wird dieser Mittelteil zum Schmerzenskernstück der Leipziger Zuschauerpassion. Der Schlussteil ist dann nur noch der gnädige Lanzenstoß.

Dabei hatte es einigermaßen verheißungsvoll begonnen. In "Die Abendmahlsgäste" setzte Hartmann seine gefürchteten Mittel noch recht sparsam ein. Fast kammerspielhaft konventionell erzählte er die Geschichte eines Pfarrers (Berndt Stübner), den das Schweigen Gottes zermürbt. "Licht im Winter" hieß der Film, den Ingmar Bergman 1963 nach diesem Skript drehte. Selbstverständlich war damit kein elektrisches Licht gemeint, sondern metaphysisches. "Jesus, Jesus, gib mir Licht", ruft auch Brand verzweifelt. Seine Bitte wird erhört: Einen Tag nach der Eröffnungspremiere trat der Sänger Peter Licht im Theater auf.

Denn Hartmann will ja nicht nur quälen. Seine Bühne soll ein offener Ort sein für vielerlei Aktivitäten. Deshalb hat der neue Intendant das ehemalige Schauspiel Leipzig umbenennen lassen in Centraltheater - so hieß das 1902 eröffnete Operetten- und Varietétheater, das bis zum Krieg an gleicher Stelle stand und dessen Spartenoffenheit durchaus Vorbild für den Neubeginn sein soll. Damals war auch schon mal ein Hartmann Theaterleiter, Anton hieß er mit Vornamen. Der hätte sich wohl nie träumen lassen, dass es hier mal einen Hausphilosophen geben würde: Guillaume Paoli heißt der von Hartmann angestellte Denker. Der Franzose aus Prenzlauer Berg hat einst das "Manifest der glücklichen Arbeitslosen" verfasst.

Vorbild für solche Verknüpfung von philosophischer Praxis und Theater ist die Berliner Volksbühne. Frank Castorfs Theater war für den gebürtigen Leipziger Hartmann lange Zeit ein Leitstern. Später hat er selber dort inszeniert. Nun lässt Hartmann in Leipzig wieder das Edgar-Allan-Poe-Gedicht erklingen, das behauptet: "All what we see and seem is but a dream within a dream." Das stellte er schon in Berlin seinen Inszenierungen voran wie ein Motto. Hartmanns Tiefgründelei schrammt manchmal die Grenze zur Allerweltsesoterik, wie sie in den Kleinanzeigen von Stadtzeitungen verkauft wird. Man hört von ihm Sätze wie: "Ich hasse die Schulmedizin."

Das Schultheater wohl auch. In Leipzig saß jetzt das Original (Frank Castorf) im Publikum und sah mit an, wie die Fälschung Hartmann alle Regietheaterholzhämmer aus des Meisters Werkstatt schwang: Neben Lautstärke und Gebrüll sind das endlose Wiederholungen, dröhnlaute Musik, eimerweise Wasser und Flüssigblut, Frauen in Stöckelschuhen, Schauspieler, die auf glitschiger Bühne dauernd das Gleichgewicht verlieren, und viel Nacktheit natürlich.

Es war trotzdem nicht alles schlecht. Es gab Momente. Etwa die Szene in "Brand", wo sich die Hände von Ertrinkenden von innen Hilfe suchend durch die wässrig glitzernde Folie eines riesigen Würfels bohrten, der die Körper geradezu verschlang (Ausstattung: Susanne Münzer). Ein Bild, das man nicht so schnell vergisst. Oder die Stelle, wo Jesus (Peter René Lüdicke) einem mit grauenvoll verquollener Zunge sprechenden Mädchen die Hand auf den Kopf legt und sie daraufhin plötzlich den schönsten Gesang anstimmt. Toll. Aber man fragt sich schon, ob er dieses Wunder nicht auch bei einigen anderen Ensemblemitgliedern vollbringen könnte. Dann hätte Hartmanns neues Centraltheater eine Chance.

Die Welt

Montag, 15. September 2008

"Der zerbrochne Krug" im Berliner Ensemble

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Die beiden wesentlichen Quellen, aus denen Heinrich von Kleist Inspiration für sein Lustspiel "Der zerbrochne Krug" schöpfte, sind bekannt: Das Figurenarsenal mit dem Dorfrichter, dem Schreiber, der Klägerin, die Ersatz für ihr kaputtes Geschirr fordert, und dem zerstrittenen jungen Liebespaar entnahm er einem Kupferstich von Jean Jacques Le Veau. Die analytische Dramentechnik, bei der im Rahmen einer gerichtlichen Untersuchung ein zurückliegendes Geschehen enthüllt wird und der Untersuchende gegen sich selbst ermittelt, schaute er sich im "König Ödipus" des Sophokles ab. Sogar der Klumpfuß des Dorfrichters Adam ist vom Namen Ödipus (zu deutsch "Schwellfuß") angeregt. 

Doch nun im Berliner Ensemble glaubt man, auch ein paar Parallelen zwischen dem "Zerbrochnen Krug" und "Wallenstein" zu entdecken - vielleicht nur deshalb, weil die zwei zentralen Künstler dieser Aufführung, der Regisseur Peter Stein und der Schauspieler Klaus Maria Brandauer, voriges Jahr schon in der Hauptstadt gemeinsam jenes Drama von Friedrich Schiller zu Aufführung brachten (die Kritik lesen Sie hier).
Aber immerhin: In beiden Stücken kommt zu Beginn ein mit hoheitlicher Vollmacht ausgestatteter Gesandter aus der Hauptstadt an, um das lange von einem eigenwilligen Provinzmachthaber mit Füßen getretene Recht wieder aufzurichten. Der Gerichtsrat Walter, der den Dorfrichter Adam kontrollieren soll, ist ein entfernter Kollege des Obersten Piccolomini, der den Feldherrn Wallenstein entmachtet. 

Auch die Szene, in der die Klägerin Frau Marthe Rull (in Berlin gespielt von Tina Engel) vor Gericht lang, breit und ermüdend die historischen Szenen aus der niederländischen Geschichte schildert, die auf dem zerbrochenen Krug abgebildet waren, klingt wirklich fast so, als hätte Kleist eine Stelle im "Wallenstein" parodieren wollen. 

Dort erklärt ein Mundschenk sehr ausführlich den Soldaten, was es mit den Bildern aus Böhmens Vergangenheit auf sich hat, die auf einem Zinnbecher eingraviert sind. Man darf ja nicht vergessen, dass die Uraufführung des Schillerschen "Wallenstein" in Weimar ein wegen ermüdender Geschwätzigkeit vom zeitgenössischen Publikum viel bespöttelter Flop war - genauso wie 1808 die Uraufführung des "Zerbrochnen Krugs" am gleichen Ort. Der verantwortliche Regisseur und Stückezertrümmerer hieß in beiden Fällen Johann Wolfgang von Goethe, damals Intendant des Weimarer Hoftheaters. 

Goethe dehnte damals Kleists Lustspiel auf dreieinhalb Stunden. Peter Stein kommt in Berlin nun mit gut zwei Stunden aus. Dabei lässt er sogar den von Kleist in der ersten Buchausgabe als "Variant" abgedruckten längeren Schluss spielen, den die meisten anderen Regisseure ignorieren. Bei diesem Ende ist der Dorfrichter längst als derjenige entlarvt, der nachts in die Kammer des sittsamen Evchens (Marina Senckel) eindrang, um sie zum Sex zu erpressen, und der dabei nicht nur den Krug zerbrach, sondern auch von Evchens Verlobtem Ruprecht (Roman Kanonik) ertappt und in der Dunkelheit unerkannt verprügelt wurde. 

Im "Variant" lässt Kleist (mehr: hier) noch viel deutlicher das Vertrauen in den geschändeten Rechtsstaat wieder herstellen. Deshalb bietet der Gerichtsrat Walter dem Evchen eine Art Wette an: Er gibt ihr 20 Gulden, und falls er gelogen hat und ihr geliebter Ruprecht doch als Soldat in die Kolonien geschickt wird, darf sie das Geld behalten. Als sie immer noch zweifelt, sagt er, direkt auf die Münzen zeigend: "Sieh her, das Antlitz hier des Königs: Meinst du, dass dich der König wird betrügen?" 

Der Gerichtsrat Walter wurde in allzu vielen Aufführungen der neueren Zeit entweder als beamtenspießige Witzfigur oder als faschistischer Agent eines Systems denunziert. Im Berliner Ensemble spielt ihn Martin Seifert als einen, der zum Melancholiker geworden ist, weil er sehr wohl begriffen hat, dass das Recht nie vollkommen sein kann, denn die Menschen sind es ja auch nicht. 

Nicht nur dank der sonst unterschlagenen Verse gewinnt Walters Rolle hier weitaus mehr Gewicht. Sondern auch, weil der wegen seiner stillen Kraft oft unterschätzte Darsteller Seifert (einer aus dem uralten BE-Ensemble, kein teuer eingekaufter Peymann-Star) deutlich macht, was der Gerichtsrat in Wirklichkeit ist: ein Preuße im niederländischen Kostüm, und zwar ein Preuße, wie ihn Kleist sich erträumte - der Funktionär eines Staates, in dem König, Beamtenschaft und Bürger gleichermaßen an das Recht glauben. Mehr Philosoph als Administrator (doch dies wohl auch). Mehr von Kant kommend als vom Kasernenhof.
Man kann über all das in Ruhe nachdenken, weil man nicht mit aufgepfropften Ideen des Regisseurs behelligt wird. Stein lässt erwartungsgemäß so textfromm spielen, dass vermutlich sogar der Avantgardist Kleist irritiert wäre, könnte er mit ansehen, wie sehr 200 Jahre später sich Theaterleute bemühen, das Stück genauso aufzuführen, wie man es zu seinen Lebzeiten vielleicht getan hätte, wenn der Regisseur nicht Goethe gewesen wäre. 

In diese Inszenierung geht man als Zuschauer hinein wie in eines jener sich "altdeutsch" nennenden Wirtshäuser, wo man auf rustikalen Holzbänken sitzt und von Zinntellern Fleisch isst, das über dem offenen Feuer am Spieß gebraten wurde. 

Nur dass die Dekoration hier nicht bloß billiger Gelsenkirchener Barock ist, sondern von Stein und den Ausstattern Ferdinand Wögerbauer (Bühne) und Anna Maria Heinrich (Kostüme) mit großem Aufwand nach alten Bildern rekonstruiert wurde. Am Anfang wird der Kupferstich "Le juge, ou la cruche cassé" als Dia auf das Bühnenbild projiziert, und dann wird gewissermaßen alles Weitere detailversessen davon abgepaust. Kleist selbst gab als Modell obendrein noch die derbe niederländische Genremalerei vor. 

Ach ja. Den Dorfrichter Adam spielt Klaus Maria Brandauer. Der einstige Star des Burgtheaters ist offenbar in Berlin ganz heimisch und zum Lieblingshauptdarsteller von Stein geworden. Er wirft sich in die Rolle mit viel Lust am aufgeschminkten Alter, an den angeklebten Wunden und an der körperlichen Widerwärtigkeit seiner Figur. Einmal kotzt er sogar aus dem Fenster. Er spielt den Adam ein bisschen Brandauer-hafter und eitler als er den Wallenstein gespielt hat. Aber das stört nicht. 

Das einzige, was ein bisschen stört, sind die zwölf lebenden Hühner, die von den Mägden aus der guten Stube der Dorfrichters gescheucht werden. Im Theater wird man heutzutage so oft mit "echten" Arbeitslosen, "echten" Problemkindern und "echten" Politikern behelligt (bei "Rimini-Protokoll" und anderen Authentizitäts-Hubern), dass man wenigstens in dieser konservativen Oase gerne einmal auf das Echte verzichtet hätte.