Samstag, 25. Oktober 2008

"Das Pulverfass" im Haus der Berliner Festspiele

Die Balkankriege in den Neunzigerjahren haben viel Unheil über die Welt gebracht: Massenvertreibungen, Massenvergewaltigungen und massenhaft Hütchenspielervisagen in den Nachrichten. Als Kollateralschäden mussten auch noch die jugoslawischen Restaurants und die serbische Bohnensuppe dran glauben. Auch in der Kunst waren die Folgen schrecklich: Bis heute hat es noch keinen guten Film über den Konflikt gegeben. Schlimmer noch: Emir Kusturica ist ganz und gar am Kino verzweifelt. Und mancher einst geschätzte Schriftsteller ist beim Wechsel ins Lager der Nationalisten irre geworden.

Falls sich jetzt irgendjemand über den flapsigen Ton erregt, in dem hier über eine blutige Tragödie verhandelt wird: Er entspricht genau dem Niveau des Stückes "Das Pulverfass", mit dem jetzt in Berlin das bundessubventionierte Festival "Spielzeit Europa" eröffnet wurde. Im Grunde war die Premiere der wahre Beginn des Berliner Theaterherbstes, denn die meisten der bisherigen großen Hauptstadtpremieren waren zuvor schon auf Festivals gezeigt worden (wie "Hamlet" in der Schaubühne oder "Die Zofen" in der Volksbühne) oder sie entstanden unter Übergangsbedingungen (wie im Deutschen Theater, das wegen Renovierung ins Zelt ausweichen musste).

Dagegen waren die Konditionen jetzt beim "Pulverfass" luxuriös: Vom ko-produzierenden Deutschen Theater kamen die versammelten Lieblingsdarsteller des Regisseurs Dimiter Gotscheff: der Wahnsinnsvirtuose Wolfram Koch, der böse Clown Samuel Finzi und die schräge Megäre Margit Bendokat zum Beispiel. Und mit dem zusätzlichen Festivalgeld konnte obendrein nicht nur die von österreichischer Gossenerotik umwehte Superschauspielerin Birgit Minichmayr mal wieder nach Berlin gelockt, sondern auch noch ein von Sandy Lopicic geleitetes kleines Orchester verpflichtet werden, das den Großmimen mit wehmütiger Folklore und ruckelndem Balkanpop den Rücken stärkt. Und trotzdem sitzt man spätestens nach einer von zweieinhalb Stunden (gefühlt dauert die Aufführung länger als der ganze Krieg) nur noch da und denkt: Wie viele schöne Panzer hätte man von all dem Steuergeld kaufen können! Wie viele kleine Banken hätte man davon retten können!

Es liegt zuallererst am Stück des Makedonen Dejan Dukovski. Gotscheff hat es 2000 schon einmal in Graz inszeniert - in einem ganz ähnlichen Bühnenbild wie jetzt von Anri Kulev, bei dem auch immer Äpfel über die schräge Bühne in einen Wassergraben rollten. Wieso er jetzt das Werklein und sogar die Inszenierung von damals wieder ausgegraben hat, wird nicht klar, obwohl sich die Dramaturgie im Programmheft gewaltige Mühe gibt, die Nichtigkeit zum großen Diskussionsbeitrag hochzutrommeln.

Es handelt sich um einen "Reigen der Gewalt": In elf Szenen schildert Dukovski, wie sich aus alltäglichen, zunächst harmlosen Situationen Mord und Totschlag entwickeln. Ein junger Mann bricht einem brutalen Polizisten aus Rache sämtliche Knochen. Ein anderer terrorisiert die Wartenden an einer Bushaltestelle mit beinahe schon philosophischen Fragen. Oft besteht die Pointe darin, dass die scheinbar furchterregendsten Schläger an jemanden geraten, der noch schneller und zielsicherer zuhaut und sticht als sie. Egal, ob im Gefängnis, im romantischen Park oder als Ausgewanderter in Amerika - nirgendwo finden diese Balkanbewohner eine andere Antwort auf ihre Situation als Gewalt. Und immer fliegt der erste Stein, den sie geworfen haben, ihnen wie ein Bumerang selbst an den Kopf. Und jede kleine harmlose Messerstecherei wendet sich irgendwie gegen sie selbst.

Aber wozu? Nach 30 Minuten hat man die Botschaft begriffen: "Ja, so isser, der Balkanese!" Nach 31 Minuten hat man auch die dialektische Finte des Abends kapiert: "So isser natürlich überhaupt nicht, der Balkanese! Sondern nur Ihr doofen Westler glaubt, er wäre so. Und statt Euch mehr Mühe zu geben, ihn zu verstehen, werft Ihr böse Nato-Bomben auf ihn und zerstört so mutwillig die paradiesische Einheit im schönen Vielvölker-Woodstock-Staat Jugoslawien!" Es ist so dumm, dass einem das Klappmesser in der Hose aufgeht. Natürlich kann mit solchen Schauspielern trotzdem nicht alles schlecht werden. Obwohl Margit Bendokat nicht viel mehr zu tun hat, als in Gummistiefeln durchs Wasser zu latschen und Äpfel rauszufischen. Und die Gotscheffsche Inszenierungsmaschine läuft auch wie geschmiert. Aber wozu?

Die Welt