Montag, 15. Dezember 2008

"Durch den Monsun" im Nationaltheater Mannheim

Frau Firm ist fort. Nur ihr gelber Mantel hängt immer noch da. Aber Frau Firms Nachfolgerin Maja (Isabelle Barth) zieht ihn nicht an. Genauso wenig wie die Pullover, die ihre demenzkranke Mutter (Gabriela Badura) dauernd für sie aus dem Kleiderschrank im Heim holt. Es genügt Maja, dass ihr die neue Rolle als Chefin noch so schlecht sitzt wie ein zu großes Kostüm. Das innere Unbehagen daran bekämpft sie äußerlich, indem sie eine Art Reitkostüm trägt, das an ihrem Körper so eng anliegt wie eine zweite Haut. Kein Wunder, dass sie sich mit Frau Firms übrig gebliebener Sekretärin (Anke Schubert) nicht gut versteht, denn die schwört im Gegenteil auf die befreiende Wirkung des Nacktschlafens.

Maja ist die Hauptfigur in "Monsun im April", dem neuen Stück von Theresia Walser. Ihre Schwierigkeiten beginnen erst richtig, als schließlich auch noch zwei undurchsichtige Bohèmiens auftauchen, die ihr eine blutige Geschichte andrehen wollen, in die die geradlinige Maja noch weniger hineinpasst als in den allzu gelben Mantel der Macht: Angeblich haben die drei gemeinsam eine Nacht in Brüssel verbracht und nach allerlei kulinarischen, alkoholischen und erotischen Entgrenzungen ein mörderisches Komplott gegen Frau Firm ausgeheckt. Was wahr ist an dieser Schauermär und was vielleicht nur versuchte Erpressung oder bloße Prahlerei, das bleibt zum Glück absichtlich rätselhaft auf der Bühne des Mannheimer Nationaltheaters, wo Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski "Monsun im April" urinszeniert hat. Als irgendwann auch noch Frau Firms Witwer gesteht, die Verschwundene umgebracht zu haben, nimmt ihn gar niemand mehr ernst.
Die Autorin Theresia Walser, 1967 geborene jüngste Tochter eines berühmten Romanciers gleichen Namens, ist ein Geschenk an das deutsche Theater. Aufgetaucht aus der ersten Woge neuer junger Dramatiker vor etwa zehn Jahren, ist sie immun gegen die Krankheiten vieler Generationsgenossen, die zum Teil längst wieder untergegangen sind. Sie verfügt über eine Sprache, die ganz knapp das Ungesagte zwischen den Figuren andeutet, sich aber auch zum poetischsten Humor hinaufschraubt.

Bei "Monsun im April" glückt ihr das am schönsten in einer Szene, wo Maja der wurstbrotessenden Sekretärin verbal die Selbstgerechtigkeit vom Leibe reißt. Da sagt sie solche Sätze von Werner-Schwab-Kaliber wie: "Da geht's einem doch gleich viel besser, wenn man in so eine Wurstbrotbescheidenheit hineinbeißen kann. Morgen für Morgen bügelt man sich da mit aller Schnittchensorgfalt die Wurst aufs Brot, als wär' man sich selbst eine Mutti."

Theresia Walser schreibt aber vor allem Stücke mit einer Handlung und erkennbaren Figuren, die den Spielenden dennoch viele Deutungen offen lassen. Ein kleines bisschen mehr Hass auf die verschwundene Frau in der Stimme des Darstellers Edgar M. Böhlke - und man würde ihm den Mord tatsächlich zutrauen.
Etwas weniger Weinerlichkeit bei Majas Ex-Freund Paul (Sven Prietz), einem Architekten, den der titelgebende "Monsun im April" aus Indien heimgetrieben hat, und man glaubte vielleicht, dass er ein Verhältnis mit Frau Firm hatte. Und wenn Ragna Pitoll und Klaus Rodewald als die Besucher aus Brüssel ihre fast karnevaleske Fröhlichkeit um eine Spur reduzierten, könnte man sich wirklich vorstellen, dass sie Frau Firm geschlachtet haben. So etwas malt man sich aus - trotz aller Liebe und Qualität, mit der Kosminski und sein Ensemble das Drama präsentieren. Man besetzt die Rollen in Gedanken mit Schauspielern, vielleicht aus München oder Berlin. Und es liegt nicht an der Schwäche der Mannheimer Aufführung, sondern an der Stärke des Walserschen Stückes, dessen Möglichkeiten man einfach öfter ausgelotet sehen möchte.

Doch leider haben die Metropolenbühnen das Geschenk Theresia Walser nicht überall mit dem nötigen Enthusiasmus angenommen. Die Ehre der letzten drei sorgfältigen Uraufführungen haben sich stattdessen Kassel (wo im März 2008 "Morgen in Katar" Premiere hatte) und eben Mannheim (bereits 2006 mit "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm") geteilt. Anderswo hängt man immer noch der längst nervtötenden Mode der Roman- und Filmdramatisierungen an. Oder man verheizt die neuen Stücke, indem man sie im Wochenrhythmus von Regie-Assistenten ohne Geld, ohne Probenzeit und mit der schlechtesten Besetzung inszenieren lässt.

Die dramatische Kunst ist gerade mal wieder auf der Flucht vor dem Drama. Und erst wenn der letzte Dramaturg seine Hände an den letzten Bestseller und an das letzte Drehbuch gelegt hat, werden sie feststellen, dass sie in eine Sackgasse gerannt sind. Bis dahin führen die Wege des deutschen Gegenwartsdramas (demnächst noch mit Uraufführungen von Albert Ostermaier, Gesine Danckwart und Dietmar Dath) wieder mal dorthin, wo immerhin schon vor mehr als 200 Jahren ein anderer junger Autor mit seinem Erstlingswerk "Die Räuber" reüssierte: nach Mannheim.

Die Welt