Dienstag, 24. Februar 2009

"Ich bin der Wind" im Schauspielhaus Zürich

Matthias Hartmann ist ein leidenschaftlicher Bootsfahrer, der schon einmal bedauert hat, dass er leider nicht auf dem Wasserwege über den Zürichsee zur Arbeit kommen könne. Trotzdem gibt es keinen Grund, irgendein biografisches Bekenntnis zu vermuten, nur weil Hartmann sich für seine letzte Premiere als künstlerischer Direktor des Schauspielhauses Zürich ausgerechnet die deutschsprachige Erstaufführung von „Ich bin der Wind“ ausgesucht hat – ein Stück über zwei Männer, die auf einem Segelboot existenziell ins Schwimmen geraten.

Denn erstens hat der smarte Hartmann bestimmt nicht so ein romantisch überhöhtes Künstlerverständnis von sich selbst, dass er glaubte, Zuschauer mit seinen Befindlichkeiten belästigen zu müssen. Und zweitens haben die beiden Schlaffis im Segelboot doch denkbar wenig gemein mit dem gern dynamisch und ein bisschen machohaft auftretenden Intendanten.

Vielmehr sind es zwei typische Helden des Norwegers Jon Fosse. Der bevölkert seine Stücke ewig mit etwas antriebsschwachen Rumhängern, denen man als Zuschauer manchmal gerne eine Ohrfeige oder eine kalte Dusche verpassen würde, um sie auf Touren zu bringen. Eine kalte Dusche bekommt „Der Eine“ (Sebastian Rudolph) denn auch zum Schluss. Dann wird er zu den Klängen des Bach-Chorals "Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen" (aus der Kantate BV 146) eins mit den Naturgewalten und sagt von sich selbst „Ich bin der Wind“ – ein Satz, den man so ähnlich schon mal bei Bertolt Brecht gehört hat: In seinem „Der Ozeanflug“ muss ein Schauspieler ja behaupten „Ich bin der Nebel“.

Fosse ist allerdings ein Anti-Brecht. Bei ihm sind die Konflikte bis zur Unkenntlichkeit hinter dem scheinbar wenig sagenden Gerede seiner Figuren versteckt. Daran scheiden sich die Geister: Die einen – vor allem Theaterdramaturgen und Regisseure – vermuten hinter all dem eine ungeheuere Tiefe. Die anderen rutschen unruhig von einer Gesäßbacke auf die andere und empfinden Fosses Stücke als eine Art chinesische Wasserfolter mit Worten. Unbestreitbar ist, dass der vielfach preisgekrönte Fosse der erfolgreichste norwegische Dramatiker seit Henrik Ibsen ist. Vor allem zu Beginn des neuen Jahrtausends waren seine Stück auf deutschen Bühnen omnipräsent. Romuald Karmakar hat „Die Nacht singt ihre Lieder“ sogar verfilmt.

„Ich bin der Wind“ ist für Fosse-Verhältnisse ein echter Action-Blockbuster. Und als solchen hat ihn Hartmann auch inszeniert. Karl-Ernst Hermann baute dafür in die Schiffbau-Halle ein Bühnenbild, das mit technischen Tricks und Spezialeffekten protzt. Das Boot, auf dem Der Eine und Der Andere zu einem harmlos erscheinenden Ausflug in die norwegische Inselwelt starten, schwankt dank ausgeklügelter Hydraulik wie bei echtem Seegang. Es wird umkreist von künstlichen Felsen und Lichtern, die sich wie von Zauberhand bewegen. Und die Nebelmaschine überflutet alles mit ihrem Dunst.

Die Wirkung ist beträchtlich: Empfindsamere Gemüter könnten seekrank werden. Man merkt wieder, dass Matthias Hartmann als Regisseur immer ganz in seinem Element ist, wenn er mit der Bühnentechnik spielen kann. Einige seiner schönsten Inszenierungen wie „1979“ und „pool (no water)“ lebten vor allem vom innovativen Einsatz der Technik. Das muss nicht schlimm sein. Von Max Reinhardt ist beim Volk schließlich auch nur in Erinnerung geblieben, dass sich bei ihm so schön der Bühnenwald gedreht hat.

Bis sich beim hochschäumenden Finale die Nordsee als Mordsee entpuppt, gibt es auch leisere maritime Momente. Der beiden Männer kippen Schnaps auf dem Boot, kochen sich ein einfaches Mahl und ihre Gespräche kreisen um nichts weniger als den Wert des Lebens: Der eher gemütliche Andere (Tilo Nest) versucht immer wieder, den Einen davon zu überzeugen, dass das von diesem so verachtete Dasein doch recht schön sei. Und der Andere will erklären, was ihn bedrückt, wieso es ihn immer fataler treibt, Selbstmord aus Angst vor dem Tode zu begehen. Doch er verheddert sich in Bildern, die nicht stimmen. Wie immer bei Fosse wird das Unsagbare beschworen.

Aber anders als sonst so oft, herrscht bei der „Ich bin der Wind“ von Anfang an echte Spannung. Vielleicht weil die Art und Weise, wie der Andere den Einen nötigt, an Land zu springen und das Boot zu vertäuen, obwohl dieser der Aktion körperlich gar nicht gewachsen ist, bereits etwas von einem Mordanschlag hat. Vielleicht auch weil das Meer ein spannungsförderndes Element ist. Trübsalbläser auf See sind gleich interessanter als Trübsalbläser auf dem Sofa.

Es bleibt trotz allem eine geradezu bescheidene Abschiedsvorstellung von Matthias Hartmann, der in der Theaterszene als konservativer Dampfmacher trotz all seiner Erfolge verschrien ist. Im Herbst dieses Jahres wird der 45jährige, der vorher ja auch schon höchst erfolgreich das Schauspiel Bochum geleitet hat, Intendant des Wiener Burgtheaters. Zum ersten Mal übernimmt er nicht ein Haus, in dem ein genialischer Vorgänger polarisiert und die Finanzen zerrüttet hat – so war es in Bochum mit Leander Haußmann, so war es in Zürich mit Christoph Marthaler. Hartmanns Nachfolgerin in Zürich wird die Schweizer Regisseurin Barbara Frey.



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