Freitag, 3. April 2009

"Leichtes Spiel" im Bayerischen Staatsschauspiel München

Die Stücke von Botho Strauß spielen immer noch in den Achtzigerjahren, auch wenn sie 2008/2009 entstanden sind. Zumindest ist das der fatale Eindruck, den man im Münchner Residenztheater bekommt, wo jetzt „Leichtes Spiel“ uraufgeführt wurde. Und das liegt am Bühnenbild von Jürgen Rose. Es hat sich über die Jahrzehnte hinweg eine Konvention herausgebildet, wie man die Stücke des Mittsechzigers zu spielen hat. Dieser Stil ist nunmehr fast so festbetoniert wie einst die durch Modellinszenierungen vorgegebene Brecht-Spielweise: Immer muss die Bühne zunächst leer und weiß sein wie ein Innenarchitektentraum aus Neue-Deutsche-Welle-Zeiten – ganz egal ob Luc Bondy, Peter Stein, Thomas Langhoff oder nun Dieter Dorn Regie führt. Immer sind irgendwelche Neonröhren oder leuchtenden Kunststoffobjekte dabei. Immer ist ein abstrakter Quader mit im Spiel – gerne schwarz. Unwillkürlich wartet man jetzt in München darauf, dass gleich jemand anfängt, zum Rhythmus eines Korg-Synthesizers „Da da da, ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht“ zu singen.

Dabei ist das wirklich ungerecht. Denn Botho Strauß lebt zwar bekanntlich hinter Berlin, in der Uckermark, aber nicht hinter dem Mond. In „Leichtes Spiel“ ist sogar von Internet-Communities und Derivaten die Rede und der Dichter weiß, wovon er redet. Wer schon 1990 den „Aufstand gegen die sekundäre Welt“ verkündet hat, muss ja kennen, was er bekämpft. Vorbei die Zeiten als Strauß (wie einst in „Die Ähnlichen“) noch nicht zwischen einem Mac-Job und einem McJob unterscheiden konnte. Wenn jetzt die reiche Duftdesignerin Katharina (Gina Henkel) über den Flop ihres Duftes „Nimbus“ jammert: „Sie ahnen nicht, was Blogger einem Unternehmen antun können…, diese Meinungspiranhas, Millionen ungebildeter, hinterhältiger, schwatz-, netz- und klagesüchtiger Weiber“, dann klingt das wie eine authentische Klage aus dem halbberufenen Munde einer Unternehmerin, die das Netz zwar nicht wirklich versteht, aber schlechte Erfahrungen damit gemacht hat.

Diese Katharina ist eine der „Neun Personen einer Frau“, die der Untertitel des neuen Strauß-Stückes verspricht. Das Wort Person bedeutet ja im Lateinischen „Maske“. Auch dass in den Dialogen immer wieder von „leichtem Spiel“ und von „Vorhängen“ die Rede ist, stupst den Zuschauer mit Nase auf den Zaunpfahl: Diese Szenen spielen im Theater und gar nicht im wirklichen Leben.

Die neun Frauen darin haben wenig miteinander gemein, außer dass ihre Namen Ableitungen des Namens Katharina sind: Katrin, Kathinka, Käthe usw. Auf die junge Mutter im Supermarkt folgt „die schöne Träge“. Nach der kreativen Prothesendesignerin kommt ein Clochard-Mädchen mit Dreadlocks. Dann folgen die Parfümfrau Katharina Minola (die so heißt wie die „Widerspenstige“ in Shakespeares Komödie) und ein vom persönlichen Bankrott bedrohtes Luxusweib. Die Salonhyäne Kitty muss sich mit einem jungen Paar eine Hotelsuite teilen. Eine Nervensäge sprengt mit ihrer moralischen Rechthaberei einen Empfang. Und zuletzt erinnert sich ein spätes Mädchen in achtbändigen Memoiren seines unübersichtlichen Liebeslebens. Einmal treten sie alle gemeinsam auf und quälen „Tommy, die Nebenrolle“ – ein Art Alter Ego des Dramatikers vielleicht? – als Albtraumchor.

Dramaturgisch erinnert das an das zu Beginn dieses Jahrtausends viel gespielte Stück „Angriffe auf Anne“ des Briten Martin Crimp, wo auch immer von einer Anne geredet wurde, die nie dieselbe war – einmal war sie sogar ein Auto. Doch Strauß hat diese Technik, bei der scheinbar nicht zusammengehörende Szenen mit Bezug auf einen Gegenstand, einen Mensch oder einen Ort verknüpft werden, schon viel früher beherrscht – in „Sieben Türen“, „Die Zeit und das Zimmer“ oder „Die Ähnlichen“.

Es gab ja immer zwei Janusköpfe des Botho Strauß: den Beinahesatiriker und Sprachbelauscher, der so etwas wie der Staatsdramatiker der alten BRD war. Und den wütenden Streiter wider die Aftermoderne der Massen und Medien, der Bocksgesänge anstimmte und den amerikanischen Lyriker und Demokratieverächter John Robinson Jeffers als Hauptfigur eines Dramas ausgrub. Im neuen Stück kommt eindeutig mehr der helle Teil der Straußschen Autoren-Persona zu Wort. Häufig schildern die Szenen Alltagsbegegnungen: den Kampf um den letzten Einkaufswagen im Supermarkt, das Warten vor den Türen einer Bank, hintern denen über die Verlängerung der Kreditlinie entschieden wird, den Abschied eines Mediziners von seiner jungen Geliebten.

Doch der bildungsgesättigte Strauß öffnet immer wieder Fenster, die den Ausblick auf eine mythische und kulturhistorische Dimension der Figuren freigeben: Ausgerechnet der nicht sehr gedankenstarken „schönen Trägen“ (Nadine Germann) erscheint Hamlet (Jens Harzer) als Geist. Und die Parkpennerin Käthe (Stephanie Leue) wird vom Mond (!) selbst sexuell belästigt. Manchmal wirkt das allerdings wie reiner Bildungsvoodoo, etwa wenn der verliebte Büroangestellte (noch mal Jens Harzer) seiner Kathinka (Lisa Wagner) vom Maler Wols erzählt. Oder wenn die nach Shakespeare benannte Duftdesignerin obendrein noch behauptet, eine „Rheintochter“ zu sein, die keinen Alberich zum Manne wolle. Puh. Da bricht der Zuhörer dann unter der Last ganzer Bibliotheken schier zusammen.

Dafür passiert fast nie wirklich etwas, und man hat reichlich Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, dass Botho Strauß eigentlich immer schon ein „postdramatischer“ Autor war. Lange vor Pollesch waren seine Figuren ja auch bereits verkappte Sprechroboter, die sich nur durch ihren Redeschwall und nicht durch Handlungen definieren.

Die virtuos zwischen Alltagsjargon und Poesie changierende Sprache ist denn auch das, was einen immer wieder neu zum Zuhören bringt (ganz ehrlich: man ermüdet zwischendurch). Obwohl Sätze wie „Manchmal genügt ein Blick auf die eigenen Fußspitzen, und man starrt ins Bodenlose“ immer ein bisschen so gewollt platziert wirken wie die Aphorismuskirschen auf der dramatischen Sahnetorte.

Die Schauspieler des Residenztheater-Ensembles sprechen das so schön und gepflegt, wie sie es sich in Jahrzehnten strenger Klassikeranbetung unter dem Intendanten Dorn antrainiert haben. Das ist nicht immer gut für das Stück, denn allzu große Klarheit enthüllt manchmal einfach das Belanglose.

Besonders gefallen erwartungsgemäß die Hausdiven Sybille Canonica als famos genervte Gesellschaftshyäne im kleinen Schwarzen und Cornelia Froboess als spätes Mädchen – rotberüscht wie eine kommunistische Prinzessin Lillifee, aber dennoch mit einer gewissen erotischen Bodenständigkeit. Doch Letztere schafft es bei allem Engagement nicht, dem Schlussmonolog seine leicht einschläfernde Wirkung zu nehmen. 

Sehr schön ist auch, wie Gina Henkel als Katharina Minola auf Schlittschuhen läuft, obwohl gar kein Eis da ist. Tricktechnisch ist das Resi auf einem beeindruckenden Stand: Auch der sprechende Mond ist ein toller Videozauber.

Genervt hat nur der Ethnojazz einer Livekapelle, mit dem Dieter Dorn seine abgekühlte Schöpferkraft anwärmen wollte. Dergleichen hat man in den letzten Jahren ja häufiger gehört (zuletzt bei Dimiter Gotscheffs „Das Pulverfass“ in Berlin), und durch die Wiederholung wird es nicht besser.

Die Welt