Donnerstag, 20. Oktober 2011

"Trauer muss Elektra tragen" im Deutschen Theater

Es gibt immer einen guten Grund, seinen Ehepartner umzubringen. Darin hat sich seit den Atriden nichts geändert. Zwar besagt ein Gemeinplatz der Diskussion über Theater, dass wir heute mit den Ehedramen der Vergangenheit nicht mehr viel anfangen könnten. Im Zeitalter von Patchworkfamilien und Blitzscheidungen - demnächst so einfach wie "entfreunden" bei Facebook - sei die Tragik, die darin besteht, dass zwei Nichtliebende durch Konvention und Heiratsurkunde aneinander gebunden sind, nicht mehr nachvollziehbar. Wenn das stimmte, müsste der Gattenmord als Verbrechen ausgestorben sein wie Majestätsbeleidigung.


Da dem bekanntlich nicht so ist, sollte man sich eigentlich noch brennend für die Familie Mannon aus "Trauer muss Elektra tragen" interessieren. In ihnen ließ Eugene O'Neill 1931 die unselige Sippe des Agamemnon aus der griechischen Tragödie wiederaufleben, nur dass Agamemnon hier ein amerikanischer General namens Ezra Mannon (Helmut Mooshammer) ist, der aus dem Bürgerkrieg heimkehrt. Zu Hause warten seine Frau Christine, die ein Verhältnis mit einem Mann hat, der vielleicht sein eigener Bastard ist, und seine ihn fanatisch liebende, die Mutter nicht zuletzt aus Eifersucht hassende Tochter Lavinia. Dann kommt auch noch sein Sohn Orin zurück. Und irgendwann, im letzten von 13 Akten dieser Dramentrilogie, sind bis auf Lavinia alle tot.

Im Deutschen Theater Berlin beginnt das Befremden schon mit einem Blick ins Programmheft, wo man liest, dass all dies sich in zwei Stunden ereignet. Regisseur Stephan Kimmig hat sich den ganz dicken Kürzungsstift seines für knappste Dramenverdichtungen bekannten Kollegen Michael Thalheimer ausgeliehen. Der radikalen Streichkur sind die Hälfte der Figuren zum Opfer gefallen, lauter Menschen mit so schönen Amerikanischer-Bürgerkrieg-Vornamen wie Amos, Abner, Everett und Ira.

Dafür gönnt Kostümbildnerin Anja Rabes dem Auge wenigstens zu Beginn einen Hinweis auf die Epoche, in der das Stück eigentlich spielt: Die Frauen tragen Reifröcke, die Männer Uniformartiges. Ohne dies würde ein unbedarfter Zuschauer nicht erahnen können, welche Zeit gemeint ist: Das Haus der Mannons (Bühne: Katja Hass) ist ein bunkerartiger flacher, fensterloser Kasten, und "der Krieg", aus dem die Männer kommen, hat auch keinen spezifischeren Namen. Alles zielt hier weg vom Besonderen und vom Historischen ins Allgemeine und Gegenwärtige.

Schauspielerisch wird auf dem Hochleistungsniveau agiert, auf das der Zuschauer in diesem Hause Anspruch hat. Maren Eggert lässt den aus nach innen brennender Sinnlichkeit befeuerten Furor der Lavinia mehr als anschaulich werden. Als es am Ende niemanden sonst mehr zu hassen gibt, hasst sie eben sich selbst dafür, dass sie so gehasst hat.

Ihren Bruder, den Orestes-Verschnitt Orin, gibt Alexander Khuon. Als er im Rollstuhl reingeschoben wird, fragt er seinen Möchtegernschwager Peter, ob der ihn für eine "Pussy" halte. Wohl eher für eine Ödipussy. Den Liebhaber der Mutter (Bernd Moss) mordet er leicht, aber der Selbstmord der inzestuös begehrten Christine (Friederike Kammer) tötet auch ihn.

Vor allem im Zusammenspiel der Geschwister erhebt sich die Aufführung zu schwindelerregender Virtuosität und Intensität. Und doch fühlt man sich den Figuren irgendwie fern. Der ganze Wust aus Mord und Hass scheint uns gar nicht mehr anzugehen. Vielleicht liegt es daran, dass O'Neill das antike Drama und die bürgerliche Ehe dem Zeitgeist der Uraufführung entsprechend psychoanalytisch grundiert hat. Das 20. Jahrhundert veraltet noch vor dem 19. 

Die Welt