Sonntag, 1. April 2012

"Katarakt/Brief an Deutschland" im HAU

Der Journalist Franz Josef Wagner und der Dichter Rainald Goetz sind beide schon mal mit Goethe verglichen worden: Wagner verdiente sich mit seinen Kurztexten als "Bunte"-Chefredakteur einst den Titel eines "Gossen-Goethe", Goetz, der die elektronische Tanzmusik und ihre Protagonisten in Büchern wie "Rave" besang, wurde auch schon als "Techno-Goethe" bezeichnet. Der Regisseur Patrick Wengenroth sieht die Gemeinsamkeit des heutigen "Bild"-Briefschreibers Wagner und des Schriftstellers, dessen Bücher häufig etwas Tagebuchartiges haben, darin, dass sie beide eine ausgeprägte Fähigkeit hätten, "Deutschland persönlich zu nehmen".


Wengenroth hat die dünnhäutigen Großmäuler nun in einem Theaterabend zusammengespannt. "Katarakt/Brief an Deutschland" im HAU 2, der mittleren Spielstätte des Berliner Theaterkombinats Hebbel am Ufer, beruht auf Wagners größtenteils autobiographischem Buch "Brief an Deutschland" aus dem Jahre 2010 und Goetz' Monolog "Katarakt", dem, laut Aussage des Autors, von Hegel inspirierten Schlussteil seiner Dramentrilogie "Festung". In beiden Stücken "redet ein Alter über sein Leben" (so Goetz über "Katarakt").


Wengenroth, der aus der Berliner freien Szene kommt, inszeniert sonst vor allem in der Schaubühne - als Gegengift zum immer altmeisterlicher sich an den Klassikern abarbeitenden Thomas Ostermeier erfüllt er dort eine wichtige Funktion. Hier im HAU passt er nahtlos zum meist postdramatischen Stil des Hauses. Er lässt den Abend damit beginnen, dass vier Schauspieler, darunter er selbst und zwei Frauen, sich vorstellen: "Mein Name ist Franz Josef Wagner". Gleich zu Beginn wird angekündigt, dass nach etwa einer Stunde eine Kotzszene zu erwarten sei. Den exzessiven Einsatz von Kotze und Koitus hatte Wagner 2006 während der so genannten "Ekeltheater"-Debatte den deutschen Theaterregisseuren vorgeworfen. Als die Szene dann kommt, entpuppt sie sich als eine Parodie/Hommage an/auf ähnliche Stelle in Sebastian Hartmanns Inszenierung "Der Trinker" am Maxim-Gorki-Theater. Hier wie dort wird das Erbrechen simuliert, indem ein Schauspieler sich einen Schlauch an den Mund hält, aus dem unterbrochen gelbe Erbsensuppe strömt.


Der gut eineinhalbstündige Wagner-Teil des Abends ist auch sonst eher auf Humor-komm-raus gebürstet. Die Schauspieler "versprechen" sich beim Vortrag der Wagner-Texte gerne mal, um deren vermeintliche sexuelle Untertöne kenntlich zu machen. Bei einer Hymne an den jungen Boris Becker leckt die Wagner-Darstellerin den Sportler-Darsteller vor lauter Begeisterung ab. Ein überlebensgroßes Helmut-Kohl-Porträt darf auch nicht fehlen. Und zwischendurch stakst der Spielleiter Wengenroth, der mit seinem Schnauzbart eigentlich aussieht wie eine Mischung aus einem Pornoregisseur und einem polnischen Freejazzer aus den Siebzigerjahren, in Stöckelschuhen halbnackt als Seite-1-Girl über die Bühne. Die Band Ja, Panik kommentiert das Geschehen in der Manier des Brecht-Theaters mit live gespielten Songs.


Das Publikum nimmt diese "Entlarvungen" Wagners mit wissendem Gegiggel hin. Es ist immer zutiefst befriedigend, wenn man bestätigt bekommt, dass andere doof sind und man selber schlau ist.


Dann ändern sich der Ton und das Niveau. Die Schauspielerin Eva Löbau, die sich zuvor schon unauffällig auf die Szene geschlichen hat - Uneingeweihte hätten sie für eine Bühnenarbeiterin halten können -, beginnt Goetz' "Katarakt" zu sprechen und die albernen "Wagners" verschwinden. Der Monolog eines alten Mannes, der sich für alles und jedes zuständig fühlt, hat tatsächlich Ähnlichkeit mit Wagners gesammelten Briefen. Allerdings fehlt dem "Ich" in "Katarakt" die Selbstgerechtigkeit des Journalisten, er umkreist die Positionen, lässt "einerseits" und "andererseits" gelten, schlägt einen Ton an, der tatsächlich altersweise klingt. Für den jungen Goetz, der als Punk ein ziemlicher Hasser und Besserwisser war, muss dieses Stück seinerzeit auch ein psychologischer Durchbruch gewesen sein.


Eva Löbau macht daraus ein rhetorisches Virtuosenstück. Sie wirkt naturgemäß weniger wie ein alter Mann, sondern mehr wie eine junge Frau, die bei einem Kirchentag oder in einer Selbsthilfegruppe von ihren Überlegungen und Bedrängnissen berichtet. Das ist präzise, faszinierend, komisch, aber auch anstrengend. Dass hier plötzlich Leute den Saal verließen, die bei dem Quatsch vorher sitzen geblieben waren, wirft kein gutes Licht auf das von Trash-Theater verdorbene Berliner Theaterpublikum.

Die Welt